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Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus

Cover Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor Erfindung der Schrift. Verlag C.H. Beck (München) 2014. 847 Seiten. ISBN 978-3-406-66657-5. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 56,90 sFr.
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Thema

Das Thema ist im Untertitel des Buches benannt: eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift. Nach akademischem Sprachgebrauch wird die damit in den Blick gewonnene Zeitspanne der menschlichen Entwicklung als Ur-, Vor- oder Frühgeschichte bezeichnet. Mit dem Begriff Vorgeschichte wird diese Periode, in der es keine Schrift gab (oder wir keine Belege dafür haben), der „eigentlichen“ Geschichte, die (auch) durch schriftliche Dokumente gekennzeichnet ist, gegenüber gestellt. Mit der Verwendung der Begriffe Ur- oder Frühgeschichte hingegen wird die Kontinuität der menschlichen Geschichte betont.

Solche Überlegungen erhellen, dass der Untertitel des Buches einen durchaus programmatischen Charakter hat: auch die Geschichte vor der Erfindung der Schrift ist Menschheitsgeschichte. Und der Autor, dessen fachliche Qualifikation nach akademischem Sprachgebrauch sicher als „Prähistoriker“ zu bezeichnen ist, zeigt sich in und mit diesem Buch – auch wenn er dort mit Blick auf das hier behandelte Thema von „Vorzeit“ und „prähistorisch“ spricht – als ein „richtiger“ Historiker, der eindrucksvoll darstellt, mit welchem Werkzeug solche Historiker zu arbeiten haben, die frühere Gesellschaften ohne Schrift in den Blick nehmen: da gilt es die Überbleibsel („Hinterlassenschaften“ wäre ein viel zu intentionaler Begriff) der materiellen Kultur zu lesen und zu deuten. Hermann Parzinger lässt, und das ist nun wahrlich einzigartig, seinen Blick weltweit streifen. Insofern ist das „Eine Geschichte…“ ein Understatement. Das vorliegende Buch ist die erste ausführliche und zusammenfassend-vergleichende Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift.

Und sie ist wirklich „Geschichte“ im Sinne der Geschichtsschreibung. Das ist für den Rezensenten, dessen Bild von der Klassischen Archäologie in den späten 60ern und frühen 70ern des letzten Jahrhunderts geprägt wurde, die große methodische Neuerung. In den Worten von Hermann Parzinger: „Die Klassische Archäologie hat sich früher vorwiegend kunstgeschichtlich verstanden, doch das hat sich inzwischen stark verändert. Die verschiedenen Altertumswissenschaften nähern sich in ihren Fragestellungen an. Die Ur- und Frühgeschichte bzw. Prähistorische Archäologie, die sich mit jeglichen Resten materieller Kultur beschäftigt, verlor sich früher zu oft in purem Faktizismus. Ich verstehe Archäologie als Teil der Geschichte. Das ist ja das Spannende, auch die Prähistorische Archäologie muss das, was sie aus ihren Quellen erschließt, als Geschichtserzählung in Worte fassen können.“ (in einem Interview mit „Die Welt“ am 15.09.14; http://www.welt.de/geschichte/article132257374/Erst-die-Jagd-machte-den-Menschen-zum-Menschen.html).

Markiert der Untertitel das Ende des hier betrachteten Entwicklungsabschnittes des Menschen, so dessen Obertitel nicht dessen Beginn. Die Beherrschung des Feuers ist zwar eines der – für manchen Menschen erschreckend wenigen – qualitativen Unterscheidungsmerkmalen zwischen dem heutigen Menschen und den Großen Menschenaffen von heute (Pan, Gorilla, Pongo). Aber – ich beschränke mich hier auf heute zu Deutschland gehörendes Gebiet – schon vor dem Homo sapiens konnte das auch der Homo heidelbergensis und neben ihm der Neandertaler. Und andererseits: Der altsteinzeitliche Mensch hat auch nach Erfindung der Werkzeugherstellung noch lange Zeit gebraucht, um das Feuer zu beherrschen.

Autor

Herman Parzinger (ausf.: http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Parzinger und http://www.preussischer-kulturbesitz.de/ueber-uns/praesident-und-hauptverwaltung/der-praesident/prof-dr-hermann-parzinger.html) leitet seit 2008 als Präsident die Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Zuvor war er seit 2003 Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI). An das DAI war er 1995 als Gründungsdirektor dessen Eurasien-Abteilung berufen worden – nach Hochschultätigkeiten in München (Geburts- und Auch-Studienort) und Frankfurt am Main.

