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Sonja Kleinevers: Sexualität und Pflege

Cover Sonja Kleinevers: Sexualität und Pflege. Bewusstmachung einer verdeckten Realität. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2004. 100 Seiten. ISBN 978-3-89993-120-4. 19,90 EUR, CH: 33,90 sFr.

Reihe: Pflegebibliothek - Bremer Schriften.
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Einführung in das Thema

Das Thema "Sexualität" gilt in der Pflege auch heute noch als tabuisiert. Zögerlich beginnt die öffentliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik. Pflegekräfte in Theorie und Praxis sind gleichermaßen gefordert, ihre Erfahrungen mit Nähe und Distanz sowie deren Überschreitung laufend zu überprüfen und zu reflektieren.

Hintergrund für Entstehung des Buches

Das vorliegende Werk entstand im Zusammenhang mit dem Studiengang Lehramt Pflegewissenschaft an der Universität Bremen. Aufgrund seines 10-jährigen Bestehens veröffentlicht die Schlütersche Verlagsgesellschaft herausragende Diplom- und Forschungsarbeiten. Die Arbeit von Sonja Kleinevers macht den mutigen Anfang mit einem zutiefst menschen-nahen und sehr persönlichen Thema, welches sowohl in der Ausbildung wie auch in der täglichen Pflegepraxis defizitär behandelt wurde.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in die folgenden Kapitel gegliedert:

  • Einleitung und Problemaufriss mit Erkenntnisinteresse.
  • Sexualität - eine Begriffsannäherung. Hier versucht die Autorin in einem vertieften geschichtlichen Rückblick (weibliche) Sexualität allgemein, insbesondere als Krankenpflegerin, darzustellen; der Widerspruch traditionsbedingter beruflicher 'Asexualität' einerseits, die persönliche Auseinandersetzung der Pflege-Persönlichkeit mit ihrer Biografie bei PatientInnen andererseits, das Durchbrechen der Intimsphäre, die möglichen Konfliktfelder, usw. sollen hier beispielhaft hervorgehoben werden. Es wird der Frage nachgegangen, ob sich die den Pflegenden auferlegte Asexualität auch in ihrem pflegerischen Berufsverständnis widerspiegelt. Die Autorin geht auf das Freudsche Triebmodell ein; das 'Lustsuche-Modell' von Schmidt (1983) wird dem als alternatives Motivationskonzept gegenübergestellt; das Kapitel schließt mit dem Ansatz von 'Sexualität als ideelles Konstrukt und historisch geprägtes Phänomen'.
  • Im dritten und vierten Kapitel wird Pflege als sexualfeindliche Tradition beschrieben: in der Berufsgeschichte (Stichwort Hexenverfolgungen und Unterdrückung der weiblichen Heilkunde in einer Zeit, in welcher zunehmend Ärzte das Tätigkeitsfeld bezogen); in der Darstellung der Krankenpflegerin als perfekte Verkörperung des bürgerlich-sexistischen Weiblichkeitsideals (Zuschreibung von Eigenschaften als 'Geschlechts-Charakter': die Frau als emotional-passiv, der Mann rational und aktiv); Sexualität und Symbolik (Anrede "Schwester", Kleidung mit Haube, Hygienerituale). Sexualisierende Klischee-Etikettierungen: die weibliche Pflegende als Sex- und Lustobjekt - und der unter Homosexualitätsverdacht stehende Pfleger.
  • Im fünften Kapitel setzt sich die Autorin mit dem Kontext der Sexualität in der Pflege mit Zahlen, Untersuchungsbefunden und konkreten Beispielen in der Praxis (Anspielungen, Berührungen, sexueller Belästigung) auseinander; die Auswirkungen auf Pflegende, wie Scham, Peinlichkeit, Ekel, Lust, Schuld, Unterdrückung von Gefühlen sowie konkrete Auswirkungen auf die Pflegequalität werden direkt und klar beschrieben (Patient als Waschobjekt, oder die Aussage einer Pflegenden: Auch ich habe leichte Hemmungen, die Vorhaut des Patienten zurückzuziehen ... Ich weiß von Schwestern, die das nicht machen...).
  • Im sechsten Kapitel schlägt Kleinevers im Zusammenhang mit Sexualität und Pflege vor, für die Ausbildung das "Situationsorientierte und erfahrungsbezogene pflegedidaktische Konzept" einzusetzen. Auf diesen zwanzig Seiten - einem Fünftel des Buches! - wird, auf die bisherigen Erfahrungen logisch folgernd, konkret das Modell von Darmann (2000) auf Inhalte, Ziele, die Beziehungsgestaltung und Methodik für Lernende eingegangen. Ihr ist wichtig, dass sich Auszubildende ausreichend unterstützt fühlen, ihre eigenen Fähigkeiten und Ängste zu überprüfen und zu artikulieren; Widersprüche sollen ermöglicht und vielseitige Darstellungsmöglichkeiten zugelassen werden. Die Integration vom Gelernten soll hernach für die berufliche Praxis übertragen und professionell generalisiert werden können.

