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Thomas Hengartner, Anna Schindler (Hrsg.): Wachstumsschmerzen (Stadtentwicklung)

Cover Thomas Hengartner, Anna Schindler (Hrsg.): Wachstumsschmerzen. Gesellschaftliche Herausforderungen der Stadtentwicklung und ihre Bedeutung für Zürich. Seismo-Verlag (Zürich) 2014. 336 Seiten. ISBN 978-3-03777-140-2. 29,00 EUR.
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Thema

Es gibt offensichtlich nicht nur Schrumpfungsschmerzen, die die Stadtentwicklungsdebatte in neuster Zeit bestimmen. Städte wachsen auch und bekommen Wachstumsschmerzen. Sie wachsen über ihre räumlichen Grenzen hinaus, werden dichter und die Wachstumsdynamiken ihrer ökonomischen, kulturellen und sozialen Entwicklung werden schneller. Eingebettet in die gesamtstrukturelle Entwicklung einer Gesellschaft, verflochten mit anderen Räumen, Städten und Regionen entwickeln sich Städte auch zu Zentren, die einerseits Impulsgeber für ihr Umland sind und auch eine Eigendynamik entfalten; andererseits werden sie aber auch in ihrer Entwicklung von anderen beeinflusst, mit denen sie verflochten sind. Das gilt sicher für Metropolregionen eher als für den ländlichen Raum, wo auch die Grenzen zwischen Stadt und Land in ihren Konturen noch eher erkennbar sind.

Herausgeber und Herausgeberin

Thomas Hengartner ist Ordinarius für Volkskunde und Leiter des Instituts für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich.

Anna Schindler ist Kulturgeographin und leitet als Direktorin die Stadtentwicklung der Stadt Zürich.

Autorinnen und Autoren

Die übrigen Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen der Stadtentwicklung, der Soziologie und der Kulturwissenschaften, der Architektur, der Ethnologie und der Politikwissenschaft.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist das Ergebnis einer Veranstaltungsreihe „Wachstumsschmerzen: Gesellschaftliche Herausforderungen der Stadtentwicklung und ihre Bedeutung für Zürich“, die die Universität Zürich und die Stadtentwicklung Zürich gemeinsam durchführten.

Aufbau

Nach einem kurzen Vorwort folgen zehn Kapitel mit jeweils 1 – 4 Beiträgen; es folgt dann noch die Dokumentation einer Schlussdiskussion. Das Buch schließt dann mit einem Fazit ab.

Zu: Wachstumsschmerzen

Urbanität als Herausforderung für die Stadtentwicklung – Anmerkungen zur Zweiten Urbanisierung (Thomas Hengartner)

Dieser Beitrag ist als Einleitung in das Thema zu verstehen. Hengartner gibt einen Überblick über Urbanitätskonzepte der klassischen Protagonisten wie Simmel und Wirth und geht auf jüngere Autorinnen und Autoren wie Siebel, Häußermann, Lindner ein und diskutiert dann die Entwicklungen in Zürich, wobei er sich mit David Harvey auseinandersetzt, der die Lebensqualität an der Frage der Kapitalressourcen festmacht und die Stadt nicht als ein Daseinsform für Menschen betrachtet. Anschließend schlägt der Autor eine Neujustierung des Urbanitätsbegriffs vor, die Urbanität als die Fähigkeit des Umgangs mit Veränderung, mit Wandel und Transformation begreift und die die damit verbundenen Widersprüchlichkeiten, Spannungen und Ambivalenzen auszuhalten vermag.

Es geht also um eine Urbanisierung der Urbanität, um eine zweite reflexive Urbanisierung, die angesichts der gravierenden Veränderungen der Städte durch Deindustrialisierung, Sub- und Reurbanisierung eine gewisse Offenheit an den Tag legt und die der Bedeutung des Lokalen nicht trotz, sondern auch wegen der Globalisierungstendenzen gerecht wird, die die Städte auch erfasst – ob sie wollen oder nicht.

