Susann Sitzler: Geschwister. Die längste Beziehung des Lebens
Rezensiert von Prof. Dr. Klaudia Winkler, 04.03.2015
Susann Sitzler: Geschwister. Die längste Beziehung des Lebens. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2014. 352 Seiten. ISBN 978-3-608-94801-1. 22,95 EUR.
Autorin
Susann Sitzler, freie Autorin und Journalistin, aufgewachsen in der der Schweiz, lebt seit vielen Jahren in Berlin. Sie war u.a. für Die Zeit, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Merian sowie Deutschlandradio Kultur journalistisch tätig.
Entstehungshintergrund und Thema
Susann Sitzler ist laut Klappentext als „Halb-, Stief- und leibliche Schwester und als Einzelkind“ aufgewachsen. Das Buch basiert auf ihren vielfältigen, nicht immer ganz einfachen, Erfahrungen mit ihren Geschwistern. Diese ergänzt sie durch Beobachtungen an Freunden und Angehörigen. Sie zieht einschlägige Fachliteratur und Ergebnisse der Geschwisterforschung heran, um Zusammenhänge aufzuzeigen sowie ihre Erfahrungen und Beobachtungen einzuordnen. Das Buch regt dazu an, sich mit den eigenen innerfamiliären Erfahrungen zu beschäftigen – egal ob man mit oder ohne Geschwister, in einer traditionellen oder in einer Patchworkfamilie aufgewachsen ist.
Aufbau und Inhalt
Das Buch gliedert sich in fünf Teile:
- Was Geschwister sind
- Wobei Geschwister stören
- Wo man Geschwister herbekommt
- Wie man Geschwister los wird
- Warum Geschwister gut sind
Teil 1 Was Geschwister sind. Die Geschwister der Autorin, eine ältere Schwester, zwei etwa gleichaltrige Stiefbrüder sowie drei deutlich jüngere Halbgeschwister haben niemals alle gemeinsam mit der Autorin in einem Haushalt gelebt. Qualitäten und Intensitäten der Beziehungen zu ihnen unterscheiden sich deutlich. Es sind diese unterschiedlichen Erfahrungen, die die Basis für alle weiteren Überlegungen im Buch darstellen. Der plötzliche Tod eines der beiden Stiefbrüder regt sie an, der Frage nachzugehen, was Geschwister (für sie) eigentlich sind. Welche Bedeutung kommt Geschwistern zu, auch noch später im Leben? Ihre Antwort: Geschwisterbeziehungen bieten durch eine Fülle von Lerngelegenheiten im Alltag v.a. Chancen für die soziale Entwicklung: die Fähigkeit zu verhandeln, die Notwendigkeit sich mit dem Thema Gerechtigkeit auseinanderzusetzen sowie weitere Erfahrungen, die in zukünftigen Paarbeziehungen hilfreich sein können. Aber auch das Erleben von Eifersucht, Konkurrenz und Macht zählen zu den wichtigen Erfahrungen in Geschwisterbeziehungen.
Teil 2 Wobei Geschwister stören. So günstig Geschwisterbeziehungen für die soziale Entwicklung der Einzelnen auch sein mögen – es handelt sich vor allem auch um „Zwangsbeziehungen“. Geschwisterbeziehungen können weder aktiv hergestellt noch aktiv beendet werden. Auch negative Gefühle wie Hass und Abneigung zwischen Geschwistern sind – oft als Ergebnis übersteigerter Rivalität – durchaus möglich. Es sind die Eltern, denen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle zukommt. Sie sind es, die diese Rivalität (unbewusst) anfeuern oder aber abmildern können. Insbesondere auf diese Verantwortung, die dem Verhalten der Eltern für die Beziehungsgestaltung von Geschwistern zukommt, weist die Autorin- nicht zuletzt auf Grund eigener nicht immer positiver Erfahrungen – wiederholt hin.
Kapitel 3 Wo man Geschwister herbekommt. Geschwister sind in der traditionellen Familie einfach da. Die Wunschfamilie vieler Kinder besteht aus zahlreichen Geschwistern; fehlen Geschwister, werden sie oft fantasiert. Fantasiegeschwister können über längere Zeit Begleiter der Kinder sein und bei Einzelkindern den Wunsch nach Bruder oder Schwester auffangen. Es gibt vielfältige Wege Geschwister zu bekommen, leibliche Geschwister werden geboren, Halb-, Stief- oder Adoptivgeschwister kommen zur bereits bestehenden Familie hinzu. „Der Verwandtschaftsgrad nachder Geburtsurkunde ist [demnach] nur eine Möglichkeit die Beziehung unter Geschwistern zu definieren, und nicht die wichtigste“ (S. 200). Das gemeinsame Aufwachsen verbindet oft mehr als die genetische Verwandtschaft. In Stief-, Regenbogen- und Patchworkfamilien kommen Geschwister oft zu einem Zeitpunkt in eine bestehende Familie, zu dem familiäre Rollen bereits vergeben, Spielregeln definiert und Räume verplant sind. Eine derartige Konstellation ist der Autorin bestens vertraut. Sie beschreibt anschaulich ihre eigenen Schwierigkeiten zu Beginn in der „neuen“ Familie – die Schwierigkeiten, im Haus und Leben von Stiefvater und Stiefbrüdern „Raum“ zu bekommen und die familiären, zunächst noch unbekannten Spielregeln erst lernen zu müssen. Auch die Dramen, die einer der adoptierten Stiefbrüder verursacht, werden nicht ausgespart. Die Autorin analysiert die Probleme, Missverständnisse und Überforderungen der eigenen Patchworkfamilie und erlaubt Einblicke in die Dynamik dieser Familienform. Probleme können Ergebnisse der überfordernden Erwartungen an die Anpassungsleistung der Kinder, der Enttäuschung, wenn diese nicht gelingen, der mangelnden Unterstützung der Erwachsenen in der Elternrolle, von Loyalitätskonflikten, Fremdheit und dem Fehlen einer gemeinsamen Geschichte als Familie sein.
