Delia Freudenreich: Spiritualität von Kindern [...]
Rezensiert von Frauke Fiedler, 29.01.2015
Delia Freudenreich: Spiritualität von Kindern - was sie ausmacht und wie sie pädagogisch gefördert werden kann. Forschungsbericht über die psychologische und pädagogische Diskussion im anglophonen Raum. Kassel University Press (Kassel) 2011. 392 Seiten. ISBN 978-3-86219-126-0. 29,00 EUR.
Autorin und Entstehungshintergrund
Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich um die von Frau Dr. Delia Freudenreich 2009 an der Fakultät für Humanwissenschaften und Theologie der Universität Dortmund vorgelegte Dissertation. Das Werk ist in der Schriftenreihe „Beiträge zur Kinder- und Jugendtheologie“ von Frau Professorin Petra Freudenberger-Lötz (Institut für evangelische Theologie an der Universität Kassel) 2011 erschienen.
Aufbau und Inhalt
Die Autorin geht in der Einleitung auf die Debatte um Spiritualität von Kindern ein und beginnt diese mit einem Zitat von Karl Rahner. Dieser beschreibt eine Annäherung an den Begriff der Religiösität durch Fähigkeiten, die auch Kindern eigen sind, wie Offenheit, Mut zu neuen Horizonten und Urvertrauen. Freudenreich wirft die Frage auf, als was Spiritualität erachtet wird und was als Spiritualität von Kindern beschrieben werden kann.
Als Gesamtziel ihres Werkes beschreibt Freudenreich die „Kinder in ihrem ganzen Sein wahr- und ernst zu nehmen“ (S.18) und das implizite Wissen der Kinder, das sie auch durch ihren Körper ausdrücken, oft situationsbedingt ist und im nächsten Gespräch evtl. schon verblasst ist oder nur als Gefühl zurückbleibt, wahrzunehmen und zu berücksichtigen. Sie stellt dar, dass Kinder im Hier und Jetzt verankert sind und ein untrügliches Gespür für Beziehungen haben und in diesem Bereich häufig ihre intensivsten spirituellen Momente erleben. Freudenreich beschreibt, dass es sich bei der Thematik Spiritualität um ein sehr subjektives Thema handelt und deshalb als Qualitätskriterien für Studien die Reflexivität der Forschung, die Transparenz der Analyseschritte und die Auseinandersetzung mit Verständnisweisen von Spiritualität und Förderung bedeutsam sind. Die Autorin beschreibt, dass Studien sich daran messen lassen müssen, in welchem Grad sie reflektieren, ob sie Kindern etwas überstülpen oder ihnen Freiheit zugestehen, eigene Wege zu gehen.
Im ersten Kapitel analysiert Freudenreich das Forschungsprojekt von David Hay, das in Zusammenarbeit mit Rebecca Nye vor dem Hintergrund der Schulgesetzgebung in England und Wales mit der Forderung nach einer fächerübergreifenden Förderung der Spiritualität von Kindern entstand. Sie beschreibt, dass hinter dieser Forderung die Annahme steht, dass Spiritualität einen der Religion übergeordneten Status hat, welche eine Grundannahme für das Forschungsfeld der kindlichen Spiritualität bildet. Die vorliegende Perspektive vom Kind aus sieht die Autorin als grundlegend für die Erforschung kindlicher Spiritualität. Den Schwerpunkt ihrer Arbeit legt sie auf Großbritannien, wobei auch der internationale Diskurs und Forschungsergebnisse aus Australien und Amerika Beachtung finden.
