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Andy Jespersen: Gleich­geschlechtliche Paare als Pflegeeltern

Cover Andy Jespersen: Gleichgeschlechtliche Paare als Pflegeeltern. Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (Siegen) 2014. 431 Seiten. ISBN 978-3-934963-36-8. 15,00 EUR.
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Thema

Der Autor stellt die Frage und erarbeitet Antworten darauf: Wie passen die beiden gesellschaftlichen Entwicklungen der modernisierten Pflegekinderhilfe in Deutschland und der Wunsch nach Kindern gleichgeschlechtlicher Paare zusammen?

Entstehungshintergrund

Andy Jespersen ist eingebettet in die Forschungsgruppe Pflegekinder an der Universität Siegen. Damit kann die Arbeit auf bereits vorhandene Ressourcen und Kontakte zurückgreifen, was das hohe Niveau der vorliegenden Master Thesis prägt und durch ein wohlwollendes Vorwort des Forschungsgruppenleiters Prof. Dr. Klaus Wolf bezeugt wird.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in zwei etwa gleich grosse Teile: einen theoretischen und einen empirischen.

Während im Theorieteil die Phänomene der sexuellen Orientierung, der Partnerschaften mit und ohne Kinder(wunsch), sowie der Pflegekindervermittlung durch Jugendämter quantitativ und qualitativ herausgearbeitet werden, zeigen zwei Interviews im empirischen Teil die konkreten Erfahrungen betroffener Pflegefamilien.

Inhalt

In der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklung sind einerseits heteronormative Geschlechtermodelle noch immer hegemonial gültig, andererseits zeichnen sich parallel dazu vielfältige pluralistische Lebensformen ab. Zu Beginn des Buches bettet der Autor ‚Homosexualität‘ als historisch neuzeitliches Konstrukt in die heteronormative Geschlechterkonzeption der Moderne ein, die ausgehend von einem strengen biologischen Geschlechterdualismus über entsprechende Geschlechtsidentitäten und sozial erwünschtes Rollenverhalten auf ebenso dual angelegte Elternschaft verweist. Die Postmoderne dagegen fordert und gewährt Wahlfreiheiten bis hinein in die private Lebensgestaltung. Insbesondere Lebensformen – wie beispielsweise gleichgeschlechtliche Partnerschaften – die wenig auf Tradition zurückgreifen können, zeichnen sich entsprechend durch vielfältige Suchbewegungen aus.

Seit 1996 lässt es der Mikrozensus Deutschlands zu, eine Schätzung der Anzahl in Paarhaushalten lebenden gleichgeschlechtlichen Partnerschaften vorzunehmen. Waren dies damals 38.000, sind es 2011 rund 67.000 Paare. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung zeichnen sie sich durch eher überdurchschnittliche Bildung und Einkommensverhältnisse aus. Bis 2011 haben 27.000 Paare von der seit 2001 verfügbaren formal-juristischen Eintragung ihrer Lebenspartnerschaften Gebrauch gemacht.

Im Jahr 2012 haben die Jugendämter Deutschlands über 40‘000 Kinder in Obhut genommen, was eine massive Zunahme in den letzten Jahren bedeutet. Natürlich sollen, können und dürfen nicht alle diese Kinder und Jugendlichen in Pflegefamilien untergebracht werden, aber für einen nicht unerheblichen Teil der Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen stellen Pflegefamilien für eine kürzere oder längere Zeit ihres Lebens eine ideale Hilfe dar, um Entwicklungsschritte machen oder sich aus desolaten Zuständen befreien zu können.

Jespersen prüft nun, ob homosexuelle Paare geeignete Pflegeeltern darstellen können, und wie weit die Jugendämter auf diese Ressource zurückgreifen. Da es zu diesem Spezialgebiet noch kaum wissenschaftliche Daten gibt, stützt er sich dabei insbesondere auf drei Expertinneninterviews.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Jugendämter empfahl schon in den 1990er Jahren, vermehrt auch gleichgeschlechtliche Paare für Pflegeelternschaften zu gewinnen. Vereinzelt wurden daraufhin in den grösseren Städten gleichgeschlechtliche Bewerberpaare für Pflegeplatzierungen berücksichtigt. Die Praxis der Jugendämter hierzu ist jedoch extrem unterschiedlich und hängt oft von der homosexuellenfreundlichen rsp. -feindlichen Einschätzung einer einzelnen Fachperson ab.

