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Ludger Pries: Soziologie. Schlüsselbegriffe, Herangehensweisen, Perspektiven

Cover Ludger Pries: Soziologie. Schlüsselbegriffe, Herangehensweisen, Perspektiven. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 283 Seiten. ISBN 978-3-7799-2968-0. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR.

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Hinführung

Die Soziologie kommt von deterministischer Geschichtsphilosophie und organizistischen Betrachtungen von Einzelwesen her. Zu verorten ist sie zwischen kollektiven Ordnungen und individuellen Steuerungen. Eine Einführung in ihre Grundlagen wird sich immer zwischen den Polen Individuum und Kollektiv historisch vorzutasten haben. Ludger Pries benutzt für sein neues, bei Beltz Juventa erschienenes Soziologie-Einführungsbuch den ahistorischen Weg zwischen den Pflöcken Mikro- und Makrowelt.

Autor

Professor Dr. phil. Ludger Pries lehrt Soziologie an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum

Aufbau und Inhalte

Einleitend schildert der Lehrbuch-Autor seinen dreimal dreirastrigen Wanderweg durch die vielgestaltige Landschaft soziologischer Grundaussagen: Das soziale Handeln, die soziale Ordnung und den sozialen Wandel jeweils vom Individuum, der Gesellschaft und von der Verflechtung beider her zu begreifen.

Im Abschnitt zum sozialen Handeln wird das soziale Agieren des Individuums an Max Webers Beschreibung und an den rationalen Wahlhandlungen betrachtet. Aus gesellschaftlicher Sicht wird die Systemtheorie Talcott Parsons mit Werten, Normen, Rollen und Sozialisation referiert. Aus der Verflechtungsperspektive werden der Symbolische Interaktionismus und das kommunikative Handeln dargestellt.

Angeschlossen wird die Betrachtung der sozialen Ordnung. Sie wird aus dem Blickwinkel des Individuums an den Konstrukten der Identität und des Habitus untersucht. Diese Vorstellungen werden als zeitlich veränderbar und multidimensional heraus gestellt. Bei der Beschreibung der sozialen Ordnung von der Gesellschaft her erläutert Pries wiederum Parsons´ Ordnungssystem und schließt Niklas Luhmanns Systemsicht und die Institutionenlehre an. Für den Mesobereich zwischen individueller und systemischer Ordnung werden die Gebilde Figuration, Lebenswelt, Netzwerk und Organisation expliziert.

Auch dem sozialen Wandel geht der Autor von Individuum, Gesellschaft und von deren Verflechtungen nach. Dargestellt wird, dass das Individuum Wandelsprozesse in seinem Lebensverlauf erlebt, wie sich auch in der Gesellschaft durch historisch aufeinander folgende Akteure Wandlungen vollziehen. Auch das Durchlaufen von Lebensphasen und Migrationsprozessen werden als Begründer von Wertewandel im Kontinuum Bindung-Materialismus-Postmaterialismus ausgemacht. So werden Wandlungen gesellschaftlicher Makrostrukturen an säkularen Veränderungen der Erwerbsarbeits-Formen begriffen. Aus der Verflechtungsperspektive erscheint sozialer Wandel nicht als radikaler Neustart, sondern evolutionär durch Konflikt und soziale Bewegung. Als Wandels-Ursachen werden auch Neu-Legitimierung von Macht und die inner-organisatorische Existenz kompetenzhaltiger Schaltstellen erblickt.

In zwei angehängten Kapiteln beschäftigt sich das Lehrbuch noch mit Erörterungen zur Sozialstruktur und mit Fragen empirischer Methodologie.

Diskussion

Das Gliederungs-Raster des Soziologie-Lehrbuchs von Ludger Pries fußt auf drei Dreier-Schemata. Zusammen mit seinen jeweils identisch aufgebauten Kapiteln besitzt das sprachlich leicht lesbare Einführungsbuch somit eine vorteilhafte Stringenz. So wird vermieden, die Studierenden mit zu weitschweifigen Exkursionen in die soziologische Theoriegeschichte zu ermüden.