Als eine wichtige Grundlage der Forschung von Hay und Nye sieht Freudenreich die Suche nach einem „Zugangsweg zur kindlichen Vorstellungswelt“ und das konsequente Ernstnehmen der Gefühle der Kinder (S.49). Sie beginnt ihre Analyse bei den Forschungsansätzen zur Erforschung der Spiritualität von Erwachsenen (S.20 ff) und bezieht die Anfänge psychologischer Erforschung von Spiritualität ein (S.24 ff). Einen besonderen Schwerpunkt legt die Autorin dabei auf die Definition des Spiritualitätsbegriffes, welchen Nye wie folgt definiert: „Spiritualität weist für mich eher auf etwas grundlegend Psychologisches hin, eine Eigenschaft der eigenen Natur, durch welche eine Vielzahl psychologischer Erkenntnisse hindurchgeht, nicht nur Erfahrungen, sondern auch Gefühle, Gedanken, Haltungen und Handlungen. Außerdem schwingt ihr Sinn in dem Begriff „Persönlichkeit“ mit, der ein viel komplexeres Konstrukt repräsentiert als die bloße Anhäufung von Erfahrungen.“ (S.23). Sie beschreibt die von Nye aufgestellte Phänomenologien kindlicher Spiritualität (S.87 f) und resümiert anschließend, dass es sich bei kindlicher Spiritualität nach Nye um eine besondere Bewusstseinsform handelt (S.88) und das Spielen von Kindern für Nye zentral ist, um das „Reale“ aufzubrechen und „in Anlehnung an Winnicott“ ein größeres Bild, einen „psychologischen Raum“ zu betreten (S.92). Für weitere Studien gibt Nye Hinweise, beispielsweise dass es so etwas wie eine negative Spiritualität bei Kindern und Jugendlichen als Antwort auf schwere Verletzungen in der Kindheit geben kann (S.93f).
Im zweiten Kapitel bezieht sich Freudenreich auf die Debatte um eine fächerübergreifende Förderung von Spiritualität in Großbritannien. Sie stellt zunächst die entsprechenden Gesetze wie beispielsweise das Erziehungsgesetz von 1944 (S.96f) und das Schulgesetz von 1988 (S.102 ff) dar und arbeitet ihre Relevanz für eine fächerübergreifende Spiritualitätsförderung heraus. Im nächsten Schritt diskutiert Freudenreich die Entwicklung des Religionsunterrichtes und seinen Beitrag zur Spiritualitätsförderung. Dabei kommt sie zu dem Ergebnis, dass „Religionsunterricht durch seine starke pädagogische Ausrichtung einen spezifischen Beitrag zur Öffnung hinsichtlich der Erlebniswelt der Schülerinnen und Schüler geleistet hat“ (S.96).
Das dritte Kapitel nutzt Freudenreich um einen strukturierenden Überblick über die Ansätze zur Spiritualität von Kindern und deren Förderung zu geben. Sie unterscheidet in „Ansätze auf der Grundlage eines auf die Erfahrung bezogenen, inklusiven Verständnisses von Spiritualität“, die davon ausgehen, dass Spiritualität der Religion übergeordnet ist und beispielsweise von David Hay oder Sue Phillips vertreten werden (S.131 ff); „Ansätze auf der Grundlage eines kognitiven, exklusiven Verständnisses von Spiritualität“, die hingegen Religion für die übergeordnete Kategorie gegenüber der nachgestellten Spiritualität halten, wie es Norbert Mette, Andrew Wright, Adrian Thacher oder David Carr darstellen (S.133 f). Außerdem benennt sie postmoderne Ansätze, deren Schwerpunkt auf „kleine[n] Geschichten“ liegt und von der „narrativen Konstruktion des Selbst innerhalb einer sich gegenseitig tragenden Gemeinschaft“ ausgeht. Dies sei beispielsweise im pädagogischen Ansatz von Clive Errickers und Kollegen zu finden und in Rebecca Nyes Studien, die kindliche Erzählungen fokussieren (S.135f). Unter der Überschrift „Ein kritisch-demokratischer Ansatz“ beschreibt die Autorin, dass die Gemeinsamkeit der Ansätze von Wright und Erricker in ihrer pluralistischen Ausrichtung liegt und diskutiert kritisch den Zusammenhang zwischen der persönlichen Einstellung von Autoren und deren Ansätzen (S.136 