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Peter A. Berger, Carsten Keller u.a. (Hrsg.): Urbane Ungleichheiten

Cover Peter A. Berger, Carsten Keller, Andreas Klärner, Rainer Neef (Hrsg.): Urbane Ungleichheiten. Neue Entwicklungen zwischen Zentrum und Peripherie. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. 281 Seiten. ISBN 978-3-658-01013-3. D: 39,95 EUR, A: 41,07 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

Die räumliche Bedingtheit sozialer Verhältnisse ist inzwischen zu einem Topos in den Sozialwissenschaften geworden. Dass räumlich deprivierte Räume auch sozial benachteiligen und dass privilegierte Räume privilegieren, wissen wir seit dem „spatial turn“ in den Sozialwissenschaften.

Quartierseffekte entstehen, wenn ein benachteiligtes Quartier zu einem benachteiligenden Quartier wird und soziale Ungleichheit auch über die räumliche Struktur eines Quartiers perpetuiert wird.

Unterschiede finden wir aber nicht nur in der Verschiedenheit von Stadtquartieren. Wir finden sie auch im Stadt-Land-Unterschied – vielleicht nicht mehr so stark wie früher. Die Urbanisierung des Dorfes, das Verschwinden einer bäuerlichen Lebensweise finden wir allenthalben in den Einzugsgebieten von Städten und Metropolen; aber auch das stadtabgewandte Dorf verändert sich in der Lebensweise, die ihre Bewohner inzwischen mitbringen oder verändern. Und wir finden auch wieder das Dörfliche in der Stadt. Beide Prozesse haben auch Aspekte von sozialer Ungleichheit, sind doch Lebensstile von bestimmten Ressourcen abhängig, die wiederum ungleich verteilt sind.

Herausgeber

  • Prof. Dr. Peter A. Berger ist Professor für Allgemeine Soziologie und Makrosoziologie am Institut für Soziologie und Demographie der Universität Rostock.
  • Prof. Dr. Carsten Keller ist Professor für Interkulturelle Bildung an der Universität Duisburg-Essen und assoziierter Forscher am Centre Marc Bloch.
  • Dr. Andreas Klärner ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie und Demographie der Universität Rostock.
  • Dr. Rainer Neef war bis 2010 Akademischer Oberrat für Stadtsoziologie am Institut für Soziologie der Universität Göttingen.

Autorinnen und Autoren

Die weiteren Autorinnen und Autoren stammen aus Bereichen der Allgemeinen Soziologie und der Stadt- und Regionalsoziologie, der Umweltforschung, der Kulturwissenschaften, der empirischen Sozialforschung und der Wirtschafts- und Sozialgeographie.

Aufbau

Nach eine einleitenden Kapitel durch die Herausgeber gliedert sich das Buch in drei große Abschnitte, jeweils mit einer Reihe von Beiträgen:

  1. Segregation und Polarisierung,
  2. Hierarchien und Abgrenzungen,
  3. Zentrum und Peripherie.

Zu: Urbane Ungleichheiten – zur gesellschaftlichen Produktion und Gestalt räumlicher Ungleichheitsstrukturen

Carsten Keller, Andreas Klärner und Rainer Neef entfalten in diesem einleitenden Kapitel die Intention des Buches, das aus einer Tagung entstanden ist, wo sich Stadtsoziologen und Vertreterinnen und Vertreter der Stadt- und Regionalforschung mit Forscherinnen und Forschern aus dem Bereich der Ungleichheitsforschung und der Sozialstrukturanalyse zu einem analytischen Dialog trafen. Zwar arbeiten diese Bereiche auf empirischer Ebene durchaus zusammen; es entstünden aber nach Meinung der Autoren keine integrativen Konzepte.

Ausgehend von der Disparitätenthese (Bergmann, Offe u. a.) gäbe es durchaus einen fruchtbaren Ansatz, soziale Ungleichheiten mit den sozialräumlichen Bedingungen ihrer Konstitution und ihrer durch den Raum bedingten Struktur zusammen zu denken.