Zürich wächst - Chance und Herausforderung (Günther Arber)

Eingangs schildert der Autor anschaulich, wie Zürich wächst. Über das Wachstum der Stadt sind die Meinungen geteilt. In einer Befragung kamen die ambivalenten Einstellungen zur Geltung: Neubauten und Wohnraum schaffen schon, aber nicht in den Quartieren der Befragten. Arber diskutiert den Wachstumsbegriff kritisch; wer soll dazukommen und wer nicht, wenn die Bevölkerung wächst und kann Wohnstandortwahl immer so frei sein, dass man überall wohnen kann?

Die Stadt ist gefordert, gefordert ist die Einwohnerschaft, die Wirtschaft, die Verwaltung. Angesichts knapper werden räumlichen Ressourcen gilt vor allem Bauen im Bestand und Verdichtung. Dies wird von Arber dargestellt und begründet.

Und die Heterogenität nimmt zu und verändert die Stadt, Wandel, Vielfalt und Offenheit sind dabei auch Impulse für Innovationen und nicht Hindernis zur Stadtgesellschaft.

Zu: Habitus der Stadt

Die Stadt als Individuum – Vom Entwicklungsgesetz zum Entwicklungsroman (Rolf Lindner)

Der Autor geht eingangs auf die augenblickliche Debatte um die Zukunft der Stadt ein und diskutiert anschließend das Wachstumsmodell von Burgess, dem zentralen Protagonisten der Chicago School of Urban Sociology. Weiter stellt der Autor dar, wie Stadt und Autor in der Literatur eine Symbiose bilden und nennt Dickens in London, Joyce in Dublin und Döblin in Berlin.

Der Autor diskutiert anschließend die Stadt als Sinnesart, die sich vor allem über stillschweigende Übereinkünfte artikuliert. Er geht auf Gründe ein, die dazu führten, dass die Chicago School nicht hinreichend zur Kenntnis genommen wurde, gerade in Blick auf die mangelnde zur Kenntnisnahme der Ethnographie.

Die Stadt als Geschmackslandschaft wird von Lindner charakterisiert als ein Zusammenspiel der ökonomischen, kulturellen und sozialen Dynamik einer Stadt und ihrer städtebaulichen Gestaltung, aus der auch ein spezifischer Habitus erwächst.

Zu: Migration, Ein- und Ausgrenzung

„Wer gehört dazu“? – Grenzziehungsprozesse mittels „Kultur“ im Kontext von Migration in der Schweiz (Janine Dahinden)

Es ist der öffentliche Kulturdiskurs, mittels dessen sozialer und symbolischer Ausschluss erstellt wird, und zwar entlang von ethnischen und nationalen Grenzziehungen. Dieses Argument ist Gegenstand dieses Beitrages, in dem die Autorin aufzeigt, welche Konsequenzen ein derartiges Verständnis von Kultur hat, in dem die äußerlichen Differenzen der Lebensweise mit eben der anderen Kultur erklärt werden; diese andere Lebensweise scheint unveränderlich, quasi angeboren.

Sie diskutiert dann die problematischen Prämissen eines öffentlichen Kulturdiskurses und die theoretischen Alternativen. Diese Prämissen sind:

  • Der Kulturdiskurs zeichnete sich durch eine Konzeption des Menschen als quasi biologischer Träger einer essentialistischen und primordialen Kultur aus.
  • Der Kulturdiskurs ist von der Idee getragen, dass ethnische und nationale Gruppen totale Phänomene wären, deren Grenzen von Kultur, Identität oder Gemeinschaft automatisch übereinstimmten (51 f).

Weiter geht die Autorin auf die Etablierung dies Kulturdiskurses in der Schweiz ein und stellt ein Fallbeispiel vor, an Hand dessen „Kultur“ als Grenzmarkierung und Differenz als Resultat von Interaktion und Schließung erörtert wird. Dabei werden Fragen des Integrationsverständnisses im Spannungsbogen von Grenzverschiebung und Grenzeinschluss virulent.