f). Des Weiteren beschreibt sie aus einer kritisch-theologischen Perspektive die von Hull betonte Fähigkeit eines spirituellen Menschen zwischen „eigener Innenperspektive“ und „distanzierter Außenperspektive“ zu unterscheiden und aus einer psychologischen Perspektive heraus, dass Nyes sich bewusst ist, dass sie ein eingeschränktes Spiritualitätsverständnis hat (S.137 f). Sie weist darauf hin, dass sie auch Polanyis Theorie nutzen wird, um Wrights Theorie kritisch zu hinterfragen. Die Autorin nennt den Godly Play Ansatz von Jerome Berryman und arbeitet seine Bedeutung für eine Perspektive, die von einer natürlich gegebenen Spiritualität ausgeht und diese für eine Einführung in die christliche Sprache nutzt, heraus (S.139). Sie nennt die Studien von Brendan Hyde und Tobin Hart als aktuelle Studien zur Spiritualität von Kindern. Beide Studien setzten an der Erzählfähigkeit der Kinder an, wobei Freudenreich herausarbeitet, dass Hyde´s Studie die Schwierigkeit, Variabilität und Reabilität in der Forschung zur kindlichen Spiritualität zu gewährleisten, zeige (S.140). Abschließend arbeitet Freudenreich den Aspekt der Beziehung, den moralischen Aspekt und den subversiven Aspekt als zentrale Aspekte der Diskussion um die Spiritualität von Kindern heraus (S.140).
4.-10. Kapitel
In den darauf folgenden Kapiteln stellt Freudenreich verschiedene Ansätze zur Spiritualität dar. Aus der Aufzählung der Autorin wird an dieser Stelle das Godly Play Konzept genannt, dass derzeit auch in Deutschland immer bekannter wird. Freudenreich beschreibt es als einen Ansatz, der die natürlich gegebene Spiritualität mit einer explizit religiösen Erziehung verbindet (S.295). Freudenreich greift auf Nye zurück und sagt, dass die bei diesem Ansatz zentral bedeutsamen religiösen Geschichten, den Kindern implizit eine symbolische Sprache geben, mithilfe derer sie über ihre eigene Spiritualität sprechen können (S.297). Außerdem stellt sie dar, dass die Kinder im zweiten Schritt selbst mit den Materialien umgehen dürfen und die Erzählerin/der Erzähler in den Hintergrund rückt (S.297). Freudenreich beleuchtet die Ansätze kritisch und sieht in diesem Ansatz die Gefahr der Lenkung, da er keine deutlich markierte Möglichkeit bietet, die Außenperspektive einzunehmen (S.298). Als Stärke des Ansatzes hebt sie hingegen die große Wertschätzung, die Kindern „und ihrer Art in der Welt zu sein“ zuteil wird, hervor, in den Bereichen in denen Berryman von einer „Theologie der Kinder“ spricht (S.302f).
11.-14. Kapitel
In den Kapiteln 11 bis 14 skizziert Freudenreich verschiedene Forschungsansätze zur Spiritualität von Kindern und diskutiert diese kritisch. Beispielsweise stellt sie in Kapitel 14 die Forschung des Psychologen Tobin Hart dar. Er geht von einem „universalistisch-naturalistischen Spiritualitätsverständnis“ aus und beschreibt seine Forschung als Feldforschung (S.369). Er wertete zahlreiche Berichte von Kindern und Erwachsenen aus und arbeitete die Bedeutung der Erfahrungen für den/die Einzelne/n aus und fragte nicht nach dem essenziellen Wahrheitsgehalt der Berichte (S.369). Freudenreich diskutiert die Studie von Hart kritisch und arbeitet als zentrale Aspekte seiner Ergebnisse die Bedeutung des kindlichen Staunen-Könnens, der Fähigkeit ganz in dem Moment aufzugehen und die verschwindenden „Grenzen zwischen Ich und Nicht-Ich“ heraus (S.370 f). Zudem zeigt Freudenreich die Verbindung von Harts Ansatz zum traumatherapeutischen Ansatz von Luise Reddemann auf und beschreibt Harts Kritik an der „Stofffülle“, die in der Schule im Vordergrund steht. Hart plädiert für eine tiefere Auseinandersetzung mit Inhalten und eine Erziehung, die Weisheit fördert (S.375 f).
