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Buz Loveday: Demenzteams führen und leiten

Cover Buz Loveday: Demenzteams führen und leiten. Personzentrierte Pflege von Menschen mit Demenz managen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2015. 183 Seiten. ISBN 978-3-456-85458-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Thema

Demenzpflege im Rahmen der stationären Einrichtungen der Altenpflege beinhaltet eine Reihe von strukturellen Aspekten wie Architektur, Milieugestaltung, Betreuungsangebote und vieles mehr. Doch auch die Arbeitsorganisation der Pflege stellt einen äußerst bedeutsamen Faktor in dem Ensemble der Versorgungselemente für diese pflegebedürftigen und hilflosen alten Menschen dar, denn letztlich bestimmt die Pflegequalität entscheidend über das Wohlbefinden und die Zufriedenheit der demenzkranken Bewohner. Bei der Pflege entsteht in der Regel der meiste Stress bei den Kranken und auch bei den Mitarbeitern. Dementsprechend gilt es auch, die Pflege möglichst optimal zu organisieren. Das vorliegende Buch beinhaltet Empfehlungen bezüglich der Leitung von Pflegenden eines Wohnbereiches für Demenzkranke.

Autorin

Buz Loveday ist Direktorin und leitende Trainerin von „Dementia Trainer“, einem Verbund von Mitarbeitern, die Fortbildungen überwiegend in stationären Einrichtungen der Altenhilfe mit dem Schwerpunkt Demenzpflege im Großraum London anbieten (www.dementiatrainers.co.uk).

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sechs Kapitel unterteilt.

Kapitel 1 (Das Ziel personzentrierter Demenzpflege in den Fokus stellen: Seite 23 – 46) umfasst die wesentlichen Aufgaben der Demenzpflege im stationären Bereich aus der Sicht der Autorin. So gilt es vor allem, dass Wohlbefinden der Demenzkranken zu verbessern und auf die physischen und psychischen Bedürfnisse der Erkrankten einzugehen. Konkret bedeutet dies u. A. die so genannten „sekundären Fähigkeitsverluste“ wie Desorientierung, Wahrnehmungsprobleme und Kommunikationsschwierigkeiten zu vermindern und zugleich das Leistungsvermögen gemäß den vorhandenen Ressourcen zu „maximieren“. Hierdurch lässt sich dann u. a. durch Biografiearbeit das so genannte „Personsein“ erhalten. Als hilfreich bei der Realisierung dieser Ziel erscheint der Autorin die „Entwicklung einer gemeinsamen Vision“ von Leitenden und Pflegenden, wobei dann die Mitarbeiter Gelegenheit finden werden, sich „eine utopische Zukunft für ihre Einrichtung zu erträumen“ (Seite 42).

In Kapitel 2 (Barrieren einer personzentrierten Pflege identifizieren: Seite 47- 66) werden auf die Problembereiche des Pflegealltags thematisiert, die der Umsetzung einer „personenzentrierten Pflege“ entgegenstehen. Angeführt werden z. B. „negative Einstellungen“, „Gruppennormen“ (z. B. tradierte aufgabenorientierte Pflegeroutinen), Hoffnungslosigkeit, nutzlose Vorschriften, Verfahren und Strukturen (Beispiele: ständiges Rotieren des Pflegepersonals in einer Einrichtung, das Verbot, die Demenzkranken außerhalb der Pflegehandlungen zu berühren und kein Zugang zum Gartenbereich) und die knappen finanziellen Ressourcen mit den personellen Engpässen.

Kapitel 3 (Pflegekräfte befähigen und unterstützen: Seite 67 – 84) enthält eine Reihe von Vorgehensweisen, die Mitarbeiter anzuleiten, zu unterstützen und zu motivieren. Zu Beginn wird angeführt, dass die Leitenden das eingeforderte Verhalten in ihrem Umgang mit den Demenzkranken als Rollenmodell selbst praktizieren sollten. Die persönlichen Ressourcen der Mitarbeiter sollten gemäß der Autorin auch für den Pflegealltag genutzt werden. Als Beispiel wird das Hobby einer Pflegerin (Bauchtanz) angeführt, das dazu führte, dass die Mitarbeiterin nun regelmäßig Vorführungen im Bauchtanz für die Bewohner gab. Bezüglich der Motivation der Mitarbeiter wird u. a. der Einsatz eines „Motivationsfragebogens“ mit 29 Fragen vorgeschlagen. Des Weiteren gilt es u. a., die Gruppendynamik der Pflegenden zu steuern und einer „Klagekultur“ entgegenzuwirken.

In Kapitel 4 (Eine Lernkultur entwickeln: Die Rolle von Schulungen und reflektierender Praxis: Seite 85 – 106) wird auf den Stellenwert von Fortbildungen eingegangen. Pflegende sollten vor allem hinsichtlich der Beobachtung der Bewohnerschaft und einer reflektierten Vorgehensweise geschult werden. In diesem Zusammenhang wird als Beispiel das Modell eines Lernzyklus beziehungsweise eines „blockierten“ Lernzyklus angeführt. Auch die Bedeutung von Feedbacks wird anhand verschiedener Beispiele herausgearbeitet. Das „konstruktive Feedback“ besteht z. B. aus der Vorstellung: „Auch wenn hervorragende Arbeit geleistet wurde, gibt es immer Dinge, die besser gemacht werden könnten.“ (Seite 100).