Hochdeutsch Stadt Mundart (Elvira Glaser)

E. Glaser setzt sich in ihrem Beitrag mit der Sprachsituation der Deutschschweiz auseinander, die von der besonderen Situation geprägt ist, dass die Deutschschweizer zwei Sprachen beherrschen: das Hochdeutsche und die Mundart, und die Mundart ist die gesprochene Sprache. Dies ist eine Besonderheit, die auch die Linguistik als etwas Einzigartiges beschreibt. E. Glaser nennt historische Hintergründe und kommt dann zur Wahrnehmung der Sprecherinnen und Sprecher wenn sie Hochdeutsch oder Mundart sprechen. Sie zitiert dabei einige Studien, die in ihren zentralen Ergebnissen vorgestellt werden.

Zu: Urbanität und Wohnen

Praktiken und Materialitäten des urbanen Selbstbaus und der Sparsamkeit (Bernd Kniess, Hans Vollmer)

Im Rahmen des Projektes Low-Budget-Urbanity gehen die Autoren der Frage nach bezahlbarem Wohnraum nach, wie er im Bestand im Züricher Kontext zu finden ist. Dabei ist die Frage interessant, wie im Rahmen des Sparens durch Selbstbau und Selbermachen Praktiken und Formen informellen Bauens entwickelt werden, die quasi mit Hilfe des Baumarktes und ohne Architekt von statten gehen.

Hintergrund ist Hamburg; dort wurden zunächst Reihen- und Einfamilienhäuser identifiziert, die sich im Vergleich zu ihrer ursprünglichen Typologie verändert haben. Die Hafenarbeitersiedlung Hamburg-Wilhelmsburg dient für die Darstellung des Prozesses bis zur Internationalen Bauausstellung. Dies wird ausführlich und anschaulich beschrieben.

Die Autoren gehen dann auf die Entdeckung des menschlichen Maßes und der Poesie des Unfertigen nach, beschreiben den Selbstbauer als Unternehmer, der kalkuliert und organisiert, gehen auf die Transformationsdynamik des Quartiers ein und konfrontieren diese Überlegungen mit den planungslogischen und -rechtlichen Gegebenheiten, mit denen der „Wildwuchs“ zu tun hat.

Kann die Schweiz 10 Millionen Einwohner beherbergen? (Philippe Thalmann)

Es könnte knapp aufgehen sagt der Autor einleitend. Man braucht dafür eine Million neuer Wohnungen. Der Autor geht auf die Entwicklung der Bevölkerung und des Wohnungsbestandes ein und diskutiert dann verschiedene Konzepte der Wohnungsknappheit auf der Basis der Entwicklung der ständigen Wohnbevölkerung und der mietrechtlich zulässigen Rendite im Vergleich zur tatsächlichen direkten Rendite. Seine Überlegungen enden mit Überlegungen zur besseren Nutzung des Wohnungsbestandes und spezieller Maßnahmen für spezielle Gruppen.

Zu: Global City

The Global City: Today´s Frontier Zone (Saskia Sassen)

Die Autorin vertritt in ihrem englischsprachigen Beitrag die These, dass heutzutage Grenzen in unseren großen Städten richtig sind. Grenzen sind Räume, wo sich unterschiedlichste Akteure treffen und es keine klaren Regeln gibt. Und zweitens sind Grenzen Räume, wo auch die Ohnmächtigen zu Akteuren werden können und ihre Ohnmacht überwinden können.

S. Sassen beschreibt dann die City als ein komplexes System, das auch unvollständig ist und auch unvollständig integriert. Durch einen Mix von Komplexität und Unvollständigkeit haben die Städte sich selbst wiedererfunden. Sie überdauern alle anderen Erscheinungsformen wie Unternehmen, Finanzakteure und globale Kooperationen. Weiter geht es der Autorin um die Globalisierung des urbanen Raums und um die Differenzierung der urbanen Dichte. Es gibt keine perfekte Global City, eher werden die Städte durch den Globalisierungsprozess mit einander verbunden.

