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Petra Fercher, Gunvor Sramek: Brücken in die Welt der Demenz

Cover Petra Fercher, Gunvor Sramek: Brücken in die Welt der Demenz. Validation im Alltag. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2014. 2., durchges. Auflage. 172 Seiten. ISBN 978-3-497-02467-4. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Die zu besprechende Veröffentlichung gewährt einen Blick in die Welt eines desorientierten sehr alten Menschen. Die Leserschaft erkennt die intuitive Weisheit dieser Welt und lernt die Bedeutung des Verhaltens, samt der damit ausgedrückten menschlichen Bedürfnisse dieses Menschen verstehen. Mit dieser Publikation wird das verständnisvolle und empathische Zuhören vermittelt.

Autor

Die in Wien lebende Petra Fercher ist diplomierte Validationslehrerin nach Naomi Feil.

Die – ebenfalls – in Wien lebende Gunvor Sramek ist diplomierte Validationslehrerin und Masterin nach Naomi Feil.

Entstehungshintergrund

Für die Entstehung dieses Buches sprechen wohl zwei Gründe:

  1. die Erfahrungen Petra Ferchers, die sie 1999 und 2008 gemacht hat: 1999 „wohnten in etwa 80% orientierte alte Menschen in […] (einem – CR) Altenheim. Nur ca. 20% waren desorientiert und an einer Demenz erkrankt […]. 2008 […] war es genau umgekehrt. Es lebten nur noch 20% orientierte alte Menschen in dem mittlerweile umbenannten Pflegeheim. Ca. 80% waren desorientiert und litten unter einer […] senilen Demenz vom Alzheimer Typ“ (S. 11).
  2. ist es der Blick in die Zukunft, für den Naomi Feil in ihrem Geleitwort auf Seite 7 festhält: „Wie Einrichtungen zusammenarbeiten können, um Angehörigen dabei zu helfen, ihre eigenen Bedürfnisse zu verstehen und den alten Menschen so zu akzeptieren, wie er ist,“ ist ein weiteres Motiv für die Entstehung dieses Buches

Aufbau

  1. Wie Validation im Alltag gelingt
  2. Können wir Verhaltensweisen und Aussagen als Symbole verstehen?
  3. So finden Sie Unterstützung

Inhalt

Es sind persönliche Erfahrungen, welche die beiden Autorinnen zur Validation brachten und von denen sie in der Einführung berichten:

  • Gunvor Sramek kam über ihren dänischen Großvater zur Validation. Auf Seite 9 schreibt sie hierfür: „Es wurde mir klar, dass es hinter dem grimmigen alten Großvater einen gefühlvollen, kreativen und künstlerischen Menschen gab. Mich faszinierte, dass ein Mensch zwei so unterschiedliche Seiten haben kann. […] Ich bin mir sicher, dass mein Interesse für alte Menschen mit Verhaltensveränderungen seinen Ursprung in […] (diesen – CR) Kindheitserfahrungen hat.“
  • Petra Ferchers Interesse an den grantigen alten Leuten begann während eines Universitätslehrganges für Tourismus. „Im […] Sommer arbeitete ich in einem Organisationsteam für eine Landesausstellung, die sich in einem Schloss befand. […] Im Laufe der Ausstellung kamen immer wieder Reisebusse mit älteren Menschen an. Einige von ihnen waren hochbetagt […]. Sie sammelten sich auf einem Platz und ich hörte aus der Ferne, wie sie sich beschwerten. Sie wollten partout nicht in die Ausstellung und meistens wussten die zuständigen Reiseleiter nicht, wie sie damit umgehen sollten. […] Damals ist mir aufgefallen, dass nach zehn Minuten der Schwall von Beschimpfungen und die Beschuldigung anderer Menschen in ein Ausatmen, Zurücklehnen, eine wohlwollende Haltung und Dankbarkeit mir gegenüber mündeten. […] In mir entstanden das tiefe Interesse für diese seltsamen Verhaltensweisen und der Wunsch, deren Hintergründe besser verstehen zu wollen“ (S. 10 f.).

Durch den demographischen Wandel gewinnt Validation an Bedeutung. „Es gibt immer mehr Menschen mit Demenz. […] Wir tun gut daran, uns Gedanken zu machen, Methoden zu lernen und uns weiter zu entwickeln, um diesen Herausforderungen im Alltag besser begegnen zu können. […] Validation ist ein wertvoller Beitrag für die alternde Gesellschaft, der wir alle angehören“ (S. 11 f.).

