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Alisha M. B. Heinemann: Teilnahme an Weiterbildung in der Migrationsgesellschaft

Cover Alisha M. B. Heinemann: Teilnahme an Weiterbildung in der Migrationsgesellschaft. Perspektiven deutscher Frauen mit »Migrationshintergrund«. transcript (Bielefeld) 2014. 328 Seiten. ISBN 978-3-8376-2718-3. 34,99 EUR.

Theorie Bilden, Bd. 33.
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Thema

Die Autorin untersucht in ihrem Forschungsprojekt Perspektiven und Gründe für die Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen der sehr heterogenen Gruppe von deutschen Frauen mit Migrationshintergrund (dazu gehören „weibliche Personen, die selbst zugewandert sind oder mindestens einen Elternteil oder Großeltern haben, die nach 1949 zugewandert sind. Zum Zeitpunkt der Befragung haben sie ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland“, S.17). Durch ihre differenzierte und rassismuskritische Analyse werden neue Zugänge und Perspektiven in der Erwachsenenbildungsforschung eröffnet sowie Hintergrundwissen für die Weiterbildungspraxis präsentiert.

Autorin

Dr. Alisha M. B. Heinemann ist Universitätsassistentin (Post-doc) am Institut für Germanistik an der Universität Wien im Arbeitsbereich ‚Deutsch als Zweitsprache‘.

Aufbau

Das Buch besteht auch sechs Kapiteln, die jeweils mit einer Zusammenfassung und einer Reflexion enden.

  1. Im ersten Teil werden die verwendeten Begrifflichkeiten definiert sowie die Lebenslagen der befragten Frauen im Zusammenhang mit der deutschen Migrationsgesellschaft beschrieben.
  2. Anschließend wird der aktuelle Forschungsstand in Bezug auf Erwachsenenbildung und Migrationsforschung dargestellt.
  3. Das dritte Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen zur Analyse und Auswertung der im Rahmen des Forschungsprojektes durchgeführten Interviews.
  4. Im vierten Kapitel wird die methodische Herangehensweise genauer ausgeführt,
  5. woraufhin im fünften Kapitel die Auswertungsergebnisse ausführlich dargestellt werden.
  6. Der letzte Teil beschäftigt sich mit möglichen Praxisimplikationen der Ergebnisse und wirbt für eine kritisch-reflexive rassismussensible Haltung im Kontext einer pädagogischen Professionalität.

Am Ende steht eine zusammenfassende Schlussreflexion.

Inhalt

Grundlage der in der vorliegenden Forschung verwendeten qualitativen Herangehensweise ist die Grounded Theory. In leitfadengestützten Tiefeninterviews wurden Frauen dazu befragt, wieso sie Weiterbildungsmaßnahmen annehmen oder nicht annehmen. Theoretischer Hintergrund hierbei sind die soziologischen Instrumente Pierre Bourdieus sowie die Konzepte der Postcolonial Theories.

Die Auswertungsergebnisse beschreiben die Gründe der befragten Frauen für eine (Nicht-)Teilnahme an Weiterbildung anhand von vier Dimensionen, die sich alle aus unterschiedlichen Richtungen der Beantwortung der Forschungsfrage annähern. Die vier Dimensionen spielen ineinander und können deshalb nicht unabhängig voneinander betrachtet werden; sie bewegen sich sowohl auf politischer, als auch auf gesellschaftlicher und persönlicher Ebene. Es wird deutlich, dass pädagogische Professionalität sich auf jeder dieser Ebenen mit einer kritisch-reflexiven Haltung bewegen sollte, die rassismuskritisch arbeitet und Kulturalisierungen entgegenwirkt.

Die erste Schlüsseldimension bezieht sich auf die Frage der subjektiv wahrgenommenen wie auch der von außen zugeschriebenen Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft.

Eine weitere Dimension bezieht sich auf die Verfügbarkeit von staatsbürgerlichem Handlungskapital, das durch die Verfügbarkeit von bürgerlichen, sozialen und politischen Rechten beschrieben wird. Menschen, die über diese Art des Kapitals verfügen, besitzen gleichzeitig eine erhöhte Planungssicherheit und damit mehr Handlungsspielraum, auch in Bezug auf die Teilnahme an Weiterbildungsangeboten. Vor allem ein ungesicherter Aufenthaltsstatus und das Fehlen einer Arbeitserlaubnis sind so existenziell verunsichernd, dass eine Weiterbildungsteilnahme nicht naheliegend scheint.

