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Michael Nagenborg: Das Private unter den Rahmenbedingungen der IuK-Technologie

Cover Michael Nagenborg: Das Private unter den Rahmenbedingungen der IuK-Technologie. Ein Beitrag zur Informationsethik. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 226 Seiten. ISBN 978-3-531-14616-4. 29,90 EUR.
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Autor

Dr. phil. Michael Nagenborg lehrt seit 01.08.2013 als Assistant Professor for Philosophy of Technology am Department of Philosophy der University of Twente (NL). Er hat die vorliegende, überarbeitete und aktualisierte Schrift 2004 als Dissertation vorgelegt.

Thema und Entstehungshintergrund

Privat ist, was nur mich was angeht. Die Akzeptanz von Angelegenheiten als Privatsache wird durch moderne Informationstechnologien und Medien gefährdet, die es ermöglichen, in vormals ungeahntem Ausmaß, persönliche Daten zu erheben, zu verarbeiten und zu veröffentlichen. Der Staat wie Unternehmen sammeln und verknüpfen Daten von Bürgern und Kunden sowie Arbeitnehmern in einem Umfang, der geeignet ist, den Schutz der Persönlichkeit und der Privatsphäre in Frage zu stellen. Nagenborg will in seiner Arbeit über die informationelle Dimension der Privatheit hinaus gerade auch die gesellschaftlichen Gefahren dieser Entwicklung herausarbeiten: Vertrauensverlust, Manipulierbarkeit von politischen und persönlichen Entscheidungen, Gefahr der Diskriminierung bei Wohnungs-, Kredit- und Arbeitsplatzsuche durch Backgroundchecks privater Informationen. Die Thematik der Privatheit und ihrer Gefahren ist für die Soziale Arbeit von großer Relevanz, denn der Persönlichkeitsschutz und der Schutz des Vertrauens sind wesentliche Grundlagen ihrer Arbeit.

Aufbau

Die Studie gliedert sich in drei Teile:

  1. Kapitel B bis D diskutiert den aktuellen Stand der Forschung zum Thema des Privaten
  2. Kapitel E bis G stellen die neo-klassische Privatheitsauffassung vor
  3. Kapitel H und I wenden das erarbeitete neo-klassische Modell des Privaten an, um medienkritische Ansätze im Sinne Foucaults bzw. das Konsensmodell des Privaten zu diskutieren.

Inhalte

Kapitel B bietet einen Überblick über verschiedene Auffassungen des Privaten. Im Zentrum stehen die lokale, dezisionale und informationale Bedeutungsdimension des Privaten nach Beate Rösler und Hermann Tavani´s Typologie herkömmlicher Definitionsversuche des Privaten. Nagenborg betont, dass sowohl die drei Bedeutungsdimensionen nach Rössler als auch die vielfältigen prägnanten Kurzdefinitionen, angesichts „der Komplexität des privaten Lebens“ nur methodisch-analytisch zu verstehen seien. Das Kapitel schließt mit Hinweisen auf den konventionell-normativen Charakter und der Darstellung des Konsensmodells des Privaten.

Kapitel C grenzt den Begriff des Privaten gegen die Begriffe Tabu, Geheimnis und Anonymität ab. Die Schwierigkeit der Fassung des Begriffs des Privaten führt dazu, dass einige Autoren stattdessen auf den der Anonymität zurückgreifen. Nagenborg arbeitet heraus, dass beide Begriffe jedoch nicht deckungsgleich sind.

Kapitel D referiert Begriff und Bedeutung des Privaten im politisch-philosophischen Rahmen des Liberalismus. Mit Hilfe der Schriften von Isaiah Berlin „Zwei Freiheitsbegriffe“ und John Stuart Mill „Über die Freiheit“ wird die klassisch-liberale Dichotomie von privat/ öffentlich vorgestellt und im Anschluss auf die Kritik an ihr, dem Vorwurf des Missbrauchs dessen und des Rückzugs in das Private, eingegangen.

Kapitel E erarbeitet auf der Grundlage der Arbeiten von Beate Rössler und Marcel J. Van den Hoven die Bedeutung des Privaten als Ermöglichung, „Schutz und Ausdruck von Autonomie“. Der Verzicht auf Einflussnahme und Manipulation ermöglicht Autonomie im Sinne eines selbstbestimmten, authentischen Lebens. Zugleich relativiert der Autor überhöhte Ansprüche auf Autonomie und betont die Bedeutung einer Kultur des Privaten.

Im Kapitel F entwickelt der Verfasser dann seine eigene neo-klassische Privatheitsauffassung. Kern seines Modells ist die These, dass ohne privaten Freiraum keine Legitimation staatlicher Gesetze und gesellschaftlicher Regeln möglich sei. Dabei reflektiert er, dass sich im klassischen Modell die Vorstellungen der Öffentlichkeit und des Privaten gegenseitig bedingten. Mit dem Niedergang der bürgerlichen Öffentlichkeit musste daher auch die Wertschätzung des Privaten an Boden verlieren.

Kapitel G beschreibt die Gefährdungen des Privaten durch den Verlust der „(quasi-) natürlichen Schutzmechanismen“ in Folge der modernen Informationstechnologien und Medien. Zu Recht weist der Autor darauf hin, die sich aus dieser technischen Entwicklung ergebenden Fragen für die Privatsphäre letztlich nie beantwortet wurden. Das allgemeine Unbehagen an dieser Entwicklung führt zu den bekannten Rufen nach informationeller Selbstbestimmung. In diesem Zusammenhang geht er hier detailliert auf den klassischen Ansatz von Samuel D. Warren und Louis D. Brandeis „The Right to Privacy“ (1890) ein, den er als richtungsweisend und vorausblickend würdigt.

