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Ruth Deck, Nathalie Glaser-Möller (Hrsg.): Reha-Nachsorge

Cover Ruth Deck, Nathalie Glaser-Möller (Hrsg.): Reha-Nachsorge. Aktuelle Entwicklungen. Verlag Hans Jacobs (Lage) 2014. 200 Seiten. ISBN 978-3-89918-223-1. D: 21,00 EUR, A: 21,60 EUR, CH: 29,90 sFr.
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Thema

Dieser Sammelband enthält Beiträge zu den aktuellen Entwicklungen in der Reha-Nachsorge. Zwar mehrten und erweiterten sich die Nachsorgeangebote in den letzten Jahren – zumindest in Deutschland –, doch bleiben diesbezüglich noch immer viele Fragen offen.

  • Wie soll eine bedarfsgerechte Nachsorge beschaffen sein, damit das Ziel der Rehabilitation (also die Wiedereingliederung ins Erwerbsleben und die gesellschaftliche Integration) erreicht wird?
  • Welche Nachsorgeangebote sind nachweislich wirksam?
  • Wie lässt sich eine qualitativ hochwertige Nachsorge flächendeckend organisieren und auch finanzieren?

Herausgeberinnen

PD Dr. phil. Ruth Beck, Mitherausgeberin und zugleich Autorin, ist Privatdozentin am Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität Lübeck und in dieser Funktion auch für den Fachbereich Rehabilitation zuständig. Zudem leitet sie das wissenschaftliche Sekretariat des Vereins zur Förderung der Rehabilitationsforschung (vffr) in Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein.

Die zweite Mitherausgeberin und Autorin, Dr. Nathalie Glaser-Möller, ist Geschäftsführerin des vffr in Lübeck und bei der Deutschen Rentenversicherung Nord tätig.

Entstehungshintergrund

In diesem Sammelband werden die Beiträge eines gleichnamigen Reha-Symposiums zusammengefasst, das der vffr gemeinsam mit der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) sowie der Deutschen Rentenversicherung Nord im Senator Hotel Radisson in Lübeck veranstaltete. Die vorliegende Publikation richtet sich primär an alle wissenschaftlich interessierten Reha- und Akutkliniker sowie an Mitarbeitende von Einrichtungen der beruflichen Rehabilitation, aber auch an Kostenträger und Gesundheitsbehörden, an Betriebsärzte und niedergelassene Ärzte.

Aufbau

Die verschiedenen Beiträge sind in eine thematische Einführung – mit vier Beiträgen, u.a. über aktuelle Entwicklungen in der Reha-Nachsorge – drei weiteren Hauptthemen und eine zusammenfassende Diskussion der Herausgeberinnen gegliedert.

Inhalt

Der erste Themenblock umfasst Referate, die in das Thema einführen, den aktuellen Stand der Reha-Nachsorge in der Bundesrepublik darlegen oder einen Überblick zur Thematik bieten.

Ingrid Künzler und Nathalie Glaser-Müller formulieren die Anforderungen an die deutsche Rentenversicherung, die sich nicht nur als Kostenträgerin versteht, sondern auch präventiv vorgehen will. Einerseits geht es darum, jede Versicherte mit Reha-Bedarf rechtzeitig zu erkennen, vor allem auch diejenigen, die vermutlich keinen Antrag stellen werden (Versicherte mit Migrationshintergrund oder mit schweren psychosozialen Belastungen), anderseits aber auch darum, die Reha-Prozesse so zu gestalten, dass die betreffenden Personen dadurch befähigt werden, nach Abschluss der Reha langfristig im Berufsleben integriert zu bleiben.

Im Beitrag von Rolf Buschmann-Steinhage wird der Begriff Reha-Nachsorge genauer umschrieben. Mit konkreten Angaben über Nachsorgeangebote in verschiedenen Rehabilitationseinrichtungen untermauert der Verfasser seine These, dass Rehabilitationseinrichtungen sich nicht bloss auf Empfehlungen beschränken, sondern gemeinsam mit dem Patienten ermitteln sollen, welche Angebote für ihn in Frage kommen und sich in seinem individuellen Alltagsumgebung auch realisieren lassen. Ohne die Mitwirkung der betroffenen Person ist eine wirksame Reha-Nachsorge letztlich gar nicht realisierbar, deshalb wird die Motivation und Information der Versicherten als wesentlich erachtet. Reha-Nachsorge sollte nicht nur in den Rehabilitationseinrichtungen erfolgen, sondern kann durchaus auch ausserhalb derselben stattfinden und ist auf jeden Fall flexibel sowie bedarfsgerecht zu gestalten.

