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Jacques Rancière: Die Methode der Gleichheit

Cover Jacques Rancière: Die Methode der Gleichheit. Passagen Verlag (Wien) 2014. 272 Seiten. ISBN 978-3-7092-0141-1. D: 29,90 EUR, A: 29,90 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Autor und Entstehungshintergrund

Die Vielzahl der von Jacques Rancière erschienen Büchern machen die Verwendung seiner Begriffe nicht immer einfacher. Dissens, das Ästhetische Regime, Politik oder Polizei werden oft auch als gegensätzliche Begriffe verwendet, die sein Denken in ein Politisches und Ästhetisches teilen. Das Buch „Die Methode der Gleichheit“ soll dieser Dichotomie entgegen wirken. Es ist das Produkt eines Interviews zwischen Jacques Rancière mit Laurent Jeanpierre und Dork Zabunyan. Die Motivation war eine Schärfung seiner Begriffe und Konfrontation mit anderen Denkerinnen und Denkern. Das Umfeld des Interviews soll das Nachvollziehen der Gedanken erleichtern und Rancières philosophisches Projekt als Einheit vorstellen.

Thema und Aufbau

Im Fokus stehen also nicht einzelne Bücher Rancières, sondern sein Gesamtwerk. „Die Methode der Gleichheit“ erweitert die vier vorangegangenen Interviewbücher „Und die Müden haben Pech gehabt!“ (2012), „Die Wörter des Dissenses“ (2012), „Das Volk und seine Funktionen“ (2013) und „Die Erfindung des Möglichen“ (2014) (im französischen Original in einer Ausgabe erschienen: „Et tant pis pour les gens fatigués“, 2009) und fasst Begriffe und Definitionen genauer. Das Buch ist in vier Abschnitte aufgeteilt: „Genesen“, „Linien“, „Schwellen“ und „Gegenwarten“.

Inhalt

Im Kapitel „Genesen“ erzählt Rancière von seinen Ausbildungsjahren in der Ècole normale supérieure, seine Beziehung zu Louis Althusser und Michel Foucault, seine Wahrnehmungen im Jahr 1968 bis zur Abfassung von „Die Nacht der Proletarier“. Er beschreibt dabei, dass er sich immer schon gegen herrschende Einteilungen gewehrt hat und so die Idee der „Aufteilung des Sinnlichen“ entwickelte. „Es gibt nicht ein materielles Universum und ein intellektuelles Universum in einem hierarchischem, eventuell umkehrbaren hierarchischem Verhältnis, sondern es gibt ein aktuelles Verhältnis zwischen einem sinnlichen Universum und dem Sinn, den man ihnen geben kann. Kurz gesagt, es ist Sache eines zu konstruierenden Handlungsverlaufs.“ (51) Rancières Motiv war es nicht, ein hierarchisches System zu verfolgen, sondern in den Vordergrund die zentrale Frage nach der Fähigkeit der Leute zu stellen. Fähigkeiten, die die Menschen selbst ermächtigen.

In Abschnitt „Linien“ betont Rancière, dass er sich nicht in einer spezifischen Denktradition sieht. Chronologisch haben ihn zwar Sartre, Althusser und Foucault sehr stark beeinflusst. Sie bleiben aber Einflüsse und bilden keine lineare Tradition seines Denkens. So habe er zum Beispiel Foucaults „[…] Gedanken übernommen, dass dasjenige Denken interessant ist, das in den Praktiken, in den Institutionen am Werk ist, das Denken, das die Landschaft dessen, was ist, mitgestaltet.“ (76) Durch die Beschäftigung mit Literatur hat er verstanden, dass Ereignisse immer Transformationen der Landschaft des Sinnlichen sind. Wichtig war dabei immer beim Denken an Grenzen zu stoßen. Es müssen nicht immer Denkschulen geschaffen werden, die versuchen alles zu erfassen. So kritisiert er Jean Baudrillards Arbeiten, da sie für ein Denken stehen, dem nichts widerstehen kann (vgl. 84). Er selbst habe nie versucht ein System zu beschreiben, in dem gegensätzliche Positionen vereint werden könnten. „[…] deshalb habe [er] diese Bipolarität zwischen Politik der Ästhetik und Ästhetik der Politik aufgestellt, um zu sagen, dass man so etwas wie einen Ort, ein Gebiet bestimmen kann, auf dem die sinnlichen Formen, die die Politik ausmachen, und die Formen der Transformation des Sinnlichen, die die Kunst ausmachen, sich begegnen, ohne deshalb ein systematisches Gesamtverhältnis zwischen beiden zu definieren.“ (86) Seine Texte sind in diesem Sinne auch nie Anleitungen. Er möchte vielmehr auf etwas aufmerksam machen, wobei die Leserschaft bestimmen soll, was diese mit dem Vorgebrachten anstellen möchte.

Der dritte Teil „Schwellen“ beginnt mit Rancières Begrifflichkeit des Konsenses, den er eingeführt hat, um zeigen zu können, was innerhalb von Organisationen verdeckt wird. So treiben Kritiker eines Streiks die Streikenden immer dazu, etwas zu glauben, das sie nicht verstehen können. Der Konsens verdeckt zwei aufeinanderprallende Sinnwelten, weil er vorgibt, dass es zwei Einheiten gibt. Nämlich die des Verstehens und die des Nichtverstehens. Im Gegensatz dazu beschreibt der Dissens eine Störung, die eine Verschiebung des Sichtbaren auslöst. Es entsteht dadurch kein Punkt, an dem man eine Übersicht über das Problem hätte, aber es gibt „eine Verbindung des Sinnlichen mit seinem Sinn, die man verändern kann, indem man sie auseinandernimmt und neu zusammensetzt, also ohne die Ebene zu wechseln.“ (141) Deshalb findet er seine Bücher „Kurze Reisen ins Land des Volkes“ oder „Die Nacht der Proletarier“ besser als „Das Unvernehmen“. Die Leserschaft des letztgenannten Titels suche nach Rancière immer eine anwendbare politische Theorie, wobei die anderen beiden erwähnten Bücher eben eine Positionsverschiebung vollbringen. Letztendlich will er aber auch keine Kontrolle über die Verwendung seiner Schriften haben. Ohnehin sei das unmöglich, denn es gibt einen Punkt, „wo die Leute mit dem, was man ihnen anbietet, machen, was sie wollen“. (148)

