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Peter Wißmann: Nebelwelten (Demenz-Szene)

Rezensiert von Prof. Dr. habil. Gisela Thiele, 04.08.2015

Cover Peter Wißmann: Nebelwelten (Demenz-Szene) ISBN 978-3-86321-235-3

Peter Wißmann: Nebelwelten. Abwege und Selbstbetrug in der Demenz-Szene. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2015. 144 Seiten. ISBN 978-3-86321-235-3. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 23,90 sFr.

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Thema und Autor

Die vorliegende Publikation verspricht schon auf den ersten Seiten eine nicht ganz gewöhnliche zu sein, zumindest was die Schärfe des Ausdrucks und auch der Semantik betrifft. Der Autor verwendet für die Demenz - Szene die Metaphern Nebelwelten oder auch Nebelkerzen, wobei er hiermit den blinden Aktionismus – noch mehr neue Gremien, neue Therapien, Notlügen gegenüber Demenzkranken und anderes meint – er prangert Quacksalber und Scharlane an, die in der Demenzszene Hochkonjunktur hätten (S. 9).

Peter Wißmann ist Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter der Demenz Support Stuttgart sowie stellvertretender Vorsitzender der Aktion Demenz e.V. Gemeinsam mit dem Gerontologen Michael Gauß gibt er die Zeitschrift „demenz. DAS MAGAZIN“ heraus.

Aufbau und Inhalt

Neben einem Vorwort ist das Buch in 14 differenzierte Themengebiete bzw. Kapitel, die nicht nummeriert sind, unterschiedlicher Länge gegliedert.

Im Vorwort wird verdeutlicht, dass man alles, was in der Demenzszene geschieht, kritisch hinterfragen sollte, denn hier gäbe es mehr Schein als reales Sein. Die Publikation sei kein analysierendes Fachbuch und schon gar nicht eine wissenschaftliche Abhandlung, sondern es hinterfragt alte Strukturen und Ideologien, die unter dem Deckmantel „…einer progressiv angehauchten Rhetorik rückwärtsgewandt…“ sei.

Der erste Themenkomplex „Lug und Trug. Oder: Von der Notlüge zur Scheinwelt“ wird mit einer Fallvignette eingeführt wie mit Notlügen Bewohner von Altenpflegeeinrichtungen systematisch beruhigt werden (z.B. Ihre Tochter wird gleich kommen, obgleich sie die Mutter noch nie besucht hat und Ähnliches). Falsche Bushaltestellen, virtuelle Bahnabteile oder Einkaufsläden, die gar keine wirklichen sind, obwohl reale Geschäfte nur ein paar Meter entfernt seien – das sind Beispiele für das Bestreben, immer mehr virtuelle Welten für Menschen mit kognitiven Veränderungen zu schaffen. Die Gefahr solcher Szenarien bestehe darin, die Betroffenen nicht ernst zu nehmen, ihnen mit Respektlosigkeit zu begegnen, indem man ihnen immer wieder neue Scheinwelten offeriere, obgleich gerade sie mit dissoziativem Selbsterleben auf getrennten Kanälen wahrnehmen würden (Held 2014) und zudem noch viel mehr als das, was sie zum Ausdruck bringen könnten (S. 17).

Das zweite Kapitel ist überschrieben mit „Trennen und Separieren. Oder von Anderwelten, Paralleluniversen und dem Anspruch auf Inklusion“. Menschen mit Behinderungen wünschten sich nur eines: drin und dran zu bleiben am Leben der Gesellschaft. Die UN-Behindertenrechtskommission sei zwar ein großer Fortschritt, dennoch würden Personen mit Demenz kaum in den Blick genommen. Ein weiteres Problem sei die Schaffung von Parallelwelten – Betreuungsgruppen, WGs für Demenzkranke, Freizeit- und Urlaubsangebote und selbst Demenzdörfer entstünden. Der Sprachgebrauch in der Demenzszene verdeutliche auch das separierende Denken vieler – die Gesunden lebten hier, die Kranken in einem Anderland. Ähnlich verhalte es sich mit den vielen Therapieangeboten, die sich zu einem Therapiewahn entwickelt hätten und nichts weiter als Augenwischerei seien (S. 38).l

