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Naomi Feil, Evelyn Sutton u.a.: Trainingsprogramm Validation

Cover Naomi Feil, Evelyn Sutton, Francis Johnson: Trainingsprogramm Validation. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2014. 3., aktualisierte Auflage. 56 Seiten. ISBN 978-3-497-02490-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Im Umgang mit alten Menschen ist die Validationsmethode oft unverzichtbar. Aus diesem Grund ist dieses, in der dritten Auflage erschienene, zu besprechende Trainingsprogramm einzigartig und ebenso unverzichtbar. Es dient der systematischen Schulung von Laien- und Fachpflegekräften.

Die Ziele des Traingsprogramms sind:

  • das Befassen mit dem eigenen Alterungsprozess;
  • das Bekanntmachen mit der Welt desorientierter, älterer Menschen;
  • das Forderm von Empathie für desorientierte, alte Menschen;
  • das Erlernen der Validationsgrundsätze;
  • das Wahrnehmen der Persönlichkeit eines alten Menschen, der sich im Aufarbeitungsstadium befindet.

Autorinnen

Naomi Feil, die 1932 in München geborene Begründerin der Validation, ist Direktorin des Validation Training Institute in Cleveland, Ohio.

Evelyn Sutton ist Assistenzprofessorin am Institute for Life-Span and Gerontology der University of Akron. Seit 1979 ist sie zertifizierte Validationslehrerin.

Frances Johnson war Mitarbeiterin bei der praktischen Erprobung des Trainigsprogramms Validation

Entstehungshintergrund

Die Unzufriedenheit Naomi Feils mit den Pflegearbeiten bei alten Menschen veranlassten sie 1963 dazu ihre eigene Methode zu entwickeln. Diese Methode hilft alten Menschen dabei mit ihrer, so sie vorhanden ist, Desorientierung zurechtzukommen und damit ihren Alltag zu bestreiten.

Aufbau

  1. Hinweise für den Kursleiter
  2. 1. Thema: Das Grundlegende Konzept der Validation
  3. 2. Thema: Gelingendes Altern
  4. 3. Thema: Das Lebensstadium der Aufarbeitung
  5. 4. Thema: Der Prozess des Alterns und die Desorientierung
  6. 5. Thema: Merkmale von Menschen in den vier Aufarbeitungsphasen
  7. Zum Abschluss des Trainingsprogramms

Inhalt

Das zu besprechende Buch basiert auf Feil/Klerk-Rubin 2013 und dies. 2013a. In ihren Hinweisen für den Kursleiter führen die Autorinnen aus, dass das Trainingsprogramm eine Anleitung darstellt, welcher schrittweise gefolgt werden kann.

Bei der Einführung in die Validation sollen die Kursteilnehmer lernen,

  • den Alterungsprozess bei sich selbst wahrzunehmen und zu verstehen;
  • die Welt sehr alter desorientierter Menschen zu verstehen;
  • Empathie für das Verhalten sehr alter desorientierter Menschen zu zeigen;
  • die Validationsprinzipien in ihrer Arbeit mit sehr alten desorientierter Menschen umzusetzen;
  • zu erkennen, in welcher Phase sich ein Mensch befindet.

Zu dem grundlegenden Konzept der Validation ist es erforderlich das Lebensstadium der Aufarbeitung zu beachten. Die Aufarbeitungsphasen sind:

  1. die mangelhafte Orientierung;
  2. die Zeitverwirrtheit;
  3. die sich wiederholenden Bewegungen;
  4. das Vegetieren.

Hierfür steht beim Ernst Reinhardt Verlag ein Kurzfilm zum passwortgeschützten Download zur Verfügung.

„Der Zweck von Validation ist, das Fortschreiten der Desorientierung soweit aufzuhalten, dass der Mensch nicht ins Vegetieren fällt“ (S. 17). Der Terminus Validation leitet sich vom Verb validieren ab und das bedeutet anerkennen, bejahen, jemandem ihr oder sein Recht zuerkennen und in ihrem oder seinem Recht zu bestätigen. Bei der Validation haben wir es mit einer Methode zu tun, die das Verhalten alter Menschen v. a. aus ihrer persönlichen Geschichte heraus versteht. Validiation verzichtet auf paternalistische Unterordnung der alten Menschen.

