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Bohdan Tscherkes: Identität, Architektur und Rekonstruktion der Stadt

Cover Bohdan Tscherkes: Identität, Architektur und Rekonstruktion der Stadt. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2014. 272 Seiten. ISBN 978-3-643-90516-1. 29,90 EUR.
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Thema

In dem Buch wird der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Architektur und nationaler Identität nachgegangen, die besonders sichtbar in den Hauptstädten zutage tritt. Detailliert untersucht werden hinsichtlich dieses Zusammenhangs Kiew, Moskau und Berlin.

Autor

Bohdan Tscherkes hat in Lemberg (Ukraine) und Moskau Architektur studiert. Er ist Direktor des Instituts für Architektur in Lemberg und Professor an der Universität Krakau. Schwerpunkt seiner Forschung und seiner Publikationen sind Architektur und Städtebau in verschiedenen Ländern als Ausdruck politischer Macht, politischer Leitbilder und nationaler Identität.

Aufbau

Das Buch besteht aus fünf Kapiteln plus einer Vorbemerkung und Einleitung sowie einem Nachwort und einer zweisprachigen Bibliographie.

  • Im ersten Kapitel wird der Begriff der nationalen Identität, der die theoretische Grundlage für die Ausführungen in den folgenden Kapiteln liefert, definiert und erläutert.
  • Die Kapitel 2 bis 4 befassen sich mit der Manifestation der Nationalidentität in den Hauptstädten Kiew, Moskau und Berlin.
  • Im fünften Kapitel werden die städtebaulichen Transformationsprozesse in diesen Städten im 20. Jahrhundert vergleichend betrachtet.

Inhalte

In der Einleitung wird der Leser darauf eingestimmt, dass sich in den zentralen öffentlichen Räumen vor allem der Hauptstädte politische, soziale und gesellschaftliche Veränderungen widerspiegeln und dass Rekonstruktionen der für die nationale Identität wichtigen Gebäude und Plätze ein charakteristisches Merkmal der Architektur im 20. Jahrhundert sind. Die Städte Kiew, Moskau und Berlin haben gemeinsam, dass in ihnen lange Zeit ein autoritäres sozialistisches Regime die städtebauliche Entwicklung bestimmt hat.

Das erste Kapitel ist der Definition der Begriffe Identität und nationale Identität gewidmet, wobei Tscherkes bei den psychoanalytischen Konzeptionen von Freud und Erikson ansetzt. Grundlagen einer kollektiven Identität sind Gemeinsamkeiten wie ein Name, ein Territorium, eine Wirtschaft, Mythen, Werte, Traditionen, Gesetze und Normen sowie ein gemeinsames Schicksal. Nationale Identität umfasst eine politische, ethnische und kulturelle Dimension. Tscherkes untersucht ausführlich die Bedeutung der gemeinsamen Kultur für die Bildung einer nationalen Identität. Zur Kultur gehören Mythen, Kunst, Musik, Literatur und Architektur. In ihnen spiegeln sich die Wertvorstellungen einer Nation wider. Insbesondere die Architektur trägt durch ihre direkte Sichtbarkeit und Dauerhaftigkeit zur Festigung einer nationale Identität bei.

Im zweiten Kapitel untersucht der Autor die architektonische Transformation des Zentrums von Kiew und deren Auswirkungen auf die nationale Identität, wobei er zunächst sehr ausführlich auf die Historie der Ukraine eingeht, um zu verdeutlichen, dass die immer wieder erfolgten Teilungen des Landes die Herausbildung einer nationalen Identität erschwert haben. Der Ukraine mangelte es an Elementen einer klassischen Nationenbildung. Sehr detailliert schildert Tscherkes den städtebaulichen Wettbewerb um das Regierungszentrum in Kiew 1934/35. Das Bestreben war, eine neue sowjetische Identität zu schaffen. Dazu gehörte auch der Abriss einer Kathedrale und eines Klosters. Der spätere Wiederaufbau der Kathedrale symbolisiert das Anknüpfen an die ukrainische Vergangenheit vor der Zeit der sowjetischen Herrschaft. Mit seinen Gebäuden und dem Denkmal der Unabhängigkeit repräsentiert der zentrale Platz der Unabhängigkeit (Majdan) den jungen ukrainischen Staat.

