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Annedore Prengel, Ursula Winklhofer (Hrsg.): Kinderrechte in der Praxis pädagogischer Beziehungen Bd. 1

Cover Annedore Prengel, Ursula Winklhofer (Hrsg.): Kinderrechte in der Praxis pädagogischer Beziehungen. Band 1 Praxiszugänge. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 250 Seiten. ISBN 978-3-8474-0624-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Der Band ‚Kinderrechte in pädagogischen Beziehungen. Band 1: Praxiszugänge‘ legt den Schwerpunkt der Beiträge auf die Verbesserung pädagogischer Beziehungen im Sinne der Kinderrechte in verschiedenen pädagogischen Arbeitsfeldern und gewährt einen umfassenden Einblick in den Zusammenhang zwischen der Qualität pädagogischer Beziehungen und den sozialphilosophischen Paradigmen der Anerkennung und Ermutigung. Entsprechend können sich Demütigungen oder Verletzungen im Rahmen der pädagogischen Interaktion auf Bildungswege von Kindern und Jugendlichen auswirken. In grundlegende pädagogische und psychologische Erkenntnisse sowie rechtliche Rahmenbedingungen, welche die Qualität pädagogischer Beziehungen betreffen, führen die qualitätsvollen und weitgefächerten Beiträge des Bandes ein. Außerdem werden Konzeptionen zur Verbesserung pädagogischer Beziehungen im Sinne der Kinderrechte in den verschiedenen pädagogischen Arbeitsfeldern mit Kindern und Jugendlichen vorgestellt.

Herausgeberinnen

Annedore Prengel ist emeritierte Professorin an der Universität Potsdam und Seniorprofessorin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Ursula Winklhofer, M.A. und Dipl.-Sozialpäd. ist Wissenschaftliche Referentin am Deutschen Jugendinstitut, Abteilung Kinder und Kinderbetreuung, München.

Entstehungshintergrund

Band 1: Praxiszugänge ist gemeinsam mit dem parallel erschienenen Forschungsband aus der internationalen Konferenz „Kinderrechte und die Qualität pädagogischer Beziehungen – Professionelles Handeln zwischen Inklusion und Exklusion in Schulen, Kindertageseinrichtungen und außerschulischen Bildungsbereichen“ entstanden. Die Konferenz hat von 03.- 05. Oktober 2013 an der Universität Potsdam stattgefunden. Hervorzuheben ist, dass beide Sammelbände erstmals Zugänge zur Analyse der Bedeutung von Kinderrechten für pädagogische Beziehungen zusammenhängend publizieren, die sonst eher unverbunden in getrennten Diskursen zu suchen sind. Um die Vielzahl der Beiträge strukturiert herauszugeben, sind diese in einem Praxisband und in einem Forschungsband aufgeteilt.

Band 2: Forschungsband wird in einer weiteren Rezension besprochen.

Aufbau

Das Buch ist nach dem einleitenden Kapitel in vier Teile gegliedert.

  1. Teil 1 erörtert grundlegende Perspektiven über den Zusammenhang von Kinderrechten mit pädagogischen Beziehungen.
  2. Teil 2 geht auf die institutionellen und rechtlichen Bedingungen der Gestaltung pädagogischer Beziehungen im Sinne der Kinderrechte ein.
  3. Teil 3 stellt konzeptionelle Ansätze vor, die zur Verbesserung pädagogischer Beziehungen und zur Realisierung von Kinderrechten beitragen.
  4. Teil 4 informiert über internationale Initiativen und Maßnahmen in Brasilien, Finnland, Schweden und der Schweiz.

Der Anhang liefert eine Übersicht zum Band 2: Forschungszugänge.

Inhalt

Die Kinderrechtskonvention haben fast alle Staaten der Vereinten Nationen ratifiziert und in ihr Rechtssystem übernommen. Auch die Bundesrepublik Deutschland hat sich damit verpflichtet, die Rechte der Kinder umzusetzen. Auf dieser Verpflichtung werden die Beiträge des Bandes aufgebaut.

