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Timo Hoyer, Rolf Haubl u.a. (Hrsg.): Sozio-Emotionalität von hochbegabten Kindern

Cover Timo Hoyer, Rolf Haubl, Gabriele Weigand (Hrsg.): Sozio-Emotionalität von hochbegabten Kindern. Wie sie sich sehen - was sie bewegt - wie sie sich entwickeln. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. 224 Seiten. ISBN 978-3-407-25714-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Interaktion zwischen Hochbegabten und Umwelt

„Was wir zu lernen haben, ist so
schwer und doch so einfach und klar:
Es ist normal, verschieden zu sein.“
(Richard von Weizäcker, 1993)

Hochbegabung wird im gesellschaftlichen Selbstverständnis weitgehend mit einer Bevorzugung durch das Schicksal gleichgesetzt. Von Kindern, die mit außergewöhnlichen Gaben auf die Welt kommen, wird angenommen, dass sie beste Voraussetzungen haben, ihr Leben gut zu bewältigen. Lebenswege hoch begabter Menschen zeigen jedoch, dass dies nicht generell der Fall ist. Auch für hochbegabte Kinder und Jugendliche kann es im Lauf ihres Heranwachsens, wie für andere Kinder und Jugendliche auch, zu Entwicklungsschwierigkeiten kommen, die Außenhilfe erforderlich machen.

Wenn Anlagen und Entfaltungsdrang des Kindes und die Möglichkeiten der Menschen in seiner Umgebung zu sehr voneinander abweichen, wenig zueinander passen, können zwei grundlegende menschliche Bedürfnisse, Sichentfaltenwollen und Dazugehörenwollen, in dem Kind in einen schwerwiegenden Konflikt miteinander geraten und seine Entwicklung erheblich stören. Das Bedürfnis, dem eigenen Entfaltungsdrang folgen zu wollen, bedeutet, im Selbst bereitliegende Möglichkeiten an der Außenwelt zu erproben und sich und die Welt zu gestalten auf dem Weg zu Individualität und Autonomie. Dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu folgen, heißt, sich in Übereinstimmung mit anderen Menschen zu bringen, Gemeinsamkeit mit anderen als Gruppe zu erleben und eigenes Verhalten darauf zu richten, von anderen verstanden und emotional akzeptiert zu sein. Beide Bedürfnisse versucht das Selbst eines Kindes in Einklang zu bringen, damit beide bestmöglich erfüllt werden. Dies geschieht in allen Entwicklungsphasen, mit verschiedenen Akzenten in früher Kindheit, Latenzzeit, Pubertätszeit und Adoleszenz. Es besteht dabei eine Abhängigkeit vom Verhalten der Umgebungspersonen und von einem sehr frühen Alter an „ein Bedürfnis nach Teilung von emotionalen und kognitiven Zuständen in Bezug auf die Welt“ (Dornes, Die frühe Kindheit,

1997). „Teilung“ ist hier zu verstehen als „miteinander erleben“. Dieses Bedürfnis, den eigenen Zustand lebendig gespiegelt und freudig aufgegriffen zu sehen, haben Kinder, die ganz altersunübliche geistige Fähigkeiten haben, genauso wie andere auch.

Autoren und Autorin

Prof. Dr. Timo Hoyer, geboren 1964 in Bremen, Studium der Erziehungswissenschaften, der Philosophie und Neueren deutschen Literatur in Frankfurt am Main, von 1997 bis 2005 Wissenschaftlicher Angestellter an der Universität Kassel, 2001 Dissertation „Nietzsche als Erziehungstheoretiker“, die mit dem Georg-Forster-Preis der Universität Kassel ausgezeichnet wurde. 2005 habilitiert er. Es folgte seine Ernennung zum Privatdozenten für Erziehungswissenschaft an der Universität Kassel. Nach mehreren Vertretungsprofessuren ist Timo Hoyer seit dem 1.1. 2011 außerplanmäßiger Professor an der Universität Kassel.

