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Traugott Roser: Sexualität in Zeiten der Trauer

Cover Traugott Roser: Sexualität in Zeiten der Trauer. Wenn die Sehnsucht bleibt. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2014. 139 Seiten. ISBN 978-3-525-40233-7. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 20,90 sFr.
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Herausgeberin

Herausgeberin der Edition Leidfaden ist Monika Müller. Die Buchreihe „Edition Leidfaden“ ist Teil des Programmschwerpunkts „Trauerbegleitung“ bei Vandenhoeck & Ruprecht. Die Edition bietet Grundlagen zu wichtigen Einzelthemen und Fragestellungen im (semi-) professionellen Umgang mit Trauernden. Das vorliegende Buch wendet sich denn auch in erster Linie an Trauerbegleiterinnen und -begleiter.

Entstehungshintergrund

Der Autor möchte mit seinem Buch „erste Schneisen in den Wald des Schweigens bahnen“, denn meist blieben Empfindungen und Gedanken rund um Zärtlichkeit und Sexualität in Zeiten der Trauer, in den geschützten Wänden des Schlafzimmers und seien selbst den nächsten Angehörigen verborgen. Traugott Roser stützt sich einerseits auf seine Erfahrungen in der Trauerbegleitung, andererseits auf eigenes Erleben durch den Tod seines Ehemannes. Eine Erfahrung die es ihm ermöglichte, sich angstfrei auf heikles Terrain zu begeben.

Der Autor spricht Themen an, die ihm in diesem Zusammenhang wichtig erscheinen und hofft dabei, dass berufene Fachleute sich der Thematik mit aller Gründlichkeit annehmen werden. Das Buch soll sozusagen der Anfang eines Prozesses sein. Es wäre schön, wünscht er sich, wenn Trauernde, die sich mit ihrer Sexualität auseinandersetzen, nicht auf Schlafende, sondern auf wache und anteilnehmende GesprächspartnerInnen stossen würden.

Aufbau

Das vorliegende Buch ist in folgende drei Bereiche aufgeteilt:

  1. „Sexualität“,
  2. „Erfahrungen“ sowie
  3. „Impulse für die Begleitung und Beratung“

Dies wird von einer Auflistung von Impulsfragen für BegleiterInnen sowie empfohlener Literatur ergänzt. Am Ende der einzelnen Abschnitte stehen oft auch Kästchen mit konkreten Tipps für BegleiterInnen.

Zu 1. Sexualität

Was heisst Sexualität: Um sich des Brisanz der vorliegenden Thematik überhaupt annähern zu können, beleuchtet Traugott Roser als erstes das Thema Sexualität. Er nervt sich über die Dauerbedrängung mit Bildern, Texten und Botschaften, kurz über die Pornografisierung der Sexualität. Denn im vorliegenden Buch geht es nicht um die Frage „wie haben Trauernde Sex?“, sondern u.a. um sehr tiefgreifende Gesellschaftliche Tabus und verinnerlichte Glaubenssätze, die es Trauernden oft verunmöglichen, ein lebendiges und freudiges Leben auch nach dem Tod von nahe Stehenden zu leben.

Wie Krankheit sich auf Sexualität auswirken kann: Roser zitiert aus einer Befragung von Patientinnen und Patienten sowie PartnerInnen zwischen 31 und 86 Jahren, inwiefern die Erkrankung Auswirkungen auf ihr sexuelles Leben und Erleben hatte. Die Palette reichte von „ich kann mich so nicht mehr zumuten“ bis zu „es ist ein Gewinn“. Es zeigt sich, dass vor allem Menschen mit einem reduktionistischen Verständnis, Sexualität = Geschlechtsverkehr, stärker litten, wenn die Krankheit ein verändertes Sexualverhalten notwendig machte. Und gerade hier liegt ein Knackpunkt: Sexualität und körperliche Intimität müssten neu verhandelt werden.

