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Kornelia Schneider, Wiebke Wüstenberg: Was wir gemeinsam alles können (Kinder von 0 bis 3)

Cover Kornelia Schneider, Wiebke Wüstenberg: Was wir gemeinsam alles können. Beziehungen unter Kindern in den ersten drei Lebensjahren. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2014. 208 Seiten. ISBN 978-3-589-24831-5. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 26,30 sFr.

Inga Bodenburg & Ilse Wehrmann (Hrsg.): „Kinder von 0 bis 3“.
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Thema

Die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen für Entwicklung und Bildung von Kindern ist in der Fachwelt unbestritten. Im Kleinkindalter wurden hier aber vor allem die Erwachsenen-Kind-Beziehungen wahrgenommen. Man ging davon aus, dass Kinder erst ab drei Jahren zu sozialen Spielen mit anderen Kindern fähig seien. Diese Sichtweise widerlegen die Autorinnen. Kinder brauchen Gleichaltrige auch im Kleinkindalter. „Mit diesem Buch über Peer-Kontakte wollen wir anregen, Beziehungen unter Kleinkindern in den ersten Lebensjahren stärker zu beachten und zu beobachten, was Kleinkinder unter einander tun“ (Vorwort). Frühe Peer-Beziehungen sind vor allem in Kindertageseinrichtungen möglich. Wie Kindertageseinrichtungen diesen Beziehungen wertschätzend Raum geben können, auch davon handelt dieses Buch.

Autorinnen

Kornelia Schneider, Erziehungswissenschaftlerin und Bildungsreferentin (i. R.), bis 2009 wissenschaftliche Referentin am Deutschen Jugendinstitut in München. Interessenschwerpunkte: Frühe Bildung und Lerngeschichten, Situationsansatz, Pikler- und Reggiopädagogik, Raumwahrnehmung und Konfliktverhalten von Kindern.

Prof. Dr. Wiebke Wüstenberg, Dipl. Pädagogin, Systemische Therapie, Professorin(i. R.) an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Arbeitsschwerpunkte in Lehre, Forschung, Weiterbildung: Frühe Kindheit, Kinderschutz, Pikler-, Reggio- und Freinetpädagogik, Betreuungsmodelle in Kitas, Kinder- und Familienzentren.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sechs Kapitel mit vielen Unterkapiteln gegliedert. Bereits die Überschriften geben Einblick in Intention und Inhalt des Textes. Erkundungsfragen in oder am Ende der Kapitel strukturieren die eigene Reflexion des Textes.

Kapitel 1 Zehn Gründe sich mit Beziehungen unter Kleinkindern zu befassen. In diesem Kapitel legen die Autorinnen ihren wissenschaftlichen Standpunkt dar: „Wir können also festhalten: Babys sind von Anfang an sozial orientiert, was sich nicht nur auf primäre Bezugspersonen oder auf Erwachsene bezieht, sondern in differenzierter Form auch auf ältere Kinder oder Gleichaltrige“ (S.11). Und sie geben einen komprimierten Überblick über die Forschungsliteratur und wissenschaftlichen Theorien. Sie stellen dar, wie Kleinkinder von Geburt an Beziehungen und Gemeinschaft suchen, in welchen sozialen Kontexten ihnen dies möglich wird, auf welche Unterstützungssysteme Familien und Kinder zurückgreifen können und welche Bedürfnisse befriedigt oder aber auch zu wenig berücksichtigt werden. In den Unterkapiteln 4 bis 10 befassen sich die Autorinnen mit der Spezifik der Erfahrungen, die Kinder mit Gleichaltrigen machen können und was sie nur voneinander lernen können. „Kinder in den ersten drei Lebensjahren, besonders wenn sie sich gut kennen und regelmäßig treffen, suchen Kontakt, imitieren einander, entwickeln eigene Spiele und animieren sich zu mehr und qualitativ neuen Erfahrungen. Ein Kind allein würde lange nicht so viel laufen, hüpfen, hinfallen, aufstehen, tanzen, singen und Dinge untersuchen. Das Lernen voneinander ist ein ganzheitlicher Prozess und berührt gleichzeitig emotionale, soziale, kognitive und physische Bereiche ihrer Entwicklung“ (S. 22). Vielfältige Praxisbeispiele aus eigenen Studien oder Forschungsarbeiten von Kolleginnen und Kollegen belegen die Schlussfolgerungen. Es werden auch problematische Peer-Interaktionen und die daraus resultierenden Aufgaben für Erwachsene beschrieben. In „lebendigen Peer-Beziehungen“ erkennen die Autorinnen ein Zeichen für besonders gute Qualität in Kindergruppen.