Der erste Teil des Herausgeberbandes geht fundiert darauf ein, dass Kinderrechte mit pädagogischen Beziehungen in einem Zusammenhang stehen. Beate Rudolf arbeitet beispielsweise heraus, dass die Gewährleistung der Kinderrechte nicht nur Gesetzgebende, Verwaltung oder Gerichte betreffen, „sondern alle, die im staatlichen Auftrag tätig werden, also auch pädagogische Fachkräfte an staatlichen Einrichtungen und die staatlichen Bildungseinrichtungen selbst“ (S. 23). Kinderrechte können als Maßstab pädagogischer Beziehungen gelten. Das zu Grunde legen dieses Maßstabes wirkt sich tief auf die Ausgestaltung der Beziehung über die Professionellen in der pädagogischen Praxis aus. Die Beiträge des ersten Teils nehmen hier in verschiedenen Richtungen die Bedeutung der Beziehung im pädagogischen Kontext in den Blick. Nachdrücklich wird darauf hingewiesen, dass die Qualität pädagogischer Beziehungen mit den strukturellen Rahmenbedingungen in den Institutionen zusammenhängt. Damit wird die Frage der Qualität pädagogischer Beziehungen als gesellschaftspolitischer Auftrag skizziert.

Der gesellschaftspolitische Auftrag wird im zweiten Teil verfolgt, in dem verschiedene Möglichkeiten einer wirksamen Implementierung von Kinderrechten in pädagogischen Einrichtungen aufgezeigt werden.

Der dritte Teil nimmt den größten Platz im Herausgeberband ein. Breit gefächert werden konzeptionelle Ansätze vorgestellt, die u.a. in pädagogischer Praxis und über Forschungsprojekte entwickelt wurden. Muster wie Beschämung an Schulen werden erläutert. Es wird der Frage nachgegangen, wie Eltern ihre Kinder unterstützen können, wenn diese negative Erfahrungen an Schulen machen. Facettenreich und überzeugend wird in diesem Teil dargestellt, wie die Qualität pädagogischer Beziehungen gefördert und Kinderrechte in der pädagogischen Praxis (gelingend) umgesetzt werden können.

Aufsätze aus Brasilien, Finnland, Schweden und der Schweiz geben im vierten Teil internationale Einblicke zur Thematik. Es werden Initiativen aufgezeigt, die konsequent der Umsetzung der Menschen- und Kinderrechte im schulischen Bereich nachgehen.

