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Björn Preuß: Lebens- und Wohnraumgestaltung in Pflege­einrichtungen

Cover Björn Preuß: Lebens- und Wohnraumgestaltung in Pflegeeinrichtungen. Ein Praxisratgeber. Verlag an der Ruhr (Mülheim an der Ruhr) 2014. 158 Seiten. ISBN 978-3-8346-2578-6. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 30,70 sFr.
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Thema

Der hirnorganische Abbauprozess bei Demenzkranken bewirkt im mittelschweren Stadium einen zunehmenden Verlust an Wahrnehmen, Erkennen und Zuordnen der inneren und äußeren Reizgefüge. Desorientierungsphänomene, Fehlwahrnehmungen und auch Halluzinationen mit teils massiven Belastungsempfindungen sind die Folge. Es gilt hierbei nun, die Milieustrukturen im Pflegeheim an das reduzierte Verarbeitungsvermögen anzupassen: Möblierung, Alltagsutensilien, akustische Impulse und auch die Lichtgestaltung. Durch diese Maßnahmen wird die Umwelt den Bewohnern vertraut, sie verliert ihre Fremdheit, die Unruhe und Furcht hervorruft. Es liegen bereits Untersuchungen vor, die die positive Beeinflussung durch das äußere Milieu belegen. Die vorliegende Veröffentlichung ist der Rubrik Milieugestaltung für Demenzkranke im mittelschweren Stadium im Heimbereich zuzuordnen.

Autor und Entstehungshintergrund

Björn Preuß ist Altenpfleger und Wohnbereichsleiter eines Demenzwohnbereiches mit 12 Plätzen in einem Altenpflegeheim in Essen-Kettwig. Es handelt sich hierbei um den Wohnbereich „Vor der Brücke“, der im September 2011 im Johann-Grimhold-Haus (92 Plätze) eröffnet wurde. In diesem Buch fasst der Autor seine bisherigen Erfahrungen im Umgang mit den Bewohnern im mittelschweren bis schweren Stadium der Erkrankung zusammen.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist nebst Einführung und Nachwort in fünf Abschnitte unterteilt. Zu den einzelnen Aspekten der Lebensweltgestaltung in dem Wohnbereich werden immer wieder konkrete Episoden bezüglich des Verhaltens der Demenzkranken als Fallbeispiele eingefügt. Zusätzlich sind Zusammenfassungen und Praxisempfehlungen farblich und in Kastenform hervorgehoben im Text eingebunden. Farbige Fotos illustrieren zusätzlich die Gegenstandsbereiche.

Im Abschnitt „Möbelstücke für den Wohnbereich“ (Seite 19 – 47) beschreibt der Autor ausführlich, wie passendes Mobiliar für die Gemeinschaftsflächen einschließlich Flurbereich ausgesucht und auch organisiert wurde (u. a. Haushaltsauflösungen, Trödel- und Flohmärkte und so genannte „soziale Warenhäuser“). Wichtig war hier das Kriterium Vertrautheit mit diesen Möbelstücken. Fotos dieser Möbel sind angefügt. Hieran anschließend werden die Erfahrungen mit der Möblierung der Wohnküche beschrieben. Die anfängliche Möblierung – kleine Sitzgruppen mit 4er und 6er Tischen ähnlich einem Bistro – hatte sich nicht bewährt, denn es entstand zu viel Unruhe bei den Mahlzeiten und für die Mitarbeiter war der Raum für Hilfestellungen zu knapp. Die „lange Tafel“ mit Platz für alle Bewohner und Helfern hingegen als Alternative stellte sich als eine milieustabilisierende Maßnahme für alle Beteiligten heraus. In einem Unterabschnitt über die Lichtquellen wird auf die Bedeutung einer schwachen nächtlichen Beleuchtung in den Bewohnerzimmern hingewiesen, des Weiteren wird der Stellenwert von lichtdichten Vorhängen für die hellen Jahreszeiten zur Regulierung des Schlafverhaltens hervorgehoben.

Der Abschnitt „Auswechseln von Standardporzellan“ (Seite 49 – 67) beinhaltet den Hinweis, dass vertrautes jahrzehntealtes Porzellan mit Verzierungen von den Bewohnern gegenüber dem üblichen Heimgeschirr vorgezogen wird. Darüber hinaus wird u. a. berichtet, dass die ungewöhnliche zusätzliche Zuckerung der Speisen (z. B. Linsensuppe und Kartoffelpüree) dem Geschmack der Demenzkranken entspricht. Auch die Teilnahme von Mitarbeitern an den Mahlzeiten als Vorbildfunktion zeigt positive Wirkung. Ebenso das Passieren von belegten Broten bei Bewohnern mit Kau- und Schluckstörungen.

