Elmar Philipp: Multiprofessionelle Teamentwicklung
Rezensiert von Dipl. Soz.päd. Annette Plobner, 12.01.2015
Elmar Philipp: Multiprofessionelle Teamentwicklung. Erfolgsfaktoren für die Zusammenarbeit in der Schule. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. 101 Seiten. ISBN 978-3-407-62926-5. 19,95 EUR.
Autor
Dr. Elmar Philipp, Dipl.-Päd., ist seit 20 Jahren als freiberuflicher Berater, Fachbuchautor, Fortbildner und Trainer bundesweit tätig. Arbeitsschwerpunkte: Change Management, Schul- und Teamentwicklung.
Entstehungshintergrund
Diese Neuerscheinung kann man als zweiten Band aufbauend auf den Band „Teamentwicklung in der Schule“ zu dieser Thematik verstehen.
Aufbau
Das Buch hat einen Umfang von 101 Seiten und ist in 6 Kapiteln unterteilt.
Es startet mit einem kurzen Vorwort und endet mit einem Schlusswort, einem Literaturverzeichnis und einem Anhang.
- Kapitel 1 „Die Herausforderung: Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams“ stellt die Grundlagen von Kooperationen in Schulen dar und bietet notwendige Begriffsklärungen.
- Im Kapitel 2 „Von der Teamentwicklung zur Teamkultur“ erfährt der Leser/die Leserin wie die persönliche Bereitschaft zur Teamarbeit und der Entwicklung einer Teamkultur gestärkt werden kann.
- Kapitel 3 stellt „Modelle der Teamentwicklung vor“.
- Kapitel 4 beschäftigt sich mit der „Kommunikation im Team“.
- Unterrichtsentwicklung und Fortbildung im Team bestimmen den Inhalt des Kapitels 5.
- Das letzte Kapitel 6 stellt verschiedene Methoden der Teamentwicklung vor.
Inhalt
Die Notwendigkeit sich den Herausforderungen der Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams zu stellen wird im 1. Kapitel skizziert. Schulen haben Anforderungen zu bewältigen und zu gestalten, sie brauchen mentale Modelle, methodische Herangehensweisen um die gute Kooperation mit den verschiedenen dort tätigen Berufsgruppen aktiv zu fördern. Ein gemeinsam erarbeitetes Leitbild, vom Autor als „gehobener Hausvorstand“ betitelt, ermöglicht eine gute Grundlage für die Identifikation mit der jeweiligen Organisation. Begriffsklärungen: Kooperation, Gruppe, Team, Teambildung, Teamentwicklung, Teamarbeit werden ausdifferenziert. Wie können Einzelkämpfer in Schulen angesprochen werden um überhaupt Interesse an der Entwicklung eines „Wir“ zu bekommen? Wo kann sich Teamarbeit in der Schule verorten? Da größere Schulen keine Teams sind werden mögliche strukturelle Verankerungen vorgeschlagen. Vier Begründungen für Teamentwicklung werden unter folgenden Überschriften argumentativ vorgestellt:
- Menschen sind auf Kooperation angelegt
- Es gab und gibt Kooperationsnotwendigkeiten
- Die Schule von heute erfordert professionelle Lerngemeinschaften
- Die Teamarbeit der Lehrkräfte hat Vorbildcharakter für Schülerinnen und Schüler
Mögliche Ziele der Teamentwicklung, um gute Ergebnisse zu erzielen, werden dargestellt.
Die Argumente sind wissenschaftsbasiert und ziehen ebenso anthropologische Erfahrungswerte heran.
Das Kapitel 2 beschreitet den Weg von der Teamentwicklung zu einer Teamkultur. Sinnhaftigkeit von Teamarbeit und der persönliche Nutzen brauchen eine angemessene Kommunikationsstrategie um diese zu verdeutlichen. Vertrauen als Kernressource in schulischen Veränderungsprozessen kommt eine außerordentliche Bedeutung zu. Empirisch nachgewiesen hat die vertrauensvolle Beziehung zwischen Lehrenden und Schülern den größten Einfluss auf gute Lernergebnisse. Vertrauen und Vertrauensentwicklung basieren auf vier Elemente, die vorgestellt werden. Darüber hinaus wird ein Ablaufmodell die folgerichtige Sequenz von Zielen, die in einer Organisation zu berücksichtigen sind, beschrieben.