Die Autoren setzen sich dann aber auch mit der Entwicklung innerhalb der Soziologie und der Regionalpolitik auseinander. Die von der Chicagoer Schule bereits aufgestellte These der Verteilung einer Bevölkerung nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten erklärt sozialräumliche Segregationsprozesse nach dem sozioökonomischen Status und die These der regionalen Disparität von Infrastrukturen und Ressourcen führt zu einer horizontalen Ungleichverteilung von Lebenschancen. Beidem sollte der Sozialstaat durch seine Sozial- und Regionalpolitik entgegenwirken. Dies wird entfaltet und begründet. Anschließend werden die in den einzelnen Abschnitten befindlichen Beiträge vorgestellt.

Zu I. Segregation und Polarisierung

Zu: Einkommensverteilung und Siedlungsstruktur (Jan Goebel, Martin Gornig)

Gibt es regionale Unterschiede der Einkommensverteilung? fragen die Autoren zuerst. Ja, zunächst untersucht als Ost-West-Unterschied. Aber gibt es auch unterschiedliche Entwicklungen innerhalb der beiden Landesteile Ostdeutschland und Westdeutschland? Dieser Fragestellung gehen die beiden Autoren analytisch auf den Grund. Dabei beziehen sie sich auf die Datenbasis des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP), Version 28. Für die Regionaltypisierung wird auf die siedlungsstrukturellen Kreistypen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung zurückgegriffen. Diese Vorgehensweisen werden ausführlich erörtert.

In einem Exkurs wird auf die Polarisierungstendenzen in Stadtregionen 2000-2006 eingegangen. Dabei wird vermutet, dass die Einkommenspolarisierung in den großen Städten vor allem aber dort auftritt, wo sich Agglomerationen von Industrieregionen zu Dienstleistungsregionen verändern, was die Autoren mit dem Prozess der Tertiarisierung umschreiben.

Ihr Fazit: Es gibt siedlungsstrukturelle Unterschiede zwischen Ost und West, aber auch innerhalb der Regionen. Bei den mittleren Einkommen und dem Armutsrisiko ist jedoch der Unterschied zwischen West- und Ostdeutschland immer noch signifikant. In einem kleinen Anhang finden sich dann noch Erläuterungen zur Messung von Armut.

Zu: Armut und räumliche Polarisierung: Bremen und Köln (Jürgen Friedrichs)

Die Ausdehnung von Armut und der Abstieg der unteren Mittelschicht haben räumliche Auswirkungen, die Friedrichs untersucht. Dabei geht es ihm einmal um die Beziehung von sozialer und sozialräumlicher Ungleichheit, dann um die Dokumentation der sozial-räumlichen Ungleichheit am Beispiel von Bremen und Köln und schließlich um die Analyse und Demonstration der unterschiedlichen Ergebnisse von Untersuchungen auf der Ebene von Stadt- und Ortsteilen.

Zunächst stellt der Autor die Entwicklung der sozialen Ungleichheit seit den 1990er Jahren in Deutschland vor. Dies belegt er mit der Zahl der Sozialhilfeempfänger, die laufende Hilfe erhalten, mit der Quote der SGB II-Empfängerinnen und -empfänger, mit der Schrumpfung der Mittelschicht, mit der Zunahme der Armut und der Einkommensungleichheit und schließlich mit der Vermögens-Ungleichheit.

Dies wird ausführlich erörtert und dargestellt.

Die Folgerungen, die Friedrichs zieht sind:

  • die Zahl der Armutsgebiete steigt,
  • die Armut in den Armutsgebieten nimmt zu,
  • diese Zunahme ist in Köln stärker als in Bremen
  • die Anteile der Schüler/innen der Sekundarstufe II und der Anteil der Wähler/innen sind signifikant geringer als in „reicheren“ Wohngebieten.

Zu: Die kleinräumige Struktur sozialräumlicher Individualisierung in deutschen Großstädten (Antje Güles, Gabriele Sturm)

Eingangs wird Individualisierung als zentrale Dimension des Modernisierungsprozesses beschrieben und die Auswirkungen benannt, die mit einer reflexiven Lebensführung und der Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses verbunden sind. Güles und Sturm interessiert, wie sich im Jahr 2010 Individualisierung in Bezug auf die Struktur privater Haushalte materialisiert und in welchem Maß Individualisierung und Armut mit der räumliche Konzentration und Polarisierung einhergehen (66). Als Datengrundlage wird die innerstädtische Raumbeobachtung herangezogen, eine Datengrundlage, die das BBSR in Kooperation mit den Städten durchführt und die ermöglicht, großstädtische Strukturen und Stadtentwicklungsprozesse in bestimmten Regionen, Stadt- oder Lagetypen zu analysieren.