Abschnitt „Rituale bei Tisch“ (Seite 69 – 77) enthält die Empfehlung, bei Tisch zu beten (mehrere kurze Tischgebete sind beigefügt) und einige Tipps für Gottesdienste für Demenzkranke im Heim.

Im Abschnitt „Musik und Fernsehen“ (Seite 79 – 101) wird anhand verschiedener Beispiele auf die gravierende Bedeutung der Musik als ein Beeinflussungs- und Ablenkungsmedium hingewiesen. So erleichtert z. B. das Singen die Pflege und das Zubettgehen. Es sollten jedoch vertraute Lieder und Schlager gesungen werden. Bei Unruhe auf dem Wohnbereich hat sich das Abspielen einer CD mit tiefen Bässen und ruhigen Klängen bewährt. Nach wenigen Minuten war Ruhe eingekehrt. Auch Hörspiel-CDs mit bekannten Märchen stabilisierten das soziale Milieu, ebenso der Einsatz von DVDs mit bestimmten Motiven (Aquarium, Kaminfeuer) als visuelle Reizdarbietungen.

Im Abschnitt „Fest- und Feiertage und Beschäftigungsangebote“ (Seite 103 – 147) listet der Autor das Spektrum an Betreuungs- und Aktivierungsleistungen seines Wohnbereiches auf. So werden neben den traditionellen Festen im Jahreskreis wie Weihnachten, Ostern oder das Oktoberfest zusätzlich noch Aktionstage oder Aktionswochen wie z. B. die „französische Woche“ oder die „rumänische Woche“ veranstaltet. Hierzu kleiden sich dann die Mitarbeiter des Sozialen Dienstes in der traditionellen Kleidung des jeweiligen Landes und gestalten Feiern mit Musik und Speisen aus dem Kulturkreis. Auch ein Stelzenmann wurde bereits für die Bewohner für einen Besuch engagiert. Einmal im Monat findet ein „Hundebesuch“ statt. Des Weiteren werden Angebote wie Spiele („Mensch ärgere Dich nicht“), Kochen und Backen, der Einsatz von Puppen, die Gestaltung von Geburtstagsfeiern und die Gartennutzung dargestellt.

Diskussion

Bei der vorliegenden Veröffentlichung handelt es um die Sachdarstellung eines Wohnbereichsleiters des Arbeitsfeldes Demenzwohnbereich. Es sind somit die konkreten Erfahrungen eines unmittelbar Betroffenen, der nicht nur Elemente der Milieugestaltung und des Umganges mit den Bewohner beschreibt, sondern darüber hinaus auch noch das Verhalten und die Reaktionen der Demenzkranken in diesem Kontext als Fallbeispiele anführt. Er lässt die Leser teilweise auch an den Versuchen der Milieugestaltung (z. B. Mahlzeiten) teilhaben. Alles ist lebendig beschrieben. Vieles ist bekannt, doch Manches wie die Milieugestaltung mittels lichtdichter Vorhänge und DVD-Darbietung (Aquarium) zur Ablenkung und Beruhigung bietet neue Impulse.

Kritisch anzuführen gilt, dass Angebote wie die „französische Woche“ etc. mit Verkleidung der Mitarbeiter dem Prinzip der Milieustetigkeit widersprechen und für die Demenzkranken mit zusätzlichen Anpassungsleistungen verbunden sind. Demenzkranke im mittelschweren Stadium fühlen sich am Wohlsten, wenn gemäß dem Konzept der Vorhersehbarkeit der Alltag aus ständigen Wiederholungen und Ritualen besteht.

Der Rezensent vermisst Aussagen über die pflegerischen Vorgehensweisen, denn die sind ebenso wie die Betreuung und Aktivierung zentrale Elemente der Lebenswelt Demenzkranker im Heimbereich. Besonders der Personaleinsatz wäre für die Leser aus der Praxis von Interesse, denn der Demenzwohnbereich „Vor der Brücke“ scheint mit nur 12 Plätzen zu klein für jeweils zwei Pflegende in der Früh- und Spätschicht. Und zwei Pflegende sollten es bei dieser unruhigen Bewohnerschaft schon sein, will man Stress und Hektik vermeiden.

Fazit

Das vorliegende Buch kann als eine Arbeit gemäß dem Motto „aus der Praxis für die Praxis!“ eingestuft werden. Diesem Anspruch wird die Publikation auch gerecht. Sie kann somit zur Lektüre empfohlen werden.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 21.05.2015 zu: Björn Preuß: Lebens- und Wohnraumgestaltung in Pflegeeinrichtungen. Ein Praxisratgeber. Verlag an der Ruhr (Mülheim an der Ruhr) 2014. ISBN 978-3-8346-2578-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17759.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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