An ihren Beitrag schießt sich die Dokumentation einer Diskussion an, die sich mit Fragen beschäftigt wie:

  • Gibt es Widersprüche zwischen der Tatsache, dass die Städte immer mit Wirtschaft und Handel verknüpft waren einerseits und den Praktiken der globalen Unternehmen in Blick auf Steuerungsmechanismen andererseits?
  • Zürich ist einer der globalen Städte. Warum sind die entfesselten Kräfte der Wirtschaft genau hier gezähmt?
  • Kann der Begriff der globalen City profunder definiert werden?

Zu: Zureich

Stadtkritik und Erinnerungspolitik: Zum Verhältnis von Film und sozialer Bewegung (Margit Tröhler, Julia Zutavern)

Es geht den Autorinnen um den Zusammenhang von Film, sozialer Bewegung und Stadt. Nicht städtebaulicher Wandel steht im Vordergrund, sondern Veränderungen und Begegnungen, die sich in Stadträumen über Filme erkennen und provozieren lassen. Einmal geht es um Filme, die in einer spezifischen Situation eine Bewegung ausgelöst haben, dann geht es aber auch um die eigentlichen Bewegungsfilme der Jugendbewegung der 1980er Jahre in Zürich.

Diese Filme werden ausführlich dargestellt und auf ihre Bedeutung und Funktion für die Stadt und die sozialen Bewegungen hin analysiert.

Zu: Urbane Vergnügungen

Der Alltag als inszenierte Choreografie? Zur Ausstattung und Aneignung urbaner Vergnügungen (Gabriela Muri Koller)

Urbane Vergnügungen gehören zur Standortpolitik einer Stadt, bestimmen auch ihre Eigenlogik und sie sind eingebettet in die stadträumlichen Strukturen und Prozesse. Das macht die Attraktivität der Städte aus, dass in ihnen für eine Stadt jeweils typische Angebote und Erlebnisqualitäten vorhanden sind. Die Autorin beschreibt den historischen Wandel vom Fest zum Event und geht auf die Ausstattung ein, wenn sie urbane Bühnen des Vergnügens beschreibt. Es geht um Ausstattung und Lesbarkeit: Stadt als Zeichensystem, um Wegfiguren: Transitorische Dimensionen und um Choreographien: Situationen und Interaktionen. Weiter diskutiert die Autorin normative Dimensionen von Raum- und Zeitpraxen der Aneignung von Räumen und stellt eine Fallstudie vor.

Plausible Bilder - Grazer Eigenart im Image Annenviertel (Judith Laister)

Das Annenviertel scheint das Schicksal mit vielen „Bahnhofs- und Hauptstraßen“ zu teilen, die im Zuge der Umfunktionierung der Innenstädte ihren Glanz des 19. Jahrhunderts verloren hatten und jetzt „regentrifiziert“ werden. Die Autorin beschreibt diese Entwicklung, als gewänne man diesen Eindruck. Viel wichtiger scheint aber zu sein, dass erst dadurch, dass das Viertel mit einem Programm belegt wurde, das Viertel einen Namen erhält: das Annenviertel. Dieser Prozess wird geschildert und veranschaulicht, auch wie er in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde und mit einem Image versehen wurde.

Diesem urbanen Imagineering geht J. Laister nach und um dieses zu verstehen, muss man einiges wissen über die Eigenheit des Habitus oder die „Eigenart von Graz“. Dieses begründet sich aus der Geschichte der Stadt Graz als kaiserliche Residenzstadt, aber auch als Bürgerstadt und als geteilte Stadt. Dabei stehen diese Dispositive in einem inneren Zusammenhang, der ausführlich erörtert wird.

