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Oliver Römer: Globale Vergesellschaftung

Cover Oliver Römer: Globale Vergesellschaftung. Perspektiven einer postnationalen Soziologie. Campus Verlag (Frankfurt) 2014. 314 Seiten. ISBN 978-3-593-50069-0. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Thema

Angesichts der Globalisierungsprozesse sieht sich die Soziologie mit dem Zweifel konfrontiert, ob ihr Erkenntnishorizont nicht noch zu sehr von der nationalstaatlichen Rahmung gesellschaftlicher Strukturen und Funktionen bestimmt ist. Stichwort: „methodologischer Nationalismus“. Dies ist der Ausgangspunkt und Anlass für die vorliegende wissenschaftsgeschichtliche Untersuchung. Der Vf. prüft, ob neuere Ansätze dabei sind, den methodologischen Nationalismus zu überwinden, aber auch ob nicht schon in den Fragestellungen und Begriffen der Klassiker des Faches eine Erweiterung auf postnationale Perspektiven angelegt ist.

Autor

Oliver Römer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft und Soziologie der Universität Würzburg und nimmt Lehraufträge an der Universität Marburg wahr.

Entstehungshintergrund

Bei der Arbeit handelt es sich um eine Dissertation am Fachbereich für Gesellschaftswissenschaften und Philosophie der Philipps-Universität Marburg.

Aufbau und Inhalt

Abweichend vom üblichen Schema beginnt der Vf. nicht sogleich mit einer kommentierten Vorschau auf den Aufbau und Argumentationsgang seiner Untersuchung, sondern stattdessen mit Ausführungen über die Gründungssituation der Soziologie, die gesellschaftliche Form des modernen Nationalstaats sowie über „Handlung und System“, um daran anschließend knapp „Idee und Aufbau des Buches“ zu erläutern. Dieses erste Kapitel trägt die Überschrift „Gesellschaft, Gesellschaftsformation, Gesellschaften – eine Einleitung“.

Im zweiten Kapitel wird die verstehende Soziologie Max Webers mit dem Fokus auf dessen leitendes Erkenntnisinteresse behandelt. Der Vf. erinnert daran, dass für Weber die Soziologie bei aller Trennung zwischen den Rollen des Wissenschaftlers und des Politikers in der damaligen historischen Situation eine eminent politische Funktion hatte. Den letzten Abschnitt „Der methodologische Nationalismus im Denken Max Webers“ beschließt er mit einer positiven, zukunftsweisenden Einschätzung. Denn die handlungsmethodologische Fundierung des Faches eröffne mehrere Wege des Weiterdenkens und begründe einen Meta-Standpunkt.

Thema des kurzen dritten Kapitels ist „Talcott Parsons´ folgenreiche Weber-Interpretation“. Die „historische Sonderstellung der USA“ liefert nach dem Urteil des Vf. „die Vorlage für erste Überlegungen, die in die Richtung einer Weltgesellschaftstheorie deuten“ (86).

Die „Perspektive Weltgesellschaft“, viertes Kapitel, findet der Vf. im Neo-Institutionalismus von John W. Meyer und seinem Konzept der „World Polity“, in der Systemtheorie von Niklas Luhmann und vor allem bei dessen Schüler Rudolf Stichweh. In dem Maß, in dem Gesellschaft „abhängig von selbsterzeugten Ursachen“ wird (Stichweh), verliert sie ihre „physisch-materielle Disposition“ (102) und wird zum „primordialen Weltverhältnis des Beobachtens“ (Luhmann). Konkreter wird die Perspektive bei Meyer mit der Feststellung, dass sich das Rationalitätsprinzip in Organisationen weltweit durchsetzt, was eine Strukturangleichung zum Ergebnis hat.

Das fünfte Kapitel trägt die Überschrift „Regionalismus und Staatenzerfall“. Auf den Staatenzerfall kommt der Vf. allerdings erst am Ende im Anschluss an ein Urteil über die US-Politik im Umgang mit failed states von Michael Mann zu sprechen. Aus dessen Werk greift er Gesichtspunkte für die Beurteilung der historischen Rolle des Nationalstaats auf, nachdem er vorher die Theorie der Produktion und Reproduktion sozialer Strukturen von Anthony Giddens erläutert hat.

Als „Zwischenbetrachtung“ folgt das sechste Kapitel über „Europa als Problem der Gesellschaftstheorie“, ein Problem deshalb, weil die europäische Union „nicht Staat und nicht Gesellschaft“ sei. Die EU hat bisher „keine übergeordnete staatliche Instanz jenseits der sachlich, funktional oder auch regional spezifizierten politischen Entscheidungsbereiche“ hervorgebracht (125). Für diese neue Konstellation wählt der Vf. den Begriff der „Staatlichkeit“ anstatt dem des Staates.

Im siebten Kapitel wird daraufhin „Habermas´ postnationales Verfassungsprojekt“ für Europa erörtert. Nach Ausführungen über die Theorie des kommunikativen Handelns, über die Rechtsphilosophie und Demokratietheorie von Habermas kommt der Vf. zur Sache, nämlich zu dessen Kritik am gegenwärtigen Zustand des europäischen Projekts, von Habermas als „postdemokratischer Exekutivföderalismus“ qualifiziert, das aber mit einer demokratischen Verfassung „ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer politisch verfassten Weltgesellschaft“ sein könnte (Zitat Habermas, 145), was jedoch die „normative und rechtliche Schließung“ in Habermas´ Modell nach Ansicht des Vf. verhindert (152f.).

