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Anneliese Heilinger, Wolfgang Knopf u.a. (Hrsg.): [...] Aus der Werkstatt von Supervision und Coaching

Cover Anneliese Heilinger, Wolfgang Knopf, Ingrid Walther (Hrsg.): Brush up your Tools! Aus der Werkstatt von Supervision und Coaching. Studienverlag (Innsbruck, Wien, München, Bozen) 2004. 256 Seiten. ISBN 978-3-7065-1861-1. 26,00 EUR, CH: 45,60 sFr.

Reihe: Schriftenreihe Supervision, Band 5.
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Einführung in das Thema, Hintergrund und AutorInnen

Die österreichische Vereinigung für Supervision (ÖVS) feiert ihr 10jähriges Jubiläum und öffnet aus diesem Anlass ihre Werkstätten. Das tut sie mit einem Sammelband, in dem Mitglieder des Verbandes über ihre speziellen Arbeitsweisen und -intentionen berichten. Diese Einblicke werden schlaglichtartig gewährt: ein Kapitel NLP, ein Kapitel TA, ein Kapitel Rangdynamik etc. Die Verbindung muss der Leser/die Leserin selbst herstellen: es wird ein grundsätzliches Verständnis dessen erwartet, was Supervision ist und wie sie arbeitet - es ist eben das aufbereitete Ergebnis der ÖVS-Tagung vom Oktober 2003, die ebenfalls unter dem Thema "Brush up your Tools" stattfand. Coaches und SupervisorInnen werden hier nicht "auseinandersortiert", wenn auch die unterschiedlichen Akzente der beiden Beratungsformate nicht übergangen werden. In der konkreten Beratungsarbeit sind es eben häufig ausgebildete SupervisorInnen, die Coaching anbieten, und viele der vorgestellten Methoden finden in beiden Formaten Anwendung.

Die AutorInnen des Bandes sind fast ausnahmslos Mitglieder der ÖVS, aus Deutschland stammt Matthias Sell, der das an der Transaktionsanalyse orientierte Supervisionskonzept seines Ausbildungsinstituts "Inita" vorstellt, und Sijtze de Roos, der als niederländischer Supervisor und Lehrsupervisor den einzigen englischsprachigen Beitrag geliefert hat. Die österreichischen AutorInnen sämtlich namentlich vorzustellen, würde zu weit führen, das AutorInnenverzeichnis umfasst immerhin 24 Namen.

Aufbau und Inhalt

Der Band beginnt, nach dem Vorwort, mit einem grundsätzlichen Artikel von Angela Gotthardt-Lorenz, die den Vorsitz der ÖVS in der Gründungsphase innehatte. Er steht unter der Überschrift: "Kulturelle Vielfalt und Profil der Supervision. Das eine führt zum anderen!" Gotthardt-Lorenz stellt Supervision als eine kulturbezogene Disziplin vor, die naturgemäß Anteil hat an dem multikulturellen Umfeld, in dem sie stattfindet. Die unterschiedlichen Ein-Flüsse (im Sinne von Quellen), aus denen sich die Arbeit der Supervision speist, müssen, um stimmig zu bleiben, einer permanenten Reflexion, oder besser gesagt, Metareflexion unterzogen werden. Reflexion ist das "Profil der Supervision", denn eben das tut sie im Arbeitskontext. Metareflexion, also die Reflexion auf die eigene Reflexionsarbeit, ist die "Kultur" der Supervision und gehört zu ihrer inneren Logik. (vgl. S. 21)

Daran schließt der Artikel von Siegfried Tatschl mit dem Titel "Reflexion als Kernkompetenz von Supervision" an - auch dieses ist ein wichtiger Grundsatzartikel.

Der englischsprachige Aufsatz von de Roos lenkt den Blick auf die Verschiedenheit der Bezugssysteme und Methoden: "Skills and Methods of Observation in Supervision and Coaching".

Von da an geht es thematisch in die Breite. PraktikerInnen der Supervision stellen ihre je eigenen Arbeitsansätze vor. Die Bandbreite reicht von der "Rangdynamik" in der Tradition von Raoul Schindler über die Hypnotherapie nach Erickson, über NLP, Gruppendynamik und andere Verfahren und Theorien bis zur "Taschenversion der Strukturaufstellung" (die dann allerdings auch in eine Westentasche passen würde...) Ingrid Walther beschließt den Themenreigen mit einem Beitrag über "10 Jahre Österreichische Vereinigung für Supervision" - und den hat sie nun wirklich mit dem Blick durch eine recht spannende Brille geschrieben: sie hat nämlich die Glasl'schen Organisationsphasen auf die Entwicklung der ÖVS bezogen und damit sicher auch die Mitglieder interessanten Perspektiven aufgezeigt.

