Erdmute Partecke: "Spring vom Tisch, Luigi!"
Rezensiert von Christiane Fahrendorf, 26.02.2015
Erdmute Partecke: "Spring vom Tisch, Luigi!". Den Alltag mit Krippenkindern zukunftsweisend gestalten. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. 176 Seiten. ISBN 978-3-407-62905-0. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,40 sFr.
Thema
Das Buch befasst sich in seinen Inhalten mit der Praxis in einer Krippe und beleuchtet verschiedene relevante Aspekte für die pädagogische Haltung und das pädagogische Handeln. In dieser Auseinandersetzung berücksichtigt das Werk sowohl theoretische Fundierung, als auch praxisbezogene Beispiele, die gut nachvollziehbar sind. Durch diese Praxisnähe bietet es Möglichkeiten zur Selbstreflexion und zum fachlichen Diskurs. Darüber hinaus zeigt es wertvolle Ansätze, um vermeintliche Problemsituationen zu lösen und kann als Medium zur Haltungsfindung für „unerfahrene“ pädagogische Fachkräfte im Bereich der U3-Betreuung hilfreich sein.
Autorin
Erdmute Partecke ist als Diplompsychologin, Psychotherapeutin und Supervisorin in der Nähe von Hamburg tätig. Sie praktiziert freiberuflich pädagogische Psychologie in Seminaren für Erzieherinnen und Erzieher und leistet darüber hinaus Praxisbegleitung in Kindertagesstätten.
Entstehungshintergrund
Erdmute Partecke beobachtete durch ihre Tätigkeit in Kindertagesstätten über Jahre verschiedene Alltagssituationen in Krippen, u.a. Kleinkinder, die von Tischen springen. Ihr vorliegendes Werk greift ihre Beobachtungen aus der Praxis auf, bietet Reflexionsaspekte, verschafft neue Betrachtungsweisen und verdeutlicht ihre Sichtweise, wie Bildung in der frühen Kindheit erfolgen kann und sollte. Dabei folgt die Autorin der Auffassung des amerikanischen Psychiaters William Glasser.
Aufbau
Das Buch ist übersichtlich gegliedert und bietet dem Leser ein breites Spektrum an Praxisbeispielen, die im pädagogischen Alltag mit Kindern unter drei Jahren entstehen können. Die daraus resultierende Themenbreite ist sinnvoll in elf Abschnitte gegliedert. Ergänz wird diese Struktur durch ein Vor- und Nachwort, in dem die Absicht der Autorin deutlich wird. Die Überschriften sind dabei eher offen, aber praxisnah formuliert und laden den Leser somit zum Lesen ein.
Jeder einzelne Abschnitt erhält neben einigen theoretischen Darstellungen konkrete Beschreibungen aus der Praxiserfahrung der Autorin. Inhaltlich ergänzen sich die Inhalte der jeweiligen Kapitel, können aber auch einzeln gelesen werden, um sich beispielsweise einem bestimmten Themenbereich zu nähern. Vertiefende Denkanstöße regen den Leser zur Reflexion und zur Umsetzung in der Praxis an.
Inhalt
Partecke vertritt die Ansicht, dass die pädagogischen Fachkräfte in einer Krippe nicht nur Aufsichtsperson sein sollten, sondern ein zugewandter Beobachter und Partner der Kinder, um die Selbstbildung anzuregen und Themen der Kinder zu verstehen. Dabei geht sie in ihren Ausführungen von den Grundbedürfnissen eines jeden Kindes aus.
In ihrem Vorwort stellt zunächst eine These auf gibt einen Ausblick, welche Inhalte den Leser in ihrem Buch erwarten werden. Die folgenden elf Kapitel sind durch die Autorin nicht nummeriert worden, orientieren sich jedoch an verschiedenen Praxisinhalten der Krippenerziehung. Dementsprechend wurden die Überschriften der einzelnen Kapitel praxisnah gewählt und regen mit ihrer offenen Formulierung das Interesse der Leser an. Zugleich legen sie dar, welcher Inhalt zu erwarten ist.