Ausführlich wird die Bedeutung von der Besetzung verschiedener Teamrollen beschrieben. In erfolgreichen Teams sind insgesamt neun unterschiedliche Rollen, im Sinne eines Clusters bestimmter persönlicher Charakteristika, zu finden bzw. zu besetzen (in Anlehnung an Wilfried Schley, 1998). Das Modell bezieht sich auf empirische Ergebnisse, mit dem der Autor als Basis in Teamentwicklungsprozessen gute Erfahrungen macht. Die neun Teamrollen werden vom Autor ausdifferenziert, die hilfreich sind um bestimmte Einschätzungsschwierigkeiten (Selbst- und Fremdeinschätzung) im Blick zu haben. Auf dieser Grundlage werden Prinzipien zur Bildung effektiver Arbeitsgruppen abgeleitet.
Die Rolle der Schulleitung und der Steuerungsgruppe bei einem Teamentwicklungsprozess werden in den Blick genommen. Lehrkräfte in Schulen lassen sich nicht gerne von „Peers“ steuern, der Autor stellt in Anlehnung Senge u.a. 2000 Kompetenzen vor, dieser anspruchsvollen Steuerungsaufgabe im Sinne eines Anforderungsprofils gerecht zu werden. Übungen zur Definition einer Steuergruppe als auch zur Bilanzierung werden vorgestellt. Die Einführung eines kollegialen Teamcoachings für Steuerungsgruppen rundet das Kapitel ab. Er schlägt ein Verfahren vor, welches von der Steuergruppe erlernt werden kann um es dann ohne externen Coach selber anwenden zu können um damit alle Themen und Konflikte selbständig bearbeiten zu können.
Das Kapitel 3 widmet sich verschiedenen Modellen der Teamentwicklung. Das Gruppenreflexivitätsmodell nach West 1994/1996 wird als brauchbares Modell der Teamentwicklung, welches im Prinzip die zwei Dimensionen der aufgabenbezogenen und der sozialen Reflexivität aufgreift, präsentiert. Ausgehend davon wird die „Kasseler Teampyramide“, entwickelt von Kauffeld 2001, als anschauliches Modell vorgestellt. Ausgangspunkt dieses Modells ist die Zielorientierung, als wichtigster Erfolgsfaktor für Veränderungsprozesse. Ziele und Anforderungen müssen klar formuliert werden, damit das Team einerseits diese kennt und auch voll akzeptieren kann. Mit diesem Phasenverlauf bietet das Kasseler Modell ein überzeugenderes als das vielfach rezipierte Tuckman Modell, welches evidente methodische Schwächen aufweist, da bspw. nicht alle Gruppen notwendigerweise Stormingphasen durchlaufen. Der Autor stellt sowohl ein Koordinatensystem zur Bestandsaufnahme vor als auch ein Team Dreieck (Buchinger /Schober, 2006) welches die Kraftquellen Erkenntnis, Ordnung und Vertrauen abbilden. Die Bedeutungen der einzelnen Quellen als Teamressourcen werden differenziert. Empirische Erfolgsfaktoren der Teamentwicklung basierend auf der Gruppenforschung (Cornelli 2003) werden vorgestellt.
Das Kapitel 4 „Kommunikation im Team“ bezieht sich auf das Kommunikationsmodell, entwickelt von Scharmer 2009, Schüler von Ed Schein und Mitarbeiter von Peter Senge. Der Autor schlägt dieses als geeignetes Modell der Kommunikation für Schul- und Teamentwicklungsprozessen vor. Kommunikative Entwicklungswege werden anhand einer Karte beschrieben, die einzelnen Wege erläutert. Die Notwendigkeit von Feedbacks in Gruppen und Teams ist unumstritten. Ausführlich werden die wichtigsten Regeln und Voraussetzungen für erfolgreiche und vor allem lernwirksame Feedbackprozesse vorgestellt. Ein dazu hilfreicher Teamdiagnosebogen, praxiserprobt und wissenschaftlichen Ansprüchen genügend, wird vom Autor dargestellt.