Die dritte Dimension bezieht sich auf die Verfügbarkeit von kulturellem Kapital, das besonders die Rolle von Sprachkompetenzen im Deutschen, formaler Bildung und die Kenntnis des Weiterbildungsfeldes einschließt. Eine große Zahl an Weiterbildungsangeboten setzt sichere Schriftsprachkompetenzen in der deutschen Sprache voraus, wodurch besonders Personen, die im Erwachsenenalter nach Deutschland migriert sind und in diesem Bereich eventuell Defizite aufweisen, verunsichert werden und so oft von einer Teilnahme absehen. Auch die staatliche Anerkennung von Berufs- und Bildungsabschlüssen spielt hierbei eine Rolle. Findet ein hochwertiger Abschluss Anerkennung, hat dies positiven Einfluss auf den Wunsch an Weiterbildung teilzunehmen; nicht anerkannte Abschlüsse bewirken eher das Gegenteil.

Die vierte Dimension umfasst die Begründungen, die nicht im Zusammenhang mit Migration stehen. Dazu gehören insbesondere die Bereiche: Interesse am Thema, die Verwertungsmöglichkeiten von Weiterbildungsinhalten auf persönlicher und beruflicher Ebene, die Einschränkungen, die vor allem auf Frauen in der Mutterrolle zukommen, wenn sie in Familienkonstellationen leben, in denen sie für die Betreuung der Kinder die Hauptverantwortung übernehmen, sowie andere Gründe, die im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Geschlechterrollen stehen (vgl. Heinemann, Alisha M.B.: Migrationsforschung. http://alishaheinemann.eu/migrationsforschung 13.01.2015) .

Diskussion

Alisha M. B. Heinemann leistet mit ihrer Forschung „Teilnahme an Weiterbildung in der Migrationsgesellschaft“ einen wichtigen Beitrag zur Forschungslandschaft der Erwachsenenbildung und gibt gleichzeitig Einblicke in die Lebenswelten von deutschen Frauen mit Migrationshintergrund. Durch den sehr klaren Aufbau sowohl der Forschungsergebnisse, als auch des Gesamtwerkes, der sorgfältigen Vorgehensweise der Autorin sowie durch mehrere Zwischenzusammenfassungen und Reflexionen werden die Ergebnisse und Aussagen verständlich und nachvollziehbar dargestellt, ohne ihren wissenschaftlichen Anspruch einzubüßen.

Einen interessanten Anknüpfungspunkt für weitere Forschungsprojekte würde – gerade in Anbetracht der gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Diskurse – die Perspektive von Flüchtlingen darstellen. Die Frage nach Weiterbildungen von Menschen mit prekärem Aufenthaltsstatus könnte im Zusammenhang mit einem nun (etwas) erleichterten Zugang zum Arbeitsmarkt und anderen politischen Neuerungen einen neuen Blick auf Ressourcen wie auch auf Weiterbildung selbst eröffnen.

Es bleibt zu hoffen, dass die im letzten Kapitel vorgeschlagenen Implikationen für die Praxis und die Entwicklung eines Cultural Mainstreamings als Querschnittsaufgabe in Institutionen und Politik sowie eine kritisch-reflexive Haltung der pädagogischen Professionalität in Zukunft in allen genannten Bereichen Anwendung findet.

Fazit

Nicht nur in Bezug auf die Weiterentwicklung der Forschungslandschaft in der Erwachsenenbildung sondern auch auf das Verständnis der Lebenswelten von deutschen Frauen mit sogenanntem Migrationshintergrund bietet das vorliegende Buch einen klar strukturierten und umfassenden Einblick, der sowohl für Professionelle, als auch für andere Interessentinnen und Interessenten geeignet ist.


Rezensentin
Regina Ehrismann
Integrationsbeauftragte im Landratsamt Enzkre
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Rezensentin
Prof. Dr. Beate Aschenbrenner-Wellmann
Dr. phil der Erziehungswissenschaften, Diplom Sozialpädagogin (FH) und MA Ethnologie, lehrt an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg zu den Schwerpunkten Migration und Gemeinwesenarbeit. Sie ist Leiterin des Instituts für Antidiskriminierungs- und Diversityfragen (IAD) sowie des Instituts für Fort- und Weiterbildung (ifw).
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Zitiervorschlag
Regina Ehrismann/Beate Aschenbrenner-Wellmann. Rezension vom 14.01.2015 zu: Alisha M. B. Heinemann: Teilnahme an Weiterbildung in der Migrationsgesellschaft. Perspektiven deutscher Frauen mit »Migrationshintergrund«. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2718-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17786.php, Datum des Zugriffs 05.12.2019.


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