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Claudia Fermor: [...] Intensivtherapie bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen

Rezensiert von ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter, 04.02.2015

Cover Claudia Fermor: [...] Intensivtherapie bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen ISBN 978-3-8325-3832-3

Claudia Fermor: Effektivität stationärer Intensivtherapie bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen. Logos Verlag (Berlin) 2014. 226 Seiten. ISBN 978-3-8325-3832-3. D: 37,50 EUR, A: 38,60 EUR, CH: 49,90 sFr.
Lebenslang lernen, Bd. 11
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Thema

Das Buch referiert die Ergebnisse einer 18 Monate dauernden Längschnittstudie an ca. 140 Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen im Alter von 6-11 Jahren. Die Kinder wurden je zur Hälfte in stationärer Therapie (Untersuchungs-/Interventionsgruppe) bzw. ambulant in Förderschulen (Kontrollgruppe) therapiert bzw. gefördert.

Aufbau und Inhalt

Nach einer orientierenden Einleitung (Kapitel 1) beschreibt Kapitel 2 die „Grundlagen der Sprachentwicklung“. Dort wird auch schon kurz auf Sprachentwicklungsstörungen und sie begleitende Auffälligkeiten in anderen Bereichen eingegangen.

Kapitel 3 widmet sich den Entwicklungsstörungen auf den verschiedenen, allgemein angenommenen „Ebenen“ von Sprache (phonetisch-phonologisch, morphosyntaktisch, lexikalisch-semantisch, kommunikativ-pragmatisch sowie Sprachverständnis).

Kapitel 4 beschreibt die verschiedenen Formen von Sprachförderung und -therapie (vorschulisch, schulisch bzw. ambulant vs. stationär) und setzt sich anhand von Literatur mit der Beurteilung der Effektivität dieser Interventionstypen auseinander.

Kapitel 5 enthält Fragestellung und Hypothesen der Untersuchung. Die Autorin geht davon aus, dass sprachtherapeutische, insbesondere stationäre Interventionen und der Einfluss der Therapie auf „gesundheitsbezogene Lebensqualität“ (Selbstwert, psychisches Wohlbefinden, Sozialbeziehungen) und Verhalten der Kinder bisher nur unzureichend untersucht wurden. Daher strebt sie eine umfassende Analyse an. Ihre Hypothesen sind jeweils zweigeteilt: Der jeweiligen Grundhypothese, dass sich die sprachlichen Leistungen in jeder der angesetzten Sprachebenen sich im Zeitverlauf steigern, folgt die spezielle, dass dieser Anstieg bei den Kindern der stationären Untersuchungsgruppe größer ist als bei der Kontrollgruppe aus der Förderschule. Entsprechendes gilt für die Abnahme von Verhaltensauffälligkeiten bzw. die Zunahme der gesundheitsbezogenen Lebensqualität und der motorischen Entwicklung.

Kapitel 6 beschreibt die Auswahl der Kinder und die für die verschiedenen Bereiche verwendeten Methoden bzw. Testbatterien und Fragebögen für Eltern und BetreuerInnen.

Die Ergebnisse werden in Kapitel 7 dargestellt. Hier ist in vielen Bereichen entweder eine annähernde Übereinstimmung der Ergebnisse beider Gruppen zu den vier „Messzeitpunkten“ oder eine allmähliche Annäherung der Leistungen der Untersuchungsgruppe an die der Kontrollgruppe festzustellen.

Kapitel 8 enthalt die Ergebnisse einer Ergänzungsstudie an einer anderen Untersuchungsgruppe (30 Kinder) betreffend stationärer Therapieerfolge nach 3 bzw. 6 Monaten (d.h. zur Mitte und am Ende einer Therapiephase von 6 Monaten). Sie zeigt steigende Leistungen zu beiden Testzeitpunkten.

Kapitel 9 fasst alle Ergebnisse zusammen, interpretiert sie, diskutiert ihre Grenzen und gibt einen Ausblick auf weitere Forschung. Die Ergebnisse zeigen Vorteile der stationären Therapie bei Aussprache und kommunikativ-pragmatischen Leistungen. Bezüglich des expressiven und des rezeptiven Wortschatzes und der Morphosyntax weisen die Gruppen - bei gegebenen Leistungssteigerungen – keine wesentlichen Unterschiede auf. Die Motorik (nur bei der Untersuchungsgruppe getestet) wurde besser. Verhaltensauffälligkeiten und gesundheitsbezogene Lebensqualität änderten sich bei beiden Gruppen nicht signifikant. Als Fazit nennt die Autorin, dass die untersuchte sechsmonatige stationäre Therapie eine Option bei der Behandlung von Sprachentwicklungsstörungen ist, deren Einsatz aber gut abgewogen werden muss.

Ein Literaturverzeichnis und statistische Materialien zu den Ergebnissen finden sich am Ende des Buchs.

Diskussion

Die in Kapiteln 2 und 3 ausgewertete Literatur wird ohne den Versuch, mögliche Zusammenhänge (z.B. zwischen Motorik, gesprochener Sprache, Lese- und Rechtschreibfähigkeiten und psychosozialen Auffälligkeiten) aus eigener Sicht darzustellen, lediglich kurz referiert. Dadurch entsteht der Eindruck eines Forschungsfelds mit teilweise unterschiedlicher Orientierung bzw. teilweise einander widersprechenden Ergebnissen ohne Möglichkeit einer weiteren Orientierung z.B. nach systematisch angewandten Kriterien.

