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Dennis Gastmann: Geschlossene Gesellschaft

Cover Dennis Gastmann: Geschlossene Gesellschaft. Ein Reichtumsbericht. rowohlt Berlin Verlag (Berlin) 2014. 301 Seiten. ISBN 978-3-87134-773-3. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Wir leben in einer Welt wachsender materieller Ungleichheit. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft zunehmend auseinander und diese Kluft nimmt seit der Krise 2008ff. beständig zu. In jüngerer Zeit wurden zahlreiche Publikationen verfasst, die sich diesem Thema widmen. Was jedoch im Hintergrund bleibt, ist die lebensweltliche Perspektive jener, die zu dem ominösen 1 % gehören, die an der Spitze der Vermögenshierarchie stehen. Was denken sie über ihren Reichtum? Was macht dieser Reichtum mit ihnen bzw. zu was macht dieser Reichtum die Reichen? Um diese Fragen zu beantworten, begab sich der Autor für ein Jahr in die Welt der High-Society und führte Interviews mit den (Super-)Reichen. Als Ergebnis legt Dennis Gastmann einen Reichtumsbericht vor, der dem Leser/der Leserin in pointierter Weise Einblicke in die Lebensstile und Denkmuster der reichen Parallelgesellschaft gibt.

Autor

Dennis Gastmann ist Journalist, Schriftsteller und TV-Autor. Seit einigen Jahren reist er als Reporter für Auslandsmagazine der ARD um die Welt.

Aufbau und Inhalt

Bereits der Einstieg erfolgt rasant – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Der Autor katapultiert den Leser und die Leserin nach St. Moritz auf eine Bobbahn aus purem Eis. Gleich geht es in einem Höllentempo die Piste hinunter. Rolf Sachs hinterher, der zugleich der erste reiche Protagonist des Buches ist. Wenn das Leben keine existenziellen Herausforderungen stellt, dann sucht man sie sich eben. Und wenn es sein muss auf einer Schweizer Bobbahn, die man mit Karacho hinuntersaust. Rolf Sachs, mittlerweile 60-jähriger Spross einer Industriellen(erben)dynastie, ist die ewigen Vergleiche mit seinem Vater, dem Playboy Gunter Sachs, leid. Schließlich ist er Künstler, und als solcher will er auch wahrgenommen werden. Daher rührt auch die Reserviertheit, die Sachs beim ersten, hart erkämpften Interviewtermin mit dem Autor an den Tag legt. Doch geschickt knackt der Autor die harte Nuss und lockt Sachs aus der Reserve. Der erste Redeschwall ist der Familiengeschichte der Sachs gewidmet: „Es ist das Märchen vom goldenen Topf. Normalerweise bringt eine Dynastie in hundert Jahren maximal ein Genie hervor, aber in seiner Familie gab es gleich mehrere. Mit Erfindungen schöpften sie ein Riesenvermögen und füllten den Topf bis zum Rand. Und jetzt? Jetzt sitzt er auf seinem Schatz wie der Zwerg am Ende des Regenbogens. Hirnforscher behaupten, dass Geldsorgen unser Denkvermögen blockieren. Sachs denkt völlig frei. Der Goldtopf verleiht ihm Zauberkräfte.“ (S. 27) Nebenbei bemerkt, schätzt man den „goldenen Topf“, den Gunter Sachs seinen Nachkommen vermacht hat, auf 500 Mio. EUR. Nach dieser letzten Endes redseligen Erstbegegnung verschwindet Rolf Sachs mehrere Wochen von der Bildfläche. Die Anfragen bleiben unbeantwortet. So wird es dem Autor regelmäßig ergehen – so er denn überhaupt das Glück hat, die zahlreich angefragten Reichen zum ersten Interview zu treffen. Die Liste der Absagen ist lang und reicht von Anshu Jain, dem Co-Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank (gibt nur Fachinterviews), über Dietmar Hopp (steht nicht zur Verfügung) und Dietrich Mateschitz (möchte im Hintergrund bleiben) zu Mark Zuckerberg (spricht nicht über Geld). Die geschlossene Gesellschaft möchte unter sich bleiben. Der Hartnäckigkeit des Autors bleibt es geschuldet, dass er schließlich dann und wann doch Eingang in illustre Runden findet.

Es gibt jedoch auch jene Reichen, die Gastmann nicht abwimmeln. Werner Kieser, ehemaliger Boxer und Gründer einer Schweizer Franchise-Kette mit über 150 Fitnessstudios, ist beispielsweise einer von ihnen. Seines Zeichens Puritaner mit eisernen Prinzipien, für den Geld „ein Betriebsmittel“ ist. Seine Villa mit Blick auf den Genfer See ist ohne jeglichen Schnickschnack eingerichtet und wird von „Volta“, Kiesers Rottweiler-Hündin bewacht. Einst ein schwächliches Kind, trainiert sich Kieser in den 1950er Jahren zum Boxer hoch, eröffnet nach einer Boxverletzung das erste Fitnessstudio in der Schweiz, erweitert das Filialnetz, sattelt von Fitness auf Wohlfühl-Tempel um, sattelt nochmals um von Wohlfühl- auf reine Muskelaufbaustudios. Der Rundgang durch das Haus, den Kieser dem Autor gewährt, ergibt, dass demonstrativer Luxus seines nicht ist. „Tut mir leid, dass der Besuch für Ihren Reichtumsbericht wenig gebracht hat“ entschuldigt sich Kieser schelmisch gegenüber dem Autor gegen Ende seines Besuches (S. 82). Gegenfrage: „Ja, es ist schon bedauerlich, in welchen Verhältnissen sie leben müssen. Verraten Sie mir noch Ihren Kontostand?“ Antwort: „Wissen Sie, da möchte ich Max Stirner zitieren: Vermögen ist das, was man vermag.“ (S. 83). Die letzten auffindbaren Spuren über dieses gut gehütete Geheimnis ergaben vor einigen Jahren ein Vermögen in Höhe von „über hundert Millionen Euro, völlig verarmt kann Kieser also nicht sein.“ (S. 82).

