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Christine Wintermeier: An der Grenze zur Einmaligkeit (Autismus)

Cover Christine Wintermeier: An der Grenze zur Einmaligkeit. Eine Mutter erzählt von ihrem Sohn mit Asperger-Autismus. Verlag Hartmut Becker (Kirchhain) 2014. 106 Seiten. ISBN 978-3-929480-48-1. D: 12,80 EUR, A: 13,20 EUR, CH: 22,50 sFr.
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Thema

Im Buch erzählt Christine Wintermeier von ihren Erfahrungen mit ihrem Sohn Marvin. In der Kindheit beurteilen Fachleute und das soziale Umfeld Marvin sehr unterschiedlich, von der Grenze zur geistigen Behinderung bis zur Hochbegabung. Letztendlich bekommt er die Diagnose Autismus. Frau Wintermeier berichtet von ihrem unermüdlichen Engagement, davon wie sie unterstützt wurde, aber auch davon, welchen Vorurteilen und Fehleinschätzungen Marvin ausgesetzt war und welche Steine ihm in den Weg gelegt wurden. Das Buch endet mit einem Happy End: Als Marvin 16 Jahre alt ist beschließt er mit seiner Familie seinen Behindertenausweis abzugeben, seinen Diagnose – Ordner zu vernichten, um dem „Mangeldenken“ keine Energie mehr zu schenken und dem begleitenden Autismusspezialisten Dr. Strahl Lebewohl zu sagen. Er verlässt die Schule als Jahrgangsbester und studiert an der Universität Duisburg-Essen Nano-Engineering.

Autorin

Christine Wintermeier ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Ihr ältestes Kind, Marvin, ist Asperger Autist. Das Buch ist im Harmut Becker Verlag in der Reihe Psychologie erschienen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im DIN A 5 Format erschienen und umfasst 105 Seiten. Es enthält 37 Kapitel. Die Kapitel sind nicht nummeriert. Das Buch endet mit persönlichen Lesertipps der Autorin.

  • An der Grenze zur Einmaligkeit
  • Wie alles begann
  • Marvin lernt Einschlafen
  • Orale Phase und seltsame Spiele
  • Zwergengruppe
  • Marvin lernt Laufen
  • Zoes Geburt und englische Wörter
  • Kinderarzt-Erfahrungen
  • In der Neuropädiatrie
  • Erkenntnis im Kindergarten
  • Marvins Verhaltensweisen
  • Diagnose Asperger-Syndrom
  • Gemeinsame Beratung
  • Horrorerlebnis
  • Im Dschungel der Behörden
  • Förderung im Kindergarten
  • Ergotherapie und Autismus-Therapie
  • Treffen mit anderen Eltern
  • Eine andere betroffene Mutter
  • Eine unbeschwerte Phase
  • Verunsicherung
  • Die letzte Zeit vor der Schule
  • Ich brauche nun selbst Hilfe
  • Die »Staubsauger-Therapie«
  • Vorbereitung auf die Schule
  • Einschulung: Freude und Unsicherheit
  • Ein Engel ruft an
  • In der Schule
  • Termin bei Dr. Strahl
  • Zweites und drittes Schuljahr
  • Viertes Schuljahr
  • Ende der Autismus-Ambulanz
  • Auf der weiterführenden Schule
  • Meine Gedanken
  • Heute
  • Rückblick unserer Tochter Zoe
  • Mein eigener Weg, meine Bestimmung

Die Kapitelüberschriften spiegeln Erinnerungen aus dem Lebenslauf von Marvin wider. Marvin ist das erste Kind der Familie Wintermeier. Das Kapitel Wie alles begann beschreibt, wann es den Eltern auffällt, dass Marvin anders als andere Kinder ist. Der Übergang in die erste institutionelle Betreuung außerhalb der Familie die Zwergengruppe scheitert, ein zweiter Anlauf in einem Montessori – Kindergarten gelingt.

Es folgt eine Zeit, in der Fachleute aufgesucht werden wie Kinderarzt und Neuropädiatrie. Dabei erlebt die Familie Wintermeier viele Tiefen, das Ergebnis des ersten Besuchs in der Neuropädiatrie mündet in der Diagnose „Geistige Behinderung“, diese Diagnose kann die Erzieherin im Kindergarten allerdings nicht bestätigen. Sie äußert zum ersten Mal, dass es sich um Autismus (Diagnose Asperger-Syndrom) handeln könnte. Behutsam erklärt sie den Eltern, was ihr im Unterschied zu anderen Kindern an Marvins Verhalten aufgefallen ist. Diese Verhaltensweisen sind den Eltern nicht unbekannt, sie fühlen sich verstanden. Der Kindergarten stellt Kontakt zur Autismus Ambulanz her, die die Diagnose Autismus bestätigt. Wintermeier entdeckt das Buch von Tony Attwood und erkennt Entscheidendes: Marvin kann sich emotionale Verhaltensweisen und Zwischenmenschliches nicht einfach durch Intuition und Imitation erschließen, sondern er muss diese Dinge durch Anweisung und Überlegung lernen.