Im vorletzten Kapitel H benutzt der Autor seine Theorie einer neo-klassischen Privatheitsauffassung zur Kritik einer Gruppe von medienkritischen Ansätzen, welche die Neuen Medien vor allem als Aufschreibungssysteme im Sinne Foucaults interpretieren. In seiner Kritik an diesen Ansätzen differenziert er zwischen Überwachung und Kontrolle und relativiert die Gefahr einer nicht sanktionierten Überwachung für die Autonomie des Bürgers. Zudem betont der die Möglichkeiten, die die Neuen Medien zum Widerstand gegen panoptische Strukturen bieten.

Im letzten Kapitel I diskutiert Nagenborg die Konsensmodelle des Privaten, wobei er sich vor allem auf Rainer Kuhlens „Die Konsequenzen von Informationsassistenten“ und Lawrence Lessig´s Ansatz „Privacy as Property“ bezieht. Er arbeitet die gesellschaftlichen Folgen solcher Konsensmodelle heraus. Unternehmen erheben Daten, um Unterschiede zwischen den Benutzern treffen zu können. Die gesellschaftlichen Folgen solcher diskriminatorischen Entscheidungsprozesse werden im Rahmen von Konsensauffassungen des Privaten jedoch nicht thematisiert. Gleiches gilt für die politischen Gefahren, die aus mächtigen sensiblen Datensammlungen Privater entstehen können.

Die Schrift schließt mit einem Fazit, in dem er die wichtigsten Ergebnisse seiner Studie und die Elemente seiner Privatheitsauffassung im Sinne des Anspruchs an Dritte, Abstand zu halten, zusammenfasst.

Diskussion

Angesichts der aktuellen Entwicklungen ist die von Michael Nagenborg gestellte Frage nach dem Gehalt des Privaten und seinem Wandel angesichts der digitalen Revolution hoch aktuell. Ihm geht es zu Recht nicht nur um die informationelle Dimension des Privaten, sondern um die weitreichenden Folgen der neuen IuK-Technologien für die Gesellschaft. Angesichts deren Herausforderungen sind die Grundbegriffe der Privatheit und Öffentlichkeit neu zu durchdenken und auf ein neues Fundament zu stellen.

Nagenborg versteht es, die unterschiedlichen Begriffe des Privaten klar darzustellen und ihre Stärken und Schwächen zu erklären. Sein Buch ist demjenigen, der sich einen Überblick verschaffen und eine eigene Meinung bilden will, eine große Hilfe.

Eine Stärke seiner Darstellung liegt darin, dass er vor allem auf die Bedeutung des Schutzes privater Informationen für gesellschaftliche und politische Entscheidungsprozesse und Urteile hinweist. Der ungehemmte Zugriff auf private Daten wie z.B. ethnische Herkunft, Gesundheit, Geschlecht, Alter etc. kann schnell dazu führen, dass Entscheidungen diskriminierend ausfallen. Private Informationen dürfen nicht dazu genutzt werden, gesellschaftliche Ungleichheiten zu verstärken. Solche Informationen dürfen nicht zur gezielten politischen Manipulation von Internetnutzern missbraucht werden. Die Realität dieser Manipulationsgefahr bewiesen das Facebook-Psychoexperiment im Sommer 2014, die Statementwellen und Shitstorms gegenüber russlandkritischen Artikeln im Zuge der Ukrainekrise 2014 und auch der Shitstorm mit Sexismusvorwürfen gegenüber Brüderle wiesen Merkmale organisierter Manipulation auf.

Nagenborg arbeitet den „normativen Charakter des Privaten“ heraus und versteht das Private als „konventionell, d.h. sein Vorhandensein und seine Ausgestaltung hängen von den geteilten Überzeugungen einer Gesellschaft ab.“ Entsprechend lehnt er Ansätze, die das Private zur Privatsache und damit zu einer individuellen Entscheidung erklären, ab. Er weist damit dem Privaten keinen absoluten Wert zu und betont seinen konventionellen normativen Charakter. Ob allerdings zur Verteidigung einer modernen Privatsphäre und damit der Freiheit des Bürgers allein die Beschreibung der Abwehrdimension des Privaten ausreicht, ohne die Angelegenheiten näher zu bezeichnen, die (nur) eigenen und nicht (auch) fremden Interesses sein sollen, erscheint zweifelhaft.

Fazit

In der Praxis der Sozialen Arbeit wird immer wieder deutlich, wie wichtig der Respekt vor der Privatsphäre und die Achtung der Freiheit des Klienten ist, um überhaupt eine Vertrauensgrundlage schaffen zu können, auf der ihm dann geholfen werden kann. Immer wieder kommt es in der Praxis zu Übergriffen in die Privatsphäre der Klienten, zu Entscheidungsprozessen die unzulässig und diskriminierend private Informationen verwenden. Zur Reflexion dieser Zusammenhänge ist das Buch hilfreich. Das Werk fordert zum Mitdenken auf und fördert die kritische Wahrnehmung. Auch wenn es nicht immer „leichte Kost“ ist, wünsche ich dem Buch eine gute Aufnahme in der Sozialen Arbeit.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Els
Fachbereich Soziale Arbeit, Hochschule Niederrhein Datenschutzbeauftragter der Hochschule Niederrhein


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Zitiervorschlag
Michael Els. Rezension vom 13.01.2015 zu: Michael Nagenborg: Das Private unter den Rahmenbedingungen der IuK-Technologie. Ein Beitrag zur Informationsethik. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-531-14616-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17824.php, Datum des Zugriffs 08.08.2020.


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