Kapitel eins verdeutlicht zunächst, welchen spannenden Themen Kinder in einer Kinderkrippe folgen und wie die pädagogischen Fachkräfte diesen bestenfalls begegnen sollten. Offene Fragen im Fließtext regen dabei zur EigenReflexion an.
Das darauf folgende zweite Kapitel erläutert am Fallbeispiel des kleinen Filip, was Freiheit im Alltag einer Kinderkrippe bedeutet. Die Autorin veranschaulicht dabei, dass Kinder zwar Freiheiten brauchen, aber auch einen geordneten Rahmen, in dem sie die unmittelbare Welt entdecken können und zugleich Sicherheit erfahren.
In Kapitel drei referiert die Autorin mit Hilfe eines Fallbeispiels über die Absichten eines Kindes, das durch Beißen auf sich aufmerksam macht. Sie erläutert in ihren Ausführungen theoretisch und praktisch anschaulich die Grundbedürfnisse des Kindes, die hinter diesem, zunächst unerwünschten, Verhalten stecken und regt die pädagogischen Fachkräfte einerseits zur Reflexion an, bietet andererseits aber auch direkt konkrete Veränderungsbeispiele.
Im darauf folgenden vierten Kapitel wirbt Partecke für Flexibilität im Denken und Handeln der pädagogischen Fachkräfte und regt mit ihrem Praxisbeispiel dazu an, Räume zu verändern, Möbelstücke umzufunktionieren und somit den Kindern Gelegenheiten zu bieten, sich groß und stark fühlen zu können. Darüber hinaus hinterfragt dieses Kapitel die sogenannte „Kuschelpädagogik“, die dem heutigen Anspruch an frühkindliche Bildung und Betreuung nicht mehr entspricht und Kinder oft in ihren Erfahrungen zum stark und groß werden einschränkt. Hier liegt der Fokus auf der Selbsttätigkeit der Kinder, um Fähigkeiten und Selbstbewusstsein entwickeln zu können.
Kapital fünf motiviert die pädagogischen Fachkräfte sich empathisch in die Gefühlswelt der Kinder zu versetzen. Hier wird durch das dargelegte Fallbeispiel unter anderem der Fokus auf die Bedeutung des Tröstens gelegt.
Das sechste Kapitel dient der Darstellung des „Bodenzeit“- Modells und wird im Kapitel sieben durch die Annäherung an „thematische Spielkästen“ ergänzt. Diese beiden Kapitel greifen ebenfalls praxisnahe Beispiele auf und stellen dar, welche Wirkung diese beiden Ansätze in der Praxis haben und wie sie umgesetzt werden können. Mitunter erwarten den Leser erste Materialauswahl-Vorschläge, um die „thematischen Spielkästen“ umzusetzen.
In Kapitel acht begegnet der Leser im Praxisbeispiel dem kleinen Finn und entdeckt zugleich den Forscherdrang eines Krippenkindes. Es wird deutlich, welche Lernerfahrungen Kleinstkinder machen können und wie wichtig das ganzheitliche Erleben für die Ich-Kompetenz des Kindes ist. Auch in der Gemeinschaft mit anderen Kindern ergeben sich unzählige Möglichkeiten zum Erkunden und Erleben, die hier praxisnah veranschaulicht werden.
Mit Kapitel neun beleuchtet Erdmute Partecke die Wirkung von Sprache und (nonverbaler) Kommunikation im Bereich einer Krippe und regt pädagogische Fachkräfte dazu an, sich als Sprachvorbild zu reflektieren und alltägliche Handlungen mit Sprache zu verknüpfen.
Kapitel zehn wendet sich der Autonomie eines Kindes zu und die Autorin verdeutlicht in ihren Ausführungen, dass Krippenqualität durch kontinuierliche und verlässliche Beziehung gesichert werden kann. Denn gleich bleibende Rituale und Strukturen sichern, ihrer Auffassung zufolge, Kinder in ihrem selbsttätigen Handeln ab und ermöglichen ihnen somit autonome und ganzheitliche Erfahrungen.