Die Eltern entschließen sich, Marvin erneut einem Professor einer neuropädiatrischen Klinik vorzustellen. Diese Entscheidung mündet in ein Horrorerlebnis: für die Untersuchung muss Marvin stationär aufgenommen werden. In der Klinik (spezialisiert auf Epilepsie) liegen alle Kinder in einem Bett, über das zum Schutz der Kinder Drahtkörbe gespannt sind. Christine Wintermeier erinnern diese Körbe an Käfige. Die Eltern sind erschüttert und verstört. Der Satz „es war einfach schrecklich“ fasst dieses Erlebnis treffend zusammen. Marvin verlässt die Klinik mit der Empfehlung, für eine Regelschule ungeeignet zu sein.

Im nächsten Kapitel schreibt die Autorin über eine Zeit, in der sich alles um die Beantragung von Hilfen dreht. Christine Wintermeier muss sich im Dschungel der Behörden, zurechtfinden, das kostet viel Mühe, ist aufreibend und letztendlich bekommt sie zuhause weniger Hilfe als beantragt. Er erhält im Kindergarten gezielte Förderung, die durch Ergotherapie und Autismus-Therapie ergänzt wird.

Christine Wintermeier sucht auch die Nähe zu anderen betroffenen Eltern (Treffen mit anderen Eltern). Viele Probleme, die andere Eltern erleben hat sie nicht z.B. aggressives oder selbstverletzendes Verhalten. Sie erkennt, nicht alleine vor den Problemen zu stehen, sie erkennt aber auch, dass Autismus ein breites Spektrum ist. Mit der Zeit stellt sie fest, dass sie selbst an Grenzen kommt und Hilfe braucht. Sie findet eine Psychologin und gemeinsam entwickeln sie Möglichkeiten, wie sie zur Ruhe kommen kann. Heraus kommt die – wie sie es nennt – „Staubsauger-Therapie“. Während der Hausarbeit findet sie Zeiten, in denen sie zur Ruhe kommt und nachdenken kann. In etlichen Stunden und nach vielen Gesprächen findet sie ihren eigenen Weg, sie fühlte neue Kraft aufsteigen und sie begriff wieder, wie die „Welt funktionierte. Ich war durch die vielen Nackenschläge nur durcheinander geraten in meinem Denken…Ich musste aufhören, gegen Windmühlen zu kämpfen, um in jeder Lage zu meinem Kind zu stehen, egal was andere dachten.“ (S.57).Dafür braucht es „ein dickes Fell“ und es ist Arbeit, sich dieses wachsen zu lassen. Im Nachhinein weiß sie, dass die letzte Zeit vor der Schule eine unbeschwerte Phase war.

Mit der Einschulung geht Freude und Unsicherheit einher. Marvin hat Glück. Er findet eine Grundschule, die bereit ist ihn als erstes Integrationskind aufzunehmen und er bekommt eine Lehrerin, die ihn durch ihren übersichtlichen klaren Unterrichtsstil unterstützt. Der Grundschulzeit sind einige Kapitel gewidmet. Ein Glück ist auch, dass es an der Grundschule eine Sonderpädagogin gibt, die sich mit Autismus auskennt. Frau Wintermeier kommt sie wie ein „Engel“ vor. Mit dem Ende der Grundschulzeit geht auch die Begleitung durch die Autismus Ambulanz zu Ende, einzig die Begleitung durch den Autismusspezialisten Dr. Strahl bleibt bestehen. Auf der weiterführenden Schule findet Marvin seinen Platz, schließt Freundschaften und beendet die Schule letztendlich als jahrgangsbester Schüler von 180 Schülern. Nach der Schule studiert er an der Universität Duisburg-Essen Nano-Engineering. Das Buch endet mit Gedanken der Autorin, einer Reflektion über ihren eigenen Weg, ihrer Bestimmung und einem Rückblick der Schwester Zoe.

Diskussion

Eine Geschichte mit Happy End und dennoch bleibt der Eindruck, dass Marvin dies alles ohne seine Familie und vor allem seine Mutter, die wie eine Löwin gekämpft hat, nicht geschafft hätte. Die Eltern erkennen schon früh, dass Marvin anders ist als andere Kinder, was sie anfangs „verdrängen“, bis es nicht mehr geht. Es folgt die Zeit der „Erkenntnis“ des Leids, um es erträglich zu machen und der Zeit des „Kämpfens“. Es gelingt ihr, das Schicksal anzunehmen, daran zu reifen und zu wachsen. „Nur die Liebe zu allem kann dazu beitragen, eine Welt des Einklangs und der Harmonie für uns selbst zu erreichen.“ (S. 9).