Die Abgrenzung zwischen Sprachförderung und Sprachtherapie erfolgt „lehrbuchentsprechend“ (hier verwende ich „Lehrbuch“ ungerechterweise als Metapher für „schubladisierende Einteilung aller Lebensbereiche“) in sich widersprüchlich: „Zwischen Förderung und Therapie besteht eine sehr große Schnittmenge, dennoch unterscheiden sich beide Bereiche in wesentlichen Punkten. Während Sprachförderung eine pädagogische Maßnahme darstellt und dem Bildungssystem zugeordnet wird, ist Sprachtherapie eine medizinisch-therapeutische Intervention innerhalb des Gesundheitssystems. Sprachförderung zielt darauf ab, den Spracherwerb von Kindern möglichst früh zu unterstützen und ist damit eine Maßnahme der primären Intervention, Sprachtherapie hingegen gehört zum Bereich der sekundären und tertiären Intervention … Auch die Zielgruppen dieser Maßnahmen unterscheiden sich: Kinder mit einer allgemeinen Entwicklungsstörung oder sprachlichen Deprivation scheinen mehr von einer pädagogischen Förderung zu profitieren, Kinder mit umschriebenen Sprachentwicklungsstörungen hingegen eher von einer Sprachtherapie…“ (S. 69f).

Auf S. 72 finden wir dazu die Beschreibung der Förderschularbeit: „Die sprachtherapeutische Förderung findet unterrichtsimmanent sowie durch wöchentliche zusätzliche Sprachförderung statt.“ (Hervorhebung F.D.). Die Praxis der „LVR Klinik Bonn“ wird ausdrücklich als „multiprofessionell“ bezeichnet, was neben der Medizin u.a. Sprach-, Bewegungs- und Ergotherapie, sowie Pädagogik und Psychologie einschließt (S. 76-78).

Zur nicht überwundenen „Schubladenorganisation“ von Wissen gehört auch die folgende Passage: „Der besseren Übersicht halber erfolgte die Darstellung getrennt nach den sprachlichen Ebenen. Oftmals zeigen Kinder mit umschriebenen Sprachentwicklungsstörungen jedoch eine Kombination dieser Störungsbilder. In der Therapie muss daher ausgehend vom Sprachbefund eine Priorisierung der Therapieziele erfolgen, was dann in der Regel zu einer Kombination verschiedener Therapieansätze führt.“ (S. 67f)

Weder Aufwand für noch Inhalte von Förderung bzw. Therapie in den Institutionen der beiden Gruppen werden angegeben oder gar verglichen; für die an der Klinik in Bonn beheimatete Untersuchungsgruppe werden zumindest einige Informationen gegeben (z.B. Dauer des ununterbrochenen Aufenthalts in der Klinik: Montag bis Freitag, Tagesprogramm), aber nicht einmal hier gibt es genauere Angaben über den zeitlichen Aufwand pro Kind, die soziale Organisation (personeller Betreuungsschlüssel, Betreuungs-/Förderszenarien, Bezugspersonen, Zusammenarbeit im Team oder mit den Eltern). Bezüglich der Kontrollgruppe fehlen praktisch alle Angaben (Ganztagsschule? Betreuungsformen?). Und schließlich wurde nicht einmal der Versuch gemacht, die Interventionstypen in den beiden Institutionen zu vergleichen. Wir erfahren auch nicht, ob hier fundamentale Unterschiede zwischen „Förderung“ und „Therapie“ bestehen (was die Vergleichbarkeit der beiden Gruppen drastisch herabsetzen würde) oder nicht. Auf geeignete systematische Rückmeldungen durch die Kinder wie auf illustrierende Falldarstellungen wurde ebenfalls verzichtet. Aufgrund dieser massiven methodischen und Datenlücken kann die Frage nach der Effektivität stationärer Therapie durch die vorliegende Arbeit nicht beantwortet werden (woraus ich nicht die Ablehnung dieser Therapieform folgere!).

Zuletzt: Auch wenn sie ein offensichtlich anerkannter Begriff ist, löst die „Stichprobenmortalität“ (S. 106, heißt: aus der ursprünglichen Stichprobe ausgeschiedene Kinder), bei mir doch ein ungutes Gefühl über unbedachte wissenschaftliche Wortwahl aus.

Fazit

Es ist natürlich irgendwie unfair, gerade eine der immer wieder verlangten Längschnittstudien so abzuwerten, weil der Aufwand dafür enorm ist. Aber außer dem doch recht trivialen Ergebnis, dass auch eine stationäre Behandlung von Sprachentwicklungsstörungen zu positiven Ergebnissen führen kann, bietet die Studie aufgrund ihrer methodischen Einschränkungen keinen Erkenntnisfortschritt.

Rezension von
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Es gibt 80 Rezensionen von Franz Dotter.

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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 04.02.2015 zu: Claudia Fermor: Effektivität stationärer Intensivtherapie bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen. Logos Verlag (Berlin) 2014. ISBN 978-3-8325-3832-3. Lebenslang lernen, Bd. 11. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17828.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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