Zielgruppen

Als Zielgruppe können alle im Dienstleistungsbereich Tätigen gelten, insbesondere soziale Berufe; hier vor allem Pflegepersonen bzw. im forschenden wie lehrenden Bereich tätige Pflegefachkräfte dürften am ehesten profitieren. Selbstverständlich können Auszubildende in allen Ausbildungsstufen wertvolle Anregungen für ihre (schriftliche) Abschluss-/Diplomarbeit herausziehen.

Diskussion

Die Autorin widmet sich in einer ausführlichen und tiefschürfenden Literatur-Recherche allen Facetten der Theoriebildung: das Buch ist klar strukturiert, logisch aufgebaut, gut lesbar, im theoretischen wie Ausbildungsbereich gut abgestützt und gleichzeitig praxisrelevant, der 'rote Faden' ist durchgängig sichtbar. Sie beschreibt, analysiert und sensibilisiert konkret und sachlich: Definitionen, rechtliche und curriculare Relevanz werden angerissen; jedes Kapitel verführt zu weiteren Assoziationen und Ideen beim Leser. Schlussfolgerungen beschließen die Kapitel.

Kleinevers beschreibt auch kritisch Details wie mangelnde Unterstützung von Vorgesetzten in schwierigen Situationen von (vermeintlichen) Übergriffen, Forderungen der Gesellschaft an Pflegende, fließende Übergänge von faktischen zu schwer fassbaren Details der Wahrnehmung, Sozialisation von Auszubildenden, den Umgang mit alten und behinderten Menschen, uvm. All diese Faktoren lassen auf ein großes Bemühen und eine hohe fachliche Qualifikation der Autorin schließen.

Fazit

Das Buch besticht durch klare Struktur auf wissenschaftlichem Niveau: Es gelingt der Autorin, ein diffiziles Thema in elaborierter Form in gebotener Knappheit zu beschreiben, Kontraste zuzulassen, beim Leser eigene Ideen zu generieren, keine Ratschläge zu geben, sondern persönliche Lösungswege zu ermöglichen. Ergänzt wird es durch einen didaktischen Entwurf für Lehrende. Eine ausführliche Literaturliste vervollständigt das aufwändig und gleichzeitig übersichtlich gestaltete Buch. Für das Werk spricht vor allem die differenzierte Darstellung in Vielfalt und Breite bei gleichzeitiger Tiefe der Themenstellung.

Für professionelle Pflege kann dieses Buch als Meilenstein gelten!


Rezensent
Federico Harden
Akademisch geprüfter Lehrer für Gesundheitsberufe Allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Gesundheits- und Krankenpflege Psychotherapeut (VT) in freier Praxis. Fort- und Weiterbildungen
Homepage www.harden.at


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Zitiervorschlag
Federico Harden. Rezension vom 05.04.2005 zu: Sonja Kleinevers: Sexualität und Pflege. Bewusstmachung einer verdeckten Realität. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2004. ISBN 978-3-89993-120-4. Reihe: Pflegebibliothek - Bremer Schriften. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1782.php, Datum des Zugriffs 22.01.2018.


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