Jedes Kind ist einzigartig und jede Familie geht ihren eigenen Weg. Dennoch ähneln sich die hier beschriebenen Erfahrungen, was ich an drei Beispielen ausführen möchte:

  1. „Der Erfolg steht und fällt mit der richtigen Person für das Kind“ (S.44). Bei Marvin war das in der Grundschule die Sonderpädagogin, die von der Autorin als „Engel“ tituliert wird oder der Arzt Dr. Strahl, der der Familie lange Zeit zur Seite stand. Aber es sind nicht nur Personen, es war auch der Stil, nach dem gearbeitet wurde wie die Handlungsweise der Grundschullehrerin, die einen „graden, direkten, klaren Unterricht“ (S. 96) machte. Diese Handlungsweise gibt Sicherheit, Vorhersehbarkeit und Verlässlichkeit.
  2. Erfahrungen von Marvin bei der Vorstellung für die weiterführende Schule: Bei der Vorstellung von Marvin am Gymnasium erlebt er Ablehnung, es wirkte wie eine Prüfung oder wie Frau Wintermeier es ausdrückt, wie ein „Verhör“ über den Kopf von Marvin hinweg. Von seinen Leistungen her (Notendurchschnitt 2,1) hätte Marvin ganz sicher ein Gymnasium besuchen können, dennoch erlebt er keine Atmosphäre des Willkommens. Ganz anders lief es an der Gesamtschule ab: Der Schulleiter unterhielt sich direkt mit Marvin, befragt ihn nach seinen Interessen und Hobbies. Hier ist Marvin so wie er ist willkommen.
  3. Christine Wintermeier steht ihrem Sohn eng zur Seite. Ohne ihr Engagement und das ihrer Familie wäre er nicht dort wo er heute steht. Viele Mütter stehen alleine vor den Problemen und nicht selten gehen sie bis an ihre Grenzen und auch darüber hinaus. Frau Wintermeier hat erkannt, dass sie auch für sich sorgen muss und sich rechtzeitig therapeutische Hilfe geholt. Andere Mütter gehen über ihre Grenzen wie z.B. Tessa Korber www.socialnet.de/rezensionen/14715.php

Leserinnen und Leser, die erwarten konkret etwas „über die Grenze der Einmaligkeit“ zu erfahren, wie es der Titel beschreibt, werden enttäuscht sein, auch erfährt man kaum etwas darüber, welche Strategien Marvin geholfen haben, dahin zu kommen wo er heute steht (Verzicht auf den Behindertenausweis, Studium der Nano-Engineering). Im Mittelpunkt des Buches steht vielmehr die Entlastung der Mutter, die sich ihre Sorgen, Ängste und Erfahrungen von der Seele geschrieben hat. Die Aufzeichnungen stellen eine Themensammlung dar. Es kann sehr hilfreich sein, darüber zu lesen, wie es anderen Müttern geht und welche Höhen und Tiefen sie erlebt haben. Das Gefühl, nicht alleine dazustehen ist zudem sehr entlastend. Frau Wintermeier möchte den Leserinnen und Lesern Mut machen, sich einzusetzen und einen Sinn darin zu finden: „Verschließen Sie nicht die Augen und bleiben Sie in Ihrer Verantwortung. Kämpfen Sie mit Wachsamkeit und Liebe um Ihr Glück! Ich habe erfahren, wie wunderbar und einmalig es sich anfühlt, schwere Stunden zu überwinden. Jeder kann es schaffen, über sich selbst hinauszuwachsen und Ängste zu überwinden, um glücklicher und ruhiger zu werden.“ (S.9)

Fazit

Im Buch erzählt Christiane Wintermeier von ihren Erfahrungen mit ihrem Sohn Marvin. In der Kindheit beurteilen Fachleute und das soziale Umfeld Marvin sehr unterschiedlich, von der Grenze zur geistigen Behinderung bis zur Hochbegabung. Letztendlich bekommt er die Diagnose Autismus. Frau Wintermeier berichtet von ihrem unermüdlichen Engagement, davon wie sie unterstützt wurde, aber auch davon, welchen Vorurteilen und Fehleinschätzungen Marvin ausgesetzt war und welche Steine ihm in den Weg gelegt wurden. Das Buch endet mit einem Happy End: Als Marvin 16 Jahre alt ist beschließt er mit seiner Familie seinen Behindertenausweis abzugeben, seinen Diagnose – Ordner zu vernichten, um dem „Mangeldenken“ keine Energie mehr zu schenken und dem begleitenden Arzt Dr. Strahl Lebewohl zu sagen. Mit 19 Jahren verlässt er die Schule als Jahrgangsbester und studiert seitdem an der Universität Duisburg-Essen Nano-Engineering.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 29.12.2014 zu: Christine Wintermeier: An der Grenze zur Einmaligkeit. Eine Mutter erzählt von ihrem Sohn mit Asperger-Autismus. Verlag Hartmut Becker (Kirchhain) 2014. ISBN 978-3-929480-48-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17791.php, Datum des Zugriffs 24.03.2019.


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ISSN 2190-9245

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