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Herbert Müller: Arbeitsorganisation in der Altenpflege

Cover Herbert Müller: Arbeitsorganisation in der Altenpflege. Ein Beitrag zur Qualitätsentwicklung und -sicherung. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2015. 5., aktualisierte Auflage. 502 Seiten. ISBN 978-3-89993-337-6. D: 44,95 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 63,90 sFr.
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Thema

Die ambulante und die stationäre Altenpflege hat seit der Einführung der Pflegeversicherung eine Reihe von Veränderungen bezüglich der Erfassung und Bewertung der Arbeitsprozesse erfahren. Das Messen und Bewerten der Pflege-, Betreuungs- und Hauswirtschaftsleistungen mittels unterschiedlicher Qualitätserfassungsinstrumente auf der Grundlage fachlicher Orientierungsvorgaben wie Standards erhielten einen immer größeren Stellenwert. In diesem Zusammenhang entstand teilweise eine Bürokratisierung aller Tätigkeitsbereiche in den Heimen, die zunehmend groteske Ausmaße annahm. In dem Leitspruch „Was nicht dokumentiert ist, ist nicht gemacht!“ wird die Absurdität dieser Denkweise plastisch dargestellt. Das Dokumentieren, das oft viel Zeit in Anspruch nahm, wurde in vielen Fällen wichtiger als die Pflege und Betreuung selbst. Dieser Fehlentwicklung versucht man gegenwärtig mit verschiedenen „Verschlankungskonzepten“ der Dokumentation entgegenzuwirken. Die vorliegende Publikation befasst sich mit den verschiedenen Aspekten der Arbeitsorganisation unter dem Blickwinkel der „Qualitätsentwicklung und -sicherung“.

Autor

Herbert Müller ist Bankkaufmann, Diplom-Sozialpädagoge (FH), Qualitätsmanager und TMQ-Auditor, der mehr als 12 Jahre als Heimleiter tätig war. Seit 1997 arbeitet er als Qualitätsmanager in sozialen Dienstleistungsunternehmen sowie in der Aus- und Weiterbildung für Mitarbeiter der Altenpflege.

Aufbau

Das Buch ist vom Aufbau her in die Abschnitte Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität unterteilt. Die Inhalte sind in den folgenden 30 Kapiteln dargestellt.

  • 1. Begriffserklärungen
  • 2. Veränderte Rahmenbedingungen in der Altenpflege
  • 3. Arbeitsorganisation in der Altenpflege

Teil 1: Strukturqualität – Wichtige Elemente der Aufbauorganisation

  • 4. Zielorientiertes Arbeiten
  • 5. Theoriegeleitetes Arbeiten
  • 6. Leitbildorientiertes Arbeiten
  • 7. Konzeptgeleitetes Arbeiten
  • 8. Gesetzliche Regelungen als Rahmenbedingung für die Arbeit
  • 9. Finanzierung von Dienstleistungen in Einrichtungen der Altenhilfe
  • 10. Organisationsstruktur in Einrichtungen der Altenpflege
  • 11. Festlegung der Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten durch Stellenbeschreibungen

Teil 2: Prozessqualität – wichtige Kernprozesse der Ablauforganisation

  • 12. Organisation eines Wohn- bzw. Arbeitsbereichs in der stationären Pflege
  • 13. Konzept zur Planung der Betreuung und Pflege
  • 14. Pflegedokumentation
  • 15. Bewohnerbezogene Risikopotentiale in der Versorgung und Pflege
  • 16. Standards in der Altenpflege
  • 17. Kommunikations- und Informationsprozesse
  • 18. Dienstplanung und Personaleinsatzplanung
  • 19. Mitarbeiterführung
  • 20. Mitarbeitergespräche
  • 21. Einarbeitung neuer Mitarbeiter
  • 22. Praktische Ausbildung von professionellen Altenpflegepersonen in Einrichtungen der Altenhilfe
  • 23. Heimeinzug
  • 24. Umgang mit Arzneimitteln