Auf das puritanische Kapitel des Reichtumsberichts folgt ein schillernder Einblick, den uns Bea von Auersperg gewährt. Sie feiert am liebsten im Kreise der Reichen und Schönen im sonnigen Marbella, einem der Hotspots der deutschen High Society. Sie entstammt einem alten Adelsgeschlecht, deren Vorfahren u.a. die Geschichte des Habsburger Kaiserreiches mitbestimmten. Auch hier kommt wieder einmal ein Märchen ins Spiel, und zwar das der Lebensgeschichte Bea von Auerspergs, die abgekürzt ungefähr so lautet: Geburtsjahr unbekannt, behütete Kindheit auf einem Schloss, Jugendjahre in Amerika, Architekturstudium in Wien („nicht ganz abgeschlossen“), Beginn des Jetset-Lebens, Heirat mit Alfred Eduard Friedrich Vincenz Martin Maria von Auersperg, Umzug nach Nairobi, wo Alfi Jagdsafaris veranstaltet, Geburt der Tochter Cecile, Alfi verunglückt bei einer Safari, Bea erbt traumhafte Villa an der Sonnenküste Andalusiens. Heute ist sie Schmuckdesignerin und „Prophetin“ des Jetsets in Marbella. Auf der Party, zu der Bea von Auersperg den Autor eingeladen hat, lernt er zudem Gunilla von Bismarck (ebenfalls dem alten deutschen Adel entstammend), „TK“ (Thomas Kramer) – dem später noch zwei eigene Kapitel gewidmet sind („Wer ist Thomas Kramer? Das German Wunderkind“ und „Star Island – am Ende der Träume“), Wedigo von Wedel-Malchow (Nachtklubbesitzer) und viele, viele andere illustre Gäste kennen.

In den weiteren Kapiteln trifft Dennis Gastmann auf Dr. Werner Mang, den in Lindau residierenden Schönheitschirurgen der Haute-Volée, auf den alternden Playboy Rolf Eden, Baronin Marianne von Brandstetter, seit 25 Jahren Dauerhotelgästin in Monaco, den Extremsport-Vermarkter Jochen Schweitzer und den schwäbischen Unternehmer Wolfgang Grupp („Trigema“). Er reist nach Katar, wo die PR-Maschinerie im Vorfeld der WM 2022 Märchenwelten entwirft, die von Gastarbeitern in sklavenähnliche Verhältnissen umgesetzt werden und in die Ukraine, wo unweit der Maidan-Platz-Revolution der mit Stahl reich gewordene Mohammad Zahoor mit seiner prinzessinnenhaften Popdiva Kamaliya in einem goldenen Palast residiert. Schnell wird klar, dass die Lebenswelt der Reichen, so sehr sie sich von Fall zu Fall auch unterscheidet, jedenfalls meilenweit entfernt ist von jener der „Normal“-BürgerInnen. Am Ende des Buches jedenfalls schwirrt dem Leser und der Leserin ebenso der Kopf, wie dem Autor selbst.

Fazit

Dennis Gastmann ist ein bemerkenswerter Autor. Durch seinen individuellen Schreibstil, bei dem er die eigene Biographie als Kontrastfolie für die (Lebens-)Erzählungen der Reichen benutzt, vermag er nicht nur aufzuzeigen, wie groß der Spalt zwischen Normal und Reich (geworden) ist. Vielmehr gelingt ihm auch, das Schwirren im Kopf der LeserInnen, das sich bei all dem Luxus und des dazugehörigen Name-Droppings gezwungenermaßen einstellt, in ein Kopfschütteln oder auch Lachen zu überführen. Ersteres stellt sich ein, ob der darwinistisch/biologistischen Argumentationsweise vieler Interviewten, die ihnen als Legitimationsstrategie gegenüber der Normalbevölkerung dient. Zweiteres überkommt einen, wenn Gastmann die Selbstverliebtheit beschreibt, mit denen manche durch´s Leben schreiten. Und auch Schadenfreude kommt auf, wenn beispielsweise die halblegalen Machenschaften eines TK diesen letztlich Einholen und auf die unsanfte Art auf den Boden der Realität zurückholen – oder in diesem Fall: ins Gefängnis. Ein überaus lesenswertes und kurzweiliges Buch – der Mann kann einfach wahnsinnig gut schreiben!


Rezensentin
Laura Sturzeis
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Zitiervorschlag
Laura Sturzeis. Rezension vom 03.06.2015 zu: Dennis Gastmann: Geschlossene Gesellschaft. Ein Reichtumsbericht. rowohlt Berlin Verlag (Berlin) 2014. ISBN 978-3-87134-773-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17733.php, Datum des Zugriffs 28.05.2017.


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