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Mariacarla Gadebusch Bondio, Elpiniki Katsari (Hrsg.): Gender-Medizin. Krankheit und Geschlecht [...]

Cover Mariacarla Gadebusch Bondio, Elpiniki Katsari (Hrsg.): Gender-Medizin. Krankheit und Geschlecht in Zeiten der individualisierten Medizin. transcript (Bielefeld) 2014. 212 Seiten. ISBN 978-3-8376-2131-0. 29,99 EUR.
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Herausgeberinnen

Mariacarla Gadebusch Bondio, Philosophin und Medizinhistorikerin, leitet das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der TU München.

Elpiniki Katsari, Fachärztin mit Zusatzbezeichnung „Gender-Medizinerin“ ist Oberärztin in der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie am Herz- und Diabeteszentrum Mecklenburg-Vorpommern Karlsburg.

Entstehungshintergrund

Dieser Sammelband ist entstanden in der Folge eines, von den Herausgeberinnen im März 2012 veranstalteten, Kolloquiums mit dem Thema des Verhältnisses der Individualisierten Medizin zur Gendermedizin. An diesem Kolloquium nahmen u.a. Wissenschaftler_innen des Forscher_innenkonsortiums GANI_MED (Greifswald Approach to Individualized Medicine) teil.

Aufbau

Nach einer Einleitung von Mariacarla Gadebusch Bondio folgen vier Themenblöcke:

  1. Kultur – Gesellschaft – Geschlecht
  2. Mentalitätswechsel in der Forschung
  3. Klinische und operative Praxis angesichts der Differenz
  4. Risikofaktor Geschlecht

Inhalt

Im Vorwort beschreiben die Herausgeberinnen die Notwendigkeit, im Rahmen des Konzeptes „Individualisierte Medizin“ geschlechtsspezifische Faktoren zu berücksichtigen. Sie gehen von folgenden Grundannahmen aus: „Inzidenz, Schweregrad, Entwicklung und Prognose einer Krankheit sind geschlechtlich geprägt. Dementsprechend sollen auch Detektion, Prophylaxe, Prävention, Diagnose und Therapie diese Differenzen berücksichtigen“ (Vorwort, o.S.).

In der Einleitung erläutert Gadebusch Bondio die Entwicklung der Gender-Medizin in Bezug zur allgemeinen Frauenforschung und den Gender-Studies. Sie konstatiert, dass der Grad der Integration von Geschlechterfragen in verschiedenen Fachgebieten der Medizin unterschiedlich sei. Sie führt an, dass neben biologischen auch soziale, kulturelle und historisch Prägungen für das Gesundheitsverhalten relevant seien. Gadebusch kritisiert, dass die Individualisierte Medizin Geschlecht kaum thematisiert.

1. Kultur – Gesellschaft - Geschlecht

Brigitte Lohff stellt in ihrem Beitrag „Die Erfüllung von Canguilhems Traum? Der Krankheitsbegriff der Individualisierten Medizin“, zunächst die Frage, ob die Ziele der Gendermedizin nicht mit der Praxis der Individualisierten/Personifizierten Medizin erreicht wären, da das Geschlecht ja konstituierender Teil der Person sei. Sie stellt jedoch fest, dass der Wissensbestand über Geschlechts-relevante Faktoren nicht systematisch sei und Lücken aufweisen würde. Lohff diskutiert den Krankheitsbegriff der Individualisierten Medizin und bedient sich dafür des Konzeptes des französischen Wissenschaftsphilosophen Canguilhem. Sie hinterfragt die Biologie als alleinige Grundlage der Individualisierten Medizin und führt die seelische Dimension als mögliche Ergänzung an.

Sie weist hin auf eine notwendige Auseinandersetzung der Gesellschaft mit ethischen Fragen, die sich im Zuge der Individualisierten Medizin ergeben.

Annegret Hoffmann, als Medizinjournalistin, beschreibt in ihrem Beitrag die derzeitige Öffentlichkeitsarbeit und den Stand der Implementation Geschlechts-relevanten Wissens in der Medizin (Aus- und Weiterbildung, Leitlinien).

2. Mentalitätswechsel in der Forschung

Dirk Gansefort und Ingeborg Jahn skizzieren den Ist-Zustand der Geschlechter-sensiblen Forschung in der Epidemiologie. Sie weisen darauf hin, dass es jenseits des binären Schemas Mann/Frau noch keine Operationalisierung gäbe und heben die Bedeutung von sozialen Faktoren hervor. Sie diskutieren, wie Geschlechter-sensible Forschung in der Epidemiologie aussehen könnte und stellen das Projekt „Epi goes Gender“ vor.

Karen Nieber umreißt die Relevanz der Berücksichtigung von Geschlecht bei der Arzneimitteltherapie. Dafür thematisiert sie sowohl die derzeitige Praxis der Entwicklung und Erprobung von Medikamenten als auch Aspekte der Pharmakokinetik und Pharmakodynamik, der Wirkungen und Nebenwirkungen.

Henriette Meyer zu Schwabedissen erläutert die Unterschiede in der Behandlung kardiovaskulärer Erkrankungen und geht dabei speziell auf die Unterschiede bezüglich der Medikamentierung ein.