Diskussion

Die Bundesrepublik Deutschland hat 1992 bei der Ratifizierung der Kinderrechtskonvention Erklärungen abgegeben, die auf Einschränkungen der Verpflichtungen aus der Konvention abzielten. Die Vorbehalte sind 2010 zurückgenommen worden. Menschenrechtliche Verpflichtungen kommen nun in Deutschland gegenüber allen Kindern voll zur Geltung. Kinder werden dadurch verstärkt als Träger eigener Rechte begriffen. In der Rechtspraxis hat die Kinderrechtskonvention bisher nahezu keine Rolle gespielt. Die Rücknahme der Vorbehalte bedeutet für deutsche Gerichte und Behörden, dass Kinder betreffende Entscheidungen, die in der Kinderrechtskonvention normierten Rechte und den Vorrang des Kindeswohls zu beachten haben (Deutsches Institut für Menschenrechte 2010, verfügbar unter: www.institut-fuer-menschenrechte.de/aktuell/news/). Daher sind pädagogische Einrichtungen erst seit kurzer Zeit öffentlich beauftragt, die Kinderrechte umzusetzen. Das Kind wird als (Rechts-)Subjekt und Experte in eigener Sache ins Zentrum gestellt, das mit einer individuellen Sichtweise ausgestattet ist, die es zu respektieren gilt (Maywald, S. 91 in diesem Band). Pädagoginnen und Pädagogen stehen in der Verantwortung, Kinder zu ihrem Recht kommen zu lassen (ebd.). Alle Beiträge zeigen auf, dass damit eine immense Herausforderung einhergeht, die nicht en passant im täglichen Ablauf erledigt werden kann. Einerseits muss sich dieser Auftrag in der direkten pädagogischen Beziehung niederschlagen, andererseits müssen sich die pädagogischen Einrichtungen in der Weise verändern, dass die Kinderrechte durch Konzepte, Leitbilder und der Förderung einer demokratischen Einrichtungskultur (ebd., S. 99) verankert werden. Machtverhältnisse sind beispielsweise mit Beschwerdeverfahren neu zu reflektieren (vgl. Jann, S. 187f in diesem Band). Ethische Kategorien wie Anerkennung, Verantwortung und Vertrauen rücken (wieder) stark ins Blickfeld der pädagogischen Arbeit. Hervorzuheben ist, dass die interessanten und teilweise auch persönlich gehaltenen Beiträge des ersten Bandes deutlich darauf hinweisen, dass diese Aufgabe neben der Verantwortung um eine qualitätsvolle pädagogische Beziehung zu den anvertrauten Kindern und Jugendlichen mit innovativen pädagogischen Konzepten und Aufklärungsarbeit einhergehen muss, die das Einfordern des politischen Willens, z.B. in der strukturellen Ausgestaltung der Einrichtungen, nicht aus dem Blick verlieren darf. Weiter haben die Beiträge das Potential, die im Moment auf gesellschaftlicher Ebene en vogue geratene autoritäre Strömung „über das Lob der Disziplin“ etc. in die Schranken zu weisen.

Band 1 der Kinderrechte in pädagogischen Beziehungen löst den Titel Praxiszugänge umfassend ein. Neben ausgewiesenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern kommt auch die professionelle Praxis zur Wort, was dem Band eine individuelle Note gibt und Einblicke ermöglicht, die sonst eher nicht ohne Weiteres gewährt werden. Es handelt sich hier um einen gelungenen Band, der aus der Menge der Tagungsbände heraussticht.

Ein Nachteil ist, dass die einzelnen Beiträge nicht systematisch aufeinander aufbauen. Daher muss wiederholt der rote Faden im Buch gesucht werden. Der internationale Teil ist im Vergleich zu den anderen Teilen sehr knapp ausgefallen, was zu bedauern ist, da Kinderrechte in den Ländern der Vereinten Nationen kontrovers diskutiert werden, das sicher einen Einfluss auf die Ausgestaltung der pädagogischen Beziehungen hat. Hier wäre es interessant gewesen, mehr zu erfahren.

Fazit

Der vorliegende Band besticht durch die Vielfalt der Beiträge. Gelungen ist die gute Lesbarkeit der Texte und die durchweg prägnante Kürze von max. zehn Seiten pro Beitrag. Das Buch ist einerseits eine Fundgruppe für das wissenschaftliche Personal, das sich näher mit dem Zusammenhang von Kinderrechten und pädagogischer Praxis im Theorie-Praxis-Bezug einarbeiten will. Andererseits bietet das Buch eine Fülle von Anregungen für die tägliche pädagogische Praxis, macht Mut und Lust, Kinderrechte in den Einrichtungen zu implementieren und Veränderungen einzuleiten. Einzelne Artikel bieten sich auch zur Einführung in das Thema für Lehrveranstaltungen an.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrike Zöller
Prof. Dr. Ulrike Zöller Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes - University of Applied Sciences, Fakultät für Sozialwissenschaften - School of Social Sciences https://www.htwsaar.de/sowi/fakultaet/personen/professoren/prof-dr-ulrike-zoeller
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Zitiervorschlag
Ulrike Zöller. Rezension vom 18.03.2015 zu: Annedore Prengel, Ursula Winklhofer (Hrsg.): Kinderrechte in der Praxis pädagogischer Beziehungen. Band 1 Praxiszugänge. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. ISBN 978-3-8474-0624-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17811.php, Datum des Zugriffs 26.02.2021.


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