Im abschließenden Kapitel 15 resümiert Freudenreich, dass es wichtig ist, genau hinzuhören, was Kinder verbal und nonverbal mitteilen. Sie beschreibt, dass Kinder Menschen brauchen, die ihnen zuhören und einen sicheren Raum benötigen, in dem sie die ihnen eigene Arbeit, das Spiel, verrichten können. Außerdem benötigen sie auch religiöse Geschichten, um sich selbst ausdrücken zu können und „Wissen, um Situationen und Deutungen einschätzen zu können“ und „Gemeinschaft von anderen Kindern, um gemeinsam zu lernen und sich zu entfalten“. Sie stellt abschließend fest, dass weitere Studien zur Spiritualität von Kindern, auch in Deutschland, lohnenswert wären (S.378).
Diskussion und Fazit
Der Titel des Werkes lässt zunächst eine religiöse Ausrichtung vermuten. Da die Autorin Spiritualität nicht allein auf den Glauben bezieht, sondern Rebecca Nye folgend ihr „…einen Status zuspricht, der der Religion übergeordnet ist …“ (S.16), deckt Spiritualität in ihren Analysen weit mehr als den religionspädagogischen Bereich ab. Somit kann dieses Werk m. E. einen bedeutenden Beitrag über die Religionspädagogik hinaus im (früh-) pädagogischen Diskurs leisten. Besonders die konsequent kindzentrierte Perspektive zeichnet das Werk aus und macht es anschlussfähig im (früh-) pädagogischen Diskurs. Aus dieser kindzentrierten Perspektive heraus analysiert die Autorin verschiedene Ansätze und Forschungen zur Spiritualität von Kindern. Dies geschieht, auch vor dem jeweiligen theoretischen Hintergrund, in kritischer Weise.
Insgesamt analysiert die Autorin sowohl die im anglophonen Raum vorliegenden Konzepte als auch die dort vorliegenden Forschungen kritisch und detailliert. Dies macht das Buch zu einem wertvollen Überblickswerk im Hinblick auf den Forschungsstand und die Konzepte zu dieser Thematik im anglophonen Raum für Studierende und Fachpublikum. Somit kann es als Gesamtwerk bzw. als Nachschlagewerk zu einzelnen Konzepten oder Studien dienen.
Anschließend an Freudenreichs Hinweis, wäre es wünschenswert, auch in Deutschland ähnliche Studien durchzuführen (S.378). Das vorliegenden Werk bezieht sich in seinen Ausführungen im Wesentlichen auf Schulkinder, ist aber meines Erachtens in vielen Punkten auch für die Arbeit mit jüngeren Kindern bedeutsam. Besonders die konsequent kindzentrierte Perspektive des Werkes ist unabhängig von dem Alter der Kinder jederzeit bedenkenswert.
Darüber hinaus sehe ich die Forschung mit Kindern, die aufgrund ihres Alters (besonders unter Dreijährige) oder aufgrund von Behinderungen nicht in den dargestellten Formen befragt werden können, (nicht nur zu diesem Thema), als zentrale Herausforderung der Frühpädagogik. Es gilt, nonverbale Wege der Datenerhebung weiter zu entwickeln. Bezogen auf das Thema Spiritualität wären dies beispielsweise Fragen wie: Inwieweit haben diese Kinder spirituelle Erfahrungen? Wie können wir uns dem Erleben von Kindern, insbesondere auf nonverbalen Wegen, weiter annähern?
Rezension von
Frauke Fiedler
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