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Klaus Hummel, Michail Logvinov (Hrsg.): Gefährliche Nähe. Salafismus und Dschihadismus [...]

Cover Klaus Hummel, Michail Logvinov (Hrsg.): Gefährliche Nähe. Salafismus und Dschihadismus in Deutschland. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2014. 295 Seiten. ISBN 978-3-8382-0569-4. D: 24,90 EUR, A: 25,00 EUR, CH: 29,00 sFr.
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Eine konflikttheoretische Perspektive gegen Radikalisierung, Fundamentalismus und Terrorismus?

Die Ausrufung des Dschihad als Lebens- und Rechtsform stellt mittlerweile nicht mehr nur eine weltanschauliche Programmatik im Islam und für Gläubige dieser Religion dar, sondern hat als antiwestliche und antimodernistische Bewegung längst globale Bedeutung erlangt. Der Anspruch der Salafisten, die ursprünglich eine geistige, sufistische und politikabgewandte Richtung im Islam vertraten, die Menschen mit Macht und Gewalt zum „wahren“ Glauben zu prügeln und zu bomben, hat einerseits insbesondere in den westlichen, pluralistischen Ländern zu einem Zulauf von vor allem jungen, in ihrer Identität nicht gefestigten Menschen geführt; zum anderen in den Mehrheitsgesellschaften eine massive Ablehnung und Unverständnis bewirkt. Der öffentliche Diskurs über salafistische Aktivitäten bewegt sich dabei zwischen mehrheitsgesellschaftlichen Meinungen, die nicht selten durch fremdenfeindliche und rassistische Parolen aufgeheizt werden, und einem eher wegschauenden Verhalten: „Was gehen mich die Salafisten an!“. Beide Positionen sind abzulehnen und widersprechen einem demokratischen und toleranten Bewusstsein. Vielmehr muss es darum gehen, sich mit den ideologischen und fundamentalistischen Formen eines Denkens und Handelns auseinander zu setzen, das bestimmt sein muss von dem Willen und der Kompetenz zur Information und Konfliktregulierung: „Ohne Wissen voneinander gibt es kein Verständnis füreinander“ (Guido Knopp / Stefan Brauburger / Peter Arens, Der Heilige Krieg. Mohammed, die Kreuzritter und der 11. September, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/14134.php). Die Auseinandersetzung über islamistische Entwicklungen als lokale und globale Herausforderung vollzieht sich im wissenschaftlichen Diskurs in vielfältiger Weise (Kai Hafez, Freiheit, Gleichheit und Intoleranz. Der Islam in der liberalen Gesellschaft Deutschlands und Europas, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14792.php; Katajun Amirpur, Den Islam neu denken. Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15400.php; Imad Mustafa, Der politische Islam. Zwischen Muslimbrüdern, Hamas und Hizbollah, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/16602.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Die Forderungen, dass eine Demokratie wehrhaft sein muss gegenüber demokratiefeindlichen, menschenverachtenden und dominanten Ideologien, kann natürlich nicht bedeuten, andere Meinungen und Verhaltensweisen in einer Gesellschaft in jedweder Form nicht zuzulassen oder sie zu verbieten. Immerhin gebietet das Menschenrecht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit eine besondere Aufmerksamkeit darauf, Toleranz zu üben. Die Grenzen freilich sind erreicht und Widerstand ist gefordert, wenn Meinungen intolerant vertreten werden und der kategorische Imperativ, die Grundlage des humanen, friedlichen und gerechten Zusammenlebens der Menschen auf der Erde, aus den Angeln gehoben wird. Um Zuschreibungen, Meinungsbildungen und Alarmismen nicht nur emotional und allzu oberflächlich wirksam werden zu lassen (vgl. dazu: Martha C. Nussbaum, Politische Emotionen, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17720.php), bedarf es einer objektiven, wissenschaftlichen Betrachtung des Phänomens. Geeignet dafür sind die Radikalisierungs- und Terrorismusforschung.

Der Politikwissenschaftler, Soziologe und Islamwissenschaftler Klaus Hummel vom Landeskriminalamt Sachsen und der wissenschaftliche Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden, Michail Logvinov, geben den Sammelband heraus. Der Titel „Gefährliche Nähe“ soll zum Ausdruck bringen, dass es zum Diskurs um „Salafismus“ einer differenzierten Betrachtungsweise und einer intensiveren Auseinandersetzung um Begriffe und öffentlicher Meinungsbildungen bedarf. Im Sammelband stellen sechs Expertinnen und Experten ihre Erfahrungen und Analysen vor, mit der Absicht, „die – gegebene, konstruierte und instrumentalisierte – gefährliche Nähe von Salafismus und Dschihadismus verständlicher zu machen“.