Aneignungen zwischen Lebenslust und Wagnis: Junge Menschen in öffentlichen Räumen (Monika Litscher)

Nach einleitenden Zitaten junger Erwachsener erläutert die Autorin die Bezugspunkte ihrer Ausführungen: zwei Forschungsprojekte, die sich einmal auf die Nutzungskonflikte im öffentlichen Raum beziehen (6 Fallstudien) und die zum anderen die Wegweisungen in öffentlichen Räumen zum Gegenstand ihrer Untersuchung haben. Die Frage ist, wie sich unterschiedliche Gruppen öffentliche Räume aneignen, sie also nutzen und dort ihre Interessen realisieren, dem Raum eine besondere Bedeutung geben, weil man dort seine Bedürfnisse nach Kommunikation und Repräsentation befriedigen kann. Dabei wird die Stadt als Erfahrungsraum, als Möglichkeitsraum und als Kontroll- und Konfliktraum ausführlich vorgestellt.

Zu: Material als soziale Oberfläche

Materialluxus und Ruinenästhetik – Städtische Räume als soziale Oberflächen (Monika Wagner)

Was ist das angemessene Material für einen Abfallkorb im öffentlichen Raum? könnte die Eingangsfrage zu diesem Beitrag sein. Mit drei Beispielen leitet ja auch die Autorin ein und kommt dann zur symbolischen Bedeutung des Materials, mit dem man Fassaden von Häusern baut und öffentliche Räume ausstattet. Marmor signalisiert Luxus; dafür werden Beispiele genannt – Marmor ist für den Tempel des Kommerzes.

Diesem Materialluxus stellt die Autorin die Industrieruinen gegenüber, die meist aus Backstein und Eisen bestehen. Diese Ästhetik findet sich in vielen Beispielen wieder; die Autorin nennt Beispiele u. a. aus den USA. An diese Ästhetik wird auch angelehnt, um andere Nutzungskonzepte zu realisieren. Diese Materialen und ihre Ergänzung durch Stahl werden von M. Wagner ausführlich diskutiert.

Versiegelte Stadt. Ein Kommentar (Philip Ursprung)

„Auf die Frage, welches Material in Zürich dominiert, möchte ich antworten: Asphalt.“ (235). So beginnt der Beitrag und Philip Ursprung begründet die Antwort auf diese Frage ausführlich. Asphalt macht Plätze und öffentliche Räume nicht unbedingt interessant, viele der Züricher Plätze sind deswegen auch uninteressant. Vielleicht in Verbindung mit anderen, alten Materialien werden sie interessanter.

Materialästhetik. Ein Kommentar (Kornelia Gysel)

In einem ebenfalls kurzen Kommentar bezieht die Autorin zur Materialästhetik Stellung. Wohnstandortentscheidungen sind auch abhängig von den Materialien, die in den einzelnen Wohngebieten vorherrschend sind. Die Attraktivität von Plätzen und öffentlichen Räumen hängt von der ästhetischen Gestaltung von Materialen ab. Sie erzählen auch etwas von der Geschichte der Stadt.

Zu: Common Grounds

Die städtebauliche Allmende. Zum urbanen Außenraum als Becken des Anbaus guter Adressen (Georg Franck)

Die Gemeinsamkeiten der großen Plätze in Siena und Venedig, die Boulevards in Paris und Barcelona sind nicht sehr groß, was ihre städtebauliche Gestaltung angeht. Es gibt keine Gemeinschaftsleistungen – darauf bezieht sich wohl die Allmende, die allen gehört und doch keinem einzelnen alleine. Die Plätze gehören in ihrer Auswirkung allen, sind aber in ihrer Einzelgestaltung abhängig von Einzelinteressen. Es geht dem Autor um das Ensemble der einzelnen Architekturen und nicht um ihre Addition.

Gibt es einen Weg dazwischen – zwischen individueller Objektarchitektur und zentraler Stadtplanung und des Städtebaus? Die Moderne hat damit Schluss gemacht, behauptet G. Franck. Die „Unwirtlichkeit unserer Städte“ (Mitscherlich) ist ein erschreckender Befund, sie sind nämlich in dem Sinne unwirtlich geworden, dass der Gemeinsinn und der Gemeine Nutzen, der für die Allmende typisch war, abhanden gekommen ist. Und dieser historische Verfall, diese Tragödie wird historisch und analytisch anschaulich beschrieben.