Während seiner DAI-Zeit gelangen ihm – „er“ steht hier stellvertretend für die von ihm initiierten, über ihn finanzierten und von ihm geleiteten Forschungsteams – zwei Funde, die ihm weltweite Beachtung zuteil werden ließen und ihm den Ruf des Skythen-Spezialisten einbrachten: zum einen 2001 die Entdeckung eines skythischen Fürstengrabes mit fast 6000 Goldobjekten bei Aržan in der südsibirischen Republik Tuwa und zum anderen 2006 die Bergung der Eismumie eines tätowierten skytischen Kriegers (mit erhaltenen Kleidungsstücken und hölzernem Kompositbogen) in der Permafrostzone des Altai. Die Skythen haben uns kein einziges Schriftstück hinterlassen aber tausende der schönsten Goldschmuckstücke, die der Mensch je erschaffen hat; sie sind ein sehr eindrückliches Beispiel dafür, dass „Schriftlosigkeit“ und feinster Kunstsinn sich nicht ausschließen.

Entstehungshintergrund

Wer, wenn nicht der Autor, hätte mehr Liebe zur Sache mitbringen können, derer es bedurfte, eine solch umfassende Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift zu schreiben? Und wer hätte dazu von den (deutschsprachigen) Frühgeschichtlern und Archäologen mehr Expertise einbringen können? Und dann gibt es noch einen Grund, der mit des Autors eigenen Worten genannt sei: „Wahrscheinlich waren es viele und unterschiedliche Gründe, die zu diesem Buch führten; wichtig ist ohnehin nur, dass es überhaupt entstanden ist. Jedenfalls war die Arbeit daran in den letzten Jahren eine wichtige und Halt gebende Leitlinie neben meiner Tätigkeit als Stiftungspräsident, ein großartiges Amt, vielleicht eines der schönsten, aber wie so häufig bei hohen Positionen eben auch eines, bei dem oft Andere dann die Dinge tun, die man selbst erdacht hat. Bei diesem Buch war das nicht so.“ (S. 16)

Der Frühgeschichtler und Archäologe Hermann Parzinger ist nicht hinter dem Amt des Präsidenten der Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz verschwunden. Mit vorliegendem Buch gibt er sich eindrücklich als Frühgeschichtler und Archäologe zu erkennen – und Besseres hätte dem Leser nicht widerfahren (und Anderes der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu mehr Ehre gereichen) können. In einem Interview mit „Die Welt“ am 15.09.14 (www.welt.de/geschichte

) hat er seine Motivation, vorliegendes Buch zu schreiben, ausführlich erklärt: „Die Sesshaftwerdung und das Entstehen komplexer Gesellschaften beschäftigen mich seit meiner Studienzeit. Über die Jahre hinweg habe ich viel Material gesammelt und zahllose Projekte durchgeführt. Dahinter stand immer der Wunsch, das einmal zusammenzutragen. Die Archäologie verliert sich ja oft in sehr speziellen Einzeldarstellungen. Ich wollte einmal eine Gesamtschau der Grundmechanismen früher Menschheitsgeschichte wagen.“

Aufbau und Inhalt

Gewidmet ist das Buch drei namentlich genannten Prähistorikern, darunter seinem Münchener akademischen Lehrer Georg Kossack „und all den anderen zum Gedenken, die ihr Fach groß gedacht haben“ (S. 5). Den Kern des Buches bilden 16 Kapitel. Ihnen vorangestellt ist eine kurze Einführung, die wahrlich zum Thema hinführt und nicht bloß Vorwortcharakter hat. Nachher findet sich ein mehr als 100 Seiten umfassender Anhang, der zum allergrößten Teil aus dem kapitelweise dargestellten Quellennachweis besteht; dem folgen ein Abbildungsverzeichnis sowie je ein Register der geographischen Begriffe und der archäologischen Kulturen.