Das elfte Kapitel ist eine Berichterstattung aus einer Krippe, die mit der Autorin gemeinsam an der Umsetzung der „Bodenzeit“ und der „thematischen Spielkästen“ gearbeitet haben. Dieser Praxisbezug beleuchte den Prozess der Umgestaltung des pädagogischen Alltags und bietet konkrete Praxiserfahrungen.
Abschließend beantwortet die Autorin in ihrem Nachwort die eingangs gestellt These des Vorwortes und fasst noch einmal die wichtigsten Inhalte des Buches prägnant zusammen. Ergänzend ist ein übersichtliches und facettenreiches Literaturverzeichnis abgebildet.
Diskussion
Die Arbeit in einer Krippe hat in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen, da zum einem der öffentliche Fokus auf den Bereich der frühkindlichen Bildung gerückt ist und zum anderen vielerorts Krippen durch den Rechtsanspruch der Einjährigen entstanden sind. Die pädagogischen Fachkräfte leisten viel, doch im Alltag geht manchmal der Blick für die individuellen Themen des jeweiligen Kindes verloren – sicherlich auch, weil Rahmenbedingungen nicht immer optimal sind, bzw. sein können. Durch die Impulse der „Bodenzeit“ und der „thematischen Spielkästen“ gibt die Autorin neue Anregungen für pädagogische Fachkräfte und hält zugleich den Spiegel vor, um Abläufe in Krippen und die Haltung der Fachkräfte kritisch zu betrachten. Durch den offenen, warmherzigen Schreibstil, bei dem sich die Autorin aktiv an die Leser wendet und sich zudem durch das Schreiben in Ich-Form einbezieht, motiviert sie zum Ausprobieren und Umsetzen. Untermauert wird dieses durch einen Bericht aus einer Krippe, die sich der Idee der „Bodenzeit“ und der „thematischen Spielkästen“ angenommen haben.
Den kritischen Leser könnte diesbezüglich abhalten, dass die teils engen Rahmenbedingungen (Fachkraft-Kind-Relation, Gruppengröße, räumliche Gegebenheiten, etc…) die Umsetzung dieser beiden Methoden nicht immer realisierbar erscheinen lässt und sich ein gesamtes Team auf den Weg zur Veränderung machen muss. Doch auch wenn dieser Prozess nicht erwünscht sein sollte, hilft das Buch von Erdmute Partecke bei der Annäherung an die Themen und Interessen der Kinder und bildet eine Vielzahl an bedeutenden Praxissituationen in der Krippenerziehung ab.
Fazit
Das Buch bietet eine detaillierte Betrachtung der Arbeit in einer Krippe und zeigt deutlich das Interesse der Autorin für diesen Themenbereich. Dem Leser wird durch den warmen und amüsanten Schreibstil der Autorin ein Spiegel vorgehalten, der mitunter kritisch hinterfragt, aber nicht belehrend wirkt. Demnach motiviert das Buch pädagogische Fachkräfte, ihre Haltung zu überdenken und ein besseres Verständnis für die jungen zu betreuenden Kinder zu entwickeln. Der Facettenreichtum des Buches macht deutlich, was die Kinder in den jeweiligen Alltagssituationen bewegt.
Die Kombination aus Praxisbezug und theoretischen Aspekten ermöglicht eine fachliche Auseinandersetzung und ist sehr gut für die Kita-Praxis nutzbar, da auch einzelne Kapitel schnell nachvollzogen werden können.
Rezension von
Christiane Fahrendorf
Staatlich anerkannte Erzieherin, Einrichtungsleitung einer viergruppigen Kindertagesstätte, Studierende des Studiengangs Bildungs- und Sozialmanagement an der HS Koblenz
Mailformular
Es gibt 5 Rezensionen von Christiane Fahrendorf.





