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François Höpflinger, Joris E. Van Wezemael (Hrsg.): Wohnen im höheren Lebensalter

Cover François Höpflinger, Joris E. Van Wezemael (Hrsg.): Wohnen im höheren Lebensalter. Grundlagen und Trends. Seismo-Verlag (Zürich) 2014. 260 Seiten. ISBN 978-3-03777-143-3. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR, CH: 38,00 sFr.

Age Stiftung: Age-Report III.
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Thema

Altern wird mehr und mehr differentiell begriffen. Wie sich die zunehmende Heterogenität des Alters auf die Wohnbedürfnisse und das Wohnverhalten der alten Menschen auswirkt, und ob sich das Wohnungsangebot entsprechend wandelt, untersucht für die Schweiz der Age-Report-III „Wohnen im höheren Lebensalter. Grundlagen und Trends“, den François Höpflinger und Joris Van Wezemael bei Seismo Zürich/Genf herausgegeben haben. In den Blick genommen werden dabei auch die Wohnumfeldbedingungen. Gefragt wird nämlich, inwieweit diese Umgebungsfaktoren Defizite im eher starren Wohnungsbestand ausgleichen können.

Autoren

Professor Dr. François Höpflinger lehrt als Titularprofessor Soziologie an der Universität Zürich und ist dort Mitglied der Leitungsgruppe am Zentrum für Gerontologie.

Privatdozent Professor Dr. Joris Van Wezemael ist Wirtschaftsgeograf und Architektursoziologe und lehrt am Departement Architektur der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich sowie am Center for Urban and Real Estate Management der Universität Zürich.

Aufbau und Inhalt

Die Schweizer Untersuchung „Wohnen im höheren Lebensalter“ greift auf Befragungen von 1.000 Personen von 60 Jahren an aufwärts in der Deutschschweiz in den Jahren 2003, 2008 und 2013 zurück. Die drei Hauptteile des nun vorgelegten Age-Reports-III umfassen aktuelle Wohndaten im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen, die Zusammenhänge zwischen Wohn- und Sozialverhalten sowie eine Synthese mit Hauptergebnissen und Schlussfolgerungen.

Im aktuellen Daten-Teil wird aufgezeigt, wie auch bei zunehmender Differenziertheit und Mehrdimensionalität der Altenpopulation für einen Teil der alten Menschen immer auch Abhängigkeit von anderen und die Bereitstellung von unterstützendem Wohnen notwendig bleiben. Denn auch bei Zunahme gesunder Alter bleibt Pflegebedürftigkeit zu bewältigen. Siedlungsstrukturell dominieren alte Menschen in den großstadtnahen suburbanen Gebieten und in den ländlichen Regionen mit Tendenz zum individuellen Kleinhaushalt, ohne dass dies Vereinsamung bedeutet. Probleme sind eher Lärm und drohende Gewalthandlungen.

Gemeinschaftliche Wohnformen haben leicht, aber nicht entscheidend zugenommen. Der Wunschtrend geht hier eher zu generationsübergreifenden als zu altershomogenen Modellen. Die sozial unterstützende Nachbarschaft gewinnt zunehmend an Bedeutung. Notrufsysteme nutzen 2013 nur 9 Prozent der Befragten. Die geografische Mobilität im Alter hat besonders bei denjenigen Älteren zugenommen, die bereits im früheren Leben öfter ihren Wohnort gewechselt haben. Freiwillig ziehen eher Höhergestellte dank Pull-Effekten um, erzwungenermaßen eher Angehörige niedrigerer Schichten (Push-Effekte). Für 35 Prozent der finanziell schlechter Gestellten sind die Wohnkosten zu hoch. Insgesamt hat aber die Wohnzufriedenheit zugenommen.

Die Wohnungsgröße ist vielmals überdimensioniert, zumeist bewohnen die alten Menschen in der Schweiz mehr Räume als sie Personen sind. Für einen Tausch gegen eine kleinere Wohnung bestehen emotionale wie Angebots-Barrieren. Von der Wohnungsgröße darf nicht auf Behindertenfreundlichkeit geschlossen werden. Die beeinträchtigte Wohnungs-Zugänglichkeit beschwert 25 Prozent der über 80jährigen.

