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Birgit Bütow, Marion Pommey u.a. (Hrsg.): Sozialpädagogik zwischen Staat und Familie

Cover Birgit Bütow, Marion Pommey, Myriam Rutschmann, Clarissa Schär, Tobias Studer (Hrsg.): Sozialpädagogik zwischen Staat und Familie. Alte und neue Politiken des Eingreifens. Springer VS (Wiesbaden) 2014. 278 Seiten. ISBN 978-3-658-01399-8. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

Die Sozialpädagogik hat sich immer schon im Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle bewegt und damit zwischen Familie und Staat. Ihre Ambivalenz ist geprägt durch die Bekämpfung von sozialer Ungleichheit auf der einen Seite, was auf der anderen Seite zur Stigmatisierung von Menschen in sozialen Problemlagen beiträgt. Es liegt auf der Hand, dass hieraus Konflikte resultieren, die die Sozialpädagogik kennzeichnen und Diskurse und Entwicklungen maßgeblich beeinflussen. Feldspezifische und historische Gegebenheiten prägen daher die jeweilige Legitimation von Eingriffen. Ein Arbeitsfeld der Sozialpädagogik, in dem sich diese Konfliktlinien in besonderer Deutlichkeit zeigen, ist der Kinderschutz. Einerseits soll die Sozialpädagogik Familien Unterstützung dabei bieten, ihre Kinder angemessen erziehen zu können und andererseits gibt es das Wächteramt. Aus diesem erwächst der Auftrag und die Pflicht einzuschreiten, wenn das Wohl des Kindes in seiner Familie gefährdet ist, was in der Konsequenz häufig zur Herausnahme von Kindern aus ihren Herkunftsfamilien und ihrer Fremdplatzierung führt. Die seit der gesetzlichen Einführung des Schutzauftrages bei Kindeswohlgefährdung (§ 8a SGB VIII) erheblich gestiegenen Inobhutnahmezahlen könnten dabei ein Ausdruck einer deutlicheren Eingriffsphilosophie sein und verdienen daher einen kritischen Blick auf das Handeln von Sozialarbeiter/innen und Sozialpädagog/innen und ihren jeweiligen Legitimationen.

Herausgeber/innen und Autor/innen

Die fünf Herausgeber/innen sind Vertreter/innen von Universitäten und Fachhochschulen in der Schweiz und in Österreich. Die für diese Veröffentlichung gefundenen Mitautorinnen und Mitautoren sind – bis auf zwei Ausnahmen - ebenfalls Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Universitäten und (Fach-)Hochschulen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich und repräsentieren somit Lehre und Forschung insbesondere im Kontext des Themas der Veröffentlichung.

Entstehungshintergrund

Diese Publikation entstand im Zusammenhang mit einer Tagung „Sozialpädagogik zwischen Staat und Familie. Alte und neue Politiken des Eingreifens“, die vom 5. bis 6. Juli 2012 an der Universität Zürich stattfand. So bietet die Veröffentlichung auch eine vergleichende Perspektive auf Entwicklungslinien vom Fremdplatzierungslogiken in Deutschland und der Schweiz.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation gliedert sich in vier Kapitel.

In der Einleitung stellen die Herausgeber/innen Birgit Bütow, Marion Pomey, M.yriam Rutschmann, Clarissa Schäfer und Tobias Studerunter dem Titel „Politiken des Eingreifens – Zwischen Staat und Familie“ die Struktur der Veröffentlichung vor, führen in die Thematik ein und diskutieren einige Aspekte übergreifend und vertiefend.

Die „Historische(n) Perspektiven auf die Fremdplatzierung: Schweiz und Deutschland“ des ersten Kapitels werden in zwei Beiträgen behandelt. Sabine Toppe setzt sich unter dem Titel „‚Auflösung und Fortbestand der Institution Familie‘: Historische Forschungen und aktuelle Legitimationen im Spannungsfeld von Privatheit und Öffentlichkeit“ mit einer historischen Perspektive auf die Praxis in Deutschland auseinander. Thomas Huonka geht in seinen Ausführungen auf die Geschichte der Fremdplatzierung anhand des Begriffs der „Verwahrlosung“ in der Schweiz ein mit dem Titel „Er muss, so hart das klingen mag, die Familiengemeinschaft auseinanderreißen“.