Teil 3: Ergebnisqualität – Qualität, Zielerreichung und Zufriedenheit

  • 25. Qualitätsmanagement in Einrichtungen der Altenhilfe
  • 26. Qualitätszirkel
  • 27. Visiten
  • 28. Fehler-, Risiko- und Verbesserungsmanagement
  • 29. Befragungen
  • 30. Qualitätsprüfung durch den MDK/PKV-Prüfdienst

Inhalt

Der Orientierungs- und damit auch der Bezugsrahmen der Ausführungen wird von dem Strukturmodell der „fördernden Prozesspflege“ (ABEDL) nach Monika Krohwinkel, dem Qualitätsmodell DIN EN ISO 9000 ff Normenfamilie, einer internationalen und branchenübergreifenden Normengruppe für Produkte und Dienstleistungen, und den einschlägigen Gesetzen und Verordnungen insbesondere dem SGB XI bestimmt. Gemäß dem Aufbau des Buches werden im ersten Abschnitt der Arbeitsauftrag, die Ziele und die erforderliche Organisationsstruktur beschrieben. Dabei werden Aspekte wie die Leitbildgestaltung, die Festlegung von Verantwortlichkeiten mit der entsprechenden Organisationsstruktur einschließlich konkreter Stellenbeschreibungen für die verschiedenen Aufgabenbereiche konkret beschrieben. Ergänzend werden die gesetzlichen Regelungen als Rahmenbedingung für diese Handlungsvollzüge nebst den Finanzierungsmodalitäten aufgeführt. Im zweiten Teil geht es um die Organisation der Versorgung mittels Pflege, Betreuung und hauswirtschaftlichen Dienstleistungen. Zuerst werden die verschiedenen Modelle der Pflegeorganisation wie z. B. Funktionspflege und Bereichspflege erläutert; des Weiteren wird u. a. auf die Schnittstelle Kooperation mit den Mitarbeitern der Hauswirtschaft eingegangen. Hieran schließen sich Darstellungen über die Pflegeplanung, die Pflegedokumentation und bewohnerbezogene Risiken und Gefahren in der Pflege und Betreuung an. Es folgen Ausführungen über die Standards in der Altenpflege wie Expertenstandards und deren Umsetzung im pflegerischen Alltag. Weitere Inhalte sind u. a. die Informationsweitergaben wie Dienstübergabe, ärztliche Anordnungen, die Dienstplanung und die Personaleinsatzplanung, die Mitarbeiterführung einschließlich der Einarbeitung neuer Mitarbeiter. Der dritte Teil des Buches zentriert sich um die Leistungsqualität und wie sie konkret gemessen wird. Aufgeführt werden im Einzelnen die Formen des Qualitätsmanagement in Einrichtungen der Altenhilfe, Qualitätszirkel, Visiten, das Fehler-, Risiko- und Verbesserungsmanagement, Befragungen und Qualitätsprüfungen durch den MDK. Die Darstellungsweise ist durch eine strukturierte Gliederung der Inhalte, Zusammenfassungen, Hervorhebungen und 36 Abbildungen und 38 Tabellen gekennzeichnet. Zusätzlich sind einige Erhebungsbögen (u. a. Leitfaden Bewohnerbezogene Visite, Fragebogen Bewohnerbefragung, Fehlerprotokoll, Maßnahmenvorschlag Qualitätszirkel) abgebildet. Es sollte auch erwähnt werden, dass der Autor bei der vorliegenden Veröffentlichung auf die aktuellen pflegepolitischen Fachdiskussionen (u. a. Überarbeitung der Pflegedokumentation) eingegangen ist (Stand September 2014).

Diskussion

Die Würdigung dieser Publikation muss nach Ansicht des Rezensenten auf zwei Ebenen der Gegenstandserfassung erfolgen.

Auf der Ebene der konkreten Sachdarstellung gibt es an dieser Veröffentlichung nichts zu bemängeln: all die für den Betrieb eines Pflegeheimes erforderlichen Verordnungen, Regelungen, Finanzierungsmodalitäten und gesetzlichen Rahmenbedingungen sind angemessen und praxisnah beschrieben.