Es geht im Städtebau um die Pflege von urban commons, was auch verbietet, sich als Architekt als Einzelkonkurrent gegenüber anderen zu verstehen, der es besser oder „eigener“ macht als die anderen.

Schließlich geht es um die Institutionalisierung einer gemeinschaftlichen Produktion guter Adressen als Inbegriff einer urbanen Allmende.

Medien- und Kommunikationswandel als Herausforderung für die Stadt- und Quartiersplanung (Otfried Jarren)

Jarren nimmt Bezug auf den Beitrag von G. Franck, von dem er sagt, das dieser eine Leitbilddebatte angestoßen habe. Leitbilder sind das Ergebnis von Kommunikationsprozessen; insofern sind Stadt- und Quartiersentwicklung nicht ohne die Beteiligten, ohne die dort lebenden Menschen denkbar. Nun ist dies nicht ganz unproblematisch, sind Planungsprozesse doch in den Händen von politischen, fachlich qualifizierten und administrativen Akteuren – insofern wird Beteiligung auch immer ungleich sein. Wie also ist gemeinsames Handeln im Sinne der Allmende zu verstehen? Und: wie lässt sich diese Gemeinschaftlichkeit in ein Leitbild integrieren? Das wirft nämlich die Frage auf, was letztlich die Gemeinschaft will und wie Öffentlichkeit gestaltet sein soll. Diese Frage wird vom Autor fokussiert auf die Medien als Gemeinschaftsgüter, wobei er Ihr-, Wir- und Ich-Medien unterscheidet.

Zu: Kernstadt und Umland

Die Ver(vor)städterung des Politischen – Neue Gräben im Stadtland Schweiz (Daniel Kübler)

In seiner Einleitung geht der Autor auf die Struktur des Stadt-Land-Unterschiedes ein, der lange Zeit prägend für die Schweizer Stadtpolitik war. Die Urbanisierung ist aber vorangeschritten und für die meisten Schweizer ist die Stadt ihr Lebensraum und urbanes Leben ihre Lebensform. Für die Politik ist längst die städtische Lebensweise Grundlage des Wahlverhaltens bzw. der Wahlentscheidung. Der Autor geht dabei der Frage nach, ob man von einheitlichen städtischen Positionen der Parteien ausgehen kann und wie diese aussehen. Diese Frage soll aufgrund der Analyse der sieben größten Agglomerationen in der Schweiz untersucht werden, und zwar in drei Schritten:

  • Zunächst wird die räumliche Struktur der Agglomerationen dargestellt, die nicht nur durch kleinräumige Strukturen, sondern auch durch Segregation gekennzeichnet sind.
  • Dann geht es in einem zweiten Schritt um die Beschreibung der räumlichen Differenzierung politischen Verhaltens, wobei auf Ergebnisse der Nationalratswahlen zurückgegriffen wird.
  • Schließlich werden die Ursachen dieser politischen Unterschiede analysiert.

Diese drei Schritte werden ausführlich und gründlich diskutiert.

Im Fazit stellt der Autor fest, dass neben sozialer Herkunft auch das Wohnumfeld die politischen Einstellungen beeinflusst. Dabei spielt die Siedlungsdichte eine wichtige Rolle. Es ist ein Unterschied, ob man in den weniger dicht besiedelten Vorstädten wohnt oder in dichter besiedelten Stadtgebieten. Diese Lebensweise hat sich im ganzen Land verbreitet, obwohl die Kernstädte auch gewachsen sind. Die Städte haben sich entgrenzt und damit auch Bedingungen weniger dichter Besiedlung geschaffen.

