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Stefanie Marr: Kunstpädagogik in der Praxis

Cover Stefanie Marr: Kunstpädagogik in der Praxis. Wie ist wirksame Kunstvermittlung möglich? Eine Einladung zum Gespräch. transcript (Bielefeld) 2014. 346 Seiten. ISBN 978-3-8376-2768-8. 29,99 EUR.
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Thema

Das Buch befasst sich mit der Fragestellung, wie eine wirksame Kunstvermittlung in der Praxis gelingen kann. Ausgehend von der Analyse, dass sich Vertreter des Faches nur marginal mit essenziellen Problemen des kunstpädagogischen Denkens und Handelns befassten, entwirft Stefanie Marr ein Gegenbild, das Defizite schonungslos benennt und Lösungsvorschläge skizziert. Nach einer Darstellung der ‚blinden Flecken‘ der Kunstpädagogik formuliert die Autorin einen umfassenden Bildungsanspruch des Faches, der auf die Persönlichkeitsbildung der SchülerInnen zielt. Als zentrales Agens identifiziert die Autorin dabei die Vermittlung einer bildsprachlichen Kompetenz, die Selbst- und Wirklichkeitsgestaltung umfasst und beiden Polen – „die Sachen klären und die Menschen stärken“ (Marr 2014: 96) – gerecht wird. Anhand von Unterrichtsbeispielen erläutert sie Kriterien, die ihrer Analyse zufolge zur erfolgreichen Umsetzung dieses Bildungsanspruches beitragen.

Autorin

Stefanie Marr ist seit 2011 Professorin für Kunstpädagogik an der Universität Siegen. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Künstlerische Bildung. In dem Buch vorausgehenden Publikationen hat sie sich bereits mehrfach mit Fragen der bildenden Kunst und des Kunstunterrichts als Medium des Selbstausdrucks, der Wirklichkeitsaneignung und der Lebenskompetenz befasst.

Entstehungshintergrund

Die Autorin beschreibt ihr Buchprojekt als eine Einladung zum Gespräch über Fragen zum Bildumgang in der Kunstpädagogik. Indem sie mit einer kritischen Analyse der konkreten Umsetzungspraxis beginnt, fordert sie zu reflexiven Prozessen und Erneuerungsversuchen des Faches auf. Als zielleitend wird dabei ihre Absicht deutlich, mit Kritik und Gegenentwurf die Entwicklung der Kunstpädagogik voranzubringen und gegen Marginalisierungstendenzen in Bildungsdebatte und Bildungspolitik zu verteidigen.

Aufbau

Die ersten fünf Kapitel des Buches legen das theoretisch-reflexive Fundament für die sich ab Kapitel sechs anschließende Darstellung konkreter kunstpädagogischer Umsetzungsbeispiele. Diese rekrutiert die Autorin aus eigenen Erfahrungen und Beobachtungen ihrer Berufs- und Fortbildungsaktivitäten sowie Kunstprojekten in Kooperation zwischen Schule und Museum. Mit Kapitel zehn schließt sich der Bogen zum Auftakt des Buches. Noch einmal knüpft die Autorin an das von ihr der Kunstpädagogik bescheinigte Umsetzungsproblem an und betont die Notwendigkeit, mit ausformulierten Gegenentwürfen den Fachdiskurs neu zu beleben.