Das zweite Kapitel widmet sich der Gegenwart und ist mit „Prävention und frühe Hilfen im Kontext der Sozialpädagogik“ überschrieben. Es besteht ebenfalls aus zwei Beiträgen. Reinhild Schäfer und Alexandra Sann werfen unter dem Titel „Frühe Hilfen zwischen (gesundheitlicher) Familienförderung und Kinderschutz“ einen kritischen Blick auf das Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle im Kontext der Frühen Hilfen. Friedrich Schorb zieht über „Die ‚Adipositas-Epidemie‘ bei Kindern als Rechtfertigung für Eingriffe in die Ernährung von Familien“ eine kritische Bilanz.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich in vier Beiträgen mit einem wichtigen Handlungsfeld der Sozialpädagogik: „Kindeswohlgefährdung – Sozialpädagogische Interventionen in Familien“. Doris Bühler-Niederberger, Lars Alberth und Steffen Eisentraut zeigen in ihren Ausführungen „Das Wissen vom Kind – generationale Ordnung und professionelle Logik im Kinderschutz“ auf, dass unbedingt eine systematischere Kinderperspektive eingeholt und Kinder tatsächlich beteiligt werden müssen. „Sozialpädagogische Krisenintervention bei Kindeswohlgefährdung“ ist das Thema von Marion Pomery, die sich mit den staatlichen Eingriffen in die familiäre Autonomie im Kontext des Kinderschutzes befasst. Timo Ackermann rekonstruiert unter dem Titel „Entscheiden über Fremdunterbringungen. Praktiken der Fallerzeugung“ Phasen und Techniken der Entscheidungsfindung über die Fremdunterbringung von Kindern. Mit der Profession selber im Kontext des Kinderschutzes setzt sich Bruno Hildenbrand „Das KJHG und der Kinderschutz: Eine verpasste Professionalisierungschance der Sozialpädagogik“ auseinander.

Das vierte Kapitel schließlich präsentiert in ebenfalls vier Beiträgen „Reflexionen zum Verhältnis von Familien und Staat“. In „Orte ‚guter‘ Kindheit – Neujustierung von Verantwortung im Kontext von Familie und Ganztagsschule“ beschäftigt sich Martina Richter mit der zunehmenden Erwartung an pädagogische Institutionen, eine gute Kindheit gewährleisten zu sollen, was in der Vergangenheit sehr viel stärker in der Familie verortet war. In seinem Beitrag „Zur Bedeutung familiärer Strukturen und Lebenspraxen für die Bildung von Sozialität“ setzt sich Walter Gehres kritisch mit der fehlenden Anerkennung der Familien als primärer Sozialisationsinstanz und dem defizitären Blick auf Familien im Kontext der Kinderschutzdebatte auseinander. Thomas Studer stellt unter dem Titel „Pflegefamilien und das Legitimationsproblem sozialstaatlicher Eingriffe“ das Spannungsfeld zwischen Familie und staatlichen Institutionen für die Schweiz dar. Erich-Otto Graf stößt mit seinem Beitrag „Der Impetus der Intervention: Sozialpädagogik zwischen Staat und Familie – Alte und neue Politiken des Eingreifens“ einen Diskurs über die Ambivalenzen der Sozialpädagogik auf der Grundlage veränderter Produktionsverhältnisse insbesondere mit Blick auf die Schweiz an.

Diskussion

Eine kritische Auseinandersetzung über die aktuelle Kinderschutzpraxis in Deutschland scheint zunehmend ein Thema zu sein und in dieser Tendenz ist auch die vorliegende Veröffentlichung zu verorten. Im Zuge der gesetzlichen Einführung des Schutzauftrages bei Kindeswohlgefährdung im SGB VIII im Jahr 2005 sind vielfältige Entwicklungen für eine verbesserte Praxis zur Sicherung des Kindeswohls festzustellen. Dennoch sind die Entwicklungen von Jugendamt zu Jugendamt und von Kommune zu Kommune außerordentlich unterschiedlich. Und in vielerlei Hinsicht muss die Frage erlaubt sein und dringend gestellt werden, ob die ergriffenen Maßnahmen und Umstrukturierungen tatsächlich einem verbesserten Kinderschutz dienen oder mehr der persönlichen oder organisationsbezogenen Absicherungsmentalität. Um nicht falsch verstanden zu werden: Dies soll kein grundsätzlicher „Abgesang“ auf alle diesbezüglichen Entwicklungen sein, denn mancherorts hat sich der Kinderschutz qualitativ spürbar verbessert.

Gleichwohl entstehen Irritationen angesichts einiger Entwicklungen, z. B. angesichts der erheblich angestiegenen Inobhutnahmen. Die Zahlen allein sagen kaum etwas über die Gründe für diese Maßnahmen aus oder zu der Frage, ob andere Alternativen hinreichend in Erwägung gezogen worden sind oder dies alles dem Wohl der davon berührten Kinder und Jugendlichen tatsächlich gedient hat. Darüber hinaus ist aus der Praxis zu vernehmen, dass ca. ¾ der Mädchen und Jungen, die in Obhut genommen werden, letztendlich in ihre Familien zurückkehren. Insofern ist einigen der Autor/innen dieses Sammelbandes zuzustimmen, wenn sie eine sehr viel stärkere Berücksichtigung der kindlichen Perspektive einfordern und die tatsächliche Beteiligung der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Denn, so muss ein Fazit lauten: Es ist ein erheblicher Mangel an Untersuchungen in Deutschland festzustellen, die der Frage nachgehen, ob die ergriffenen Maßnahmen tatsächlich förderlich für das Wohl betroffener Mädchen und Jungen sind. Oder anders gefragt: Was genau haben die „Endverbraucher/innen“ von all den ergriffenen Maßnahmen, Umstrukturierungen etc.?