Dann geht es um Indikatoren, an denen Individualisierung gemessen werden kann: Einpersonenhaushalte und Alleinerziehende; weiter geht es um den SGB II-Bezug als Armutsindikator. Dies wird ausführlich und an Hand von Daten und empirischen Ergebnisse dargestellt und begründet.

Zu: Sozialräumliche Segregationsmuster in schrumpfenden Städten (Karin Großmann u. a.)

In ihrer Einleitung erklärt die Autorengruppe zunächst das Konzept der residentiellen Segregation, ein Segregationsmuster, das die ungleiche Verteilung sozialer Gruppen am Wohnstandort der Haushalte festmacht. Prämissen sind die Heterogenität der sozialen Gruppen und die Heterogenität der Wohnquartiere.

Die Autorengruppe diskutiert hier die Wechselwirkung von städtischer Schrumpfung und den Mustern sozialräumlicher Segregation. Dabei geht es um folgende Fragen:

  1. Wie wirkt Schrumpfung auf die Faktoren residentieller Segregation, also auf soziale und physische Strukturen der Stadt?
  2. Wie vollzieht sich dieser Prozess vor dem Hintergrund von Schrumpfung?
  3. Welche Muster residentieller Segregation prägen sich aus und was beeinflusst deren Zustandekommen?

Grundlage ist das EU-Forschungsprojekt „Shrink Smart – The Governance of Shrinkage within an European Context“. Drei Fallstudien stehen zur Diskussion:

Genua, das seine Bevölkerung durch Deindustrialisierung und Suburbanisierung, verlor; Leipzig, eine altindustrielle Stadt, die vor allem in den 1990er Jahren durch Deindustrialisierung und Suburbanisierung, aber auch durch einen massiven Geburtenrückgang Bevölkerung verlor und Ostrava, ein Zentrum des Bergbaus und der Stahlindustrie, das in sozialistischen Zeiten wuchs, dann aber auch ebenfalls durch Deindustrialisierung, Suburbanisierung und Geburtenrückgang schrumpfte.

Diese Fallstudien wurden zu fünf Thesen verdichtet:

  1. Urbane Schrumpfung wirkt auf den Bevölkerungsrückgang und verändert den städtischen Raum (Wohnungsleerstand, Brachflächen oder Verfall).
  2. Urbane Schrumpfung beschleunigt sozialräumliche Differenzierungen.
  3. Urbane Schrumpfung entwickelt sich sozialräumlich selektiv und hat unterschiedlich starke Auswirkungen in den Stadtteilen.
  4. Es kann zu einer kleinteiligen sozialräumlichen Fragmentierung kommen.
  5. Der Einfluss urbaner Schrumpfung auf die sozialräumliche Differenzierung ist pfadabhängig und stark bestimmt durch lokale, regionale und nationale Kontexte.

Diese Thesen werden ausführlich diskutiert und begründet.

Zu: Soziale Ungleichheit und der (städtische) Raum (Jens S. Dangschat)

Nachdem Dangschat zunächst den Ausgangspunkt der Ungleichheitsdebatte ausmacht, lässt er die Klassiker der Allgemeinen Soziologie und der Stadtsoziologie wie Simmel und Weber Revue passieren.

Anschließend setzt er sich mit den unterschiedlichen Konzepten der residentiellen Konzentration und der residentiellen Segregation auseinander, wie sie sich in der Chicagoer Schule entwickelt haben und den jeweiligen Protagonisten dieser Schule zugeordnet werden können. Diese Diskussion wird ausführlich geführt, um dann zu einer Kritik der jeweiligen Segregationsanalysen zu kommen. Ausführlich geht dabei Dangschat auf die Messung der Segregation durch Indices ein, die nach seiner Meinung nicht geeignet ist, den vier Grundannahmen der Entstehung von residentieller Segregation gerecht zu werden: Soziale Ungleichheit, räumliche Ungleichheit, Zuordnungsprozesse und Wunsch nach Rückzug.