Inhalt

Der durchgängige Grundtenor des Buches problematisiert das Spannungsverhältnis zwischen kunstpädagogischer Theorie und Praxis. Der Praxis wird ein mangelnder Wirkungseffekt hinsichtlich der selbst verordneten Bildungsziele und Bildungsmittel bescheinigt. Das Bildungsziel ‚kulturelle Kompetenz‘ werde, so Stefanie Marr, nur unzureichend eingelöst, solange das Bild als zentraler Gegenstand des Kunstunterrichts zu wenig in den Mittelpunkt pädagogischer Praxis gerückt würde. Dass dem so sei, leitet die Autorin aus ihrer Analyse der von ihr recherchierten Fachliteratur ab. Sie gelangt zu dem Resultat, dass der konkrete Bildumgang in den Ausführungen der FachvertreterInnen häufig unklar bleibe. Dies führt sie auch darauf zurück, dass Schülerarbeiten nur selten abgebildet und besprochen würden und die „Texte zum Bild“ (Marr 2014: 13) weitgehend bilderlos seien. Mit dem Begriff „Bildverzicht“ (ebd.: 18) pointiert sie diese Analyse und leitet aus ihr im Folgenden die Forderung ab, Bildern als Bedeutungsträgern im Kunstunterricht eine adäquate, wenn nicht gar zentrale, Stellung einzuräumen. Das Bild definiert sie als Dreh- und Angelpunkt einer kunstpädagogischen Praxis, die zum „Sich-Bilden“ (ebd.: 95) der SchülerInnen aktiv beiträgt und bildsprachliche Kompetenz als Baustein kultureller Kompetenz weiterdenkt und weiterentwickelt.

Mit zahlreichen Zitaten und Querverweisen legt Stefanie Marr die Aufgabe von Kunstunterricht dar, auf das Leben vorzubereiten und persönlichkeitsbildend zu wirken. Als Referenzautoren führt sie insbesondere Hartmut von Hentig an; inspirierend war hier augenscheinlich seine Veröffentlichung aus dem Jahr 1985 „Die Menschen stärken, die Sachen klären“. Künstlerische Projekte, die Chancen für Selbstbildungsprozesse enthalten, tragen – so die Autorin – zu diesem Entwicklungsziel bei. Knüpfen sie zudem an den Bedürfnissen und Interessen der Teilnehmenden an und gehen von subjektiven Wirklichkeiten aus, so entsprechen sie dem Verständnis konstruktivistischer Lernkonzepte. Lernen in der Kunstpädagogik wäre nach dieser Lesart mit Bezug auf Röll 2005 ein aktiver, selbstgesteuerter und sozialer Prozess (Marr 2014: 91). Im Widerspruch dazu steht ein Kunstunterricht, der SchülerInnen weder den Sinn- noch Bedeutungsgehalt der von ihnen verlangten Aufgaben verdeutlichen kann. Gleichzeitig betont Stefanie Marr an anderer Stelle, wie wichtig die Vermittlung von Fertigkeiten und Fähigkeiten, wie zum Beispiel der Erwerb von Zeichen- und Darstellungstechniken, sei.

Mithilfe von Unterrichtsbeispielen, die sich um die Themen „Schuh“ (ebd.: 127 ff.), „Essen“ (ebd.: 227 ff.) und „Kochbuchbiografien“ (ebd.: 285 ff.) drehen, legt Stefanie Marr im Anschluss dar, wie lebensrelevante Lerngegenstände Einzug in die Kunstpädagogik halten können. Anhand der Darstellung des Projekts „COLLABORATION“ (ebd.: 298 ff.) zeigt sie im letzten Abschnitt des Buches exemplarisch auf, wie sich SchülerInnen der Oberstufe bildsprachliche Kompetenz in der Rezeption von Kunstwerken aneignen. Fragen danach, was Kunst sei und wie sich eine „wissende Kunstbetrachtung“ (ebd.: 302) entwickeln ließe, werden in dieser Projektskizze dargelegt. Exemplarisch sichtbar werden zudem Chancen und Herausforderungen von Kooperationen mit Kunstinstitutionen. Abgerundet werden diese Ausführungen durch ein knappes Resümee der Autorin, in dem sie zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehrt und ein weiteres Mal betont, dass sich „erst in der Anwendung beweist“ (ebd.: 322), ob kunstpädagogische Theorien und Konzepte an die Praxis anschlussfähig seien.