Im dritten Kapitel beschreibt Tscherkes die städtebaulichen Transformationsprozesse in Moskau. Das Kapitel beginnt wieder mit einer ausführlichen historischen Abhandlung zur Entstehung der russischen Nationalidentität. Peter der Große hat das Fundament nicht nur für die Herausbildung der nationalen Identität geschaffen, sondern auch für den Mythos der friedlichen Expansion hin zum grenzenlosen Staat. Die von ihm durchgeführten Reformen drangen nicht bis unten durch, denn die Leibeigenschaft wurde ausgeweitet und die Macht der orthodoxen Kirche gestärkt; die Europäisierung erstreckte sich allein auf die höheren Gesellschaftsschichten. Die Verlegung der Hauptstadt von Petrograd (St. Petersburg) nach Moskau hatte symbolischen Charakter: Moskau repräsentierte die russische Identität; Petrograd erschien als zu prowestlich. Die große Christus-Erlöser-Kirche in Moskau, die nach dem Sieg über Napoleon errichtet worden war, hatte die Funktion eines Denkmals, sie war zugleich Ausdruck einer national geprägten religiösen Identität. Als Symbol des alten Russland wurde sie 1931 abgerissen. An deren Stelle sollte der Palast der Sowjets gebaut werden, was aber nicht realisiert wurde. Kirche und Palast waren monomental angelegt, beide sollten den Mythos von der Größe und Macht Russlands zum Ausdruck bringen. Ende der 1940er Jahre wurde mit dem Bau von sieben Hochhausbauten begonnen. Damit sollte ein System von Orientierungspunkten und eine markante Silhouette geschaffen werden. Diese in bestimmter Weise im Stadtgefüge verteilten und angeordneten Hochhäuser waren ein beliebtes Motiv auf propagandistische Plakaten und Bildern. Der größte Hochhauskomplex ist die Moskauer Universität, mit dem die führende Rolle der sowjetischen Wissenschaft demonstriert werden sollte. Mit Beginn der Perestroika Mitte der 1980er Jahre suchte man nach anderen Idealen. Die Christ-Erlöser-Kathedrale wurde wieder errichtet und 1998 geweiht, was die Rückkehr zu vorrevolutionären Werten und zugleich ein wieder erlangtes nationales Selbstbewusstsein zum Ausdruck brachte. Es dominierten stufenförmige Gebäude mit einem spitzen turmartigen Abschluss. Insgesamt weist der öffentliche Raum des heutigen Moskau unterschiedliche Identitätsformen auf, die ihren Ursprung in unterschiedlichen Epochen der russischen Geschichte haben.

Im vierten Kapitel untersucht Tscherkes die architektonische Transformation des öffentlichen Raums in Berlin im 20. Jahrhundert. Das Kapitel beginnt mit einer detaillierten Beschreibung der sowjetischen Denkmäler und deren Symbolik nach dem zweiten Weltkrieg. Die Schwierigkeit, nach der Zerstörung der Hauptstadt zu einer neuen deutschen Identität zu finden, spiegelt sich in den Diskussionen um den Wiederaufbau des historischen Kerns der Stadt wider. Das im Krieg erhalten gebliebene Schloss wurde 1951 gesprengt, auch um dort Platz für Aufmärsche und Paraden im sozialistischen Zentrum Berlins zu schaffen. In beiden Teilen der Stadt fanden Ende der 1950er Jahre städtebauliche Wettbewerbe „Hauptstadt Berlin“ statt. Nach Ansicht des Autors ging es auf beiden Seiten kaum um Lösungen, sondern in erster Linie um propagandistische Kampagnen, um die Überlegenheit der jeweiligen Gesellschaftsordnung zu demonstrieren. Tscherkes schildert die Wettbewerbe auf beiden Seiten sehr ausführlich, z. B. werden sämtliche Architekten genannt, die zur Teilnahme am Wettbewerb eingeladen worden waren. Ende 1990 lud man weltbekannte Architekten dazu ein, ein neues Zentrum in wiedervereinten Berlin zu entwerfen. Berlin wurde zu einem zentralen Ort architektonischer Experimente und zahlreicher städtebaulicher Wettbewerbe unter anderem anlässlich der Verlegung des Regierungssitzes von Bonn nach Berlin sowie der Bebauung des Schlossplatzes.