Anschließend referiert der Autor den Stand der Ungleichheitsforschung und ihre Bedeutung für sein Thema, um dann abschließend kritisch zu fragen, „was wir eigentlich tun“ in der Ungleichheits- und Segregationsforschung.

Zu II. Hierarchien und Abgrenzungen

Zu: Schulwahl von Eltern: Zur Geographie von Bildungschancen in benachteiligten städtischen Bildungsräumen (Anne Jurczok, Wolfgang Lauterbach)

Die sozialräumliche Bedingtheit von Bildungsverläufen ist aus der ökologischen Sozialisationsforschung schon hinlänglich bekannt und wir wissen auch, dass die Schullaufbahnentscheidungen in benachteiligten Quartieren anders verlaufen als in privilegierten Quartieren. Bildungsnähe und Bildungsferne sind offensichtlich sozialräumlich verteilt.

Welche Faktoren aber für die Entscheidungen wichtig sind, wird hier noch einmal herausgearbeitet und oft sind es nicht immer Faktoren, die auf die Bildung hin ausgerichtet sind, sondern auf andere Bedingungen des Zugangs zur Schule.

In ihren theoretischen Überlegungen erläutern die Autorin und der Autor, welche Faktoren das sind und warum diese die Entscheidung beeinflussen. So geht es um die Wahl einer Schule und nicht einer Schulform, wenn in benachteiligten Quartieren die wohnortnahe Schule erreicht werden soll. Hier werden Untersuchungen vorgestellt, die auch darauf verweisen, dass die Schule im Quartier liegen soll, weil man z. B. das Quartier auch nicht so einfach verlässt.

Die beiden Autoren untersuchen 278 Eltern in drei Berliner Stadtteilen, die nach dem sozialen Monitoring Berlin ausgesucht wurden. Die Ergebnisse lassen erkennen, dass Familien mit einer gewissen Bildungsnähe auch Schulen bevorzugen, die eine sozial homogene Schicht beschulen, während bildungsfernere Familien eher auf die lokale Schule zurückgreifen. Auch damit wird ein Quartier u. a. auch zu einem benachteiligenden Quartier. Dies wird ausführlich erörtert und graphisch dargestellt.

Zu: Innere Suburbanisierung als Coping-Strategie: Die „neuen Mittelschichten“ in der Stadt (Susanne Frank)

Suburbanisierungsprozesse haben über längere Zeiträume hinweg die Städte entleeren lassen; die Innenstädte wurden zum Sammelbecken der Benachteiligten, während die Privilegierten an die Ränder der Städte oder ins städtische Umland abwanderten.

Die Wiederentdeckung der Innenstädte oder die Reurbanisierung hat diesen Trend umgekehrt; eine einkommensstarke, hoch qualifizierte Mittelschicht kehrt in die Innenstädte zurück und damit entwickelt sich eine andere Form der Urbanität als Lebensstil.

S. Frank geht diesen Prozessen nach und fragt nach den Dynamiken von Angebot und Nachfrage, die diese Prozesse befördern. Sie setzt sich mit dem Begriff der Reurbanisierung auseinander, geht auf ihre quantitativen und qualitativen Dimensionen ein und diskutiert Reurbanisierung als stadtpolitische Strategie.

Die Autorin weist nach, dass es bei den neuen Mittelschichten Tendenzen der sozialen Schließung kommt, zur Enklavenbildung und Selbsteinschließung. Auf Grund der besonderen Ansprüche an das Wohnumfeld kommt es verstärkt zu Gentrifizierungsprozessen, wobei sich diese Prozesse von den klassischen Entwicklungen deutlich abheben.

Und es kommt zu einer Wiederentdeckung des Dörflichen in der Stadt. Das Dorf als Gemeinschaft, die soziale Verortung auf lokaler Ebene ermöglicht gegenüber dem, was Gesellschaft ist in der Stadt, die nach funktionalen Strategien der Kommunikation und Integration verlangt.