3. Klinische und operative Praxis angesichts der Differenz

Ingo F. Herrmann und Mariacarla Gadebusch Bondio stellen ein Thema vor, bei dem die Relevanz von gesellschaftlichen Erwartungen an Angehörige eines Geschlechts deutlich wird: Medizinische Interventionen bezüglich der Stimme. Dabei werden sowohl Geschlechtsumwandlungen als auch Eingriffe zur Rekonstruktion einer Stimme etwa nach Tumorerkrankungen thematisiert.

Epiniki Katsari skizziert in ihrem Beitrag die Unterschiede in der operativen Behandlung der koronaren Herzkrankheit, dafür beschreibt sie auch geschlechtsspezifische Unterschiede bzgl. der Prävalenz und der Ausprägung sowie der postoperativen Situation.

Christiane Erley schildert geschlechtsspezifische Unterschiede bei Nierenerkrankungen und deren Behandlung und geht dabei sowohl auf physiologische als auch auf Verhaltensaspekte ein.

4. Risikofaktor Geschlecht

Im ersten Aufsatz dieses Abschnittes beschreibt Andrea Kindler-Röhrborn Geschlechteraspekte des individuellen Krebsrisikos. Sie benennt sowohl biologische Determinanten als auch soziokulturelle Faktoren.

Der Aufsatz von Ulf Schminke, Bettina von Sarnowski und Christof Kessler beschäftigt sich mit Unterschieden bei zerebrovaskulären Erkrankungen, beginnend bei den Risikofaktoren bis zur Behandlung und den Folgen.

Miriam Schopper beschreibt in ihrem Beitrag ein bio-psycho-soziales Schmerzmodell, dass geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Schmerzentstehung und -empfindung erklären kann.

Anne Maria Möller-Leimkühler behandelt einen der Bereiche, in denen Männer bisher weniger Thema waren: Depressionen. Sie geht diesbezüglich von einer Unterdiagnostizierung und -behandlung von Männern aus und stellt Barrieren für die Inanspruchnahme des Hilfesystems für Männer vor.

Der letzte Aufsatz von Marianne Schrader stellt die Implementierung von Geschlechts-relevanten Inhalten in ein Wahlfach im Medizinstudium an der Lübecker Universität vor.

Diskussion

Den Herausgeberinnen ist es gelungen, für den vorliegenden Sammelband durchweg ausgewiesene Expert_innen für die jeweiligen Fachgebiete zu gewinnen. Gut ist es, dass für die Beiträge in diesem Buch auch Männer gewonnen werden konnten. Deutlich wird insgesamt die Notwendigkeit der Berücksichtigung von Genderaspekten in der Individualisierten Medizin sowie dafür eine intensivere Erforschung von geschlechtsspezifischen biologischen und soziokulturellen Faktoren. In fast allen Beiträgen wird sowohl auf biologisch/physiologische Unterschiede als auch auf soziokulturelle Faktoren eingegangen. Gansefort und Jahn benennen die Notwendigkeit der Integration einer intersektionellen Perspektive. Der Aufbau des Werkes ist logisch, die einzelnen Beiträge sind sowohl nacheinander als auch einzeln gut les- und nachvollziehbar. Jeder Beitrag bietet neben den Fachspezifischen Informationen immer auch neue allgemeine Aspekte. Insgesamt ergänzen sich die Beiträge so gut und sind für sich betrachtet so informativ und fundiert, dass eine einzelne Besprechung nicht nötig ist. Lediglich der letzte Aufsatz über die Implementierung von Gender-Inhalten in das Medizinstudium in Lübeck wirkt etwas begrenzt, da m.E. allgemeine Aspekte zur Situation im Medizinstudium in Deutschland sowie eine diesbezügliche Zielvorstellung fehlen.

Etwas intensiver hätte ggf. die Konstruktion von Geschlecht in der Einleitung beschrieben werden können. Aber dies hätte vermutlich den Rahmen des Werkes gesprengt und wäre vielleicht eine Idee für ein neues Projekt, das auf diesem Buch aufbauend die praktische Relevanz der gesellschaftlichen Aspekte für Prävention, Therapie und den Umgang mit etwaigen Folgen zum Thema haben könnte.

Fazit

Der vorliegende Sammelband beschäftigt sich mit den hochaktuellen Themen Individualisierte Medizin und Gender Medizin. Die Beiträge sind auf fachlich hohem Niveau, dabei aber sowohl für Ärzt_innen, medizinisches Fachpersonal als auch für andere, an dem Thema Gesundheit und Gender, Interessierte sehr gut geeignet.


Rezension von
Dipl.-Soz.-Päd. Doris Neppert
Sozialarbeiterin M.A., Dozentin an der FH Kiel, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
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Zitiervorschlag
Doris Neppert. Rezension vom 06.01.2015 zu: Mariacarla Gadebusch Bondio, Elpiniki Katsari (Hrsg.): Gender-Medizin. Krankheit und Geschlecht in Zeiten der individualisierten Medizin. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2131-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17783.php, Datum des Zugriffs 07.04.2020.


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