Im fünften Kapitel versucht Tscherkes zu generalisieren, indem er Ähnlichkeiten zwischen den drei betrachteten Städten aufspürt. Zusätzlich bezieht er für seine vergleichende Betrachtung Warschau ein. Alle diese Städte haben eine totalitäre Phase erlebt. Gesetzmäßigkeiten bei der Herausbildung einer nationalen Identität sind insbesondere die Zerstörung von Symbolen, die das alte Regime repräsentieren, sowie die Substitution durch neue Symbole. Monumentale Gebäude an der Stelle, an der sich wichtige Bauten aus einer früheren Phase befunden hatten, repräsentieren die neue Identität. Lange repräsentative Achsen und weiträumige öffentliche Plätze sind wiederkehrende Elemente totalitärer Staaten. Der Autor veranschaulicht die Transformationen des öffentlichen Raums zwischen 1900 und 2005 in den vier Städten in Form von Grafiken. Er unterteilt den Zeitraum in die drei Phasen vortotalitäre, totalitäre und posttotalitäre Zeit. Grundsätzliche Arten der Transformation des öffentlichen Raums sind die radikale Veränderung, die fragmentarische Veränderung und die Ergänzung mit künstlerischen Mitteln (= „Palimpsest der Identitäten“). Zusammenfassend stellt Tscherkes vier grundlegende Formen des architektonischen Vorgehens zur Implementierung nationaler Identität vor: vorangegangene Formen werden verworfen und zum Teil zerstört, sie werden weiter entwickelt und von ihrer Bedeutung her neu eingeordnet, das Bestehende wird durch Hinzufügung neuer Elemente ergänzt, man knüpft an frühere Epochen an.

In einem nachträglich verfassten Nachwort weist Tscherkes auf die aktuellen politischen Ereignisse nach der Fertigstellung des Manuskripts hin, die auf dem großen öffentlichen Platz, dem Maidan, in Kiew stattgefunden haben. Der Platz ist zu einem Symbol des Kampfes für eine demokratische europäische Identität geworden.

Diskussion

Tscherkes erweist sich in dem vorliegenden Buch als Architekt mit Weitblick, der die gebaute städtische Umwelt in einen historischen und politischen Kontext einordnet. Er wählt für seine sehr präzise Analyse drei Städte aus, die gemeinsam haben, dass sie eine totalitäre Phase durchlaufen haben. Der Autor verfügt über sehr genaue Kenntnisse und ein fundiertes Wissen, mit dem er die Zusammenhänge zwischen Stadtentwicklung und nationaler Identität überzeugend und präzise darzustellen und in Bildern und Grafiken zu veranschaulichen vermag. Hervorzuheben ist das systematische Herangehen und die durchstrukturierte Darstellung der Analyseergebnisse. Das Buch motiviert zum Lesen und liefert dem Leser ein fundiertes Wissen zu einer gesellschaftlichen wichtigen Fragestellung. Mit Ausnahme des offensichtlich noch rasch nachgeschobenen Nachworts ist die gut lesbare Übersetzung erwähnenswert.

Fazit

Ein gesellschaftlich relevantes und aktuelles Thema wird nachvollziehbar vorgestellt. Das Buch trägt dazu bei, Gebäude und öffentliche Plätze in Großstädten nicht nur unter dem engen Blickwinkel der Ästhetik und Nützlichkeit zu sehen, sondern auch als Symbol politischer Macht und nationaler Identität. Das Buch ist nicht nur Architekten und Stadtplanern, sondern letztlich allen zu empfehlen, die politisch interessiert sind.


Rezensentin
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 06.01.2015 zu: Bohdan Tscherkes: Identität, Architektur und Rekonstruktion der Stadt. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2014. ISBN 978-3-643-90516-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17841.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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