Mit dem, was Validation ist und wie sie gelingt, befasst sich nach den einführenden Worten das erste Kapitel. Hierfür wird zunächst der Blick auf drei wichtige Ebenen geworfen:

  1. die eigene Grundhaltung, welche die Voraussetzung für eine gelingende Validation darstellt;
  2. die theoretischen Grundlagen zur Validation;
  3. die verbalen und nonverbalen Techniken der Validation.

Ob wir Verhaltensweisen und Aussagen als Symbole verstehen können ist das Thema des zweiten Kapitels. Hier wird zunächst die Bedeutung von Symbolen in der Sprache und im Verhalten von mangelhaft orientierten und desorientierten alten Menschen diskutiert. Es wird Bezug genommen auf die Veröffentlichungen von Naomi Feil und Vicki de Klerk-Rubin und dann die Erfahrungen der Autorinnen der zu besprechenden Publikation besprochen. Die eigenen Erfahrungen zum Umgang mit Symbolen bei dementen Menschen erweitert das bisherige Wissen um „eine Art Kategorisierung im Zusammenhang mit Symbolen und Verhalten“ (S. 70).

Was ist nun ein Symbol in den Augen des sehr alten desorientierten oder dementen Menschen? Bei der Validation über Symbole „liegt die Theorie von S. Freud und C. G. Jung über Symbole und ihre repräsentative Funktion zu Grunde. […] Ein Symbol repräsentiert etwas oder jemanden aus der Vergangenheit. Das Symbol fungiert immer wie ein Platzhalter und wird benützt im Hier und Jetzt, weil der alte Mensch etwas Bestimmtes oder jemand Bestimmten noch einmal herbeiholen möchte“ (S. 73). Symbole führen in der Validation zu einer gemeinsamen Sprache. Missverständnisse können so leichter abgebaut werden, als das ohne der Verwendung von Symbolen der Fall ist. Z. B.: Hinter der symbolischen – und vielleicht verrückten – Behauptung, dass das Essen – als Symbol verwendet - fehlt oder gar vergiftet ist, steht fast immer ein Gefühl von fehlender Liebe oder Zuwendung.

Wichtig ist,

  • dass ein Symbol eine Repräsentationsfunktion hat;
  • dass ein Symbol wiederholt verwendet wird;
  • dass, wenn man ein Symbol wegnimmt, symbolische Aussagen, Verhaltensweisen oder Bewegungen stoppen will, in den meisten Fällen ein Ersatzgegenstand, eine Ersatzbewegung bzw. ein Ersatzverhalten gesucht, entwickelt, gefunden und schließlich ausgelebt wird;
  • dass das Symbol von der betreffenden Person selbst gewählt wird, da es ja ihr Leben betrifft und aus diesem resultiert;
  • dass das Symbol gefunden, entdeckt, aufgegriffen, kreiert und dann erfunden wird.

Im dritten Kapitel befassen sich die Verfasserinnen mit den Unterstützungsangeboten. Hier werden u. a. autorisierte Validations-Organisationen im deutschsprachigen Raum aufgeführt

Fazit

Von diesem Buch profitieren, wie die Autorinnen es in ihrer Einführung schreiben, alle Personen, welche „sich generell für alte Menschen und deren Bedürfnisse und Verhaltensweisen interessieren […]. Durch das Lesen dieses Buches eröffnet sich sich vielleicht die eine oder andere Möglichkeit, auf das eigene Altern besser vorbereitet zu sein. Aber vor allem geht es darum, besser auf das Altern anderer Menschen eingehen zu können“ (S. 14).

Die Lektüre dieses Buches führt zu dem, was die Autorinnen erreichen wollen. Sie möchten mit diesem Buch dazu ermutigen, „sich unserer Überzeugung anzuschließen, dass jeder Einzelne, der mit alten Menschen zu tun hat, in der Gesellschaft seinen ganz persönlichen Beitrag leisten kann“ (S. 163).


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 09.01.2015 zu: Petra Fercher, Gunvor Sramek: Brücken in die Welt der Demenz. Validation im Alltag. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2014. 2., durchges. Auflage. ISBN 978-3-497-02467-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17799.php, Datum des Zugriffs 19.06.2018.


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