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Andreas Schwinkendorf: Fußball und Gewalt

Cover Andreas Schwinkendorf: Fußball und Gewalt. Die Sicht von Zuschauern und Akteuren am Beispiel des F.C. Hansa Rostock. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2014. 348 Seiten. ISBN 978-3-86676-377-7. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 36,90 sFr.
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Autor und Entstehungshintergrund

Andreas Schwinkendorf ist diplomierter Verwaltungsfachwirt, Polizeibeamter des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern und Master of Criminology and Police Science. Das vorliegende Buch enthält seine Master-Thesis, die von der Ruhr-Universität Bochum angenommen worden und im wesentlichen von Professor Thomas Feltes betreut worden ist. Die Masterarbeit hat im Kern einen Umfang von 128 Seiten; die übrigen 220 Seiten bilden den Material-Anhang, bestehend vor allem aus fünf transkribierten Interviews und den Fragebögen zu zwei Online-Umfragen. – Für methodologisch Interessierte eine Fundgrube!

Begriffsklärungen

„Fußball“ - Das Buch befasst sich mit einem Wettkampfspiel, das in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den besseren Kreisen Englands aus der Taufe gehoben worden ist und heute zu den beliebtesten Aktiven- und Zuschauer-Sportarten der Welt zählt. Die Vorläufer des heutigen Fußballspiels, zurückgehend bis zum chinesischen Ts´uh-küh im dritten vorchristlichen Jahrtausend, bleiben außer Betracht.

„Gewalt“ - Bei der Definition des Begriffs Gewalt schließt man sich dem Politlexikon der Bundeszentrale für politische Bildung an: Gewalt ist der „Einsatz von physischem und psychischem Zwang gegenüber Menschen sowie die physische Einwirkung auf Tiere oder Sachen.“ (vgl. S. 14)

„Fans“ - Unter Fans versteht man eine besonders aktive und intensive Zuschauer-Rolle. Die Arbeit schließt sich den bekannten Fan-Kategorien an, wie sie von Wilhelm Heitmeyer, Gunter Pilz und der szenekundigen Polizei entwickelt worden sind. Dabei tritt heute die Gruppierung der „Ultras“ in den Vordergrund. Die „Hooligans“ verdienen nicht mehr die Aufmerksamkeit wie noch vor 20 Jahren, kehren allerdings in veränderter Gestalt im Kofferwort „Hooltras“ wieder auf die Bühne der Delinquenten zurück.

„Ausmaß der Fan-Gewalt“ - Der Anteil der gewaltbereiten Fußballfans liegt, gemessen an der Zahl aller regelmäßigen Stadionbesucher in den ersten drei Bundesligen, bei lediglich cirka 0,5 Prozent.

„FC Hansa Rostock“ - Nimmt man die 56 Rangplätze der ersten drei Bundesliga-Spielklassen, rangiert der Verein Hansa Rostock derzeit weit hinten, um den 50. Platz herum. Gemessen an der Anzahl der „gewaltgeneigten“ und „gewaltsuchenden“ Fans steht Hansa weit vorne, auf dem 5. Platz. In einer weiteren unrühmlichen Tabelle steht Rostock noch weiter vorn und ist gewissermaßen Deutscher Vizemeister: Mit 145 Personen mit Stadionverbot liegt Hansa an zweiter Stelle der von dieser zivilrechtlichen Maßnahme am meisten betroffenen Vereine.

Erkenntnisinteresse

Die vorliegende Arbeit will „Lösungsansätze zur Vermeidung von Gewalt in Zusammenhang mit Fußballspielen erarbeiten.“ (S. 69) Daher fokussiert sie das Verhältnis zwischen Fans und Polizei, von dem es heißt, es sei ein „gestörtes Verhältnis“. (ebd.) Die Analyse der „Störungen“ bleibt im Vagen. Von „fehlender Transparenz“, „mangelnder Ehrlichkeit“ und „nicht stattfindender Kommunikation“ ist die Rede.

Empirische Grundlagen

Die empirische Tatbestandserhebung „Fußball und Gewalt“ im Umkreis des Vereins FC Hansa Rostock bedient sich zweier Instrumente:

  1. In den Jahren 2012 und 2013 wurden zwei Online-Befragungen durchgeführt, an denen ca. 1900 „Kunden“ und „Fans“ des FC Hansa Rostock teilnahmen.
  2. Fünf problemzentrierte Experten-Interviews wurden mit maßgeblichen Vertretern der Fan-Szene, des Vereins, der Stadt, der Polizei und der Justiz durchgeführt.