Natürlich muss bei homosexuellen genauso wie bei heterosexuellen Bewerbern jeder Einzelfall auf seine Chancen und Risiken geprüft werden. Darüber hinaus arbeitet der Autor jedoch unter dem Motto „besondere Familien können für Pflegekinder besondere Chancen eröffnen“ (Jespersen, S. 162) die folgenden Punkte heraus, die gleichgeschlechtliche Paare als besonders geeignet zeigen:

  • Durch die normabweichende Familienform werden die biologischen Eltern und ihre Väter- und Mütterrollen nicht durch die Darstellung einer besseren Idealfamilie konkurriert, was für leibliche Eltern oft einfacher zu akzeptieren ist.
  • Da Homosexuelle bei der Realisierung ihres Kinderwunsches immer schon auf Dritte angewiesen sind, zeichnet sich das Familiensystem von Anfang an durch grosse Offenheit aus und eröffnet die Chance, die Herkunftsfamilie in konstruktiver Weise mit einzubeziehen.
  • Durch den eigenen Minderheitenstatus in der Gesellschaft und allenfalls eigene Diskriminierungserfahrungen sind gleichgeschlechtliche Paare im Idealfall besonders sensibel für lebensbiografische Schwierigkeiten ihrer Pflegekinder und haben gelernt, ungewöhnliche Lebensumstände adäquat nach aussen zu vertreten.
  • Wenn homosexuelle Paare sich Kinder wünschen, dann entspringt dieser Wunsch im Gegensatz zu heterosexuellen Paaren nie aus dem gesellschaftlichen Normendruck oder biologischer Selbstverständlichkeit, sondern stellt einen langen Suchprozess dar, in dem ein geborgenes Nest und beste Voraussetzungen für Wunschkinder geschaffen werden.
  • Nicht zuletzt bieten gleichgeschlechtliche Paare vielfältige und egalitärere Rollenvorbilder als traditionelle Familien und
  • Durch hohe Bildung und finanzielle Ressourcen gleichgeschlechtlicher Paare mit Kinderwunsch treffen defizitär geprägte Kinder hier auf Milieus, die ihnen diverse Entwicklungschancen ermöglichen.

Von den zu diesem Thema interviewten Paaren werden im empirischen Teil zwei, ein Männer- und ein Frauenpaar porträtiert und ihre narrativen Aussagen mit themenzentriert-komparativer Auswertung gemäss Lenz 1986, analysiert. Dabei zeigen sich einerseits Gemeinsamkeiten, wie der lange Suchprozess, um den Kinderwunsch zu realisieren, bei dem erst biologische Modelle von Elternschaft geprüft wurden, oder die dauernde Erklärungsbedürftigkeit der Herkunft von Kindern bei einem gleichgeschlechtlichen Paar. Andererseits sind aber aufgrund der Geschlechterkonstellation auch beträchtliche Unterschiede auszumachen: Für die beiden Frauen würde die biologische Elternschaft der einen Frau automatischer eine enge Mutter-Kind-Beziehung nach sich ziehen, während der Vater bei Modellen biologischer Vaterschaft mehr um seine Erziehungsrechte kämpfen müsste, überhaupt ist für die Frauen der Kinderwunsch weniger erklärungsbedürftig und sie fühlen sich selbstverständlicher auch für Kleinkinder zuständig und kompetent.

Der empirische Teil der Arbeit führt zum selben Schluss wie bereits der theoretische: „Die Beispiele der interviewten Paare zeigen, dass Aspekte, die im Deutungsrahmen der Normalfamilie als Defizite erscheinen (Abwesenheit einer geschlechtsbezogenen Elternposition, Unmöglichkeit gemeinsamer Zeugung, unkonventionelle Privatheit) im Zusammenhang mit der Sondersituation der Fremdenpflege als Ressource umgedeutet werden können. Man könnte sagen, dass für die Pflegschaft zusätzliche Spielregeln von Familie gelten, welche die Chancen gleichgeschlechtlicher Elternschaft erweitern, ja dass gerade bestimmte Bedingungen der Pflege, ein unkonventionelles Familienleben und die Bewältigung von Nicht-Normalität, geradezu als „Heimspiel“ von den Paaren aufgenommen werden, da es sich um an ihre Biografie und Lebensgestaltung anschlussfähige Erfahrungen handelt.“ (Jespersen, S. 373).

Diskussion

Beim Forschungsthema ‚gleichgeschlechtliche Pflegeeltern‘ handelt es sich um eine Minderheit in der Minderheit in der Minderheit. Dennoch gelingt es Jespersen, die Bedeutung dieser postmodernen gesellschaftlichen Entwicklung, die er als „Suchprozesse“ beschreibt, darzulegen und die Chancen, die die Unterbringung von Pflegekindern bei gleichgeschlechtlichen Paaren bietet, breit zu diskutieren.

Fazit

Das Fazit sei in den Worten des Autors wiedergegeben: „Mit den Suchbewegungen gleichgeschlechtlicher Paare, ihren Wunsch nach einem Zusammenleben mit Kindern zu realisieren und denen auf weitere Pflegeelternbewerberpaare angewiesenen Jugendhilfestrukturen, greifen zwei voneinander unabhängige gesellschaftliche Entwicklungen auf besondere Weise ineinander. Chancen eröffnen sich dadurch für beide Seiten, die nicht nur quantitativer Natur sind, sondern sowohl der Pflegekinderhilfe besondere Optionen der Passung eröffnen sowie gleichgeschlechtlichen Paaren eine besondere Form von Elternschaft ermöglichen.“ (Jespersen, S. 170).


Rezension von
Ursula Christen
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Zitiervorschlag
Ursula Christen. Rezension vom 02.04.2015 zu: Andy Jespersen: Gleichgeschlechtliche Paare als Pflegeeltern. Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (Siegen) 2014. ISBN 978-3-934963-36-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17755.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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