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Rolf Dieter Hirsch, Ulrich Kastner: Heimbewohner mit psychischen Störungen - Expertise

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 06.07.2004

Cover Rolf Dieter Hirsch, Ulrich Kastner: Heimbewohner mit psychischen Störungen - Expertise ISBN 978-3-935299-57-2

Rolf Dieter Hirsch, Ulrich Kastner: Heimbewohner mit psychischen Störungen - Expertise. Kuratorium Deutsche Altershilfe (Köln) 2004. 426 Seiten. ISBN 978-3-935299-57-2. 15,00 EUR.
KDA-Schriftenreihe: Forum 38
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Zur Thematik des Buches

Die Pflegeheime werden seit einigen Jahren seitens einer begrenzten Anzahl von Verantwortlichen der angewandten Gerontologie kritisch betrachtet und in Frage gestellt. Den Einrichtungen wird u. a. vorgeworfen, als Versorgungstypus nicht mehr zeitgemäß zu sein und daher auch keine angemessenen Pflege- und Betreuungsleistungen gemäß neuer Qualitätsstandards und gestiegener Bewohnerbedürfnisse erbringen zu können. In diesem Kontext werden z. B. die Einsetzung einer Kommission für eine "Heim-Enquete" seitens des Bundestages gefordert und Alternativen propagiert, die zur Verbesserung der Versorgung pflegebedürftiger alten Menschen beitragen sollen. Als Vorbilder gelten hierbei in der Demenzversorgung vor allem vorstationäre Kleineinrichtungen aus den Nachbarländern: das Cantou-Modell aus Frankreich, die Demenzwohngruppen aus Schweden und der Domus-Ansatz aus Großbritannien.

Die vorliegende Untersuchung wurde vom Bundesministerium für Gesundheit und Soziales mit dem Ziel in Auftrag gegeben, Grundlagen für die Weiterentwicklung adäquater Versorgungsformen in der Altenhilfe zu erarbeiten.

Autoren

Die Erarbeitung der Expertise wurde von einer Expertengruppe, überwiegend Gerontopsychiater, durchgeführt. Die Koordination der Gruppe lag in den Händen von Prof. Dr. Dr. Rolf Dieter Hirsch (Bonn), Dr. Ulrich Kastner (Bonn) war für die Datenerhebung und Datenauswertung verantwortlich. Weitere Mitglieder der Gruppe: Klaus Großjohann (Köln), Gerd Holler (Hannover), Dr. Peter Netz (Gütersloh), Dr. Friedrich Leidinger (Köln), Prof. Dr. Siegfried Weyerer (Mannheim), Dr. Dirk Wolter (Münster) und Dr. Jan Wojnar (Hamburg).

Inhalt

Die Publikation ist in zwölf Kapitel untergliedert.

  1. Dieses erste Kapitel besteht aus der Zusammenfassung der Ergebnisse, wobei folgende Aspekte angeführt werden: Wohnform/Lebenswelt, Häufigkeit und Art von psychischen Störungen, Multimorbidität, Pflegeversicherung, Angebote, ärztliche Versorgung, rechtliche Betreuung und Psychopharmaka.
  2. Dieses Kapitel enthält 13 Empfehlungen der Autoren, die sich auf die Bereiche Forschung, Versorgungsstrukturen und Fort- und Weiterbildung zentrieren.
  3. Einführung und Fragestellung. Das Kapitel skizziert in knappen Worten die Problembereiche und die Schwerpunkte der erforderlichen Untersuchungen in dem Bereich stationäre Altenhilfe unter Berücksichtigung der psychisch kranken Bewohner.
  4. Heime als Lebenswelten. Hier werden u. a. verschiedene Heimtypen, die Interaktionen zwischen Bewohnern und Pflegekräften und die gegenwärtig praktizierten Formen der Demenzversorgung in den Heimen (vollintegrativ, teilintegrativ und segregativ) beschrieben.
  5. Demografische und epidemiologische Grundlagen. Das Kapitel enthält die Darstellung verschiedener Untersuchungen über Heimbewohner aus Deutschland und dem Ausland, die in folgende Rubriken unterteilt ist: soziodemografische Entwicklung, körperliche und psychische Störungen, Multimorbidität und Pflegebedürftigkeit.
  6. Allgemeine Situation der Heimbewohner. Das Kapitel befasst sich eingehend mit den Heimbewohnern und ihren konkreten Versorgungsaspekten in Deutschland. Beschrieben werden anhand zahlreicher Untersuchungen und Erhebungen die Epidemiologie, die Veränderungen der Bewohnerstruktur in den letzten Jahren, die Pflegebedürftigkeit und die Themen Behandlung, Pflege und Rehabilitation. Des Weiteren werden Ausführungen zur Heimaufsicht und dem Medizinischen Dienst der Krankenversorgung (MDK) hinsichtlich ihres Wirkens in den Einrichtungen gemacht. Aus der Sicht der Autoren werden anschließend eine Reihe von kritischen Problemfeldern angeführt und erläutert: Formen von Gewalt und Misshandlungen, rechtliche Betreuung, mechanische Fixierungen, Psychopharmaka, Malnutrition, künstliche Ernährung (PEG), Dekubitus, Stürze und Serientötungen in Altenpflegeheimen.
  7. Situation der Heimbewohner mit psychischen Störungen. Die Autoren beschreiben neben der Häufigkeit der psychischen Störungen (Demenz, Depression u. a.) auch die Formen der Behandlung, Pflege und Rehabilitation sowohl in Deutschland als auch in verschiedenen anderen Ländern (England, Österreich, Norwegen und USA).
  8. Heime in Kontext der medizinischen und psychosozialen Versorgung. Das Kapitel umreißt in Kürze Funktion und Bedeutung der Heime für die alten und pflegebedürftigen Menschen in Deutschland. Als Vorbild für eine angemessene Versorgungsstruktur wird hieran anschließend ausführlich die Altenhilfe in Dänemark vorgestellt.
  9. Vorläufiges Resümee und weiterführende Fragestellungen. Dieses Kapitel besteht aus einem kurzen Zwischenergebnis und aus Überlegungen über die künftigen Altenhilfestrukturen angesichts der rapiden gesellschaftlichen Alterung in Deutschland.
  10. Zusammenstellung von neueren Untersuchungen. Es werden 13 regionale Erhebungen (u. a. aus Hamburg, Freudenstadt, Solingen, Berlin, München, Saarlouis, Bonn und Rhein-Sieg-Kreis) über Bewohnermerkmale psychisch Kranker und den Versorgungsaspekten in den Heimen angeführt.
  11. Dieses Kapitel enthält die Ergebnisse der Untersuchung der Autoren. Es handelt sich hierbei um eine Erhebung an einem Stichtag (02. 05. 2001), bei der in 37 Einrichtungen (33 Alten- und Altenpflegeheime und 4 Heime für psychisch kranke Menschen) mit 4.254 Bewohnern in den Regionen Bonn, Rhein-Sieg-Kreis, Geislingen, Kaufbeuren, Gütersloh, Hannover und Münster insgesamt 1.942 Bewohner untersucht wurden. Die Erhebung erfolgte mittels zweier Fragebögen (Merkmalserfassung der Einrichtung und der Bewohner).
  12. Diskussion. Hier werden die wichtigsten Resultate der Erhebung zusammengefasst und interpretiert. Ca. 2/3 der untersuchten Heimbewohner sind psychisch krank, von denen wiederum ca. 2/3 an einer Demenz erkrankt sind. 14 Prozent leiden an affektiven Störungen (Depressionen u. a.) und 10 Prozent an einer Schizophrenie.