Prof. Dr. Gabriele Weigand studierte an den Universitäten Würzburg und Bordeaux in Pädagogik, Psychologie und Soziologie sowie in Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft für das Lehramt an Gymnasien. 1979 legte sie die wissenschaftliche Prüfung für das Lehramt an Gymnasien ab. Es folgte 1983 ihre Promotion im Fach Erziehungswissenschaft an der Universität Würzburg und 1984 die Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien. Seit 1985 ist Gabriele Weigand Mitarbeiterin an Forschungs- und Bildungsprogrammen mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten im Rahmen des deutsch-französischen Jugendwerks. 2003 setzte sie ihre wissenschaftliche Karriere mit ihrer Habilitation und Venia Legendi für Pädagogik an der Universität Würzburg (Habilitationsschrift „Schule der Person“) fort. Seit 2004 hat sie die Professur für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe inne.

Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl, geboren 1951. Rolf Haubl studierte Psychologie und Germanistik mit Schwerpunkt Sprachwissenschaften, Dr. phil. in Germanistik, Dr. rer. pol. habil. in Psychologie. Seit 2003 ist er Professor für Soziologie und psychoanalytische Sozialpsychologie am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität und Direktor des Sigmund-Freud-Instituts. Nach einem Jahrzehnt Einzel-Lehranalyse folgte die Spezialisierung auf Gruppenanalyse – Gruppenlehranalytiker (AG/DAGG) und gruppenanalytischer Supervisor und Organisationsberater (DGSv). Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl ist Mitherausgeber der „Freien Assoziation“ und der „Zeitschrift für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik“.

Aufbau und Inhalt

Das Buch „Sozio-Emotionalität von hochbegabten Kindern. Wie sie sich sehen – was sie bewegt – wie sie sich entwickeln“ setzt sich aus 11 verschiedenen Beiträgen unterschiedlicher Autoren/-innen zusammen:

Mutmaßungen über Ole (Timo Hoyer) Das Fallbeispiel beschreibt die Schulsozialisation eines ca. 11 jährigen Jungen, der in der Grundschulzeit unter mangelnder Akzeptanz und Integration seitens seiner Klassenkameraden und seitens der Lehrkräfte leidet. Genauso stark wie sein Außenseiterdasein, belastet ihn die mangelnde kognitive Förderung. Das Schulanreizsystem des Junges im teilintegrierten Hochbegabtenzweig des Gymnasiums besteht aus ein bisschen Spaß, ein bisschen Belohnung und ein bisschen Konkurrenz.

Bindung und Begabung (Rolf Haubl) Was die soziale Kompetenz betrifft, so ist belegt, dass sicher gebundene Kinder, wenige, aber gute Freunde haben, auf die sie sich verlassen und die sie gegebenenfalls um Unterstützung bitten. Unsicher gebundenen Kindern fehlen solche Möglichkeiten, denn ihre „Freundschaften“ bleiben oberflächlich; sie sind sogar isoliert. Innerhalb ihrer Gleichaltrigengruppe nehmen sicher gebundene Kinder nicht selten Führungspositionen ein. Sie sind beliebt und sowohl fähig als auch bereit, Konflikte zwischen den Gruppenmitgliedern angstfrei anzugehen und konstruktiv zu lösen. In dieser Hinsicht machen Hochbegabte keine Ausnahme.

Nur kein Neid! (Rolf Haubl) Die Drohung oder nur die Befürchtung, Freunde zu verlieren, macht besonders hochbegabte Schüler/-innen erpressbar, weil sie als bevorzugt erscheinen und deshalb verpflichtet seien, die bestehende Ungleichheit auszugleichen. Wer sich den Erwartungen oder Forderungen seiner weniger begaben Mitschüler/-innen zu entziehen sucht, riskiert nicht nur soziale Isolation, sondern sogar verfolgt zu werden. Die Neiddämpfung kann in gravierenden Fällen so weit gehen, dass hochbegabte Schüler/-innen sogar bewusst schlechte Noten schreiben, um damit zu signalisieren, dass es keinen Grund gibt, sie zu beneiden.

„Da war ich auch sofort viel mehr integriert“ (Gabriele Weigand) Die vorliegende und auch die eigenen Forschungsergebnisse der Autorin lassen hinsichtlich der Frage Separation, Integration oder Inklusion von hochbegabten Kindern keine eindeutigen Schlussfolgerungen zu. Die Entscheidung darüber hängt, wie sich zeigt, letztendlich von unterschiedlichen Kriterien, Perspektiven und Wertmaßstäben ab und die Frage nach dem „Besten“ für ein jedes Kind ist differenziert und unterschiedlich zu beantworten.