Auf der Ebene der allgemeinen Inhalte und Sinnzusammenhänge einer Institution für körperlich und geistig gebrechliche alte Menschen, die hilfe- und pflegebedürftig sind, zeigt die Publikation hingegen aus der Sicht des Rezensenten massive Fehler und Fehlentwicklungen, von denen hier nur einige angeführt werden:

  • Die Bewohnerschaft der Pflegeheime besteht überwiegend aus Demenzkranken. Das Strukturmodell „fördernde Prozesspflege“ von Monika Krohwinkel hingegen ist für Demenzkranke als Planungs- und Bewertungshorizont nicht ausreichend. Es fehlt somit in diesem Buch ein geeigneter Orientierungsrahmen für die Pflege und die Betreuung der größten Bewohnergruppe im Heimbereich.
  • Das Qualitätsmodell DIN EN ISO 9000 ff mag für eine Schraubenfabrik die angemessenen Strukturkonzepte enthalten, um sich auf dem Markt gegenüber der Konkurrenz behaupten zu können, denn diesem Modell ist u. a. die Verpflichtung zur ständigen Qualitätsverbesserung (u. a. Verbesserungsschleifen wie Plan-Do-Check-Act) innewohnend. Ein Pflegeheim hingegen, das überwiegend Demenzkranke zu pflegen und zu betreuen hat, besitzt eine andere Handlungslogik. Hier stehen die Bewohner mit ihren Gebrechen und individuellen Bedürfnissen im Mittelpunkt. Für diese Personen sind Ruhe, Gelassenheit, Zuwendung und auch Stetigkeit im Sinne von Vorhersehbarkeit und Ritualisierung allen Geschehens die entscheidenden Milieufaktoren zur belastungsarmen Lebensführung.
  • Auch der so genannte „interne und externe Kundenbegriff“ dieses Qualitätsmodells und weitere verwaltungstechnische Verordnungen und Vorgaben sind für das kollektive Handeln in einem Pflegeheim störend bzw. geradezu kontraproduktiv. Kollegialität und gemeinschaftliche Zusammenarbeit bilden den organisatorischen Rahmen für eine stressreduzierte Arbeit aller Mitarbeitergruppen. Die vorgeschlagenen Bürokratisierungstendenzen, insbesondere die Instrumente zur Mitarbeiterkontrolle als offene und versteckte Machtmittel, hemmen hingegen spontanes und flexibles Handeln der Mitarbeiter, das für den Umgang mit demenzkranken Bewohnern unabdingbar ist, um das Empfinden für Geborgenheit und Sicherheit vermitteln zu können. Ein harmonisches Miteinander bildet somit letztlich den Orientierungsrahmen für die Qualität aller erbrachten Leistungen im Heim und die lässt sich nun einmal nicht mittels DIN-Strukturen operationalisieren, quantifizieren und skalieren.

Fazit

Auf der Ebene der konkreten Sachdarstellung gibt es an dieser Veröffentlichung nichts zu bemängeln: All die für den Betrieb eines Pflegeheimes erforderlichen Verordnungen, Regelungen, Finanzierungsmodalitäten und gesetzlichen Rahmenbedingungen sind angemessen und praxisnah beschrieben.

Auf der Ebene der allgemeinen Inhalte und Sinnzusammenhänge einer Institution für körperlich und geistig gebrechliche alte Menschen, die hilfe- und pflegebedürftig sind, zeigt die Publikation hingegen aus der Sicht des Rezensenten massive Fehler und Fehlentwicklungen - in dieser Hinsicht vermag das Buch nicht zu überzeugen. Hier wird konzeptionell mithilfe falscher und unzureichender Strategien (Qualitätsmodelle und Pflegekonzepte) eine Arbeitsorganisation aufgebaut, bei der das für ein Pflegeheim notwendige Maß an Freundlichkeit, Arbeitsfreude und Zufriedenheit bei Bewohnern und Mitarbeitern in der Regel nicht entstehen kann.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
E-Mail Mailformular


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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 12.05.2015 zu: Herbert Müller: Arbeitsorganisation in der Altenpflege. Ein Beitrag zur Qualitätsentwicklung und -sicherung. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2015. 5., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-89993-337-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17789.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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