An diese Forderung schliesst der Beitrag von Susanne Schramm, Christian Himstedt und Ruth Deck an. Das von ihnen präsentierte, webbasierte Zentrum Reha-Nachsorge (ZeReNa) soll den Betroffenen und ihren Angehörigen, aber auch Professionellen, mittels einer Datenbank, der ein aufwändiges, nachvollziehbares und transparentes Verfahren zugrunde liegt, eine bedarfsorientierte Suche nach Reha-Nachsorgeangeboten mit regionalem Bezug ermöglichen. Die Auswahl der Angebote erfolgt nach qualitäts- und wirksamkeitsbezogenen Kriterien. Letzteres lässt sich allerdings kaum umsetzen, da bis anhin nur wenige wissenschaftliche Studien zu den einzelnen Nachsorgekonzepten vorliegen.

Im zweiten Teil folgen vier Beiträge über berufsbezogene Nachsorge, eine Wirksamkeitsstudie mit Ergebnissen und drei Beispiele „aus der Praxis“.

Matthias Bethge, Sebastian Bieniek und Juliane Briest stellen die Ergebnisse einer multizentrischen, randomisiert kontrollierten Studie vor, welche die Wirksamkeit einer intensivierten, medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitationsnachsorge (IMBORENA) überprüft, die speziell auf die berufliche Wiedereingliederung zugeschnittene Angebote wie etwa Arbeitstraining und Sozialberatung vorsieht. Allerdings sind die Ergebnisse insofern enttäuschend, als sechs Monate nach Beginn der Nachsorge keine signifikant bessere Arbeitsfähigkeit der Betroffenen gegenüber der herkömmlichen intensivierten Rehabilitationsnachsorge (IRENA) nachgewiesen werden konnte.

Martin Vogel, Matthias Koch, Petra Lindemann-Sauvani, Sabine Nawothnig und Beate Schumacher stellen das empirisch noch zu überprüfende sog. SONATE-Konzept vor. Die Abkürzung steht für: Telefonische Sozialdienstliche Nachsorge zur Verbesserung der beruflichen Reintegration nach stationärer medizinischer Rehabilitation.

Der Beitrag von Oliver Niemann beschreibt das Fallmanagementkonzept MBOR (medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation) der Deutschen Rentenversicherung Hannover. Erste Auswertungen belegen, dass knapp zwei Drittel der betreuten Rehabilitanden ihren Arbeitsplatz behalten oder einen anderen Arbeitsplatz finden konnten. Dieses Ergebnis wird von der DRV als sehr positiv gewertet.

Zu einer ähnlichen positiven Bewertung kommt auch Norbert Gödecker-Geenen, der die Ergebnisse der Evaluation eines Case-Management-Modells für die berufliche Integration vorstellt.

Im dritten Teil des Buches geht es um den Einsatz neuer Medien im vorliegenden Kontext.

Kerstin Mattukat und Wilfried Mau vermitteln einen Überblick über die Einsatzmöglichkeiten neuer Medien und zeigen die daraus hervorgehenden Potenziale, aber auch die damit verbundenen Herausforderungen auf. Ein erster Vergleich zwischen neuen und klassischen Medien ergibt jedoch nicht eindeutig, dass Erstere positiver eingeschätzt werden als Letztere. Nach Ansicht der Verfasser sollte künftige Forschung auf diesem Gebiet eine Erweiterung der Zielgruppe auf ältere und sozial benachteiligte Rehabilitanden ins Auge fassen und deren Bedarf, Medienpräferenzen und Einstellungen, aber auch deren Medienakzeptanz untersuchen.

Dieter Bennighoven, Sabine Pflaudler und Eike Hoberg stellen eine Evaluationsstudie über die internetbasierten Nachsorge in der verhaltensmedizinischen Orthopädie vor. Die dabei erzielte Akzeptanz liegt bei 21%, und damit ebenfalls hinter den Erwartungen zurück (S. 124). Die Autoren schliessen aus diesen Ergebnissen, dass die Wahl des Nachsorgemediums nach den Präferenzen des jeweiligen Rehabilitanden erfolgen sollte. Die Wirksamkeit der internetbasierten Nachsorge lässt sich allerdings mangels einer fehlenden Kontrollgruppe nicht nachweisen.

Eine gute Akzeptanz konstatierten Jürgen Theissing, Ruth Deck und Heiner Raspe in ihrer randomisierten Kontrollgruppenuntersuchung über die liveonline-Nachbetreuung bei Rehabilitandinnen mit abdomineller Adipositas im Rahmen des metabolischen Syndroms. Bezüglich der Wirksamkeit der Studie lässt sich jedoch nur im Bereich des extern bestimmten Ernährungsverhaltens eine Überlegenheit der Interventionsgruppe gegenüber der Kontrollgruppe nachweisen. In den primären Zielgrössen BMI und Taillenumfang war nach 12 Monate allerdings kein Unterschied feststellbar.