Teil 4 Wie man Geschwister los wird. Trotz aller positiven Effekte des Aufwachsens mit Geschwistern kann das Zusammenleben mit Geschwistern auch belasten. Auch hier wird die Verantwortung der Eltern für die Dynamik zwischen den Geschwistern und das Familienleben betont. Eltern belasten durch unrealistische Erwartungen wie: Geschwister müssen sich automatisch und bedingungslos lieben, Rivalitäten zwischen Geschwistern sind grundsätzlich schlecht und daher abzulehnen, oder dadurch, dass Streit zwischen Geschwistern nicht oder zu wenig ernst genommen wird. Aber auch die Bevorzugung eines der Kinder belastet alle Kinder in der Familie – auch dasjenige, das bevorzugt wird. Das Resümee der Autorin: Nicht alle Konflikte lassen sich sofort oder überhaupt lösen. Ein Kontaktabbruch kann kurzfristig zur Entlastung beitragen, er kann so für eine gewisse Zeit die beste Lösung darstellen. Langfristig allerding stellt Kontaktabbruch fast nie eine gute Lösung dar, weil er dauerhaft zu viel Energie verbraucht.
Teil 5 Warum Geschwister gut sind. Um die positiven Aspekte des Aufwachsens mit Geschwistern zu betonen, werden Geschwisterkinder oft mit Einzelkindern verglichen. Dieser Vergleich fällt meist zu Ungunsten der Einzelkinder aus, die häufig als defizitär eingeschätzt werden. Es fehle ihnen an Lernerfahrungen, sie seien stärker von den Interaktionen mit ihren Eltern abhängig. Sind Einzelkinder nun in Bezug auf ihr Sozialverhalten benachteiligt oder haben sie es vielleicht sogar leichter als Geschwisterkinder? Die Antwort der Autorin lautet: weder noch, sie leben lediglich unter anderen Bedingungen, können aber alles lernen was Geschwisterkinder auch lernen, wenn man sie nur lässt. Wo Geschwister fehlen wird oft mit anderen Kindern Nähe eingeübt – im Kindergarten, mit Cousins und Cousinen, mit Freunden/Freundinnen, Mitschülern/Mitschülerinnen etc. Trotzdem ist die Sorge, das Kind könnte als Einzelkind aufwachsen, ein häufig genannter Grund, für den Wunsch nach einem zweiten Kind.
Fazit
Die Journalistin Susann Sitzler bietet anschauliche, sehr persönliche Einblicke in den komplizierten Kosmos ihrer eigenen Patchworkfamilie, in der sie mit leiblichen, Stief-, Halb- und Adoptivgeschwistern Erfahrungen sammeln konnte. Sie beschreibt, analysiert und systematisiert ihre vielfältigen eigenen Erfahrungen – die nicht alle nur positiv waren – und ordnet diese in die ältere (z.B. Toman, Freud) und neuere Fachliteratur (z.B. Kasten, Goldbrunner) sowie in Befunde aus der Geschwisterforschung ein. Die Lektüre ist interessant, vergnüglich und absolut empfehlenswert für alle, die sich beruflich wie privat mit dem Thema Geschwister und/oder „Patchworkfamilie“ befassen möchten. Eine besondere Stärke liegt in der reflektierten (Innen-)Betrachtung dieser Familienkonstellation.
Abschließend sei darauf hingewiesen, dass es sich gemessen an wissenschaftlichen Standards um kein Fach- oder Lehrbuch handelt. Verwendete Quellen werden beispielsweise nicht konsequent belegt, das Literaturverzeichnis ist eher knapp gehalten und wird als „Auswahl“ gekennzeichnet. Somit ist der vorliegende Text für wissenschaftliche Arbeiten lediglich als ergänzendes, veranschaulichendes Werk nutzbar.
Rezension von
Prof. Dr. Klaudia Winkler
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg, Fakultät für Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften, Lehrgebiete Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie
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