Kritische Würdigung

Die Bewertung der vorliegenden Arbeit wird in verschiedenen Dimensionen durchgeführt.

  • Dimension Heimbewohner. Das Daten- und Faktenmaterial über die psychischen Erkrankungen der Bewohner in den Heimen ist sehr weitreichend, denn es umfasst nicht nur die eigene Erhebung, sondern auch die Fachliteratur aus dem In- und Ausland wird ausführlich rezipiert. Darüber hinaus werden auch spezielle Krankheitsbilder der Geriatrie wie Dekubitus und Stürze eingehend beschrieben und auf eine Reihe von diesbezüglichen Präventionsmaßnahmen in den Heimen hingewiesen.
  • Dimension Einrichtungstypus Heim. Die Autoren nehmen eine äußerst zwiespältige und distanzierte Haltung zu den Heimen ein, die sich an folgenden Aspekten ablesen lässt. So unterstellen sie z. B., "dass demenzkranke und pflegebedürftige Menschen in Heimen zugleich ein hohes Risiko tragen, Opfer von Übergriffen in Form von pflegerischer Vernachlässigung, Tätlichkeiten und gezielter Misshandlung zu werden." (Seite 213). Dermaßen massive Vorwürfe gegen das Heim als Lebenswelt grenzen an die grundlegende Infragestellung dieser Versorgungsform. Im Rahmen eines wissenschaftlichen Diskurses sind jedoch überzeugende Belege und Begründungen anzuführen, um diesen Standpunkt nachvollziehen zu können. Dieser Nachweis wird von den Autoren nicht erbracht. Parallel zu der Diskreditierung des Heimes verläuft die positive Darstellung so genannter alternativer Versorgungsformen wie Wohngemeinschaften, Hausgemeinschaften etc. , die als "neue Wohnformen" propagiert werden: " ... geht man davon aus, dass die Lebensqualität für Demenzkranke in diesen Einrichtungen und die Arbeitszufriedenheit der dort Tätigen erheblich größer ist als in den 'typischen' Heimen." (Seite 377). Auch für diese These werden keine fachlichen Fundierungen angeführt.
  • Dimension Interventionsformen bei Demenzen im Heim. Die Autoren konstatieren: "Derzeit ist noch weitestgehend unbekannt, wie Medikamente, Milieu, aktivierende und Bezugs-Pflege sowie sozio-psychotherapeutische Maßnahmen bei welchen psychischen Störungen in welcher Dosierung zusammenwirken." (Seite 25). Diese Einschätzung überrascht den Rezensenten, denn ihm ist eine Fülle an Untersuchungen und Erhebungen bekannt, die gerade für Demenzkranke in den Heimen die Auswirkungen von Milieu, Pflegemaßnahmen, Beschäftigungen und auch Raum- und Architekturdimensionen dokumentieren.

Fazit

Es kann zusammengefasst werden, dass hier eine Studie vorliegt, die einerseits viel Wissen über die psychisch kranken Bewohner in den Heimen erfasst hat, jedoch äußerst wenig über die Potentiale und bereits vorliegenden Erkenntnisse über die Versorgung Demenzkranker in den Heimen zu berichten weiß. Den Anspruch an eine Expertise, das Fachwissen vollständig, objektiv und ohne Einseitigkeit darzustellen, konnte die vorliegende Untersuchung leider nicht erfüllen.

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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Es gibt 220 Rezensionen von Sven Lind.

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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 06.07.2004 zu: Rolf Dieter Hirsch, Ulrich Kastner: Heimbewohner mit psychischen Störungen - Expertise. Kuratorium Deutsche Altershilfe (Köln) 2004. ISBN 978-3-935299-57-2. KDA-Schriftenreihe: Forum 38. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1786.php, Datum des Zugriffs 27.11.2022.


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