Diskussion

Die Leitidee des Buches, Theorie und Praxis der Kunstpädagogik stärker in Einklang zu bringen und überzeugende Unterrichtsformate zu entwickeln, die Kinder und Jugendliche in ihrer Lebenswelt abholen, ist anerkennenswert. Interessant ist zudem die Beobachtung, dass Schülerarbeiten nur selten in Publikationen veröffentlicht und nachvollziehbar besprochen werden. Mitgehen werden LeserInnen wahrscheinlich auch bei dem Vorhaben der Autorin, die Kunstpädagogik konzeptionell weiter zu entwickeln und ihre Position in der Bildungsdebatte zu stärken. Fraglich ist jedoch, ob dies durch eine Fokussierung auf den kunstpädagogischen Bildumgang gelingen kann, wie Stefanie Marr sie vertritt. Indem sich ihre Ausführungen über den Großteil des Buches auf den von ihr diagnostizierten ‚Bildverzicht‘ und weitere ‚Mängel‘ der kunstpädagogischen Praxis konzentrieren, entsteht wenig Raum für freies Denken, innovative Ansätze und kreative Ideen. Erwartet die Leserschaft nach der umfassenden Defizitanalyse schließlich einen bahnbrechenden Gegenentwurf, so wird sie enttäuscht. Die vorgestellten Unterrichtsbeispiele sind hochgradig systemkonform und brechen weder mit kunstpädagogischen Traditionen noch Normen geschweige denn Geboten. Vielmehr erstaunt der durchgängig normative Duktus der Autorin, der Gebote neu konstituiert. Stefanie Marr scheint sich ihrer Sache dabei sicher. Ihre wiederholte Forderung nach Qualität im Bildumgang kulminiert in der Überzeugung, dass von dieser der Erfolg der Kunstpädagogik abhänge: „Denn Erfolg wird die Kunstpädagogik nur dann haben, wenn die Güte der Schülerarbeiten Beachtung findet. Gute Bilder sind Voraussetzung für gelingende Bildung“ (Marr ebd.: 49). Was aber ist unter einem ‚guten‘ Bild zu verstehen? Sätze wie „Bei einem guten Bild zählt allein die Darstellung, es geht nicht um den Schüler“ (ebd.: 44) oder „So kann behauptet werden, dass ein Schüler, der nur um sich selbst kreist, keine guten Bilder gestaltet“ (ebd.: 45) können nicht als hinreichende Definition hingenommen werden.

Der normative Zugang der Autorin zu dem Fach der Kunstpädagogik erstaunt. Liegt nicht die besondere Bedeutung künstlerischer Fächer für die Subjektivitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen gerade in dem Freiraum, den sie gewähren für Eigenheiten, Widerspenstigkeiten, Kreativität, Können und normüberschreitenden Selbstausdruck? Welche Rolle Kreativität und Gestaltungswillen in der Kunstpädagogik spielen sollten, bleibt unausgedeutet. Zu sehr konzentrieren sich die Überlegungen auf eine ‚wirksame‘ Kunstvermittlung, eine begriffliche Setzung, die dem konstruktivistischen Verständnis von Bildungsprozessen widerspricht, das an anderer Stelle bemüht wird (s.o.). Im Ergebnis legt die Autorin ein Buch vor, das trotz einer Fülle an Querbezügen und Verweisen theoretisch wenig durchkomponiert erscheint.

Fazit

Das Buch eignet sich als Impulsgeber für einen neu zu belebenden Fachdiskurs in der Kunstpädagogik. Im Fokus stehen dabei Grundelemente und Traditionen der Bildgestaltung, des Bildwissens und der Bildkompetenz. Die kritische und schonungslose Analyse der Autorin hat dabei ein doppeltes Potential: Sie ist sowohl geeignet, auf vermeintliche Unzulänglichkeiten des Faches aufmerksam zu machen als auch übermäßig zu provozieren. Wie sich die von Marr kritisierten FachvertreterInnen zu der Analyse der Autorin stellen werden, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall ist Stefanie Marr und ihrem Buch zu wünschen, dass der von ihr intendierten ‚Einladung zum Gespräch‘ zahlreich Folge geleistet wird und blinde Flecke nicht einseitig, sondern ausgewogen verortet und beleuchtet werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Baldus
Hochschule Mannheim
Homepage baldusm.twoday.net
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Zitiervorschlag
Marion Baldus. Rezension vom 05.06.2015 zu: Stefanie Marr: Kunstpädagogik in der Praxis. Wie ist wirksame Kunstvermittlung möglich? Eine Einladung zum Gespräch. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2768-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17802.php, Datum des Zugriffs 24.07.2017.


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