Die vier Aspekte der Sexualität und ihre Bedeutung in Trauermodellen Identitätsaspekt: Die Veränderung der sozialen Identität wirkt sich auch auf die sexuelle Identität aus, denn die soziale Identität als Witwe oder Witwer bezieht sich immer noch auf die verstorbene LebenspartnerIn. Der Platz des Sexualpartners oder der Sexualpartnerin ist noch reserviert.

Beziehungs- und Bindungsaspekte: Was ist mit den Bindungen, die entstanden sind, wenn einer geht? Trauerarbeit besteht darin, die Bindungen die ziellos im Raum stehen wieder zu sich zurückzunehmen.

Weiter schreibt Roser über den Lustaspekt sowie den Aspekt der Fruchtbarkeit.

Zu 2. Erfahrungen

Internetforen (dieses Kapitel schreibt Traugott Roser zusammen mit Annina Ligniez) und ihre überschwemmenden, unqualifizierten Ratschläge, die oft mehr verwirrend und beleidigend als hilfreich sind. Es geht beispielsweise um die Frage, ab wann man wieder sexuelle Gefühle haben oder gar den Wunsch nach einer neuen Partnerschaft verspüren darf. Bis heute geistert das aus dem römischen Recht stammende „Trauerjahr“ in den Köpfen. Und hier wird eine Diskrepanz zwischen Erleben und den Moralvorstellungen sichtbar, und hier findet auch allerhand Projektion statt. So werden Männer und Frauen von der Umwelt zur lebenden Erinnerung an die Verstorbenen und als Symbol für ewige Liebe gemacht, oder zuweilen geradezu zu „Heiligen“ stilisiert.

Die Sprache der Kleidung – den Körper vermissen: In diesem Abschnitt bezieht Roser das Medium „Film“ in die Trauerbegleitung mit ein, und schildert die versteckte Sehnsucht eines Mannes nach dem Körper seiner Frau, und wie er ihr Kleid trägt. Die Kleidung des Verstorbenen ist nach der Beerdigung oft der einzige Gegenstand der an seine Körperlichkeit erinnert.

Masturbation: Traugott Roser regt das behutsame Thematisieren von Masturbation im Rahmen einer Trauerbegleitung an, indem darauf geachtet wird, ob und wie die Erinnerung an die verstorbene Partnerin, den verstorbenen Partner sich anfühlt, ob sie hilfreich oder belastend wirkt, lustvoll oder verzweifelt?

Ein weiteres Kapitel ist der Sexualität nach dem Tod eines Kindes gewidmet. Vorsicht vor Verallgemeinerungen wie Trauer von Mutter und Vater auszusehen haben, sei angebracht. In Interviews mit Paaren zeigte sich, dass über die Hälfte der Mütter und knapp die Hälfte der Väter nach dem Tod eines Kindes von ernsthaften Problemen in der Sexualität sprachen. Sexuelles Verlangen nahm ab, das Bedürfnis nach körperlicher Nähe eher zu. Oder von schlechtem Gewissen der Eltern wird berichtet, wenn sie sich der körperlichen Liebe widmen, statt an das verstorbene Kind zu denken. An Schluss des Kapitels listet der Autor Impulsfragen für die Trauerbegleitung von Eltern auf.

Das Kapitel schliesst mit vielfältigen Fallbeispielen über Sexualität und Trauer ab.

Zu 3. Impulse für Begleitung und Beratung

Die Kunst des Darüber-Redens. Trauerbegleiterinnen und -begleiter sind auch sexuelle Wesen, und können von Geschildertem oder Erlebtem, beispielsweise im Pflegealltag, mit eigenen unreflektierten Gefühlen, Verletzungen und Vorstellungen konfrontiert werden. Hier erzählt der Autor aus einem Workshop mit TrauerbegleiterInnen. Er erklärt, einmal mehr, dass die Thematik von den Begleitenden angesprochen werden müsse, denn mehr als die Hälfte aller Frauen und Männer sind es nicht gewohnt mit jemandem, auch nicht mit dem Partner oder der Partnerin, über ihr Sexualleben zu reden, also ist auch kaum zu erwarten, dass sie sich jemandem aussen Stehenden anvertrauen.

