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Frauke Fiedler: Religionspädagogik mit Mädchen und Jungen unter drei Jahren [...]

Cover Frauke Fiedler: Religionspädagogik mit Mädchen und Jungen unter drei Jahren in ausgewählten neueren Entwürfen. Eine Untersuchung der theoretischen Bezüge und der religionspädagogischen Praxis. Kassel University Press (Kassel) 2013. 133 Seiten. ISBN 978-3-86219-644-9. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 34,50 sFr.

Beiträge zur Kinder- und Jugendtheologie, Bd. 25.
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Thema

Die Untersuchung von Frauke Fiedler beschäftigt sich mit Möglichkeiten religionspädagogischen Arbeitens im Krippenalter.

Aufbau

Die Studie wechselt je nach Perspektive zwischen theoretischen, praktischen und reflektierenden Kapiteln: Auf die Vorstellung der bislang vorliegenden Sekundärliteratur folgt die Analyse von Experteninterviews. Reflexionen zur Kindertheologie und zu i.w.S. dimensionalen Didaktiken schließen sich an. Ein Schlusskapitel weitet den Blick auf mögliche Erträge und Perspektiven für die religionspädagogische Arbeit mit Jungen und Mädchen unter drei Jahren.

Autorin

Die Autorin verfasste ihre Studie als Bachelor-Arbeit im Rahmen des dualen Verbundstudienganges „Bildung und Erziehung in der Kindheit“, der zu einem doppelten Abschluss als Erzieherin und Kindheitspädagogin führt. Der an verschiedenen hessischen Standorten von der evangelischen Kirche angebotene Studiengang setzt auf das Prinzip des forschenden Lernens, das die Autorin ihrer eigenen Untersuchung zugrunde legt.

Entstehungshintergrund

Ursprünglich plante die Autorin eine reine Literaturstudie. Dabei stellte sich heraus, dass es wenig Literatur zur Religionspädagogik in Kindertagesstätten gibt. An entsprechenden Überlegungen für Kinderkrippen fehlt es bislang. Aus dieser im Vorfeld gewonnenen Einsicht heraus entwickelte die Autorin ein eigenes Design, das erstmals Einblicke in die Religionspädagogik im Krippenbereich eröffnet.

Inhalt

Im Zentrum der Studie stehen verschiedene Interviews mit Expertinnen aus einer evangelischen Kindertagesstätte in Hessen: einer Erzieherin, einer Kindheitspädagogin und einer Pfarrerin (und zugleich Mutter eines die Kindertagessstätte besuchenden Kindes). Dieser Entscheidung für eine Feldstudie geht die Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur voraus (s.o.).

Zum einen erarbeitet Verf. im ersten Kapitel in Anlehnung an Friedrich Schweizers Beobachtung, dass ein Konsens über eine spezifische Definition von Religionspädagogik schwerlich erzielt werden könne (17), ein eigenes Verständnis von Religionspädagogik im Krippenbereich: Religionspädagogik beschäftigt sich mit „der Wahrnehmung der vorhandenen Situation der religionspädagogischen Arbeit in einer Krippe“ (18).

Zum anderen analysiert sie im zweiten Kapitel den Umgang mit Religionspädagogik in einschlägigen Quellen wie dem Hessischen Bildungs- und Erziehungsplan (HBEP), der das Leben als Geschenk beschreibt und eine „Grundhaltung des Staunens, Dankens und Bittens“ avisiert. Sie macht aber auch darauf aufmerksam, dass die kirchliche Stellungnahme zu dem HBEP ein fehlerfreundlicheres Bildungsverständnis, das etwa „die Möglichkeit eines Neuanfangs bietet, wenn die Einzelne oder der Einzelne an seine Grenzen stößt“ (20) anmahnt. Während verschiedene Stellungnahmen und Veröffentlichungen der EKD seit 1994 einen Perspektivenwechsel zugunsten der Kinder als „vollwertigen Menschen“ ins Gespräch bringen, fordere Frieder Harz im Rahmen seines „dimensionalen“ Ansatzes eine besondere Wertschätzung im Umgang mit dem Kind, die ohne explizite Bindung an eine spezifisch religiöse Tradition auskomme (24). Auch andere Autoren weisen auf das „Staunen“ des Kindes hin, das durch eine wertschätzende Haltung befördert werde, die ihrerseits auf einer spirituellen Verbundenheit mit anderen Menschen, der Natur, aber auch Gott (26) beruhen könne (Bucher, Freudenreich Bederna). Der dimensionale Ansatz habe den Vorteil, den Theorie-Praxis-Zusammenhang zu beschreiben, ohne eine explizite Theorie zu verlangen (29 f).