Von den 16 Kapiteln ist das letzte eine systematisch-vergleichende Schlussbetrachtung, und die beiden ersten sind Globalübersichten zweier (sich zeitlich etwas überlappender) Abschnitte der Menschheitsgeschichte: des ersten bis zum Neandertaler und des zweiten vom ersten Auftreten des Homo sapiens in Afrika bis zu dessen Ausbreitung über den Erdball. Die dazwischen liegenden Kapitel III – XV betrachten chronologisch geordnet bestimmte Entwicklungsphasen in bestimmten Weltgegenden. Näher betrachtet, sieht das so aus:

  1. Die Evolution des menschlichen Gehirns und ihre kulturellen Folgen. Von den frühen Hominiden Afrikas bis zum Neandertaler, der über 100.000 Jahre über große Gebiete Europas und Kleinasiens herrscht
  2. Der große Sprung zu kultureller Modernität: Was den Homo sapiens auch im Vergleich zum Neandertaler auszeichnet und seine Inbesitznahme des Erdballs
  3. Vom Lagerplatz zur frühen Stadt in Vorderasien: Der „Fruchtbare Halbmond“ als Wiege menschlicher Zivilisation
  4. Die Ausbreitung der sesshaften Lebensweise nach Europa: Von südosteuropäischen Migranten als Trägern und Verbreitern sesshafter Lebensweise
  5. Kulturwandel zwischen Alpen und Ostsee: Das Gebiet des heutigen Deutschland unter die Lupe genommen
  6. Das Niltal vor der altägyptischen Zivilisation: Es gab am Nil Kultur vor dem Alten Reich (und längst vor dem ersten Pharao)
  7. Klima und Kulturentwicklung in Sahara und Sahelzone: Wer schon immer wissen wollte, weshalb auf Felszeichnungen in der (lybischen) Sahara ganze Rinderherden zu finden sind: Hier ist die Antwort
  8. Retardierende Entwicklungen im südsaharischen Afrika: Warum der Mensch gerade am Ort seiner Wiege nicht so recht voran kam
  9. Frühes Leben in den Steppen und Waldgebieten Eurasiens: Ein Blick auf das Gebiet zwischen Schwarzem Meer, Polarkreis, Weichsel und Wolga
  10. Kulturverhältnisse zwischen Kaukasus und Indischem Ozean: Rechts und links der Wege, die später Alexander beschritt – und noch ein wenig weiter als er kam
  11. Der Weg von früher Landwirtschaft zur Hochkultur in Ostasien: Am Anfang war die Keramikherstellung – noch vor dem Reisanbau
  12. Die Inselwelt Ozeaniens und der australische Kontinent: Von frühen „Umweltfrevlern“, wagemutigen Pionieren der Seefahrt und dem Kontinent „Wo die grünen Ameisen träumen“
  13. Nordamerika und seine Lebensformen zwischen Arktis und Wüsten: Der amerikanische Kontinent ist wie Australien seit Anhebung des Meeresspiegels nach Ende der letzten Eiszeit abgeschnitten von Eurasien, weshalb die menschliche Entwicklung hier wie in Australien einen gesonderten und besonderen Verlauf nimmt. Im hier zunächst betrachteten Nordamerika werden einzelne Naturräume als Kontext menschlicher Entwicklung in den Blick genommen. Die Great Plains mit ihren noch aus Asien eingewanderten Bisons und ihre Jäger (ohne Pferde und ohne Pfeil und Bogen!) sind ein Beispiel von mehreren.
  14. Die Entstehung früher Hochkulturen in Mittelamerika: Die Konquistadoren trafen in Mittelamerika auf Hochkulturen, die sich ab dem vierten Jahrhundert nach Christus entwickelt hatten. Der Grundstein für deren Entwicklung wurden in den Jahren 2000 v. Chr. – 300 n. Chr. gelegt. Diese „Formative Periode“ wird hier ebenso betrachtet wie die ihr voraus gehende „Archaische Periode“ (ab 8000 v. Chr.).
  15. Vom Dorf zum Ritualzentrum: die frühen Hochkulturen in Mittelamerika: Im zentralen Andengebiet entstehen frühe Hochkulturen, was (wohl) daher rührt, dass nur dort sesshafte Ackerbauern zu finden sind, während im Einzugsgebiet des Amazonas und am größten Teil der Atlantikküste Wanderfeldbau und teilweise Jagd und im übrigen Südamerika Jagen und Sammeln als Wirtschaftsformen dominieren.
  16. Vergleichende Schlussbetrachtungen: Zu lesen abschließend als Resümee oder aber vorweg als Advance Organizer

