Arnold Lohaus, Michael Glüer (Hrsg.): Entwicklungsförderung im Kindesalter
Rezensiert von Prof. Dr. Christiane Vetter, 13.01.2015
Arnold Lohaus, Michael Glüer (Hrsg.): Entwicklungsförderung im Kindesalter. Grundlagen, Diagnostik und Intervention. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2014. 326 Seiten. ISBN 978-3-8017-2543-3. D: 32,95 EUR, A: 33,90 EUR, CH: 44,90 sFr.
Herausgeber
Das Buch „Entwicklungsförderung im Kindesalter“ ist als Sammelband verfasst. Die Herausgeber, Prof. Dr. Arnold Lohaus und Dr. Michael Glüer arbeiten als Entwicklungspsychologen an der Universität Bielefeld.
Autorinnen und Autoren
Die Mitautorinnen und Autoren vertreten die Disziplinen Entwicklungspsychologie, Sozialpädagogik, Sonderpädagogik, Bildungsforschung und Mediennutzung. Das gemeinsame Interesse an der Entwicklungsförderung in der Kindheit wird genutzt, einen interdisziplinären Überblick über Diagnostik und Fördermöglichkeiten zu geben. Das Buch richtet sich an Fachkräfte der vorschulischen und schulischen Erziehungs- und Bildungsarbeit sowie Beraterinnen und Berater als auch an Studierende.
Aufbau
Das Buch ist in drei Teile gegliedert.
- Das Einführungskapitel der Herausgeber „Grundlagen der Entwicklungsförderung“ rahmt die weiteren Beiträge zu diagnostischen und interventiven Verfahren der psychologischen Entwicklungsförderung.
- In Teil II geht es um die Bereiche Motorik, Aufmerksamkeit – und Konzentration, intellektuelle Begabung und Hochbegabung, soziale und emotionale Kompetenzen, sprachliche-, mathematische und musische Fähigkeiten als auch um Medienkompetenz.
- Im Anschluss daran werden Möglichkeiten von Elternunterstützung, Bildungsplanung und Angebote der Kinder- und Jugendhilfe thematisiert.
Inhalt
In Teil I, der Einführung, beschreiben die Herausgeber des Buches die moderne entwicklungspsychologische Denkweise. Unter Entwicklung wird demnach die zeitlich überdauernde Veränderung des Erlebens und Verhaltens verstanden, die sich auf Entwicklungsaufgaben und deren Lösungen sowie die dabei erworbenen Kompetenzen während der Kindheit bezieht. Ein Entwicklungsdefizit entsteht, wenn alterstypische Entwicklungsaufgaben nicht erfolgreich bewältigt werden. Eine entwicklungspsychologische Diagnostik orientiert sich an der Abweichung von statistischen Normen der altersspezifischen Entwicklungen und am ICD oder DSM-Klassifikationssystem. Diagnostische Verfahren der Anamnese, des Screenings und des Entwicklungstestes sind nach wissenschaftlichen Kriterien wie Objektivität, Reliabilität und Validität geprüft und standardisiert. Bevor spezifische Fördermaßnahmen eingeleitet werden, wird auch die Ursache für Entwicklungsstörungen bedacht.
Heute geht man von multiplen Faktoren aus, die Entwicklung beeinflussen. Dass genetische und umweltbedingte Faktoren und die erfahrungsabhängige und erfahrungserwartende Plastizität des Gehirns eine allgemeine frühe Förderung des Kindes indizieren, wird zum allgemeinen Basiswissen erhoben. Darüber hinaus bewirken materielle und soziale Einflüsse Entwicklungsrisiken und Schutzfaktoren. Die Resilienzforschung entdeckte sie jenseits kultureller Einflüsse, die ebenfalls auf die Entwicklung des Kindes einwirken. Forschungen zur Wirkung des erwachsenen Fürsorgeverhaltens auf die sogenannte Theory of Mind, und die Bedeutung eines autoritativen Erziehungsstils, der durch Lenkung und Responsivität kennzeichnet ist, tragen dazu bei, das die Entwicklungsförderung als zentrale Aufgabe für die Kindheit thematisiert werden muss und Entwicklungsförderung für alle Kinder gilt.
In Teil II des Buches äußern sich weitere Autorinnen und Autoren zu den wesentlichen Entwicklungsbereichen. Jedes Kapitel ist in sich schlüssig und als Einführung in den Entwicklungsbereich zu verstehen. Durch die einheitliche Struktur der Texte erfahren die Leserinnen und Leser Grundlagen, und sie verstehen die Möglichkeiten der Diagnostik und Intervention. Die Themen der motorischen Entwicklung und der Aufmerksamkeits- und Konzentrationsentwicklung, werden auf die Kindheit bezogen und die entsprechenden Testverfahren ausführlich beschrieben. Dies gilt auch für die Entwicklungsbereiche intellektuelle Begabung und Hochbegabung, die Entwicklung der sozialen- und emotionalen Fähigkeiten. Die drei Kulturtechniken der Sprach-, Lese-, Schreib- und mathematischen Kompetenz werden durch die musische und mediale Kompetenz ergänzt, die sich während der Kindheit ausbildet. Aktuelle Studien und neuere Forschungserkenntnisse werden hier berücksichtigt, und in einem Literaturverzeichnis im Anschluss an das Kapitel zur Verfügung gestellt.
