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Heinrich Ricking: Schulabsentismus

Cover Heinrich Ricking: Schulabsentismus. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2014. 150 Seiten. ISBN 978-3-589-23028-0. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 30,70 sFr.

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Thema

Heinrich Ricking, ausgewiesener Experte für Schulabsentismus und an der Universität Oldenburg lehrend, legt mit diesem Band eine theoriegeleitete aber vor allem für die Schulpraxis außerordentlich geeignete Darstellung zum Thema Schulabsentismus vor. Auffallend ist die Lese- und Nutzungsfreundlichkeit: Fallbeispiele, Fachbegriffe im Fettdruck, grau unterlegte Hervorhebungen, markierte Checklisten, Kopiervorlagen auch online, Glossar und Medientipps zum Schluss des Buches.

Aufbau

Die Gliederung beinhaltet folgende sieben Kapitel:

  1. Formen und Begriffe
  2. Die rechtliche Seite des Schulabsentismus
  3. Prävention in der Schule
  4. Intervention: Was tun, wenn Schüler fehlen?
  5. Arbeit am Einzelfall
  6. Kooperative Hilfen
  7. Fazit

Inhalt

Das 1. Kapitel dient der begrifflichen Klärung. Schulaversion als beginnende Schulablehnung führt sehr häufig über Schulabsentismus als unrechtmäßiges Schulversäumnis zum Schulabbruch. Verantwortlich für diese „Abwärtsspirale“ sind individuelle Problemkonstellationen, soziale Problemlagen wie auch Wohlstandsvernachlässigungen. Push-Faktoren, z.B. Schulversagen oder Konflikte mit Lehrern und Mitschülern, unterstützen die Vermeidung des Schulbesuches. Pull-Faktoren, z.B. Aufgabenübernahme in der Familie, Aufnahme bezahlter Arbeit oder attraktive Handlungsalternativen außerhalb der Schule, entwickeln Anziehungskräfte, die von der Schule wegführen. Eine weitere Formengruppe bildet die angstbedingte Schulmeidung (z.B. Trennungsangst) aber auch Angst vor Gewalt in der Schule. Die dritte Formengruppe ist das Zurückhalten von Schülern vor allem durch Eltern. Vom Schulabsentismus sind alle Schulen betroffen; hohe Fehlquoten finden sich in Hauptschulen und in Teilen der Förderschulen. Betroffen von hohen Fehlquoten sind auch auch Teile der Berufsschulen (z.B. Berufsvorbereitungsjahr). In den neuen Bundesländern fehlen deutlich weniger Schüler in den Schulen im Vergleich zu den alten Bundesländern.

Im Rahmen der rechtlichen Seite des Schulabsentismus wird im 2. Kapitel die Schulpflicht einschließlich gegebener Handlungsoptionen bei Pflichtverletzung erörtert. Dazu gehört an erster Stelle das Gespräch mit dem Schüler und seinen Eltern. Dann sind Ordnungsmaßnahmen möglich wie Unterrichts- ggf. Schulausschluss (Suspendierung), Zuführung des Schülers oder Geldbuße. Die präzise Dokumentation des Falles ist wichtig, da Ordnungsmaßnahmen in die Rechtssphäre des Schülers eingreifen. Ersatzzwangshaft ist rechtlich möglich – wenn auch als letztes Mittel.

Prävention in der Schule wird im 3. Kapitel umfangreich dargestellt. Begonnen werden kann mit der Resilienzförderung, also der Förderung psychischer Widerstandsfähigkeit gegenüber psycho-sozialen Entwicklungsrisiken. Ein resilienzbezogener Schutzfaktor ist z.B. soziale Kompetenz wie auch Empathiefähigkeit (Soziales Lernen in der Schule). In der Folge unterscheidet Ricking Prävention auf der pädagogischen Ebene (Konzept und Verhalten der Lehrkräfte), auf der organisatorischen Ebene (erfassen, analysieren, handeln) und auf der unterrichtlichen Ebene (Klassenführung, Unterrichtsqualität). Unterstützend wirkt sich Schulsozialarbeit aus, mittels derer soziale Kompetenz gefördert und durch Mediationsangebote schulische Konflikte beigelegt werden können. Diese und weitere Vorschläge führen zu einem Gesamtmodell der Prävention:

  • Ebene Schule: Pädagogische Haltung, Registratur, Sicherheit, soziales Lernen
  • Ebene Klasse: Lehrer- und Schülerbeziehung, Lernen fördern, Kontakt halten, Selbstregulation
  • Ebene System: Kooperation mit Eltern, Netzwerk der Hilfen (s. Kap. 6)