Kapitel 2 Kleinkinder entwickeln eine eigene Kultur mit spezifischen Merkmalen. Diese Kinderkultur zeigt sich in der besonderen Sprache, dem „toddler style“, im Erfinden eigener Spiele als Bestandteil einer spezifischen Kinderkultur und in der Auseinandersetzung mit der Kultur der Erwachsenen. Die Autorinnen zitieren auch hier Beispiele aus internationalen Forschungsergebnissen. „Fazit: Kleinkinder sind Kulturträger“ (S. 52). Mit 7 Erkundungsfragen für Erwachsene, wie z. B.: „Wie kommen die Kinder in ihrer Kindertageseinrichtung zu Peer-Kontakten?“ schließt das Kapitel.

Kapitel 3 Fähigkeiten, die Babys und Kleinkinder in Spielpartnerschaften zu zweit entwickeln. Hier zoomt der Blick der Forscherinnen auf die vielfältigen Interaktionen der Kleinkinder. Detailliert werden jetzt die Kommunikations- und Interaktionsformen der Kinder beschrieben. Wie differenziert verständigen sich Kinder über Anschauen, Lächeln, Lachen, Berührungen, Vokalisieren, Geben und Nehmen, Imitation von Stimme und Geräuschen, von Bewegungen und Handlungen? Welche vielfältigen Bedeutungen und Absichten signalisieren Kleinkinder mit scheinbar ähnlichen Verhaltensweisen in unterschiedlichen Kontexten? Viele anschauliche Beispiele geben Einblicke und Anregungen für alle, die mit Kindern arbeiten und leben. Und so lautet hier das Fazit: „Jüngere Kinder untereinander tragen zu ihrer Entwicklung bei“ (S.121).

Kapitel 4 Was in Freundschaften unter Kleinkindern besonders ist. Die Autorinnen nähern sich dem Thema fragend. „Können Kinder in so jungen Jahren überhaupt schon Freundschaften aufbauen?“ (S.123) Und spüren möglichen Antworten nach: „Um herausfinden zu können, worin Freundschaft bei Ein- und Zweijährigen besteht, muss erforscht werden, welche wortlose Sprache der Freundschaft Kinder in diesem Alter sprechen. Dazu braucht es Untersuchungen, die als Beobachtungsstudien in der alltäglichen Lebenswelt der Kinder angelegt sind, die Freunde miteinander teilen“ (S. 123). Sorgfältig werden die eigenen Ausdrucksweisen von Freundschaft im Krabbelalter und die Kriterien, woran sich Freundschaften erkennen lassen, herausgearbeitet. Die Beispiele sensibilisieren Erwachsene für die starke emotionale Verbundenheit der Kinder, der sie vielleicht nicht immer die nötige Achtung schenken. „Wir können davon ausgehen, dass es wertvoll ist, schon in frühen Jahren Freundschaft zu genießen, nicht nur wegen der emotionalen Bestärkung, sondern auch, weil Freundschaften zu komplexeren Spielmöglichkeiten beitragen und deswegen besonders entwicklungsanregend sind“ (S. 148). Die Autorinnen verschweigen auch nicht, was sie noch nicht einschätzen können: „Wir wissen allerdings nicht, ob es Kinder in ihrer Entwicklung beeinträchtig, keinen Freund zu haben. Dazu gibt es noch keine Forschung. Und wir wissen auch nicht, ob es im frühesten Alter schon Freundschaften geben kann, die Kindern vielleicht nicht guttun…“ (S.148) Auch dieses Kapitel schließt mit anregenden Erkundungsfragen, wie z. B.: „Was sind für Sie Merkmale einer Freundschaft?“, „Woran merken Sie, dass sich eine Freundschaft verändert?“ (S. 148).

Kapitel 5 Wie Kleinkinder zu mehreren ihre Beziehungen gestalten. Dieses Kapitel bietet vor allem für pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen vielfältige Anregungen, den eigenen Arbeitsalltag zu reflektieren, die manchmal vielleicht „störenden“ Aktivitäten der Kinder aus einer anderen Perspektive zu betrachten und den Kindern Raum für ihre Gruppenaktivitäten zu ermöglichen. Unter Überschriften wie: „Sich Ausschütten vor Lachen, Quatschmachen und Humor“ oder „Freudendialoge und Fröhlichkeitskonzerte“ werden Situationen beschrieben, die den Kern der Kinderkultur ausmachen. Zusammensein bedeutet mehr als die Summe einzelner Individuen. „Quatschmachen als Sinnstiftung“, „Humor als Humus für Selbstwirksamkeit“, diese Zwischenüberschriften halten, was sie versprechen.