David D. Ebert, Torsten Tarnowski, Bernhard Sieland, Anna-Carlotta Zarski, Benjamin Götzky und Matthias Berking fassen die bisherige Evidenz einer selbstentwickelten, transdiagnostischen Web-basierten Rehabilitationsnachsorge (W-RENA) nach stationärer psychosomatischer Therapie zusammen, und zwar in Bezug auf Machbarkeit, Akzeptanz, Prozessqualität und Moderatoren des Therapieerfolges. Sie zeigen anhand einer Klinikstichprobe von 400 Patienten auf, dass ein Grossteil der untersuchten Patienten über technische Möglichkeiten und Fähigkeiten verfügt und dass ein Drittel an so einem Programm interessiert ist. Zudem liegt die Akzeptanz und Zufriedenheit hoch, die Abbruchraten hingegen sind niedrig. Berichtet wird von einem grösseren Therapieerfolg und weniger häufigen Remissionen gegenüber der Kontrollgruppe. Personen mit niedrigem Bildungsstand, Angststörungen und stärkerer Hoffnung auf Besserung profitieren mehr. Die AutorInnen schliessen daraus, dass internetbasierte Nachsorge eine sinnvolle Ergänzung zur poststationären Routineversorgung darstellt.

Im vierten Teil dieses Buches wird die Frage nach der Nachhaltigkeit der Rehabilitation diskutiert.

Susanne Weinbrenner plädiert für eine flexible, patientenorientierte Gestaltung der Nachsorge. Diese Forderung lässt sich allerdings schwer mit der Standardisierung und Manualisierung zugunsten der Qualitätssicherung vereinbaren – wie die Herausgeberinnen in ihrem Schlusskommentar bemerken.

Jens-Martin Träder schliesslich befürwortet – wie übrigens auch Weinbrenner – eine bessere Verknüpfung aller an Prozess beteiligten Akteure Und schlägt eine elektronische Vernetzung der Hausärztepraxen vor. Diese Massnahme soll zu einer grösseren Einbindung dieser Gruppe in die Rehabilitationsprozesse führen. Dabei gilt es innovative Lösungen zu finden.

Diskussion

Der Band gewährt Einblick in aktuelle innovative Trends in der Reha-Nachsorge, wobei insbesondere die internetbasierte Nachsorge im dritten Teil vertieft diskutiert und mit empirischen Ergebnissen untermauert wird. Die betreffenden Beiträge vermitteln einen guten Überblick über die Möglichkeiten der neuen Medien in der Reha-Nachsorge und überzeugen durch wissenschaftliche Evaluationen mit gut angelegten Forschungsdesigns. Die Konzepte zur beruflichen Nachsorge sind interessant und machen deutlich, dass auch in diesem Bereich noch Forschungsbedarf besteht – nicht zuletzt auch deshalb, weil in den Beiträgen zu diesem Thema die Wirksamkeit noch nicht überzeugend belegt wird. Die verschiedenen Themen bauen aufeinander auf. Die Frage, welche Gruppen von den innovativen Ansätzen in der Reha-Nachsorge profitieren, wird im ersten Teil des Buches zwar gestellt und in verschiedenen Beiträgen erwähnt, aber nur bei Ebert et al. wird dieser Aspekt systematisch untersucht. Dies wirft die Frage auf, ob hier ein Forschungsbedarf besteht oder ob diesem Punkt im Rahmen des Symposiums zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde.

Die Beiträge sind gut verständlich geschrieben. Einzig die Graphiken zu den quantitativen Ergebnissen sind oft nicht gut lesbar, weil die Beschriftungen zu klein gedruckt sind oder auch, da sich die Farben der Linien (Grautöne) nicht gut voneinander unterscheiden lassen.

Fazit

Das Buch kann der Fachwelt wärmstens empfohlen werden. Auch wenn darin nicht alle darin aufgeworfenen Fragen umfassend beantwortet werden, bietet es dennoch eine Orientierung hinsichtlich der möglichen Weiterentwicklung der Reha-Nachsorge unter Einbezug der psychosozialen Komponente und neuer Technologie. Ferner zeigt es auf, an welchen Stellen mit neuen Projekten angesetzt werden kann und wo gegebenenfalls noch Forschungsbedarf besteht.


Rezensent
Dr. Wim Nieuwenboom
Fachhochschule Nordwestschweiz Hochschule für Soziale Arbeit Institut Soziale Arbeit und Gesundheit
Homepage www.fhnw.ch/personen/wim-nieuwenboom
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Zitiervorschlag
Wim Nieuwenboom. Rezension vom 08.09.2015 zu: Ruth Deck, Nathalie Glaser-Möller (Hrsg.): Reha-Nachsorge. Aktuelle Entwicklungen. Verlag Hans Jacobs (Lage) 2014. ISBN 978-3-89918-223-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17762.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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