Das 4. Kapitel fragt nach Interventionsmöglichkeiten seitens der Schule. Generell gilt, dass zunächst die schulinternen Handlungsoptionen ausgeschöpft werden. Um dieser Regel zu folgen ist ein klares schulbezogenes Konzept unabdingbar und schließt Anwesenheitskontrolle, sofortige Reaktion sowie Gespräche mit dem Schüler und seinen Erziehungsberechtigten mit ein. Bei Erfolglosigkeit werden zunächst Kooperationspartner wie z.B. die Jugendhilfe eingebunden und erst zuletzt rechtliche Maßnahmen in Erwägung gezogen. Reflexion des Lehrerverhaltens, Unterstützung der Schwänzer durch Mitschüler (Buddy-Projekte) ressourcenorientierte Hilfe zur Selbsthilfe und eine pädagogisch gestaltete Rückkehr sind Interventionsmaßnahmen. Großen Wert legt Ricking auf die Verstärkung positiven Verhaltens und entsprechend viele Empfehlungen finden sich in dem Kapitel. Ein Verstärkerplan kann z.B. ein Token-System beinhalten (Belohnung durch einen Chip) oder einen pädagogischen Vertrag zwischen Lehrer und Schüler. Vorgeschlagen wird auch ein Beobachtungsbogen (check), der Beratungs- und Beziehungsgestaltung zwischen Lehrer und dem betreffenden Schüler systematisch ermöglicht (connect). Das Kapitel schließt mit Empfehlungen zu angstbedingtem Meidungsverhalten und Zurückhaltung von Schülern durch ihre Eltern. Die letztgenannten Absentismusursachen benötigen häufig der professionellen außerschulischen Hilfe (z.B. Therapeuten).

Das Folgekapitel 5 beschäftigt sich mit der „Arbeit am Einzelfall“. Die dafür systematisch abzuarbeitenden Handlungsschritte sind:

  1. Vorklärung,
  2. Ermittlung der Bedingungsstruktur,
  3. Datenauswertung,
  4. Strategie- und Maßnahmenauswahl,
  5. Planung der Umsetzung,
  6. Systematische Umsetzung,
  7. Evaluation.

Diese Schritte werden ausführlich beschrieben. Der Beobachtungsbogen zu Schulversäumnissen, der Leitfaden für Gespräche mit dem Schüler und mit den Eltern sind vorhanden und können auch heruntergeladen werden. Auch werden standardisierte Testverfahren vorgestellt, sowohl um das Absentismusproblem zu klären, als auch geeignete Fördermaßnahmen einzusetzen. Um die Tests anzuwenden sind einschlägige Erfahrungen erforderlich und Teamarbeit wird vorgeschlagen. Ein exemplarischer auf den Einzelfall bezogener Förderplan fasst die Handlungsschritte zum Schluss des Kapitels zusammen.

„Kooperative Hilfen“, das 6. Kapitel, geht von einer vernetzten Schule aus, die kompetente außerschulische Partner eingebunden hat. Bei den gemeindeorientierten Strategien wird auf das erfolgreiche Nürnberger Modell verwiesen. Dort hat Schule, Jugendamt und Polizei ein gemeinsames und differenziert wirksam werdendes Konzept entwickelt und erprobt. Weitere Netzwerkpartner werden vorgestellt wie die Jugendhilfe, Schulpsychologie, mobile sozial- und sonderpädagogische Dienste, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Jugendwerkstatt. Erörtert wird aber auch das EU-finanzierte Modell „Die zweite Chance“ mit dem Ziel, verfestigte Schulversäumnisse bei Schülerinnen und Schülern ab dem 12. Lebensjahr abzubauen. Eine weitere Möglichkeit, Schulabsentismus zu vermeiden ist die alternative Beschulung. Dazu nötig sind intensivpädagogische Kleinstschulen mit individualisierter sonder- und sozialpädagogischer Förderung.

In der Bilanz im 7. Kapitel stellt Ricking fest, dass durch Absentismus geprägte Bildungsverläufe mit der wahrscheinlichen Folge gesellschaftlicher Desintegration nicht hinnehmbar sind und hinreichende Ressourcen in den Schule bereitgestellt werden müssen.

Diskussion

Der vorgelegte Band erörtert die für die Schule notwendigen Handlungsoptionen in der Absentismusproblematik ausführlich. Die notwendigen theoretischen Unterlegungen sind ebenso vorhanden, wenn auch in gegebener Kürze. Diese Veröffentlichung will aber keinen Theorie- und Forschungsüberblick geben, den stellt Ricking andernorts zur Verfügung. Vielmehr liegt eine gut handhabbare differenzierte Orientierung für Schulleitungen und Lehrerkollegien vor, die in ihrer Reichweite auch für unterstützende Kooperationspartner in den lokalen Netzwerken Gültigkeit hat.

Fazit

Eine komprimierte Veröffentlichung zum Thema mit hoher Praxisorientierung für Lehrerinnen und Lehrer sowie für die Sozialpädagogik und Soziale Arbeit in der Schule.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 30.03.2015 zu: Heinrich Ricking: Schulabsentismus. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2014. ISBN 978-3-589-23028-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17773.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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