„So, du bist jetzt hochgegabt!“ (Sara Widmann) Auf den ersten Blick scheint die Rollenzuweisung „hochbegabt“ unproblematisch. Man nimmt an einem IQ-Test teil und gilt ab einem Wert von 130 als hochbegabt. Die Transition in eine Hochbegabtenklasse ist ein mehrschichtiger Prozess. Eine individuelle Begleitung der Transition ist unerlässlich, damit die Kinder die Rolle des hochbegabten Schülers so konfliktarm wie möglich übernehmen und sich mit ihr identifizieren können. Lehrer, Eltern und Psychologen tragen die Verantwortung den Schülerinnen und Schülern ein transparentes, differenziertes Bild über die Rolle „hochbegabt“ zu vermitteln und sie während der Transitionsphase (und darüber hinaus) zu begleiten.

Die doppelte Illusion der Hochbegabung (Kenneth Horvath) Hochbegabtenprogramme reproduzieren soziale Ungleichheiten. In der Berücksichtigung persönlicher Eigenheiten liegt eines der Hauptziele der Hochbegabungsförderung. Ungleiches soll nicht gleich behandelt werden – insofern steht Ungleichheit im Zentrum des Hochbegabungsdiskurses. Man könnt argumentieren, dass sich diese Ambivalenz einfach einlösen lässt, wenn persönliche Eigenheiten von sozialer Ressourcenverteilung begrifflich getrennt werden. Aus der Argumentation dieses Beitrags folgt eher, dass mit einer solchen Differenzierung die Komplexität des Wechselspiels zwischen diesen beiden Ebenen unterschätzt und die grundlegende, aber notwendig verleugnete Verknüpfung von scheinbar individuellen Eigenheiten und Verhaltensweisen und sozialen Ungleichheitsverhältnissen übersehen wird.

„Ich verstehe es halt so schnell und dann kann es auch schon schneller gehen“ (Timo Hoyer) Leistung berechnet die Physik aus dem Energie- oder Arbeitsaufwand pro Zeiteinheit. Je mehr Arbeit in derselben Zeit verrichtet wird, desto höher die Leistung. Den Turbolernern (=Hochbegabten), bei denen, wie wir gesehen haben, das schulische Lernen oftmals so rasch und mühelos vonstatten geht, dass ihnen der Vorgang nicht einmal bewusst wird, kann das eigentlich nur recht sein. Es gibt viele Erklärungen, weshalb gewisse Schülerinnen und Schüler weit hinter ihrem eigentlichen Leistungsvermögen zurückbleiben (Minderleister). Aus der Warte der in diesem Beitrag angelegten beschleunigungsanalytischen Perspektive wäre das Phänomen als eine Lerntempoverzögerung zu fassen.

„Momentan werden wir eben noch als Nerds dargestellt.“ (Janina Friedl und Timo Hoyer) Wir machen uns ein Bild von uns selbst, aber auch von anderen. Darin besteht eine praktische Notwendigkeit, Selbst- und Fremdbilder erleichtern es, den Alltag zu strukturieren, uns gegenseitig einschätzen, Situationen einordnen, Reaktionen vorhersehen und Wahrnehmungen steuern zu können. Allerdings müssen wir dafür die schier unendliche Fülle an Informationen auf ein überschaubares Bündel von Merkmalen reduzieren, was eine Einbuße an Komplexität nach sich zieht. Damit stehen solche Bilder in der Gefahr, sich zu „falschen“, realitätsverzerrenden Vorstellungen zu verfestigen. Es führt kein Weg daran vorbei, sich der eigenen Bilder bewusst zu werden, ihre Herkunft und Tauglichkeit zu überprüfen, will man der unsachgemäßen, realitätsfremden Vorteils- und Klischeebildung entgegenwirken.