Die Diskussion entsprechender rechtlicher Bestimmungen macht im dritten Kapitel darauf aufmerksam, dass in religionspädagogischer Hinsicht den einzelnen Einrichtungen von den Trägerinnen und Trägern ein großer Spielraum gewährt werde. Dies stellt eine wichtige Voraussetzung für die selbst gestaltete religionspädagogische Arbeit dar, deren Erfolg durch verschiedene Qualitätskriterien zu sichern ist: die „Zuwendung der pädagogischen Fachkräfte zu den Kindern“, deren Begleitung, das Erzählen biblischer Geschichten, aber auch entsprechende Kleinstbibliotheken (34).

Die eigentlichen Expertinneninterviews werden im vierten Kapitel der Studie als multiperspektivisch beschrieben. Die Vorüberlegungen setzen sich mit der Frage einer subjektiven Theorie der Interviewten auseinander. Ein acht Fragen umfassender Leitfadenkatalog strukturiert die Interviews (39). Die Auswertung erfolgt im Rahmen sogenannter Codes, die z.T. als In-vivo-Codes die Sprache der Interviewten übernehmen (40).

  • Im Einzelnen ergibt sich, dass die Erzieherin zwischen musikalisch inspirierter Alltagsreligionspädagogik und offizieller Fachwissenschaft unterscheidet. Ihr Verhältnis zur Kirchengemeinde ist auch biographisch eng. Inhaltlich werden schwierige Themen wie der Tod, aber auch die speziellen Andachten der Pfarrerin erwähnt (41-46).
  • Die Kindheitspädagogin benennt demgegenüber Andachten, Morgen- und Singkreise, für sie sind Werte wie die Nächstenliebe, vor allem aber die Wertschätzung im Umgang miteinander zentral. Eine spezifische Vorstellung von Religionspädagogik scheint sie nicht auszubilden, für sie steht das Emotionale im Vordergrund (46-50).
  • Die Pfarrerin stellte ebenfalls Andachten in den Mittelpunkt, darüber hinaus führt sie den wertschätzenden Umgang miteinander auf „die Orientierung am christlichen Menschenbild“ (51) zurück. Sie entwickelt ein Konzept von Bildung, das Religion nicht nur als Grundverfasstheit des Menschen erkennen lässt, sondern auch mit der Möglichkeit rechnet, dass neben der „Beheimatung“ ein „Abgewöhnen“ von Religion stattfinden kann. Die Arbeit im Team ist ihr wichtig, ihre eigenen, sich an der Bibel orientierenden Andachten beschreibt sie aus einer gewissen Distanz als „konservativ“; sie befürwortet die religionspädagogische Professionalisierung (Sollstellenplan) der Mitarbeiter.

Die vergleichende Zusammenschau der Experteninterviews lässt Sprache, Zugangsweisen, Perspektiven, aber auch inhaltliche Elemente in den Fokus treten. Dabei erweist sich, dass die religionspädagogische Arbeit ohne spezifische Voraussetzungen der Kinder erfolgen kann (61). Gemeinsam ist den Interviews, dass auf die emotionale Seite von Religionspädagogik ein besonderes Gewicht gelegt wird: die Gemeinschaft spielt eine herausragende Rolle (64 f). Explizite Verweise auf die Religionspädagogik stammen weniger von der Pfarrerin als Vertreterin der Trägereinrichtung als vielmehr von den in ihr Arbeitenden, Gebet, Segen, aber auch die Kirchenmaus kommen zur Sprache (56-67).

Ein fünftes Kapitel stellt signifikante Elemente der Interviews theoretischen Bezügen und Modellen gegenüber. So arbeitet die Autorin sensibel unterschiedliche Formen von Kindertheologie heraus. Im Sinne der ursprünglichen von Friedrich Schweitzer eingeführten, von Petra Freudenberger-Lötz fort entwickelten Unterscheidung einer Theologie von, mit und für Kinder orientieren sich alle Beteiligten an einer Kindertheologie, die faktisch im Plural existiert. Die Kindheitspädagogin ist dabei zu den weitreichendsten Konzessionen bereit. Sie sieht das Problem, dass auch Kinder anderer Religionen in der evangelischen Kindertagesstätte zu fördern sind. Die Autorin spricht an dieser Stelle von einem „säkularen Zugang“ (72). In drei weiteren Unterabschnitten korreliert die Autorin die verschiedenen Interviews mit je einem theoretischen Ansatz (fächerübergreifend, Beheimatungsmodell, dimensionale Ansatz) und diskutiert die entsprechenden Vor- und Nachteile.