Das dritte Thema bzw. Kapitel steht unter dem Titel „Bilder, Systeme, Schulungen. Oder: Nur eine eingekästelte Welt ist eine gute Welt“. Eingeführt wird wie bei allen Themen mit einer Fallvignette, die verdeutlichen soll, dass jeder, der je Demenzerkrankte gepflegt hat, seine eigene verfestigte Vorstellung habe und auf diesen Bildern beharrte. Ebenso geht es um die Sprache, die bei der Pflege angewandt wird. Wißmann führt aus: „Solche Plastiksprache ist eine Sprache der Distanz und der Entfremdung, nicht der Nähe und eines unbefangenen Umgangs miteinander“ (S. 50).

Es folgt ein kurz gefasster Themenbereich „Die im Schatten stehen. Oder: Wieso fragt eigentlich niemand die Betroffenen“. Wißmann setzt sich hier mit den Medien auseinander, die heute wenigstens das Demenzthema ansprechen, sogenannte Demenzbetroffene in Diskussionsforen einladen, wobei sie dort aber kaum zu Wort kämen, sondern mit ihnen sollte das Gewissen beruhigt werden. Es müssten andere Formen der Ansprache und des Gesprächs gesucht werden, welche werden leider nicht genannt.

„Mit Sprache Mauern bauen. Oder: Wer will schon in ein Alzheimer – Tanzcafe?“ ist das Thema des fünften Kapitels. Sprache und Begriffe wie Alzheimer oder Demenz könnten Barrieren errichten und wirkten wie vergiftete Wörter. Die Profis legten die Terminologie fest und diskriminierten sowie stigmatisierten dadurch unentwegt. Diese Haltung nehmen die Menschen nicht ernst, sondern es würden Mauern errichtet, statt Tore zu öffnen.

Im nächsten Themenkomplex „Abgrenzen und vernebeln. Oder: Nicht nur für erleuchtete Kreise verständlich sein“ wird über leichte bzw. barrierefreie Sprache diskutiert. Sprache sei ein Mittel, um Identität und Abgrenzung herzustellen (S. 71), wenn man so wolle eine höhere Form der Terrainmarkierung. Keiner von fremden Disziplinen könne sehen, was im Burginneren geschehe. Die Burg läge im Nebel.

Mit „Der nackte König. Oder: Wie halten wir es mit Alzheimer“ ist das nächste Kapitel, das siebente, betitelt. Bisher gäbe es keine effektive Therapie und erst recht keine Chance auf Heilung der Demenz. Die Krankheit hätte uns im Griff, man müsse nur lange genug leben. Deshalb sei die Frage, ob die Demenz weniger eine Krankheit als vielmehr eine unvermeidbare Folge eines alternden Gehirns sei. Weiter fragt Wißmann was die Diagnose Demenz eigentlich aussage? Es gäbe 50 bis 100 verschiedene Formen und es werde nur ein Syndrom beschrieben. Demenz sei deshalb eigentlich nichts anderes als die unspezifische Kategorie „Auto“. Was würde man verlieren, wenn man Altgewordene vor einer Einsortierung in die Schar der Alzheimer Opfer bewahren würde? Vermutlich nichts (S. 86).

Ein weiteres Kapitel setzt sich damit auseinander, wie wir die Normalität retten wollen. „Die Welt ist krank!“ ist sein Titel. Es wird debattiert, dass unsere Gesellschaft immer mehr pathologisiert werde. Jedes Anzeichen geringfügig abweichenden Verhaltens werde sogleich diagnostiziert und mit einem medikamentösen Behandlungsplan versehen. Und noch schlimmer „es werde zukünftig kaum noch möglich sein, ohne zwei oder drei psychiatrische Diagnosen durchs Leben zu kommen“ (S. 96). Es gäbe viele, so der Autor, die ein handfestes Interesse an der umfassenden Pathologisierung unseres Alltags hätten.

Es folgt die Bearbeitung des Themas „Rituale. Oder: Sind die Werkzeuge noch scharf?“. Gut gemeinte Projekte gingen an den Betroffenen unter dem Slogan „Tolles Angebot sucht Nutzer“ vorbei, weil Bedarfsanalysen oft ausgelassen und Nutzerbefragungen nicht weit verbreitet wären.