Soziale Verortung als Coping-Strategie bedeutet, Vertrauen in die sozialräumlichen Strukturen der Alltags-und Lebensstilführung zu haben, Das Gefühl der Zugehörigkeit und der Anerkennung zu finden und das Gefühl zu haben für andere relevant zu sein – das sind die Faktoren, die soziale Verortung ermöglichen und eine Mittelschicht, die durch die Globalisierung der Stadt auch überfordert ist, braucht offensichtlich solche Bewältigungsstrategien. Dies wird von Susanne Frank ausführlich erörtert und mit einer Reihe von Untersuchungen belegt.

Zu: Urbane Ungleichheiten in der „Post-Konflikt-Stadt“: Stadtentwicklung und Stadterneuerung in Belfast nach dem Karfreitagsabkommen (Henriette Bertram)

Die Stadt Belfast – der Untersuchungsort – hat sich seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 stark verändert, was man sowohl in der Innenstadt, als auch in Stadtteilen erkennen kann. Die Autorin nimmt diesen Prozess zum Anlass, nach den handlungsleitenden Zielen und Logiken der Stadtentwicklung in den Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs zu fragen und mit Hilfe der Bourdieu´schen Kapitaltheorie zu erklären, welche Ressourcen und Kapitalien Gruppen und Individuen benötigen, um die entstehenden neuen Orte zu nutzen und die veränderten Bedingungen der Post-Konflikt-Phase anzunehmen (174).

Zunächst werden die Kapitalarten nach Bourdieu vorgestellt und auch in die Raumdebatte bei Bourdieu mit einbezogen. Neue sozialräumliche Rahmenbedingungen, neue Formen der Kommunikation erfordern veränderte Kapitalressourcen, die ermöglichen, den eigenen Raum und den Raum der Anderen und damit die Anderen überhaupt anders zu interpretieren als zuvor.

Dies weist die Autorin auch an den hartnäckig bestehenden Segregationsmustern nach, die die Stadtentwicklung prägen. Es geht weiter um neue entwickelte neutrale Gebiete in der Innenstadt und den angrenzenden Stadteilen und um Siedlungsmuster und Stadtentwicklungsprojekte in innerstätischen Wohngebieten.

Der Zusammenhang von ökonomischer Benachteiligung, kultureller Deprivation und sozialräumlicher Segregation wird offensichtlich.

Zu III. Zentrum und Peripherie

Zu: Was unterscheidet städtische und ländliche Lebensstile? (Annette Spellerberg)

Spontan könnte man die Frage so beantworten: Stadt ist Gesellschaft, Dorf ist Gemeinschaft. Beide unterscheiden sich in der Art wie sie integrieren und ausgrenzen und wie ihre Bewohnerinnen und Bewohner miteinander kommunizieren. Das ist aber zu einfach, liest man den Beitrag der Autorin.

A. Spellerberg möchte in ihrem Beitrag Verhaltensunterschiede in kleineren Orten und Städten erklären und diese Unterschiede auch an unterschiedliche Bedingungen knüpfen, die unterschiedliche Räume bieten. Dabei klärt sie zunächst den Begriff der Lebensstile in der Stadt und auf dem Land gegenüber anderen Begriffen wie Klasse, Milieu, Schicht und sozialer Lage, die ja auch kollektive Orientierungen liefern und soziale Verortung ermöglichen.

Was sind die Bedingungen für die Ausprägung ortstypischer Lebensstile? fragt dann die Autorin und greift auf die Klassiker der Soziologie wie Simmel, Tönnies, Durkheim und L. Wirth zurück, geht dann aber auch auf neuere Studien ein wie die von Henkel, Köhle-Hezinger und Ipsen und vielen anderen.

A. Spellerberg geht dann auf Lebensstile in der raumbezogenen Forschung ein und referiert die zentralen Ergebnisse der Forschung. Dabei stellt sie auch die Frage nach der empirischen Überprüfbarkeit von Lebensstilen und einen solchen empirischer Zugang sieht sie im Sozio-ökonomischen Panel, wobei sie Freizeitaktivitäten, statistische Zusammenhänge von Raumstrukturen und Freizeitverhalten und Veränderungen von Aktivitäten im Zeitverlauf in Bezug auf sozialstrukturelle und sozialräumliche Effekte im Zeitraum von 1998-2008 untersucht.