Kapitel 6 Peer-Beziehungen im Kita-Alltag Raum geben. Die Autorinnen setzen sich hier kritisch mit einer Erziehungs- und Forschungstradition auseinander, die vor allem Erwachsenen-Kind-Interaktionen Bedeutung zuweist. „Wenn Erwachsene die Interaktion lenken, scheint nicht genügend Freiraum für Kinder zu bestehen, ihre eigene Kultur zu entwickeln. Und das bedeutet, dass diese dann auch für die Erwachsenen nicht zu entdecken ist, sodass im Alltag gar nicht erfahrbar wird, über welche Potenziale die Kinder verfügen“ (S. 184). „Gemeinschaftliche Unternehmungen im toddler style kommen in Situationen, die von Erwachsenen strukturiert und angeleitet sind, seltener vor. Ein- und Zweijährige brauchen Handlungsspielraum, um ihre Welt der Ausdrucksweisen und Beziehungen entstehen zu lassen“ (S. 181). Deshalb stellen die Autorinnen Peer-Beziehungen in Schlüsselsituationen des Kita-Alltags vor und regen auch hier durch Erkundungsfragen zum Nachdenken und Gestalten an. Wie folgende Beispiele zeigen:

  • „Wann, wo und wie kommen Kinder im Alltag der Kindertageseinrichtung dazu, einander kennenzulernen, sich aufeinander zu konzentrieren und Beziehungen aufzubauen?“
  • „Was ermöglicht Kindern, mitzuwirken und ihre Kultur zu entfalten?“ (…)
  • „Wie können Erwachsene den Tagesablauf so gestalten, dass der Austausch unter Kindern jederzeit Platz darin hat?“ (…)
  • „Lassen wir Kinder entscheiden, neben wem sie beim Essen sitzen, wo sie schlafen wollen und in wessen Nähe sie sich dabei begeben?“
  • „Unterstützen wir Begrüßungen unter Kindern?“ (…) (S. 171)

Diskussion

Dieses Buch verdeutlicht, was in der Frühpädagogik manchmal vergessen wird. Kinderkrippen sind auch deshalb Bildungsinstitutionen, weil sie Kleinkindern den Kontakt zu Gleichaltrigen ermöglichen, der ihnen in modernen Kleinfamilien oft nicht regelmäßig und kontinuierlich möglich ist und es gerade dieser regelmäßige Kontakt ist, der entwicklungsförderliche Beziehungen unter Gleichaltrigen entstehen lässt.

Das Buch ist im besten Sinne des Wortes praxisrelevant. Es stellt wissenschaftliche Erkenntnisse und Theorien zur Verfügung, die dringend notwendig für die Qualitätsdiskussion in Kinderkrippen sind. Und es regt an und unterstützt, Praxis zu reflektieren und gut zu gestalten.

„Was wir gemeinsam alles können“ ist nicht nur ein fachlich gutes, sondern dazu auch noch ein ansprechend fröhliches Buch. Die vielen Interaktions- und Kommunikationsbeispiele lassen Leserinnen und Leser teilhaben am Alltag und Leben der Kinder. In einer Gesellschaft, in der die Begegnung mit Kleinkindern nicht mehr selbstverständlich ist, ist das allein schon Grund genug, das Buch zu lesen. Es gelingt den Autorinnen sowohl in den Bildern, als auch in den Situationsbeschreibungen die Kultur der Kinder sichtbar, sie erlebbar zu machen. Eine schwierige Aufgabe, wenn man bedenkt, dass Kleinkinder eine Sprache sprechen, für die es noch keine Schrift gibt.

Fazit

Eine Bereicherung für die Fachdiskussion in Frühpädagogik. Anschaulich und verständlich geschrieben unterstützt es den interdisziplinären Dialog. Für Studierende ist es eine fachlich verlässliche Fundgrube. Und für alle, die für gute Qualität in Kinderkrippen und Kindertageseinrichtungen eintreten, ist es ein Argument mehr.


Rezension von
Dr. Anna Winner
Psycholinguistin, München
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Zitiervorschlag
Anna Winner. Rezension vom 10.12.2014 zu: Kornelia Schneider, Wiebke Wüstenberg: Was wir gemeinsam alles können. Beziehungen unter Kindern in den ersten drei Lebensjahren. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2014. ISBN 978-3-589-24831-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17746.php, Datum des Zugriffs 21.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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