Das folgende Kapitel, würde es durchnummeriert, wäre es das zehnte „Die Wagenburg. Oder: Wie berechtigte Kritik abgewehrt und umgedeutet wird“. All das, was schief laufe, was schlecht sei und der Veränderung bedürfe, sollte kritisch hinterfragt werden. Die in der Sorgearbeit tätigen Institutionen und Verantwortlichen täten gut daran, auf Kritik nicht aus der Wagenburg heraus zu reagieren, sondern sie als Chance zur Veränderung zu begreifen (S. 115). Kritiker meinten, dass gute Pflege Geld koste, während mit schlechter Pflege dennoch ebenso gut verdient werden könne.

Im Kapitel „Die Erde – ein Jammertal. Oder: Viele klagen, aber wenige kämpfen“ wird herausgearbeitet, dass allerorten in der Pflege gejammert und geklagt werde. Diese Haltung sei aber defensiv, bleibe konsequenzlos und verweigere sich dem Handeln, um aktiv zur Veränderung beizutragen. Politisches Engagement von Pflegenden sei selten.

Das vorletzte Kapitel „Wer die Politik macht. Oder: Verbindlichkeit einfordern – und selbst aktiv werden“ beschäftigt sich mit der verkürzten Sichtweise, dass Demenzpolitik Pflegepolitik zu sein scheint. „Die heilige Kuh Qualitätsmanagement…“ müsse ihr Dasein auf der Pflegewiese nicht allein fristen, ihr bester Kumpel seien die Pflegenoten, deren Durchschnitt über alle Pflegeheime 1,3 betrage (S. 128). Es sei zudem ein aufwendiges bürokratisches Verfahren, das überhaupt nicht in der Lage sei, das zu zeigen, was es abzugeben vorgebe.

Die Alternative – Was ist zu tun?“ ist das letzte Thema, was dem Buch gewidmet ist und die vorhergehenden Kapitel in kurzer Form zusammenfasst. So bräuchten wir nicht immer noch mehr demenzspezifische Angebote, die gravierenden Fehlentwicklungen sollten nicht länger hinter einer Nebelwand verborgen bleiben und nicht zuletzt bedürfe es einer Sprache, die alle verstehen. Jene, die ihre Expertensprache nicht übersetzten, grenzen sich selbst aus. „Wir haben über Jahrzehnte ein Schreckensmonster namens Alzheimer aufgebaut, das uns nun beherrscht. Wenn wir uns tatsächlich als Gesellschaft des langen Lebens zukunftsfit machen wollen, müssen wir das selbstgeschaffene Monstrum auch selbst erlegen“ (S. 138).

Fazit

Diese Publikation verwendet durchgehend die Metapher einer nebligen, kaum durchschaubaren, diskriminierenden und stigmatisierenden Szene, an der wir alle mehr oder weniger beteiligt sind, die sich um uns herum bei der Betreuung und Pflege von an Demenz Erkrankten abspielt. Es ist keine wissenschaftliche Aufarbeitung der genannten Thematik, diesen Anspruch hat der Autor von vornherein nicht verfolgt, sondern es ist ein erweitertes Essay, das die Ursachen der Nebelwelten, Abwege und des Selbstbetrugs schonungslos aufdecken will. Hier gibt es keine Ressentiments, keine Beschönigungen, es gibt berechtigte Kritik, die wir tagtäglich mittragen, gleich ob uns das bewusst ist oder nicht. Wißmann geht den Dingen auf den Grund und verwendet dabei einen etwas grotesken Stil, der leider zu oft äußerst negativ gefärbt, dadurch aber zielführend ist, um Missstände aufzudecken.

Das Buch ist für eine breite Leserschaft geschrieben und zwar für uns alle, denn wir sind mittendrin in einer alternden Gesellschaft und damit unweigerlich in der Demenzszene, an der die Pharmazie und viele andere viel Geld verdienen und das nicht immer mit der entsprechenden Qualität zur Verbesserung der Lage der Betroffenen.

Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Es gibt 196 Rezensionen von Gisela Thiele.

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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 04.08.2015 zu: Peter Wißmann: Nebelwelten. Abwege und Selbstbetrug in der Demenz-Szene. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2015. ISBN 978-3-86321-235-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17804.php, Datum des Zugriffs 25.02.2024.


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