Weiterhin referiert die Autorin eine quantitative Untersuchung von Lebensstilen im Südwesten des Saarlandes in Blick auf Unterschiede nach eher städtischen, suburbanen und ländlichen Wohnlagen. Dabei wird eine Lebensstiltypisierung entwickelt, die ausführlich vorgestellt und diskutiert wird.

In ihren Schlußfolgerungen kommt die Autorin dann zu einigen wichtigen Einsichten. Das stadtnahe Dorf erfährt auch eine Art von „Urbanisierung der Lebensstile“ und die Lebensstile gleichen sich an. Peripherisierung und der Reurbanisierung sind zwei sich nicht gegenseitig ausschließende Prozesse, sondern führen zusammen genommen zu einer Rekonzentration der ökonomischen, kulturellen und sozialen Stärke der Städte.

Zu: Rückzug „vom Lande“. Die sozial-räumliche Neuordnung durch Infrastrukturen (Eva Barlösius, Michèle Spohr)

Einleitend diskutieren die beiden Autorinnen die Frage des Synonyms von Mitte und Mittelschicht, von sozialer Ordnung und Sozialstruktur, die Mitte als Orientierungspunkt der sozialen Ordnung und die Mittelschicht als Referenzkategorie sozialstruktureller Analyse. Die Orientierung sozialen Handelns, aus der nach Meinung des referierten Protagonisten eine soziale Ordnung entsteht hat den Sinn, die Mitte zu bewahren und zu stärken.

Wie steht es aber mit den Infrastrukturen, die auf Lebenschancen wirken und durch ihre räumliche Verteilung auch zu regionalen Disparitäten, vor allem zu Disparitäten zwischen urbanisierten und ländlichen Räumen führen können? Es geht also nicht um individuelle Lebensfürsorge durch (Sozial-)versicherung, sondern um kollektive Daseinsvorsorge (Forsthoff) durch Schaffung einer dafür geeigneten Infrastruktur.

Damit wird eine andere Dimension der Ungleichheitsforschung angedeutet, die aber bisher noch keine durchschlagende Wirkung auf die Gegenwartsdiagnosen zeitigt. Diese Entwicklung wird an Hand der Literatur nachgezeichnet. Das liegt an zwei Beobachtungen. Einmal wird der Begriff der Infrastruktur eng mit der industriellen Entwicklung einer Gesellschaft verbunden und zweitens wird der Begriff im Zuge der Wandlung zu einer post-industriellen Wissensgesellschaft zunehmend unpräzise. Dies wird ausführlich erörtert.

Die Autorinnen diskutieren dann die Ungleichheit, die durch die räumliche Ungleichheit der infrastrukturellen Ausstattung mit kollektiven Gütern entsteht.

Danach geht es um die Begründung ihrer These, dass sich das Verständnis von Infrastruktur im Zuge des Wandels der sozial-räumlichen Ordnung verändert, der auch den Wandel von einer industriellen Gesellschaft zu einer globalisierten Wissensgesellschaft widerspiegelt. Zum Schluss gehen die Autorinnen noch auf die Frage: Ökonomisierung oder Entterritorialisierung? ein.

Zu: Die (neuen) Selbstversorger - Zwischen Not und Weltanschauung? (Claudia Neu, Ljubiaca Nikolic)

Geht es eher um Selbstversorgung und Ernährungssicherheit oder um einen neuen Lebensstil, um die Erfüllung der Sehnsucht nach dem Dörflichen in der Stadt, wenn Urban Gardening oder Communal Gardens diskutiert wird? Die Autorinnen gehen dieser Frage nach und diskutieren auch die Frage, ob aus Not heraus Menschen in prekären Lebenslagen gezwungen sind, sich selbst zu versorgen.