Aufbau und Inhalt

Klaus Hummel und Michail Logvinov diskutieren mit ihrem Beitrag „Gefährliche Nähe zwischen Salafismus und Dschihadismus als sozialer Fakt und sicherheitspolitischer Artefakt“. Sie verweisen auf die verschiedenen Ausprägungen und Richtungen, die sich beim Wirken des Salafismus in Deutschland zeigen: Puristische, politisierte und dschihadistische Salafisten, und sie stellen die Grauzonen und Ambivalenzen des informellen islamischen Milieus und das Wirken von Milieuangehörigen vor.

Michail Logvinov zeigt mit seinem Beitrag „Der deutsche Dschihad – Revisited“ die Entwicklungen auf, die sich durch Tendenzen der Internationalisierung ergeben. Die Argumentationen, Indoktrinationen und Provokationen, denen konfrontativ- und auf Lebensenttäuschungen angelegte Islamisten ausgesetzt sind, zielen auf gewaltsame und ideologische Veränderungen in der deutschen Gesellschaft. Die Sicherheitspolitik und Bevölkerung zu Überreaktionen zu verleiten und damit fremdenfeindliche Einstellungen zu erzeugen, gehören zu den Strategien der radikalen salafistischen Gruppen.

Klaus Hummel verweist ebenfalls mit seinem Beitrag „Salafismus in Deutschland – Eine Gefahrenperspektive“ auf die vielfältigen Formen und Aktivitäten, die von Salafisten der verschiedenen Couleur öffentlich, medial und publizistisch, ausgetragen werden. Er stellt die verschiedenen Salafismen vor und leitet ihre Lehren und Ideologien aus der Geschichte des Islam her. Er zeigt auf, „dass salafistische Milieus … ein vielversprechendes Umfang für dschihadistische Agitation und Rekrutierung darstellen“.

Michail Logvinov zeigt mit seinem Beitrag „Islamische Dschihad-Union als Auftraggeberin der ‚Sauerlandzelle‘“ die Verbindungslinien auf, die durch virtuelle Vernetzungen bis hin zu phantasievollen Erfindungen und Täuschungsmanöver zu realen, terroristischen Gefahren und Aktivitäten in Usbekistan, Pakistan, Afghanistan und anderen Regionen in der Welt führen und sich von regionalen zum internationalistischen Dschihad entwickeln: „Die ‚Al-Qadisierung‘ des zentralasiatischen Terrorismus ist … keine Fantasie“.

Erneut Michail Logvinov zeigt in seinem Beitrag „Radikalisierungsprozesse in islamistischen Milieus“ Erkenntnisse und weiße Flecken in der Radikalisierungsforschung auf. Dabei diskutiert er die in der Sicherheitspolitik bislang praktizierten Formen der (militärischen) Bekämpfung von so genannten „Gotteskriegern“, von denen einige tatsächlich aus unserer „gesellschaftlichen Mitte“ kommen und stellt fest, dass erst einmal nach den Radikalisierungsursachen gefragt werden sollte, um Hypothesen für die Radikalisierungsabläufe bilden und Lösungsmodelle entwickeln zu können. Indem er die gängigen Modelle vorstellt, fordert er zu einem Paradigmenwechsel in der Gewalt- und Radikalisierungsforschung und zur Entwicklung und Erprobung von wirksamen Deradikalisierungsprogrammen auf.

Der Friedens- und Konfliktforscher Alexander Heerlein fragt in seinem Beitrag „‚Salafistische‘ Moscheen – Ort des Gebets oder eine Brutstätte für dschihadistische Muslime?“ nach der Entstehung von politisch motivierter Gewalt. Er stellt aus religionswissenschaftlicher Perspektive die Entwicklung der „Salafiyya“ dar und zeigt die Gewalt- und Friedenspotentiale des Islam auf. Aus seinen Forschungsergebnissen filtert er die Zusammenhänge und Erkenntnisse über nicht-salafistische und dschihadistische Salafisten in Deutschland heraus und zeichnet mit einem Profiling ein prototypisches Bild eines deutschen Dschihadisten auf.

Die Hamburger Islam- und Politikwissenschaftlerin Daniela Pisoiu und Klaus Hummel stellen „Das Konzept der ‚Co-Radikalisierung‘ am Beispiel des Salafismus in Deutschland“ vor. Die Definition von Radikalisierung „als die wachsende Bereitschaft, weitreichende Veränderungen innerhalb einer Gesellschaft zu verfolgen und zu unterstützen, welche in Konflikt mit der existierenden Ordnung stehen oder eine unmittelbare Bedrohung für diese darstellen“ (Dalgaard-Nielsen) liegt dabei dem Theorie- und Praxismodell zugrunde. Das Autorenteam entwickelt idealtypisch drei Ebenen, um eine Co-Radikalisierung operationalisieren zu können: Formen des Tätigwerdens als Reaktion auf einen sich real oder vermeintlich radikalisierenden Akteur; die Betrachtung der Mechanismen oder Dynamiken beim Prozessverlauf; Auswirkungen.„Radikalisierung wird nicht durch Religion, die Lektüre bestimmter fundamentalistischer religiöser Texte oder durch die Zugehörigkeit zu bestimmten ethnischen und/oder religiösen Gemeinschaften verursacht“; vielmehr entsteht sie als politische Frage, indem „Personen ( ) gewisse politische und soziale Sachverhalte als Ungerechtigkeiten wahr (nehmen)…“.