Diskussion

Das vorliegende Buch ist von der Widmung bis zum Register archäologischer Kulturen ein Fachbuch. Aber eines, das sich von der Art seiner Gestaltung und seiner Schreibweise her an ein breiteres Publikum wendet als das der fachlichen Prähistorie. Mit gutem Grund, weil das, was hier verhandelt wird nicht einfach „Fachthemen“ sind, sondern die behandelte Thematik dem „Bildungswissen“ zuzurechnen ist. Das vorliegende Buch bietet erstmals ein faktengesättigtes und methodenreflektiertes weltgeschichtliches Panorama der Frühzeit, einen Überblick von den Anfängen der Menschwerdung vor einigen Millionen Jahren bis zur Entstehung der frühen Hochkulturen vor wenigen Jahrtausenden. Es setzt Maßstäbe für zukünftige Vorhaben der gleichen Art und dürfte auf mindestens ein Jahrzehnt hinaus als Standardwerk gelten. Wer ein verstärkt kunstgeschichtliches Interesse hat, kann einige der bemerkenswerten Artefakte aus der hier betrachteten Spanne menschlicher Entwicklung in Neil MacGregors „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ (München: Beck, 2011) näher studieren.

Das Buch breitet eine geradezu überwältigende Menge an Fakten aus. Aber es kann und will sich darin nicht erschöpfen, weshalb die Faktenpräsentation unlösbar verbunden ist mit Interpretationen, die bis zu weitreichenden anthropologischen Thesen reichen. Mehr als die Fakten dürften diese – etwa jene, der Mensch sei zum kulturellen Wesen erst nur durch Fleisch(fr)essen geworden – für zukünftige Diskussionen weit über den prähistorischen Fachdiskurs hinaus sorgen.

Verschiedene Leser(innen) werden Unterschiedliches als das Bedeutsamste an und in diesem Buch bewerten – und die Fachwelt vielleicht noch ganz Anderes. Was auf mich größten Eindruck gemacht hat, ist die Erschütterung der Vorstellungen, die man gemeinhin mit dem Begriff „Neolithische Revolution“ verbindet. In den frühhistorischen Diskurs eingebracht hatte dieses Konstrukt 1936 der Prähistoriker Vere Gordon Childe (http://de.wikipedia.org/wiki/Vere_Gordon_Childe). Er ist der erste der namentlich genannten Genannten, denen der Autor sein Buch widmet. Bei allem Respekt vor dessen historischer fachlicher Leistung widerspricht ihm der Autor doch mit guten Gründen: „Während man lange Zeit dachte, die Einzelmerkmale des sogenannten neolithischen Bündels (Sesshaftigkeit, Ackerbau, Viehzucht und Keramikherstellung) seien gleichzeitig und ursächlich miteinander verbunden aufgetreten, so hat die Forschung der letzten Jahre ein deutlich komplexeres Bild gezeichnet. Insbesondere im Fruchtbaren Halbmond, der Ursprungsregion produzierenden Wirtschaftens, lässt sich ein schrittweises Aufkommen der neolithischen Kulturmerkmale beobachten.“ (S. 706)

Was mich als Theologen und an Religionswissenschaft Interessierten am stärksten zum Nachdenken anregt, sind die Grabungsbefunde am südostanatolischen Göbekli Tepe (das liegt eine Panzerstunde von Kobane entfernt). (Wieder) Entdeckt und ausgegraben wurden die dortigen Anlagen von Klaus Schmidt (früh verstorben im Sommer 2014), seit 2001 Referent für prähistorische Archäologie Vorderasiens bei der Orient-Abteilung des DAI und dessen korrespondierendes Mitglied seit 2006. Göbekli Tepe ist eine, nach ihren Ausmaßen beurteilt, gewaltige bauliche Anlage von – mit Blick auf seine handwerkliche und künstlerische Gestaltung – höchster Qualität. Man darf es wohl als Kultstätte ansehen, auch wenn über deren genauere Bestimmung noch diskutiert wird (vgl. etwa Becker et al., 2012); jedenfalls wurde dort offensichtlich mit viel Essen (und wohl auch Trinken) gefeiert. Das Überraschende ist, dass diese Anlage auf das präkeramische Neolithikum zu datieren ist (zum Vergleich: was wir heute in Stonehenge sehen, stammt aus 2500 - 2000 v. Chr.). Eine solche Anlage aus dieser Zeit hat man vorher für unmöglich gehalten. Es widerspricht allem, was man zuvor wusste.