Dass die Sozialpädagogik seit ihrer Entstehung in einem ambivalenten Verhältnis agiert, ist alles andere als eine neue Erkenntnis. Die Ambivalenzen zwischen dem Auftrag, soziale Ungleichheiten zu bearbeiten und gleichzeitig Teil des herrschenden (Sozial-)Staatssystems zu sein, der die „Ausweichler/innen“ wieder auf die richtige „Spur“ bringt, kennzeichnet die Profession seit ihrer Entstehung und war zumindest Ende der 70iger Jahre ein Schwerpunktthema in der (fach-)hochschulbezogenen Ausbildung. Insofern sind viele der Erkenntnisse dieses Sammelbandes nicht neu und waren immer schon Gegenstand von Diskursen in der Sozialpädagogik. Vielmehr stellt sich nach der Lektüre dieses Sammelbandes die Frage, in dem ja vor allem die Repräsentant/innen der (Fach-)Hochschulen ihre Wertungen und Interpretationen der heutigen Sozialpädagogik, vor allem in der Kinderschutzdebatte, darlegen, warum es in den Ausbildungsinstitutionen nicht gelingt, diese notwendige Kritik und Reflexion an die kommenden Professionellen der Sozialpädagogik angemessen heran zu tragen. Bei aller Kritik, Reflexion und intellektuellen Auseinandersetzung um die praktische Umsetzung des Kinderschutzes heute bleibt schwer nachvollziehbar, worin genau das Problem besteht, die nachkommenden Generationen von Sozialpädagog/innen so auszubilden und zu qualifizieren, dass sie ihren Aufgaben und den vielfältigen Anforderungen, die die Autor/innen beschreiben, Genüge tun und hinreichend differenziert mit Kinderschutzfällen umgehen können. Statt umfassender, letztendlich sehr allgemeiner Gesellschafts- und Systemkritik wäre eine Fokussierung auf das eigentliche Thema mit sehr konkreten, praxistauglichen Hinweisen, mit der unbestreitbar vorhandenen Gemengelage umzugehen, für die von den Herausgeber/innen anvisierten Adressat/innen hilfreicher als die Sozialpädagogik als unwissend, naiv und desorientiert darzustellen.

Bei aller berechtigten Kritik und den immer schon bestandenen Ambivalenzen der Sozialpädagogik (Bearbeitung von sozialen Ungleichheiten versus Verfestigung bestehender Machtverhältnisse) ist ihr Ruf dennoch nicht so schlecht, wie es viele Beiträge dieses Sammelbandes nahe legen. Bei aller Absicherungsmentalität bei Kinderschutzfällen, die durchaus persönlich und organisationsbedingt zu konstatieren sind und einem damit verbundenen Bedürfnis, eine Kindeswohlgefährdung technokratisch feststellen zu können, ist aber gleichzeitig auch nicht zu verkennen, dass es Kolleginnen und Kollegen gibt, die in der Bearbeitung von Fällen sehr wohl das leisten und können, was in einigen Beiträgen dieses Sammelbandes eingefordert wird.

Fazit

Gemäß den Angaben der Herausgeber/innen wendet sich diese Veröffentlichung an Sozialpädagog/innen, Sozialarbeiter/innen, Sozialwissenschaftler/innen und Sozialpolitiker/innen. Einige der Beiträge dieses Sammelbandes berühren sicherlich Themen, die die anvisierten Zielgruppen erreichen. Von daher wäre es wünschenswert, diese durchaus kritischen Auseinandersetzungen würden von den Praktiker/innen gelesen und sie zum Diskurs über das eigene professionelle Selbstverständnis und die Umsetzungspraxis anregen. Andere Beiträge thematisieren eher die Entwicklungslinien in der Schweiz, was für Praktiker/innen in Deutschland für ihre Praxis sicherlich nachrangig ist. Wiederum andere Autor/innen der Veröffentlichung stellen auf intellektuellem und gesellschaftskritischem Niveau Bezüge zu eher linkspolitisch zu verortenden Theorien her, die wahrscheinlich für die alltagspraktische, sozialpädagogische Praxis keine unmittelbaren Bezugspunkte herstellen.


Rezension von
Martina Huxoll-von Ahn
Stellv. Geschäftsführerin Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V.
Homepage www.dksb.de
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Zitiervorschlag
Martina Huxoll-von Ahn. Rezension vom 23.04.2015 zu: Birgit Bütow, Marion Pommey, Myriam Rutschmann, Clarissa Schär, Tobias Studer (Hrsg.): Sozialpädagogik zwischen Staat und Familie. Alte und neue Politiken des Eingreifens. Springer VS (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-01399-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17764.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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