Der Politikwissenschaftler und Referent für Presse und Politik an der deutschen Botschaft in Libyen, Frank Horst, thematisiert „Unwahre Begriffe vom ‚Wahren Weg‘“, indem er Untersuchungen über akteursbezogene und attitüdenbasierte salafistische Netzwerke vorstellt. Wenn Salafismus nicht (nur) als ein spezielles Beispiel des Aktivismus einer sozialen Bewegung verstanden werden soll, sondern in ihren Ausprägungen, Wirkungen und Aktivitäten spezifische Merkmale aufweist, bedarf es auch einer besonderen Analyse, die insbesondere die ideologischen Rahmenbedingungen des Salafismus zu berücksichtigen hat. Mit den islamischen Grundsätzen des Tauhid, der Anerkennung der Einzigkeit Gottes, und der Umma, der Einheit der muslimischen Gemeinschaft, entwickelt der Autor eine „Matrix salafistischen Urteilens“.

Klaus Hummel stellen fest, dass „das informelle islamische Milieu“ eine Blackbox in der Radikalisierungsforschung darstellt. Milieus sind nicht soziale Bewegungen; sie verfügen im allgemeinen weder über stabile Organisationsstrukturen, noch über anerkannte Hierarchien. Der Autor formuliert die These, dass „sich die zumeist unter Salafismus subsumierten und damit pathologisierten Entwicklungen, die sich seit Beginn des neuen Jahrtausends vollziehen, nicht auf eine einzelne Strömung reduzieren lassen“. Es ist vor allem das Zusammenspiel von islamistischen, fundamentalistischen, salafistischen und dschihadistischen Akteuren, das translokale und interdependente Entwicklungen zeigt und sich als in einem islamisch-fundamentalistischen Milieu etabliertem „einheimischems Phänomen“ darstellt. Mit dem Begriff des „islamischen Populismus“ vervollständigt der Autor sein Konzept des informellen islamischen Milieus, zeigt die mittlerweile existierenden formalisierte, institutionelle Entwicklung auf und verweist auf die dabei wirkenden identitätsstiftenden Infrastrukturen.

Matthias Garbert von der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg stellt mit seinem Beitrag „Allahs fehlgeleitete Söhne“ seine Untersuchungen von radikalisierungsfördernden Argumentationsstrukturen auf salafistischen Internetseiten vor. Dabei zeigt sich „ein geschlossenes dichotomes Weltbild“, das auf verabsolutierten Normvorstellungen und Handlungsanweisungen basiert, die strikte Unterscheidungen zwischen Gläubigen und Ungläubigen vornehmen und jeden Versuch von normabweichender Argumentation und Verhalten mit Strafandrohungen belegt. „Es sind diese Muster und nicht die diversen Bestandteile theologischen Orientierungswissens, die zur Transformation der Persönlichkeit und damit zur Radikalisierung beitragen“.

Klaus Hummel beschließt den Sammelband mit der Darstellung und Analyse des im Satelliten-Fernsehsender „Peace TV“ weltweit auftretenden, muslimischen Telepredigers Zakir Naik und seinem „Tele-Da´wa“ als Erfolgsmodell des islamischen Populismus. Der ursprünglich als indischer Fernsehkanal etablierte Sender hat sich mittlerweile als populistische Medienmacht etabliert, die Proteste und Bewegungen gegen einen missverstandenen und verfolgten Islam in die Welt trägt.

Fazit

Mit den einzelnen Beiträgen zum „Salafismus und Dschihadismus in Deutschland“ wollen die Autorinnen und Autoren einen Perspektivenwechsel bei der Auseinandersetzung und Analyse des Phänomens bewirken. Im Rahmen der Radikalisierungsforschung plädieren sie für„eine konflikttheoretische Perspektive, die die Existenz salafistischer und islam(ist)ischer Bewegungen in Deutschland als Herausforderung sieht, sich als pluralistische, von Diversität geprägte Gesellschaft in Anbetracht weltpolitischer Umbrüche und sozialen Wandels über gemeinsame Werte und Normen auszutauschen und zu verständigen“, aber auch, sich fundamentalistischer, demokratie- und gemeinschaftszerstörender Ideologien mit effektiven und tauglichen wissenschaftlichen Mitteln zu erwehren (vgl. dazu auch: Gilles Kepel, Jihad. Expansion et déclin de l´islamisme, Édition Gallimard, 2003, 751 S.).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.11.2014 zu: Klaus Hummel, Michail Logvinov (Hrsg.): Gefährliche Nähe. Salafismus und Dschihadismus in Deutschland. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-8382-0569-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17750.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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