Hochbegabung als Rettungsanker? Der Fall Paul (Martina Möller) Paul ist im Rahmen der Studie zweimal im Abstand von etwa einem Jahr in Einzelinterviews befragt worden. Bei solchen Interviews handelt es sich stets um Momentaufnahmen, die selbstverständlich nicht das ganze Leben widerspiegeln. Auch sind Falldarstellungen immer Interpretation der transkibierten Interviews, geprägt von der jeweiligen Sichtweise und den theoretischen Zugängen des Autors. In diesem Kapitel werden die Assoziationen von Martina Möller über Paul unter pädagogischer und entwicklungspsychologischer Perspektive artikuliert, wobei die biographischen Erfahrungen von Paul im Mittelpunkt der Betrachtung stehen.

Außer Rand und Band (Timo Hoyer) An dem nachfolgenden in Auszügen wiedergegebenen Gespräch nahmen sechs Kinder (3 Jungen/3 Mädchen) einer fünften Modellklasse teil. Der ausgewählte Fall fällt insofern aus der Reihe, als sich über die gesamte Dauer des anderthalbstündigen Treffens keine konzentrierte Gesprächsatmosphäre einstellen wollte. Die hier zum Vorschein kommenden regressiven Züge sind aus Beobachtungen von Gruppenprozessen in Regelschulklassen bekannt. Dass solche Tendenzen unter den handverlesenen Schüler/-innen einer Modellklasse für Hochbegabte auftreten, deutet darauf hin, dass das Lust- und das Realitätsprinzip, also die subjektiven und emotionalen Bedürfnisse der Schüler/-innen auf der einen Seite und die sozialen Ordnungsstrukturen und objektiven Anforderungen der Schule auf der anderen, in einem prekären Spannungsverhältnis stehen.

Einblick in die Forschungspraxis (Rolf Haubl) Die Gespräche mit den Jungen und Mädchen haben uns sehr beeindruckt. Alle hatten durchweg unverwechselbare einprägsame Züge. Wir nehmen an, dass die Diagnose „Hochbegabung“ und die daraus resultierenden verschiedenen Fördermaßnahmen bis hin zu der Aufnahme in eine Hochbegabungsklasse als kritisches Lebensereignis begriffen werden kann. Der Terminus „kritisch“ unterstellt dabei nicht von vornherein ein zwangsläufiges Auftreten von Krisen oder gar unzumutbare Belastungen. Vielmehr ist primär eine erhöhte Aufmerksamkeit aller Betroffenen gemeint. Darunter werden sie gesamte soziale Matrix (Eltern, Geschwister, Freunde, Lehrende und Mitschüler/-innen) verstanden, die einen gravierenden Einfluss darauf hat, wie „hochbegabte“ Schüler/-innen ihre Begabung verstehen und die ihnen angebotenen Fördermaßnahmen nutzen.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an alle, die sich für das Thema „Hochbegabung“ interessieren. Selbst Laien sollten überwiegend keine Verständnisprobleme habe.

Fazit

Das Buch „Sozio-Emotionalität von hochbegabten Kindern. Wie sie sich sehen – was sie bewegt – wie sie sich entwickeln“ gibt Einblicke in die Lebensumstände, Erfahrungswelten und die Emotionalität von Schülerinnen und Schülern, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie als hochbegabt gelten. Sämtliche Beiträge folgen der Überzeugung, dass die private und professionelle Förderung von „Hochbegabten“ nicht über deren Köpfe hinweg geplant und vollzogen werden soll. Der Band möchte zu einer selbstreflexiven, auf Wissen und Verständnis beruhenden Bildungspraxis beitragen, indem er die Hauptprotagonisten und deren Sicht der Dinge erläuternd darstellt. Ein Buch, dass nicht nur einen Beitrag zur Hochbegabtenforschung leistet, sondern auch eine Fülle von Anregungen zu Inklusion, Schulpolitik und anderen Lernproblemen bietet.


Rezension von
Dr. Kirsten Oleimeulen
Psychologin – Familienberaterin, akkreditierte Psychologin für Gesundheitspsychologie und Prävention (BDP), systemische Familientherapeutin und Supervisorin, online-Beraterin
Homepage www.oleimeulen.info


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Zitiervorschlag
Kirsten Oleimeulen. Rezension vom 16.01.2015 zu: Timo Hoyer, Rolf Haubl, Gabriele Weigand (Hrsg.): Sozio-Emotionalität von hochbegabten Kindern. Wie sie sich sehen - was sie bewegt - wie sie sich entwickeln. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. ISBN 978-3-407-25714-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17774.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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