In einem abschließenden Kapitel weist die Autorin auf die Bedeutung einer „ressourcenorientierten“ Krippenpädagogik hin, die eine Haltung entwickelt, die auch „säkularen“ Bedürfnissen entspricht. Dabei ist nicht nur die Authentizität der Fachkräfte, sondern auch die Wertschätzung, das Ernst- und Annehmen der Kinder wichtig. Die christliche Perspektive eröffnet nicht nur eine neue Tiefendimension, sondern hilft, Transparenz und Reflexion immer wieder einzuüben. Ein ausführliches Literaturverzeichnis schließt sich an, ebenso wie eine Transkription der Interviews, so dass deren Analyse nachvollzogen werden kann.

Diskussion

Auch wenn die Autorin nicht auf die Ebene der Mädchen und Jungen selbst gelangt – wie sie selbst im Schlusskapitel vermerkt – so bieten ihre Analysen der Experteninterviews wesentliche Einblicke in die religionspädagogische Arbeit im Krippenbereich. Die klug argumentierende und immer wieder vermeintlich Störendes reflektierende Studie scheint mir ein Musterbeispiel für forschendes Lernen zu sein. Dass die Autorin dabei Einblick in die unterschiedlichen religionspädagogischen Sichtweisen von Personen gibt, die sich in einer evangelischen Kindertagesstätte um religiöse Bildung bemühen, erweist sich als ein Meilenstein der religionspädagogischen Erforschung der Alltageswelt der unter Dreijährigen. Die Perspektiven könnten von hier aus etwa auf die Resilenzforschung gerichtet werden.

Ähnliches gilt für die von der Autorin mehrfach so genannte säkulare Haltung bzw. Religionspädagogik. Hier ließe sich mit der Vorstellung der Heterogenität weiterarbeiten. Dass eine christliche Grundierung der Kindertagesstättenpädagogik den Beteiligten weitreichende Reflexionsmöglichkeiten eröffnet, ist ein Ergebnis der Arbeit, das nicht deutlich genug hervorgehoben werden kann. Zeigt es doch, dass der Umgang mit dem christlichen Menschenbild einen spezifischen Beitrag für die Zivilgesellschaft zu leisten in der Lage ist.

Lediglich ein kleiner Schönheitsfehler sei benannt: Auf welche Weise der Beruf einer Kindheitspädagogin im Unterschied zur Erzieherin definiert ist, hat sich der Rezensentin bis zum Ende ihrer Lektüre nicht ganz erschlossen.

Fazit

Die Studie führt ein in neues religionspädagogisches Terrain: sie nimmt verschiedene Sichtweisen von Expertinnen auf die Arbeit in Kinderkrippen wahr und interpretiert diese Perspektiven vor dem Hintergrund kindertheologischer Annahmen und religionspädagogischen Konzepte. Die Untersuchung eröffnet durch ihren klar gegliederten Aufbau nicht nur Einblicke in die religionspädagogische Arbeit einer Erzieherin und Kindheitspädagogin, sondern biete, insofern sie eigene Literaturrecherche auf empirisches Arbeiten bezieht ein Musterbeispiel für gelungenes forschendes Lernen.


Rezensentin
Prof. Dr. Antje Roggenkamp
Seminar für Praktische Theologie und Religionspädagogik der WWU Münster
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Zitiervorschlag
Antje Roggenkamp. Rezension vom 18.09.2015 zu: Frauke Fiedler: Religionspädagogik mit Mädchen und Jungen unter drei Jahren in ausgewählten neueren Entwürfen. Eine Untersuchung der theoretischen Bezüge und der religionspädagogischen Praxis. Kassel University Press (Kassel) 2013. ISBN 978-3-86219-644-9. Beiträge zur Kinder- und Jugendtheologie, Bd. 25. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17834.php, Datum des Zugriffs 18.07.2019.


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