Im Kapitel 5 „Unterrichtsentwicklung und Fortbildung“ wird ein neuer, empirisch abgesicherter Ansatz einer grundlegenden Veränderung von Unterricht vorgestellt, das Konzept „Change Leadership“ entwickelt an der Harvard Universität (Wagner/Kegan 2006). Ein wesentlicher Ansatz ist hier das Systemdenken, das auch Peter Senge stark geprägt hat. Werkzeuge zur Bestandsaufnahme der Veränderungsbereitschaft werden vorgestellt. Ausgehend von der persönlichen und der organisatorischen Seite von Veränderungsprozessen wird vorgestellt, wie zu den Bereichen Problembeschreibung, Zukunftsvorstellung und die Bewusstmachung möglicher Widerstände entsprechende Arbeitsaufträge an ein Team formuliert werden können. Beispielhaft wird ein möglicher Ablauf eines Pädagogischen Tages zum Thema Teamentwicklung inkl. möglicher Leitfragen vorgestellt. Eine mögliche Fortbildung als Großgruppenmoderation wird mit der Methode „World Café“ beschrieben. Auch dafür werden beispielhaft Fragestellungen zu einem bestimmten Themenkomplex vorgeschlagen.
Im letzten Kapitel 6 stellt der Autor Methoden der Teamentwicklung, erfolgreich erprobt in seiner eigenen Beratungstätigkeit, zur Verfügung. Die methodischen Werkzeuge können als Anregung für evtl. Teamentwicklungsprozesse des fachkundigen Lesers/der Leserin verstanden werden. Von Methoden des Einstiegs eines Prozesses bis zu Methoden der Prozessauswertung werden verschiedene Möglichkeiten angeboten, einschließlich hilfreicher Grafiken und Checklisten.
Diskussion
Ein rundherum gelungenes praxisorientiertes Buch, welches eine gute Grundlage für Teamentwicklungsprozesse in Schulen bietet. Der Organisation Schule zugehörigen Spezifika werden Rechnung getragen. Insbesondere die Frage nach der Begründung von Kooperationsnotwendigkeiten in einer Organisation, die traditionell eher auf Einzelkämpfertum ausgerichtet ist, wird Rechnung getragen. Inhaltlich besonders interessant ist die Skizzierung der
Entwicklung einer neuen Schulkultur, die orientiert an der Praxis wertvolle Hinweise für eine entsprechende Umsetzung bietet. Durchdrungen von einer offensichtlich erfahrungsreichen Praxis des Autors bietet diese Publikation eine strukturierte Übersicht über einen möglichen Teamentwicklungsprozess in einer Schule oder einer vergleichbaren anderen Bildungseinrichtung, umrahmt von Zusammenfassungen und möglichen Leitfragen am Ende der jeweiligen Kapitels.
Fazit
Das Buch ist uneingeschränkt zu empfehlen für alle Trainer/innen, Berater/innen, Lehrer/innen, Schulleitungen und weiteren Professionsgruppen, die in dem Kontext tätig sind mit Interesse an der Entwicklung einer modernen Schulkultur, die auf Kooperation und Teamarbeit ausgerichtet ist. Die Inhalte sind wissenschaftsbasiert, praxisorientiert und methodisch reichhaltig. Das Buch ist in erster Linie ausgerichtet an speziellen Fragestellungen der Organisation Schule, allerdings sehr hilfreich und brauchbar für andere Bildungseinrichtungen wie bspw. Hochschulen und Vorschuleinrichtungen.
Rezension von
Dipl. Soz.päd. Annette Plobner
Supervisorin DGSv
Psychodramaleiterin DFP
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