Im Vertiefungsteil zum Age Report III werden vor allem Fragen zum Wohnumfeld gestellt und Debatten angeregt. Joris Van Wezemael hebt angesichts der Konflikte zwischen geforderter Selbstbestimmung im Alter und liberaler Ressourceneffizienz auf die Faktoren Zeit und Sozialbeziehungen ab, die alten Menschen zur Verfügung stehen und von ihnen generiert werden können. Ein Wohnungswechsel wird vielmals nur erwogen und eher nur hypothetisch vorgestellt als tatsächlich praktiziert. Solche Stabilität des Wohnverhaltens festigt Routinen, die durch Fremdberatung nur sensibel verändert werden sollten. Die jetzt kalendarisch alt gewordenen Babyboomer mit ihrem meist großen Wohnraum aus der Familienzeit sind zu 43 Prozent bei einem erwarteten Mehrwert zu einem Umzug bereit. Einen solchen Mehrwert könnten Außenräume, Möglichkeiten zur Begegnung und Netzwerke erbringen. Vorhandene und untersuchte Netzwerke vor Ort bestehen meist aus zwölf Akteuren in Behörden-, Dienstleistungs-, Themen- und Zentralorgan-Diensten. Treten sie miteinander in Beziehung, ergeben sich neue Wege zu Problemlösung und Aufgabenübernahme für alte Menschen.

Joris Van Wezemael zeigt sich schlussendlich der Hoffnung, dass das Konzept Ageing in place (Zuhause alt werden) durch Anstoß-gebendes Inszenieren realisierbar bleibt. Er greift auf ein Beispiel der Stadt Kloten bei Zürich zurück, wo über informelle Treffen von Stadt, Wohngebäude-Bewirtschaftern, Pflegeheimen und ambulanten Diensten über einen Verein zur Freiwilligenarbeit und ein Quartiersfest die Nachbarschaft mit Sozialbezügen und Hilfeleistungen aktiviert wurde. Denn Zeit und Beteiligung sind als Ressourcen bei den Alten reichlich vorhanden. Gelingt es, sie über Schaffung von Gelegenheitsstrukturen zu mobilisieren, müssen die stationären Pflegeplätze nicht proportional zur quantitativen Zunahme der Hochaltrigen vermehrt werden.

Der dritte Teil dieses Schweizer Alters-Wohnreports fasst Hauptergebnisse und Schlussfolgerungen noch einmal gerafft in zehn Thesen zusammen.

Diskussion

Eine in ihrer Aussage erfreuliche, daten-gestützte Untersuchung legen die Schweizer Gerontologen François Höpflinger und Joris Van Wezemael mit ihrem Age Report III über das Wohnverhalten alter Menschen in der Schweiz vor. In den dortigen, überschaubaren Mikrokosmen sind die Alternativen bei nachlassenden Alltagskompetenzen zwischen Daheim und Heimübersiedlung wie Altenwohnungen, Betreutes Wohnen, Mehrgenerationshäuser und Pflegewohnungen zwar bekannt. Real nachgefragt werden sie aber nur, wenn es nicht anders geht.

Dennoch kommen die Autoren nach ihren Datenanalysen und Erkundungen zu dem Ergebnis, dass die Zahl der stationären Pflegeplätze nicht proportional zur Zunahme der Hochbetagten vermehrt werden muss. Außer mit gesundheitsbewußteren und bewegungsorientierteren Lebensstilen sehen sie mit den Faktoren Zeit und Netzwerk nämlich noch ungenutzte Ressourcen in der Altenpopulation selbst schlummern. Diese Selbst- und Fremdhilfskräfte sind vor Ort durch Gelegenheitsstrukturen zu schaffen, die Möglichkeiten zu Begegnung und Engagement induzieren. Die Altenhilfe wird so als Gemeinschaftsaufgabe von sozialen Akteuren, seien sie professionell oder ehrenamtlich tätig, und von infrastrukturellen Vorhaltungen begriffen.

Die Schweizer Vorschläge kommen den Vorstellungen von Klaus Dörner in Deutschland mit seinem „Dritten Weg“ in der Altenhilfe nahe, wobei hier im Schweizer Modell die Kantonsverwaltung und die Wohnungswirtschaft noch stärker als erforderliche Mitstreiter begriffen werden.

Neben dieser inhaltlichen Aufhellung nimmt dieser dritte Schweizer Age Report auch redaktionell durch überschaubar dosierte Kapitel, die mit anschaulich präsentierten statistischen Ergebnissen gestützt werden, und mit oft erheiternden typografischen Illustrationen für sich ein. Gleichwohl liest sich der Band durch seine Fülle an mitgeteilten Daten zwar nicht schwer, aber doch etwas langatmig und dröge.

Fazit

Die Hilfe für Hochaltrige benötigt nicht nur personale Ressourcen, für die die Altenpopulation mit Zeit und Vernetzungen selbst beitragen kann. Hand in Hand damit sollten nach dem Schweizer Age Report III in den Quartieren geeignete, nicht zu große, behindertengerecht konzipierte Wohnungen mit einem Aufforderungscharakter nach außen treten.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 21.11.2014 zu: François Höpflinger, Joris E. Van Wezemael (Hrsg.): Wohnen im höheren Lebensalter. Grundlagen und Trends. Seismo-Verlag (Zürich) 2014. ISBN 978-3-03777-143-3. Age Stiftung: Age-Report III. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17826.php, Datum des Zugriffs 22.04.2019.


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