Ergebnisse

Gewalt, die sich rund um Fußballspiele Ausdruck verschafft, hat ihre Ursachen nicht im Fußballspiel, sondern in einer fehlgelaufenen Sozialisation der Aggressoren, fast ausschließlich heranwachsende Männer. Wer nur die Erscheinungsformen der Gewalt bekämpft und sich nicht um ihre Herkunft kümmert, kommt dem postulierten Ideal des „friedvollen Fußballspiels“ (S. 101) nicht näher.

Wie aber kann man das Übel an der Wurzel packen, ohne an die Wurzel heranreichen zu können? Denn Verein und Polizei müssen nun einmal mit den Fans arbeiten, die sie vorfinden, aus welchen Milieus und Elternhäusern sie auch immer kommen. Und da gilt grundsätzlich: Mehr Repression „von oben“ – schärfere Zugangskontrollen, personalisierte Tickets, Versitzplatzung der Fanblöcke, rigoroses Verbot von Pyrotechnik, härtere Ahndung von Regelverstößen durch Stadionverbote ohne Bewährungschance etc. – führt zu mehr Konfrontation „von unten“. Darum: Die Fans nicht nur als Sicherheitsrisiko wahrnehmen und repressiv behandeln, sondern als kreatives und beeinflussbares Potenzial mit der Fähigkeit zur Selbstregulierung ansprechen. Also gilt es den Dialog im Netzwerk aller Beteiligten zu fördern: Polizei, Verein, Fans. Denn „Gewalt entsteht auch dort, wo der Dialog nicht mehr möglich ist.“ (S. 103) Das Buch plädiert für ein kommunizierendes Miteinander, das alle Beteiligten und Betroffenen umfasst. Als Musterbeispiele werden „Dialogteams“ der Kantonspolizeien in Zürich und Bern angeführt. In Rostock sind diesbezügliche Ansätze einer „systemischen Fan-Arbeit“ erkennbar.

Fragen

Über das „Ideal“ des „friedvollen Fußballspiels“ selbst wird nicht weiter nachgedacht. Ist dieses Ideal tatsächlich unumstritten? Ist der Fußball als Ort kontrollierter Randale und ventilierter „Triebabfuhr“ nicht zivilisatorisch wünschenswerter als eine Friede-Freude-Eierkuchen-Atmosphäre im und um das Stadion herum?

Eine weitere Frage betrifft das Netzwerk der Beteiligten: Fehlt nicht ein wesentlicher Akteur, weil er nur am Rande vorkommt? Neben Fans, Verein und Polizei gehören doch die „Medien“, also Presse, Funk und Fernsehen, zu den Hauptakteuren, wenn es um das Thema „Fußballgewalt“ geht. Dass dieses Thema in der Öffentlichkeit überhaupt eine so große Rolle spielt, ist auch der Berichterstattung zu verdanken. Die Hochstilisierung von geringfügigen Scharmützeln zu brutalen „Gewaltexzessen“ garantiert Auflage und Quote; darum neigen die Medien gerne dazu, aus Mücken Elefanten zu machen. Die Gewalttäter rund um den Fußball, siehe oben, machen nur 0,5 Prozent der Zuschauerschaft aus. 96 Prozent der regelmäßigen Stadionbesucher, so weiß die Arbeit zu berichten (S. 13), „sind mit der Sicherheitslage rund um das Stadion zufrieden“. Also so gut wie alle. Aber ca. 40 Prozent derer, die nie zum Fußball gehen, halten das Stadion für einen hochgefährlichen Ort. Zugespitzt könnte man schlussfolgern: Ohne die einseitige Medienberichterstattung – „only bad news are good news“ – gäbe es das Problem der „Fußballgewalt“ in dieser Dimension nicht. Die Rolle der Medien – als Eskalator und Dialogpartner – hätte in der Arbeit noch stärker berücksichtigt werden müssen.

Fazit

Das Buch ist ein guter Beitrag zur Versachlichung der Diskussion über das Thema „Fußball und Gewalt“. Die strafverfolgende Polizei wird um eine verstehende Polizei ergänzt, die am „runden Tisch“ Platz nimmt, den Dialog mit der anderen Seite, den gesprächsbereiten Fans, sucht und das Gewaltmonopol so handhabt, wie es staatlicher Auftrag ist: der Deeskalation dienend, also der Befriedung.

Dass der Autor Polizist und Polizeiwissenschaftler in einer Person ist, verleiht den vorgetragenen „Lösungsansätzen“ zur Gewaltvermeidung ein besonderes Gewicht.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 14.04.2015 zu: Andreas Schwinkendorf: Fußball und Gewalt. Die Sicht von Zuschauern und Akteuren am Beispiel des F.C. Hansa Rostock. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-86676-377-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17754.php, Datum des Zugriffs 12.12.2018.


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