Zielgruppen

Wer ginge, zum Beispiel, zu einer "Leistungsschau des deutschen (oder österreichischen) Handwerks"? In erster Linie vermutlich die Profis, die sich informieren wollen, was es an neuen Entwicklungen gibt: neue Instrumente, neue Medien, neue Techniken. Dann vermutlich die interessierten Laien, die einen Überblick gewinnen darüber möchten, "was man so alles machen kann". Und natürlich die Verbandsvertreter und Ministerialbeamten - allein schon wegen ihrer Funktion. Muss das Bild übersetzt werden? Die Beiträge gleichen in der Tat Messeständen: sie präsentieren etwas, ohne allzu viel zu zeigen. Man müsste ins Gespräch kommen mit den Standbetreibern, um wirklich lernen zu können. Man müsste den Betrieb besichtigen, wenigstens einen "workshop" belegen. Also: diese "Leistungsschau der österreichischen Supervisionsszene" wird Profis aus dem Bereich von Supervision und Coaching interessieren und ihnen ganz sicher manch einen Impuls geben. Wer könnten die "interessierten Laien" sein? Ich weiß es nicht so recht. Für die Verbandsvertreter jedenfalls ist der Band ein schöner Spiegel dessen, was die ÖVS in den 10 Jahren ihres Bestehens (zu denen ihr hier nun endlich auch von Herzen gratuliert werden soll!) geleistet und aufgebaut hat.

Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit

Ich habe den Band mit großem Interesse gelesen - und auch mit Gewinn gelesen. Er hat mir wertvolle Hinweise gegeben, in welche Richtung sich mein eigener Supervisionsansatz weiterentwickeln könnte. Um es nicht beim Abstrakten zu belassen (wohl wissend, dass für andere LeserInnen ganz andere Beiträge viel spannender sein werden), will ich sagen, was mich am meisten angesprochen hat und was am wenigsten:

Ich fand sehr spannend, wie Renate Wustinger (S. 52ff) den "uralten" Gruppendynamikansatz, der die Supervision in der deutschsprachigen Tradition ja sehr lange begleitet, durch das Rangdynamik-Konzept von Raoul Schindler wieder neu belebt. Natürlich ist auch dieser Artikel entschieden zu kurz, aber da am Ende Literaturhinweise stehen, kann man gut weiterarbeiten. Einem anderen Aufsatz tat die Kürze gerade gut, weil einem Methoden, die einem häufig begegnen, hier einmal konzentriert vorgestellt und im Zusammenhang entfaltet werden: ich meine den Beitrag von Barbara Prowaznik: Die Dinge in Fluss bringen. Zirkuläres und reflexives Fragen in Supervision und Coaching. (S. 60ff). So prägnant kann man wesentliches Aspekte systemischen Arbeitens darstellen! Weiter fand ich bereichernd, dass der Band auch eine praktische Darstellung von Körperübungen zur Burnout-Prophylaxe (auf dem Hintergrund des Therapiekonzepts von Petzold) enthält. (S. 167ff) Und schließlich will ich den Beitrag von Gaiswinkler und Roessler zum lösungsfokussierten Ansatz nach Steve de Shazer und Insoo Kim Berg hervorheben: auch hier habe ich den Impuls bekommen, daran unbedingt weiterzuarbeiten.

Die Schwäche des Bandes, die in der Kürze der Beiträge liegt, wird mir an dem Beitrag von Matthias Sell zu "Supervision und Transaktionsanalyse" besonders deutlich. Er beginnt mit sehr hilfreichen Gedanken zur Definition von Supervision und zur Begründung der Supervision als einer eigenen Disziplin. Die Transaktionsanalyse ist eines der wichtigen Konzepte für die Supervisionsarbeit, die auf den folgenden zehn Seiten so kurz dargestellt wird, dass kaum etwas hinterher klarer ist als vorher. Aber vielleicht ist es wie bei der schon zitierten "Leistungsschau des Handwerks": wer selber Tischler ist, weiß ja, was ein Dicktenhobel ist...Aber wenn ich kein "Tischler" bin, kann ich mit den in diesem Beitrag abgebildeten Grafiken zu wenig anfangen.

Ganz wenig anfangen kann ich mit dem Beitrag zu "NLP in Supervision und Coaching" von Sigrid Winter (S. 94ff) - und dabei bin ich doch wirklich auf der Suche nach Beiträgen, die mir NLP sympathisch machen könnten. Dieser gehört nicht dazu - schon allein deshalb, weil mir die Verbindung "NLP" und "Neues-Lebens-Programm" nicht gut gefällt. Und schließlich die schon erwähnte "Taschenversion der Strukturaufstellung" von Christa Renolder auf viereinhalb Seiten - das kann nicht gehen!

Dass Beiträge unerwähnt bleiben, soll sie nicht als irrelevant abwerten. Was man in allen Artikeln spürt, ist, dass hier SupervisorInnen die Praxisfenster öffnen und einen kleinen Einblick gewähren. Und es loht sich gewiss bei allen, an die Tür zu klopfen, um Einlass zu bitten und dann zu diskutieren - aber vor allem: zu lernen!

Fazit

Rund heraus: SupervisorInnen sollten das Buch haben! Und mit ihm arbeiten! Und eigene Schwerpunkte dazu in Beziehung setzen. Und neue entwickeln. Für alle, die keinen Kontakt zur Supervisionspraxis haben, kann ich den Band nicht empfehlen. Ich glaube, das Verständnis würde schwierig! Und eine Frage hätte ich noch: Warum hat der Band denn bloß einen englischen Titel?


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 13.07.2004 zu: Anneliese Heilinger, Wolfgang Knopf, Ingrid Walther (Hrsg.): Brush up your Tools! Aus der Werkstatt von Supervision und Coaching. Studienverlag (Innsbruck, Wien, München, Bozen) 2004. ISBN 978-3-7065-1861-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1774.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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