Zu: Abschlussdiskussion in der Aula der Universität Zürich

In dieser Diskussion wurden Fragen bearbeitet, von denen beispielhaft einige genannt werden sollten:

  • Ist Siedlungsdichte ein Faktor für die Politische Orientierung und was steht dagegen?
  • Suburbia wurde als hoffnungsloser Patient vorgestellt. Was ist die Diagnose?
  • Als es um die urbanen Vergnügungen ging, wurden die Möglichkeiten und Grenzen der Nutzung von öffentlichen Räumen angesprochen. Verliert die Öffentlichkeit der Polis ihre Bedeutung gegenüber der Medienöffentlichkeit?
  • Angesichts der Siedlungsentwicklung von Limmerstadt als einer sich entgrenzenden Stadt: Ist die Erweiterung des Planungshorizonts eine logische Konsequenz daraus?
  • Was ist der Unterschied zwischen Urbanität und Urbanisierung?
  • Was passiert, wenn der Strom von jungen Einwanderern und Migranten versiegt, welche wirtschaftlichen Veränderungen sind zu erwarten und wie sähen dann politische Entscheidungen aus?

Wachstumsschmerzen (Anna Schindler)

Zürich wächst! Den damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen ist nicht mit einfachen Lösungen zu begegnen – so die Autorin. Die Herausforderungen werden kurz beschrieben. Es geht

  • um Wachstum, um kreatives Potential zu bilden,
  • um Wachstum, um Wirtschaftskraft politisch zu nutzen,
  • um Wachstum, um Vielfalt und Gemeinschaft zu ermöglichen,
  • um Wachstum, um divergenten Nutzungen Raum zu bieten,
  • um Wachstum, um offen zu bleiben.

Dabei bezieht sich die Autorin noch einmal auf die jeweiligen Beiträge und reflektiert sie kritisch.

Die Beiträge werden durch Bildmaterial illustriert und enden jeweils mit einer Literaturliste.

Am Ende des Buches werden alle Autorinnen und Autoren ausführlich vorgestellt.

Diskussion

Stadtentwicklung ist mehr als die Grundlage für die Stadtplanung und den Städtebau. Stadtentwicklung ist die Philosophie einer Stadt, wie sie im Inneren sein will, was sie nach außen präsentieren möchte, wie sie von anderen gesehen werden möchte, wie sie als Ganzes, als Entität begriffen werden möchte. Das signalisiert zumindest der Spannungsbogen der Aspekte, die in den Beiträgen behandelt werden. Damit werden die Herausforderungen des Wachstums für die Stadtentwicklung nicht in den engen Grenzen der städtebaulichen Entwicklung gesehen, sondern in einen weiten kulturellen und sozialen Kontext eingebettet, der weit über das hinausgeht, was wir üblicherweise mit der ökonomischen und politischen Entwicklung einer Stadt verbinden.

Und wenn die erste Urbanisierung Wachstum hauptsächlich mit Fortschritt in Verbindung brachte, kann für die zweite Urbanisierung zumindest die Reflexion dieses Fortschritts, dieses Wachstums reklamiert werden. Dies wird in einer Reihe von Beiträgen auch explizit deutlich.

Und was auch deutlich wurde, ist die Reflexion der sozialräumlichen Bedingungen des Zusammenlebens, das bei allen Divergenzen, Differenzen, bei aller Dichte und Größe des Zusammenlebens und aller Heterogenität dennoch gedeihlich gestaltet werden sollte – auch unter Wachstumsbedingungen. Das dürfte wohl die größte Herausforderung für die Stadtentwicklung sein.

Fazit

Ein auf vielfältige Weise anregendes Buch mit einem größeren Blickwinkel auf das, was üblicherweise Stadtentwicklung in Theorie und Praxis ist.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 23.12.2014 zu: Thomas Hengartner, Anna Schindler (Hrsg.): Wachstumsschmerzen. Gesellschaftliche Herausforderungen der Stadtentwicklung und ihre Bedeutung für Zürich. Seismo-Verlag (Zürich) 2014. ISBN 978-3-03777-140-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17825.php, Datum des Zugriffs 18.02.2019.


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ISSN 2190-9245

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