Zunächst stellen sie das Konzept der Communal Gardens vor, wie es in den USA entstand und wie in den amerikanischen Städten durch den Verfall der öffentlichen Räume in den Innenstädten und durch verstärkte Segregation und Leerstand auch die öffentliche Infrastruktur zusammenbrach. Daraus entwickelte sich eine Bewegung, die diesen öffentlichen Räume sich aneignete und besetzte und sie mit einer anderen Bedeutung versah. Sie legte Gemeinschaftsgärten an, um sich selbst zu versorgen, aber auch um dem öffentlichen Raum wieder ein Gesicht zu geben. Diese Entwicklung wird auch in Deutschland an Hand der Geschichte der Schreber- und Arbeitergärtenbewegung, bzw. an Hand der Entwicklung der Gemeinschaftsgärten nachgezeichnet.

Anschließend wird eine Typologie von Selbstversorgern vorgestellt, die auf einer qualitativen Inhaltsanalyse beruht. Die Unterscheidungskriterien sind dabei beispielsweise Werte, Arbeit, Zeitinvestment, Wohnsituation, Nachhaltigkeit, Hobby, Gartenformen, Entschleunigung oder Vernetzung. Die daraus resultierenden Typen sind der Typ der Landlustigen, der Typ der „grünen Familie“, der Typ der Money-Poor-Time-Richs, die Typen des „Heimatlers“, des Aussteigers und des Aktivisten.

Alle diese Typen werden ausführlich diskutiert.

Abschließend erörtern die beiden Autorinnen noch ein Fallbeispiel, das die Selbstversorgung im ländlichen Raum zum Inhalt hat.

Alle Beiträge schließen jeweils mit einer ausführlichen Literaturliste.

Diskussion

Ungleichheit in der Stadt, aber auch Ungleichheit zwischen Stadt und Land, soziale Ungleichheit und regionale Disparitäten bzw. Disparität der Lebensbereiche, der Raumbezug sozialer Ungleichheit – all das sind die Aspekte, die in diesem Buch versammelt sind. Deutlich wird dabei, dass sich die Ungleichheitsforschung und Ungleichheitstheorien auf die sozialstrukturellen Aspekte konzentriert haben und erst allmählich auch die Stadtsoziologie den Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und der sozialräumlichen Verteilung der Bevölkerung als strukturelle Prozesse diskutiert – eigentlich ein altes Thema der Soziologie seit der Chicagoer Schule, aber erst jetzt wieder virulent.

Gerade die Unterschiede zwischen Stadt und Land geraten seit längerem ins Hintertreffen; deshalb ist es wichtig, auch diese Unterschiede unter dem Aspekt der strukturell erzeugten sozialen Ungleichheiten zu thematisieren. Deutlich wird auch, dass wir uns bei allem, was uns an stadtsoziologischen Fragen interessiert, auch eine Tradition der Community Studies verstärkt wieder aufgreifen müssen, um gerade strukturelle Fragen des ländlichen Raums wieder in den Mittelpunkt der Diskussion zu stellen.

Die Frage dabei ist ja, wie die Struktur des Dorfes oder der Stadt Ungleichheit erzeugt, wie der Zugang zu Institutionen und Ressourcen strukturell gestaltet ist, um zu erklären, warum z. B. ein benachteiligtes Quartier zu einem benachteiligenden Quartier wird oder ein Dorf ins Hintertreffen gerät, wenn es um den Zugang zu integrationssichernden Institutionen der Bildung oder Arbeit geht.

Und wir haben es in der Tat mit neueren Entwicklungen zu tun, die auch die Frage berühren, wie Peripherien zu Orten werden, wo sich Privilegierung und Deprivation ähnlich treffen wie in den metropolitanen Zentren. Deshalb wird hier auch noch mal das Verhältnis von Suburbanisierung und Reurbanisierung theoretisch interessant.

Fazit

Das Buch enthält eine Fülle von Anregungen, sich Gedanken über die Stadt und das Dorf als Lebens- und Kommunikationsformen und als unterschiedliche Integrations- und Ausgrenzungsmodi zu machen.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 19.12.2014 zu: Peter A. Berger, Carsten Keller, Andreas Klärner, Rainer Neef (Hrsg.): Urbane Ungleichheiten. Neue Entwicklungen zwischen Zentrum und Peripherie. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-01013-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17741.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


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