Wie sieht nun das gelingende Altern aus? Hiermit befasst sich die zu besprechende Publikation mit einem eigenen Thema. Alte Menschen, die es im Alterungsprozess sehr schwer haben, sind aufgeschlossen für eine mangelhafte Orientierung und Zeitverwirrtheit. Wenn die alten Menschen jedoch den Umgang mit ihren Höhen und Tiefen gelernt haben und, wenn der alte Weg in die Sackgasse führt, sie es zudem gelernt haben neue Wege zu beschreiten, dann ist mangelhafte Orientierung und Zeitverwirrtheit weniger wahrscheinlich.

Bei dem Lebensstadium der Aufarbeitung gilt es Ericksons Theorie der Lebensaufgaben zu betrachten. Hier geht es um die Persönlichkeitsentwicklung, die phasenartig abläuft:

  1. Urvertrauen – Urmisstrauen
  2. Autonomie – Scham/Zweifel
  3. Initiative – Schuldgefühl
  4. Leistung – Minderwertigkeitsgefühl
  5. Identität – Rollenkonfusion
  6. Intimität – Isolation
  7. Generativität – Stagnation
  8. Ich-Integrität – Verzweiflung

Nach Naomi Feil gibt es noch ein weiteres Stadium, das unbewältigte Bedürfnisse aufarbeitet und lang unterdrückte Gefühle ausdrückt. Feil bezeichnet dies Phase bei sehr alten Menschen mit Vegetieren.

Es geht um das Vertrauen, das manche alte Menschen verloren haben. Vertrauen ist die wichtigste Lebensaufgabe. „Wenn wir die Arbeit in jedem Lebensstadium erfolgreich bewältigt haben, dann werden wir im hohen Alter positive Gefühle der Integrität erfahren und nicht der Verzweiflung, und wir werden uns nicht hilflos im Stadium der Aufarbeitung wiederfinden, wo uns nur Validation etwas Hoffnung gibt“ (S. 29 f.).

Aufarbeitung bedeutet nach Feil das Bemühen sehr alter Menschen, die Angelegenheiten ihres unabgeschlossenen Lebens zu einem Abschluss zu bringen, unerledigten Gefühlen ihr Recht zu geben und sie zu lösen, gebrochene Beziehungen aufzuarbeiten, Emotionen wahrzunehmen und auszudrücken, die über Jahre hinweg geleugnet wurden. Aufarbeitung ist der Prozess, mit sich ins Reine zu kommen und zu Versuchen, Frieden und Wohlbefinden zu erreichen, bevor das Leben zu Ende ist“ (S. 29).

Vegetieren ist die Verfassung oder der Seinszustand, der folgen kann, wenn die Arbeit an ungelösten Konflikten blockiert oder nicht zugelassen wird“ (ebd.).

Validation stellt eine Form der Intervention dar, durch die Menschen in der Aufarbeitung etwas inneren Frieden finden können. Wenn dies gelingt, werden sie nicht mehr in die Phase des Vegetierens abgleiten“ (ebd.).

Der Prozess des Alterns verläuft bei jedem Menschen anders. Dieser Alterungsprozess vollzieht sich auf der körperlichen, der psychischen und der sozialen Ebene. Daraus folgt für die Validation, auch für Menschen, bei denen post mortem eine Alzheimer Demenz diagnostiziert wurde: „Sie müssen den Menschen, mit dem Sie arbeiten, als Individuum, als Person kennen. Sie müssen versuchen, alles über diesen Menschen herauszufinden, durch Gespräche mit der Familie, mit Freunden, dem Arzt, eventuell dem geistlichen Begleiter und natürlich soweit nur möglich durch Gespräche mit dem Menschen selbst“ (S. 32).

Alte Menschen machen Verlusterfahrungen, wie dem progressiv verlaufenden Verlust des Gehörs, der sich auf die sozialen Beziehungen auswirken kann. „Feil betont […], dass sehr alte Menschen manchmal in die Vergangenheit zurückkehren, um in der trostlosen Gegenwart zu überleben und um Unerledigtes aufzuarbeiten. Eine Person im Stadium der Aufarbeitung zieht sich mehr und mehr aus der äußeren Welt zurück und ist sich immer weniger bewusst, in welcher Umgebung sie sich gerade befindet, was einerseits die Folge physischer, aber auch psychischer und sozialer Verluste ist“ (S. 35).