Die Funde von Göbekli Tebe nötigen uns, (auch) auf religionsgeschichtlichem Gebiet zum Neu- und Umdenken. „Schon für das Paläolithikum wird man davon ausgehen dürfen, dass bestimmte Plätze in ähnlicher Weise als jahreszeitliche Treffpunkte fungierten. Solche Plätze sind in gewisser Weise sakrale Orte; sie bilden Kristallisationspunkte für die sozialen, ökononomischen und rituellen Bedürfnisse der Wildbeuter. Der Göbekli Tepe ist zweifellos ein solcher Ort gewesen.“ (S. 137) Damit ist auch ein neuer Blick eröffnet auf das Entstehen der mit dem Begriff „Neolithikum“ verbundenen Veränderungen. „Vielleicht waren es gewaltige Festmähler, war es gerade diese gemeinsame, ritualisierte Nahrungsaufnahme im großen Stil, die die Wildbeuter des Nahen Ostens zum produzierenden Wirtschaften brachte, denn allein durch die Erträge von Jagd und Sammeltätigkeit wären Zeremonien solchen Ausmaßes schwerlich zu realisieren gewesen.“ (S. 707) Stärker als anderswo widerspricht der Autor hier einer marxistischen Geschichtsinterpretation, wie sie für den von ihm geehrten Vere Gordon Childe bei dessen Konzeption der „Neolithischen Revolution“ leitend war.

Ob es in dem Buch Sachfehler – ich spreche nicht von Interpretationen, denen man andere entgegen halten könnte – gibt, können nur Fachleute entscheiden. Was man im Buch auch als „Normalleser“ finden kann, sind Fehler, die sich auch bei gutem Lektorat schwerlich vermeiden lassen. So heißt es etwa auf S. 715: „Immer wieder können wir beobachten, dass die jeweiligen Rahmenbedingungen, die ein Naturraum bietet, eine nicht maßgebliche Rolle dabei spielten, wie sehr die Bevölkerung dort an den einmal aufgenommenen Lebens- und Wirtschaftsformen festhielt.“ Das „nicht“ ist offensichtlich fehl am Platz – und wahrscheinlich der Rest einer später korrigierten Formulierung wie „nicht unerheblich“. Zu Falschverstehen Anlass gibt der Satz auf S. 89: „Während es nicht ungewöhnlich scheint, aus hohlen Röhrenknochen Flöten herzustellen, so ist die aus Elfenbein gearbeitete Flöte aus dem Geißenklösterle, Schwäbische Alb, einzigartig (Abb. 8).“ Jene Abbildung (auf S. 67) zeigt aber die am genannten Ort gefundene Flöte aus einem Schwanenradius (sog. Flöte 1) und nicht die aus aus zwei ausgehöhlten Mammutelfenbeinspänen gefertigte (sog. Flöte 3). Der Abbildungshinweis müsste einfach nach „herzustellen“ stehen.

Bei Lektüre des Buches fragt man sich an verschiedenen Stellen, weshalb der Autor Forschungsergebnisse der Archäogenetik nicht stärker berücksichtigt hat. Auch solche, die seine Thesen stützen, wie etwa die einer neueren archäogenetische Studie (Bollongino et al., 2013) Mainzer Paläoanthropologen. Die hatten DNA-Analysen an Menschenknochen aus der Blätterhöhle in Hagen untersucht, in der sowohl die schon länger ansässigen Wildbeuter als auch die (aus Südosteuropa) zugewanderten Bauern ihre Toten bestatteten hatten (andere Kontakte gab es ebenfalls). Der zentrale Befund: Beide Gruppen lebten 2000 Jahre lang gemeinsam im selben Lebensraum. Eine „Revolution“, wie sie die Rede von einer Neolithischen Revolution nahe legt, sieht anders aus.