Kapitel 5 (Für eine effektive Kommunikation zwischen Pflegepersonal, Angehörigen und externen Fachkräften sorgen: Seite 107 – 125) beschäftigt sich anfangs mit der Bedeutung von Pflegeplänen als zentrales Instrumentarium für die Kommunikation mit allen Betroffenen. Darüber hinaus geht es um die „effektive“ Kommunikation bei den Mitarbeitern, in mündlicher und schriftlicher Form einschließlich der Dienstübergabe. Ergänzend wird auf die Kommunikation mit den externen Fachkräften (Ärzte u. a.) und den Angehörigen und dem Freundeskreis eingegangen.

Kapitel 6 (Zusammenarbeiten und auf Gefühle und Bedürfnisse reagieren: Seite 127 – 144) setzt sich mit Umgang mit demenzspezifischen Verhaltensweisen (das so genannte „herausfordernde Verhalten“) seitens der Pflegenden auseinander. Anschließend wird auf dem Umgang mit Risiken eingegangen, wobei die Autorin die Auffassung vertritt, dass „Risiken zum Leben gehören.“

In einer kurzen Zusammenfassung (Seite 145 – 148) betont die Autorin nochmals die Bedeutung ihrer Vorgehensweise für die Demenzkranken und fordert dazu auf, diesen Weg in Richtung ihrer Vorstellung einer Demenzpflege in angemessenen Schritten einzuschlagen.

Diskussion

Die vorliegende Publikation wird laut Klappentext als ein Praxishandbuch vorgestellt. Das Buch soll für Leitende als „Werkzeugkiste für den Managementalltag“ verwendet werden können. Die praktischen Erfahrungen dieses Buches wurden überwiegend in stationären Einrichtungen der Altenhilfe in England gesammelt. Bei der Lektüre wird es deutlich, dass sich die Gegebenheit in England in verschiedenen Punkten von Verhältnissen in deutschen Einrichtungen unterscheiden.

Die folgenden Ausführungen des Textes sind aus der Sicht der Rezensenten unzureichend hinsichtlich des Anspruches eines Praxishandbuches für die Leitung von Pflegenden in Alteneinrichtungen mit dem Schwerpunkt Demenzpflege:

  • Die Ausführungen kranken an einem fehlenden neuropathologischen Erklärungszusammenhanges als Bezugsrahmen für die demenzspezifischen Verhaltensweisen. Deutlich wird dieser Sachverhalt u. a. in dem Konzept eines so genannten „Personseins“ ohne jedwede Klassifizierung des Abbaugrades. So ist die Autorin z. B. nicht in der Lage, Stresssymptome von abbaubedingten demenztypischen Verhaltensmustern zu unterscheiden. Des Weiteren werden demenztypische Verhaltensautomatismen und Desorientierungsphänomene als bloße Bedürfnisäußerungen fehlgedeutet.
  • Äußerst problematisch ist auch die Einstellung der Autorin hinsichtlich der vielfältigen Risiken im Heimbereich für Demenzkranke, wenn sie z. B. den abstrakten Spruch „Risiken gehören zum Leben“ zitiert und gleichzeitig die so genannte „Selbstbestimmung“ der Demenzkranken einfordert. Dass diese Sichtweise für Demenzkranke im mittelschweren Stadium oft lebensgefährdende Situationen im Alltag zur Folge hat, wird von der Autorin nicht thematisiert. Das Gebot der körperlichen und seelischen Unversehrtheit wird mit dieser Position komplett konterkariert.
  • Für deutsche Verhältnisse äußerst befremdlich ist die Verwendung eines so genannten „Motivationsfragebogens“. Hierbei werden die Pflegenden aufgefordert, u. a. Aussagen wie „Das hier ist nicht mein Traumberuf, damals war eben keine bessere Stelle zu finden“ oder „Ich finden Menschen mit Demenz interessant“ zu bewerten.
  • Problematisch erscheint auch die Sichtweise, mit den Pflegenden gemeinsam „Visionen“ zu entwickeln oder die „Zukunft zu erträumen“. Hier geht es um die Pflege und Betreuung Demenzkranker im mittelschweren Stadium, da stören „Visionen“ und „Träume“ nur, denn der fachliche Rahmen ist hinsichtlich der Leistungserbringung bei Demenzerkrankungen klar definiert.
  • Für die Arbeitsorganisation in der Demenzpflege geradezu kontraproduktiv ist die Position der Autorin, ständige Optimierungsbemühungen in der Pflege und Betreuung anzustreben. Für die Mitarbeiter bedeutet dies letztlich, dass ihre Arbeit immer noch weiter verbessert werden könnte, selbst wenn sie schon „hervorragend“ gestaltet wird. In diesem Kontext kann keine Verhaltenssicherheit der Pflegenden und Betreuenden entstehen, die Grundvoraussetzung für den Umgang mit Demenzkranken.

Fazit

Der Anspruch der Publikation, „Praxishandbuch“ und zugleich „Werkzeugkiste“ in einem für leitende Mitarbeiter in der Demenzpflege zu sein, konnte nicht eingelöst werden. Für die Pflege und Betreuung Demenzkranker in deutschen Pflegeeinrichtungen werden hier keine neuen Impulse und Strategien vermittelt.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 04.08.2015 zu: Buz Loveday: Demenzteams führen und leiten. Personzentrierte Pflege von Menschen mit Demenz managen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2015. ISBN 978-3-456-85458-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17812.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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