Teil III des Buches basiert auf dem gesetzlichen Erziehungs-, Bildungs- und Förderauftrag der Eltern und dem der öffentlichen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, zu denen die Kindertagesbetreuung zählt. Elterntraining und Erziehungsberatung zählen nicht nur zum Auftrag der Kindertagesbetreuung, sondern greifen ein Bedürfnis von Eltern auf. In der Kindheit sind Eltern die zentrale Ressource und ihre Unterstützung ist Teil der kindlichen Förderung. Pädagogische Fachkräfte gelten ebenfalls als eine Ressource, um Kinder wirksam zu fördern. Das Kapitel „Erzieherinnen als Zielgruppe“ referiert ihre Stellung innerhalb der von der OECD entwickelten Bildungsoffensive (Starting Strong 2001). Die Bedeutung der Bildungspläne und deren Fokussierung auf Entwicklungsbereiche, knüpfen somit an die Praxis an. Amerikanische Forschungsstudien zur Effektivität der Kindertagesbetreuung, und die Hervorhebung der Beobachtungs- und Dokumentationspflicht von Fachkräften fokussiert die Bedeutung ihrer Kompetenz bei der Entwicklungsförderung. Das dritte Kapitel dieses Teils beschreibt die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe und ordnet sie in die sozialstaatliche Idee der Fürsorge und Unterstützung von Kindern und ihren Familien ein.
Diskussion
Das Buch argumentiert aus einer entwicklungspsychologischen und evidenzbasierten wissenschaftlichen Denkweise heraus. Es bietet Anregungen, die entwicklungspsychologische Bedeutung von personalen Kompetenzen, die in der Kindheit ausgebildet werden, nachzuvollziehen. Der entwicklungspsychologische Blick auf Entwicklung als erlebte Verhaltensänderung zieht sich als roter Faden durch die Kapitel und lässt erkennen, dass die psychologische Forschung aufgrund ihrer empirischen Fundierung einen bestimmten Blick einnehmen muss. Darüber hinaus wird beim Lesen klar, dass Kindertagesbetreuung im Zuge der Bildungsoffensive bereits viele entwicklungspsychologisch standardisierte Testverfahren nutzt.
Die Veröffentlichung bietet einen Überblick über pädagogisch relevante Themen und psychologische Tests, die verständlich erläutert werden. Die hier vorgestellten Entwicklungsbereiche orientieren sich an denen, die von einigen Bildungsplänen, beispielhaft wird der Berliner Bildungsplan genannt, präferiert werden. Insofern ist dieses Buch praxisorientiert, weil es wichtiges Orientierungswissen komprimiert darstellt und einen Zugang zur psychologischen Disziplin ermöglicht. Beim Lesen des Buches ist die Verknüpfung der Entwicklungsförderung mit schulischer Bildung besonders deutlich. Die Autorinnen und Autoren erforschen Kompetenzen, die in der Kindheit gebildet werden. Somit erscheint die Kindertagesbetreuung als eine Art Bildungsinstitution für Kompetenzen, die auch für den Schulbesuch wichtig sind, bzw. dort aufgegriffen werden. Im Buch sprechen die Herausgeber von Funktionsbereichen, wenn sie Förderbereiche meinen, was vermutlich Absicht ist, um die Relevanz der entwicklungspsychologischen Forschung zu verdeutlichen. Den Autorinnen und Autorinnen ist es im Großen und Ganzen gelungen, komplexe Hintergründe in ihren wesentlichen Bezügen und handlungsorientiert darzustellen. Einzelne Themen eignen sich als Überblicksartikel, die Fachkräften und Studierenden sicher hilfreich sind.
Entwicklung allein auf der Verhaltens- und Kompetenzebene zu begreifen greift für die Sozial- und Frühpädagogik natürlich zu kurz. Die Bedeutung der sozialen Herkunft und die des Erziehungsverhaltens sind empirisch schwer nachweisbar. Der in der heutigen Zeit zu beobachtende Trend der Beobachtung und Betonung von kognitiven Strategien ist dem modernen Kompetenzbegriff geschuldet. In der Kindheit sind darüber hinaus auch wesentliche andere Erfahrungen notwendig und entwicklungsförderlich. Eine fundierte Diskussion um Programme müsste sich anschließen, denn gerade hier ist die normative Verwertbarkeit und Bewertung entscheidendes Kriterium. Eine kritische Einordnung des Entwicklungsbegriffs kommt im Buch selbst nicht vor. Zunächst bleibt festzuhalten, dass das Interesse an nachprüfbarer Entwicklungsförderung und evidenzbasierter Wissenschaft mit diesem Buch befriedigt wird.
Fazit
Aus meiner Sicht eignet sich das Buch für alle, die mit Kindern arbeiten oder arbeiten wollen. Es eignet sich auch für eine kritische disziplinäre Auseinandersetzung für Lehrende und Studierende der Schul-, Sozial-, Sonder- und Frühpädagogik. Es enthält viele Hinweise auf Studien und Programme und bietet einen Überblick über den praktischen Nutzen entwicklungspsychologischer Forschung.
Rezension von
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
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