Die von Pries gewählte Matrix wirkt indes dadurch etwas künstlich, dass Individuen immer zwischen Individualismus und Fremdbestimmung agieren. Wie keiner als Robinson existiert, so dringt auch eine noch so totalitäre Gesellschaftsordnung nicht zum letzten Lidschlag vor. Pries sieht seinen hermeneutischen Spagat wohl selbst, wenn er äußert (Seite 127 seiner „Soziologie“), „wie vielfältig komplex verschiedene Aspekte des (sic! – eigentlich „der“) sozialen und allgemeineren Verflechtungszusammenhänge in die spezifischen Voraussetzungen, Formen und Abläufe an Handlungssituationen und Handlungsprozessen eingreifen bzw. einfließen“. Und auch für die sozialtstrukturelle Verortung sieht er die Verflechtungsperspektive im Gegensatz zu den Blickpunkten von Individuum und Gesellschaft als die Geeignetste (so Seite 245 seines Buches).

Seine perspektivischen Aufdröselungen nötigen Pries denn auch, verschiedene Theoreme an mehreren Stellen seines Buches zu behandeln, was die orientierungsbedürftige Leserschaft eher verwirren als informieren könnte. So finden sich Comtes Dreistadiengesetz in Kapitel 1.3 (Seite 25) und Kapitel 10.5 (Seite 200) behandelt, die Marx´sche Klassentheorie in Kapitel 10.5 (Seite 198) und Kapitel 12.4 (Seite 235) und Parsons´ Strukturfunktionalismus in Kapitel 4.4 (Seite 90) und Kapitel 7.3 (Seite 136). Gefragt werden darf auch, warum der Autor seine sozialstrukturellen Darlegungen nicht hier an Parsons´ sanktionierenden Belohnungs- und Entzugs-Systemen angeschlossen hat, sondern hierfür das eigene Kapitel 12 am Ende seines Buchs ausgeworfen hat. Wenn die Schichtungs-Soziologie schon gesondert behandelt wurde, dann hätten auch Verweise auf andere spezielle Soziologie-Gebiete (Bindestrich-Soziologien) in dieses Einführungsbuch gehört. Einige Fachtermini sind unvermittelt in den Text eingeführt und nähren den Wunsch nach einem in einem Einführungsbuch nützlichen Glossar (Phylogenese Seite 47, abweichendes Verhalten Seiten 86 und 108, Sanktionen Seite 86, self-fullfilling-prophecy Seite 245, Labeling Seite 258). Mit dem auf Seite 53 benannten Autoren „Neuberger“ ist vermutlich der mehrfach zitierte Neurobiologe Neuweiler gemeint (viertletzte Zeile). Autor Lindenberg wird auf Seite 69 einmal mit dem Vornamen Siegwart und ein anderes Mal mit dem Vornamen Sigwart ausgegeben (Zeilen 3 und 16; im Literaturverzeichnis figuriert er nicht).

Genug der Kritik: Man kann es immer so und auch anders machen! Gelobt seien die inhaltlich kompetenten und umfassenden, auch mit Berücksichtigung jüngster Veröffentlichungen aktuellen Inhalte zur Allgemeinen Soziologie wie ihre sprachlich flüssige, verweisfreudige und typografisch eingängige, lesefreundliche Darstellung. Didaktisch erfreuen geraffte Wiederholungen und Übungsfragen am Ende der 13 Inhalts-Kapitel.

Einige Schreibfehler mögen in einer Zweitauflage korrigiert werden (so „wiederrum“ auf Seite 114, „Komplexitätstheoirie“ auf Seite 147, die vergessene geschlossene Klammer nach …öffentlichen Verwaltungen) in Zeile 14 von Seite 225 und das fehlende „e“ bei …dies ihr höchste Leistung… in Zeile 9 von Seite 228. Typografisch nicht einheitlich eingebracht sind die Zitate von Friedrich Tenbruck auf Seiten 73/74 sowie von Gerhard Lenski auf Seiten 208/209.

Fazit

Ein aktuelles, fundiertes Einführungsbuch in die Allgemeine Soziologie legt Ludger Pries bei Beltz Juventa vor, das durch seine komplexe Gliederung lediglich unter einigen Redundanzen leidet.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 23.02.2015 zu: Ludger Pries: Soziologie. Schlüsselbegriffe, Herangehensweisen, Perspektiven. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2968-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17737.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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