Focusing gegen Sprachlosigkeit von Annina Ligniez. Das Erleben körperlicher Nähe zählt zu den intensivsten menschlichen Beziehungserfahrungen. Umso erstaunlicher sei es, dass dieser Verlust nicht explizit in Trauergesprächen vorkomme. Ligniez Vermutung; es fehlen die Worte. Sie schlägt vor, die Technik des Focusing in die Gespräche einzubauen. Das Fokussieren bezieht sich auf das Wahrnehmen körperlicher Erfahrungen, spüren, erfassen, beobachten, und solcherart wird es einfacher auch Worte zu finden. In der Arbeit mit diesem Konzept erscheint der Körper nicht mehr als unbedeutend, verwerflich oder unanständig, sondern gewinnt ein Mehr an Bedeutung, wird selbst zum Organ der Wahrnehmung und somit zu einem bedeutenden Bestandteil von Kommunikation.

Einbezug von Märchen und Filmen in die Trauerbegleitung. Medien bilden oft eine gute Einstiegshilfe für Gespräche, ohne vorerst über sich selber zu reden oder reden zu müssen. Der Autor zeigt das am Beispiel des Märchens „Dornröschen“ und listet verschiedene Filme, welche die Thematik aufgreifen.

Impulsfragen für BegleiterInnen. Traugott Roser weist noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass das Thema sehr individuell erfahren wird. Was beim einen als einfühlsames Gespräch verstanden werde, könne bei der anderen als Indiskretion empfunden werden. Deshalb empfehle es sich, eine Klientin, einen Klienten um Erlaubnis zu bitten, dieses Thema ansprechen zu dürfen und fügt einen möglichen Gesprächseinstieg an.

Diskussion

Eins vorweg: Löblich, dass der Autor nicht den Satz „Leserinnen sind selbstverständlich mitgemeint“ anbringt, sondern sich durchgehend um eine geschlechtergerechte Sprache bemüht. Ob die gewählte *Variante besonders Lesefreundlich ist, sei dahingestellt.

„Sexualität in Zeiten der Trauer“ bahnt tatsächlich „erste Schneisen in den Wald des Schweigens“. Das Buch konfrontiert mit gesellschaftlichen Moralvorstellungen, die es Hinterbliebenen erschweren bis verunmöglichen, nach dem Tod eines oder einer Liebsten wieder ein auf allen Ebenen erfülltes Leben zu leben. „Keimfreie“ Aspekte der Sexualität sind zwar allgegenwärtig, aber wenn Sexualität sich menschlich zeigt, dann ist sie nach wie vor ein Tabu-Thema. Dann wenn es um Gefühle geht, um tiefe Erfahrungen, um persönliches Erleben, dann fehlen die Worte, dann wird weg geschaut, denn dann kann es auch unbequem werden, weil es uns alle betrifft.

Das Buch gibt einen Einblick darüber was Sexualität sein kann und welche Aspekte in der Trauerbegleitung von Wichtigkeit sind. Es kommt sehr praxisnah daher. Der Autor vermittelt Techniken und konkrete Einstiegshilfen, listet geeignete Filme und Literatur und befähigt interessierte Trauerbegleiterinnen und -begleiter, die Thematik sofort in ihre Gespräche mit aufzunehmen.

Fazit

Ein gut lesbares und praxisnahes Buch, das sofort umsetzbare Impulse vermittelt. Zielpublikum: Menschen, die Trauernde begleiten.


Rezensentin
Marlise Santiago
Praxis für Körper, Beziehung, Sexualität
Homepage www.beraten-und-beruehren.ch
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Zitiervorschlag
Marlise Santiago. Rezension vom 29.12.2014 zu: Traugott Roser: Sexualität in Zeiten der Trauer. Wenn die Sehnsucht bleibt. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2014. ISBN 978-3-525-40233-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17747.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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