Noch einige Anmerkungen zur „Lesbarkeit“ des Buches für Nicht-Fachleute. Das Buch ist anspruchsvoll; wer es lesen will, sollte gewisse Vorkenntnisse besitzen oder aber bereit sein, sich solche begleitend zur Buchlektüre anzueignen; das Internet bietet hier Informationsmöglichkeiten, für die früher selbst eine gediegene Hausbibliothek nicht ausreichte. So setzt der Autor etwa schon in der Einführung voraus, dass man weiß, was mit „Neolithischer Revolution“ (eine Redeweise, deren Sinn er bestreitet) gemeint ist und was es mit „Achsenzeiten“ (nach seiner Ansicht erst „eine Erscheinung der Moderne“, S. 13) auf sich hat. Man muss ferner über ein gutes Maß an Geographie-Kenntnisse verfügen (oder sie sich aneignen) und sich neben den im Buch angebotenen Karten auch solche aus dem Internet ansehen. Und man sollte die Erdzeitalter (zumindest des) Pleistozäns und des Holozäns samt deren bedeutsamsten Untergliederungen immer wieder sychnronisieren können mit den urgeschichtlichen Epochen von (Alt-)Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit sowie deren relevanten Abschnitten; Schautafeln wie auf S. 48 und 63 helfen dabei. Schließlich muss man sich anfreunden können mit der Vielzahl von Ortsbezeichnungen, die auf üblichen Landkarten eher ausnahmsweise zu finden sind. Das ist unumgänglich: „Es ist charakteristisch für die prähistorische Archäologie …, Kulturerscheinungen mit dem Namen wichtiger und für die jeweilige Kultur besonders kennzeichnenden Fundorte zu benennen.“ (S. 273)

Sollten und könnten auch Angehörige der Sozialen Kultur dieses Buch lesen. Das Können hängt (s.o.) von Vorkenntnis bzw. der Bereitschaft zum Nachlernen ab – und vom Wollen, womit wir das Sollen berühren. Die verschiedenen Disziplinen und Professionen der Sozialen Kultur arbeiten, ob sie sich nun dessen (stets) bewusst sind oder nicht, mit bestimmten Menschenbildern. Im schlechten Falle stammen die aus (nie reflektierten) alten Traditionsbeständen, im besten aus neuer Anthropologie. Aber man schaue sich neuere anthropologische Entwürfe einmal genauer daraufhin an, wie viel (quantitativer Aspekt) und wie genau (qualitativer Aspekt) sie die im vorliegenden Buch versammelten Erkenntnis zur Frühgeschichte der Menschheit denn berücksichtigt haben. Selbst der nach Rezensentenansicht beste neuere anthropologische Entwurf, der von Wolfgang Welsch (2006, 2007) enthält Faktenlücken, die vorliegendes Buch schließen hilft.

Fazit

Das vorliegende Buch empfiehlt sich zur Lektüre all jenen Leser(inne)n, die auf eine fundierte systematisch-vergleichende weltumspanndende Geschichte der Menschheit vor Erfindung der Schrift gewartet haben. Ans Herz gelegt sei die Lektüre des Buches aber auch all denen, die nicht gewartet haben, aber sich gerne überraschen lassen: Dieses Buch ist eine intellektuelle Überraschung. Und schließlich sei das Buch zur Lektüre empfohlen (ich hoffe, der Ausdruck wirkt nicht allzu „zwangs-pädagogisch“) all denen, die damit beschäftigt sind, Fragen des Menschenbildes, mithin also (Folge-)Fragen der Anthropologie, zu klären. Das gilt für alle Disziplinen und Professionen, die einem bio-psycho-sozialen Modell des Menschen verpflichtet sind: Von Mediziner(inne)n bis zur Sozialarbeiter(inne)n. Um es in einer konkreten Empfehlung münden zu lassen: In den Bibliotheken von Ausbildungsstätten für Sozialpädagog(inne)n und Sozialarbeiter(inne)n sollten es in mindestens einem Exemplar greifbar sein.

Literaturnachweis

  • Becker, N. et al. (2012). Materialien zur Deutung der zentralen Pfeilerpaare des Göbekli Tepe und weiterer Orte des obermesopotamischen Neolithikums. Zeitschrift für Orient-Archäologie, 5, 14-43.
  • Bollongino, R. et al. (2013). 2000 Years of Parallel Societies in Stone Age Central Europe. Science, 342(6157), 479-481 (DOI: 10.1126/science.1245049).
  • Welsch, W. (2006). Anthropologie im Umbruch - Das Paradigma der Emergenz
  • (www.uni-jena.de/unijenamedia/Welsch_Emergenz.pdf)
  • Wolfgang Welsch, W. (2007). Anthropologie – Vorlesung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Wintersemester 2006/07, Auditorium Netzwerk, CD-Edition 2007.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 24.11.2014 zu: Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor Erfindung der Schrift. Verlag C.H. Beck (München) 2014. ISBN 978-3-406-66657-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17808.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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