Der letzte Abschnitt „Gegenwarten“ widmet sich der Kartographie der Möglichkeiten. Und wenn von einer Möglichkeiten gesprochen wird, ist dies immer etwas, das ist. Eine Möglichkeit beschreibt keine Utopie. Damit sammelt Rancière Bedingungen und Umstände, die zeigen, was notwendig ist. Insofern denkt er die Notwendigkeit als einen Gegensatz zur Möglichkeit. Die laufende Epoche beschreibt er als eine Epoche des Konsenses. Damit beschreibt er herkömmliche Regierungspraktiken und die Aushandlungen zwischen internationalen und supranationalen Regierungsformen. Revolutionen, wie sie zum Beispiel um den Arabischen Frühling beschrieben werden, sind Momente in denen bestehende Ordnungen aufgegeben und ersetzt werden. Jedoch besteht ein Unterschied zwischen der Revolution und den Revolutionen, auf die hier verwiesen wird. Denn von Revolution kann man dort sprechen, „wo es eine jähe Unterbrechung einer ganzen angegebenen symbolischen Ordnung gibt und wo Dinge als möglich erschienen, die vorher absolut undenkbar waren; wenn das Volk als Akteur auftaucht, das auf der vorhergehenden Bühne keinen Platz hatte.“ (216) Die Wirksamkeit davon kann nur immer subjektiv sein. Demnach kann auch der Erfolg von diesen Revolutionen nicht allgemein gemessen werden, sondern nur individuell in jeder Ausweitung von Handlungsmacht und ihrer Dauer.

Diskussion

Im Buch kommen die Verflechtungen von Biographie und Werk in allen Abschnitten zu tragen. Sei es die Auseinandersetzung mit Althusser am Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn oder später seine Popularität, die zu den Interviews führte und seine Schriften eine Vielzahl von Interpretationen eröffnete, der Kontext seines Denkens, Schreibens und seiner Rezeption wird laufend beachtet. Seinen Einfluss sieht er selbst recht nüchtern: „Ich kümmere mich nicht besonders darum, ob ich Ausstellungskuratoren nützlich oder schädlich bin, selbst wenn sie für die Verbreitung meiner Schriften sehr nützlich gewesen sind. Ich habe immer versucht, keine Schüler zu haben, keine Schule zu gründen“. (147) Die Stärke des vorliegenden Interviewbandes ist nicht die intensive Auseinandersetzung mit seinen Bezeichnungen, sondern die Thematisierung von möglichen Widersprüchen in seinen Schriften. Dabei betont Rancière immer wieder den Kontext seiner Beispiele und verweigert sich Verallgemeinerungen. „Ich bin fortwährend dabei, das Netz aufzulösen und wieder neu zu knüpfen. Das ist meine Arbeitsweise: Man hat eine Art von Sedimentation, die zu bestimmten Momenten bewirkt, dass es doch Erhellungen gibt, dass Dinge erscheinen. Mit einem Schlag zeichnet sich eine Landschaft ab und man kann versuchen, sie nachzuzeichnen. Das kann ich über meine Arbeit sagen.“ (61)

Fazit

Zunächst muss hier noch erwähnt werden, dass Rancière dem Interview nicht unkritisch gegenüber steht. So antwortet er am Ende: „Man bittet mich, das, was durch Forschung und Schreiben aufgebaut wurde, in eine Form zu übersetzen, die es ermöglicht, meine Arbeit in den normalen Raum der Wissensübertragung, der Informationsweitergabe oder noch klarer in die Meinungsdebatte einzubetten. Es gibt eine regelrechte Transformationsaufgabe, die den negativen Aspekt hat, dass man diese Forschungsarbeit, die immer eine Arbeit des Verhältnisses zwischen dem Denken und dem, was es denkt, dem Denkbaren, ist, in allgemeine Aussagen verwandelt. Plötzlich wird man gebeten, sein Denken zu erklären, indem man es aus seinem direkten Bezug zu dem, was es zu denken versucht, zu dem, woran es tätig ist, herausreißt.“ (252) Im Vordergrund steht hier die Sorge, sich innerhalb eines Interviews präzise genug auszudrücken. An einer anderen Stellen sagt er jedoch, dass gut geführte Interviews immer den Interviewten provozieren müssen. So kann nämlich er selbst als Interviewter neue Formulierungen sowie Gedanken finden. Dabei finden sich diese Überlegungen immer auf der Basis der Gleichheit; die Idee, die er in seinem Buch „Der unwissende Lehrmeister“ durch die Figur des Lehrers Joseph Jacotot beschrieben hat und auch in „Die Methode der Gleichheit“ thematisiert. Das Interview funktioniere als Gespräch, bei dem niemand einen Vorteil habe.


Rezensent
Andreas Hudelist
Schwerpunkte: Ästhetik, Cultural Studies, Film- und Fernsehforschung, Kunst sowie kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung
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Zitiervorschlag
Andreas Hudelist. Rezension vom 13.03.2015 zu: Jacques Rancière: Die Methode der Gleichheit. Passagen Verlag (Wien) 2014. ISBN 978-3-7092-0141-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17821.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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