Das achte Kapitel hat „Anthony Giddens´ Diagnose einer posttraditionalen Gesellschaft“ zum Gegenstand, die vor allem vom Individualisierungstheorem bestimmt ist. „Neue Formen der transnationalen Kooperation“ (169) sind nach Giddens unverzichtbar, wobei auch er unter anderem die europäische Integration im Auge hat. Im Hinblick auf die von Giddens konzipierte Politik des dritten Weges zwischen Rechts und Links schließt der Vf. Überlegungen an „zum Verhältnis von politischer Intervention, soziologischer Theorie und Zeitdiagnostik“.

Das neunte Kapitel, wiederum als „Zwischenfazit“ gefasst, stellt die „divergierenden Zeitdiagnosen“ von Habermas und Giddens einander gegenüber. Während Habermas primär „die gesellschaftlichen Sinn- und Legitimationskrisen“ (185) als Gefahr sehe und beim europäischen Projekt die Dominanz der „technokratischen und ökonomischen Integration“ (186) kritisch hervorhebe, müsse bei Giddens eher von „einer Krise der politischen Regulation“ gesprochen werden (187). Und während Habermas „das reflexive Potential der Moderne noch auf der Ebene der dominierenden politischen Institutionen“ suche, setze Giddens auf das Potential der politischen Selbstorganisation (191f.).

Das zehnte Kapitel rekapituliert unter der Überschrift „Eine Theorie transnationaler Staatlichkeit: Ulrichs Beck kosmopolitische Soziologie“ zunächst Becks „Risikogesellschaft“, die ein globales Gefahrenbewusstsein impliziert. Der Inhalt des umfangreichen Kapitel kann nur mit Stichworten angedeutet werden: „Subpolitik“ bringt die gesellschaftlich folgenreichen, mit der Globalisierung erleichterten Entscheidungen demokratisch nicht legitimierter ökonomischer Akteure auf den Begriff. „Neue globale Abhängigkeiten“ bei einem „Mangel an institutioneller Ausgestaltung“ (227), ein Aufbrechen von Erfahrungshorizonten, aber auch alternative Handlungsmöglichkeiten (ebd.) werden mit Beck registriert, der mit „Staatlichkeit“ ein neues Arrangement politischer Steuerung bezeichnet (234). Exemplarisch dafür steht die europäische Integration (242ff.). Ob von einem „Empire Europa“ gesprochen werden könnte, diskutiert der Vf. abschließend nach Maßgabe des Empire-Begriffs von Hardt und Negri (2002).

Die europäische Entwicklung gerät im letzten Teil des Buches immer mehr in den Brennpunkt der Betrachtung. Dort sieht der Vf. eine „neue Form von Gesellschaftlichkeit“ entstehen (269), was, so seine These in der „Schlussbemerkung“, auch „die methodologische Herangehensweise der Soziologie grundlegend“ verändert (271). Hier stützt sich der Vf. am Schluss auf das Projekt einer „kosmopolitischen Soziologie“ von Beck.

Diskussion

In seiner „Schlussbemerkung“ gibt sich der Vf. bescheiden, was Antworten auf seine Fragestellung betrifft, und das zu Recht. Das Buch hinterlässt eher Ratlosigkeit. Und während der Lektüre ist es für den Leser (oder war es jedenfalls für den Rezensenten) schwierig, den roten Faden aus dem Gewebe des Textes herauszufischen. Wie am Anfang so vermisst man auch während der Lektüre eine Begründung und Kommentierung des Argumentationsgangs. Stellenweise folgen unvermittelt disparate Theorieansätze aufeinander (155, 162f.). Auch begriffliche Klärungen würde man sich wünschen. So findet der Vf. die Trennung von Staat und Gesellschaft überholt oder auch den Terminus „Staatlichkeit“ angemessener als „Staat“, ohne je Staat und Gesellschaft zu definieren. Davon abgesehen ist die Untersuchung wie viele Dissertationen überfrachtet mit Theoriebausteinen. Manche Teile gleichen einer Einführung in die Soziologie. Was den Vf. veranlasst hat, im Schlusskapitel noch auf den aktuellen Konflikt des Westens mit Russland einzugehen, bleibt sein Geheimnis. Dagegen hätte man sich vorher öfters eine exemplarische Konkretisierung seiner theoretischen Ausführungen gewünscht. Manche Aussagen lassen die politischen Zusammenhänge nur erahnen (z.B. S.161, 170, 188, 190, 206), was auch an einer Soziologie liegt, die wirtschaftliche Interessengegensätze nur verklausuliert zur Sprache bringt. Was sind etwa „Rationalitätskonflikte“ (201) angesichts der Klimakatastrophe?

Fazit

Als einer der ersten Versuche, die Folgen der Globalisierung für die Soziologie zu überdenken, ist das Buch wahrscheinlich für einschlägige Folgearbeiten unverzichtbar.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 02.01.2015 zu: Oliver Römer: Globale Vergesellschaftung. Perspektiven einer postnationalen Soziologie. Campus Verlag (Frankfurt) 2014. ISBN 978-3-593-50069-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17735.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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