Nachdem die Validationstheorie bearbeitet wurde, werden die Leserinnen und Leser mit den elf Grundsätzen der Validation konfrontiert:

  1. „Mangelhaft orientierte und desorientierte alte Menschen sind wertvoll und einzigartig.
  2. Mangelhaft orientierte und desorientierte alte Menschen sollten akzeptiert werden wie sie sind: Wir versuchen nicht, sie zu verändern.
  3. Zuhören und Empathie baut Vertrauen auf, reduziert Angst und gibt die Würde zurück.
  4. Schmerzhafte Gefühle, ausgedrückt, akzeptiert und validiert durch einen vertrauensvollen Zuhörer, werden schwächer. Schmerzhafte Gefühle, die ignoriert und unterdrückt werden, werden stärker.
  5. Es gibt einen Grund hinter dem Verhalten von mangelhaft orientierten und/oder desorientierten alten Menschen.
  6. Das Verhalten von mangelhaft orientierten oder desorientierten sehr alten Menschen kann in einem oder mehreren […] menschlichen Grundbedürfnissen begründet sein. […]
  7. Früherlerntes Verhalten kehrt zurück, wenn die verbalen Fähigkeiten und das Kurzzeitgedächtnis versagen.
  8. Persönliche Symbole, die von mangelhaft orientierten oder desorientierten älteren Menschen benutzt werden, sind Menschen oder Gegenstände (in der Gegenwart), die Menschen, Gegenstände oder Konzepte aus der Vergangenheit repräsentieren, die mit Emotionen behaftet sind.
  9. Mangelhaft orientierte oder desorientierte ältere Menschen leben auf verschiedenen Bewusstseinsebenen, oftmals zur gleichen Zeit.
  10. Wenn die fünf Sinne schwinden, stimulieren sich mangelhaft orientierte und desorientierte ältere Menschen selbst und benutzen ihre ‚inneren Sinne‘. Sie sehen mit ihrem inneren Auge und hören Klänge aus der Vergangenheit.
  11. Ereignisse, Emotionen, Farben, Klänge, Gerüche, Geschmacksrichtungen und Bilder im Hier und Jetzt wecken Emotionen, die dann ähnliche Emotionen der Vergangenheit auslösen“ (S. 37).

Das Trainingsprogramm thematisiert die Merkmale von Menschen in den vier Aufarbeitungsphasen:

  1. in Phase I das Klammern an jedem kleinen Stück Realität;
  2. in der Phase II das Schaffen einer eigenen Wirklichkeit, die aus Erinnerungen und Fantasien gespeist wird;
  3. in der Phase III ein Zurückfallen in die Kindheit, denn Feil zufolge ist die Regression „eine unbewusste Rückkehr in die Zeit, als die Person noch von der Mutter beschützt und ernährt wurde“ (S. 47);
  4. in der Phase IV das in sich Zurückgezogensein der alten Person.

Diskussion

Bei der Lektüre dieser Publikation erkenne ich Parallelen zur Rehistorisierung, wie sie Wolfgang Jantzen (2005) für den deutschen Sprachraum für die Behindertenpädagogik formuliert hat.

Fazit

Das Konzept der Validation ist nur mit Naomi Feil, als dessen Begründerin, zusammen zu denken.

Neuere Überlegungen zum wertschätzenden Umgang mit demenzkranken Menschen sind Nicole Richard (2014) zu entnehmen.

Die bis hierher besprochen Publikation ist nach wie vor unersetzbar und beim Umgang mit alten Menschen eine Pflichtlektüre für die Jüngeren.

Literatur

  • Feil, Naomi/Klerk-Rubin, Vicki de: Validation. Ein Weg zum Verständnis verwirrter alter Menschen. München 102013.
  • dies.: Validation in Anwendung und Beispielen. Der Umgang mit verwirrten alten Menschen. München 72013a.
  • Jantzen, Wolfgang: „Es kommt drauf an, sich zu verändern …“ Zur Methodologie und Praxis rehistorisierender Diagnostik und Intervention. Gießen 2005.
  • Richard, Nicole: Integrative Validation nach Richard®. Wertschätzender Umgang mit demenzerkrankten Menschen. Bollendorf 2014.

Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 24.11.2014 zu: Naomi Feil, Evelyn Sutton, Francis Johnson: Trainingsprogramm Validation. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2014. 3., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-497-02490-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17798.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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