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Siegfried Huhn: Gewalt durch Pflegepersonal in Pflegeheimen

Cover Siegfried Huhn: Gewalt durch Pflegepersonal in Pflegeheimen. Häufigkeit, Formen und Prävention. Grin Verlag (München) 2014. 76 Seiten. ISBN 978-3-656-75970-6.
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Thema

„Diese Arbeit befasst sich mit dem Thema Gewalt in Pflegeeinrichtungen, die von beruflich Pflegenden gegen Bewohner der Pflegeeinrichtung ausgeübt wird. Gewalt durch Pflegepersonen den Bewohnern gegenüber wird innerhalb der deutschen Pflegeberufe eher zurückhaltend behandelt, mit Geheimnissen umgeben und eine öffentliche Auseinandersetzung wird weitgehend vermieden.“ (S. 6)

Autor

Siegfried Huhn ist freiberuflich in Pflegeberatung, Fortbildung und Qualitätsentwicklung tätig, die Liste seine Publikationen ist lang, ebenso wie die Anzahl seiner Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Gesellschaften, nicht zuletzt auch bei der „Bonner Initiative Handeln statt Misshandeln“ (vgl. www.pflegeberatung-siegfried-huhn.de/biographie.html). „Der Reinerlös aus dem Buchverkauf geht als Spende an PAULA e.V. in Köln. PAULA e.V. ist eine Beratungsstelle für Frauen über 60 Jahren, die gegenwärtig oder in der Vergangenheit Gewalt erfahren haben. Zur Information Paula e.V. Köln, Beratungsstelle für Frauen ab 60“ http://www.paula-ev-köln.de (Vermerk bei Amazon).

Entstehungshintergrund

Gewalt in Pflegeeinrichtungen durch Pflegepersonen gegen alte und pflegebedürftige Menschen werde in Deutschland und den meisten europäischen Ländern seit etwa Ende der 1980er Jahre diskutiert, wobei es für die meisten Menschen kaum vorstellbar sei, dass es in besonders schutzwürdigen Bereichen wie Einrichtungen der Altenpflege zu Misshandlungen der Bewohner kommen könne, zumal doch die meisten Pflegepersonen in den Pflegeberuf mit hohen zwischenmenschlichen Idealen einstiegen. Bei Gewalthandlungen, die öffentlich würden, sähen sich Einrichtungen und besonders die Pflegepersonen häufig einer negativen und Skandale produzierenden Darstellung in der Öffentlichkeit ausgesetzt. Missstände und Fälle von Gewalt durch Pflegepersonen würden bis auf wenige Ausnahmen kaum objektiv beschrieben und als immer und überall währende Wirklichkeit dargestellt. Aus den Reihen der Pflegefachschaft werde darauf eher emotional reagiert, indem Zurückweisungen, Entschuldigungen und Schuldzuweisungen erfolgten, oder über entsprechende Vorkommnisse und/oder das Thema insgesamt geschwiegen. werde. Pflegepersonen, die Gewalt oder nahe an Gewalt grenzende Vorkommnisse innerhalb der Mitarbeiterschaft thematisierten oder Leitungsebenen gegenüber öffentlich machten, würden oft als Nestbeschmutzer oder schlimmer diffamiert. Eine objektive oder aufklärende Berichterstattung finde innerhalb der Berufsgruppen der Pflegeberufe nur selten statt, die wissenschaftliche Auseinandersetzung sei in Anfängen vorhanden, werde jedoch überwiegend nicht von Angehörigen der Pflegeberufe geführt. (Vgl. S. 9f)

Das ist für den Verfasser dieser Arbeit die Motivation, das Thema auf einer sachbezogenen Ebene behandeln zu wollen und nahezu objektiv darzustellen. In der bisherigen Beschäftigung mit dem Thema Gewalt durch Pflegepersonen kommt zudem die Vermutung zum Tragen, dass es sich bei Gewalt durch Pflegepersonen nicht um Einzelfälle handelt und dass potentielle Täter ein Umfeld brauchen, in dem sie gewalttätig werden können. Daraus ergibt sich die Hypothese, die in dieser Arbeit untersucht werden soll: Bei Gewalt durch Pflegepersonen in Pflegeeinrichtungen handelt es sich nicht um ein Einzelphänomen, das nur über den jeweiligen Täter erklärbar ist, sondern um eine institutionelle, gesellschaftliche und berufspolitische Dimension, die eine Täterschaft begünstigt oder erst möglich macht.“ (S. 6)

Aufbau und Inhalt

Zur Überprüfung dieser Hypothese beantwortet Huhn die folgenden forschungsleitenden Fragen:

  • „Wie lässt sich Gewalt durch Pflegepersonen begrifflich bestimmen?
  • Liegen Untersuchungen über die Häufigkeit von Gewalt durch Pflegepersonen vor?
  • Welche Formen von Gewalt werden beschrieben?
  • Gibt es Tätermerkmale? Wer wird Opfer?
  • Werden Präventionsstrategien beschrieben? Lassen sich „Erfolge“ messen?
  • Welche Empfehlungen können ausgesprochen werden? Welche Empfehlungen insbesondere für Gesundheits- und Berufspolitik, Management und Ausbildung?“ (S. 7)

Die Arbeit gliedert sich dazu in fünf Abschnitte zu deren Aufbau und Inhalt Huhn ausführt:

  1. „Im ersten Teil dieser Arbeit wird zunächst recherchiert, wie das Thema Gewalt durch Pflegepersonen in den Berufsgruppen der Pflegeberufe verortet ist. Darauf aufbauend wird der gesundheitspolitischen, rechtlichen und berufspolitischen Relevanz zum Thema nachgegangen. Daraus entwickeln sich die Hypothese und die forschungsleitenden Fragen zu dieser Arbeit.
  2. Im zweiten Teil werden die Zielgruppen dieser Arbeit, die Bewohner von Pflegeeinrichtungen und die in Pflegeeinrichtungen beschäftigten Pflegepersonen vorgestellt. Es wird ein ausführliche Beschreibung der beiden Gruppen vorgenommen, weil sich aus der besonderen Situation der hilfebedürftigen Bewohner und der hilfegebenden Pflegepersonen eine Pflegebeziehung ergibt, die ein deutliches Machtgefälle aufweist und eine Mitursache für Gewalt darzustellen scheint. Auch die Einrichtung selbst, die als „totale Institution“ vorgestellt wird, fördert höchstwahrscheinlich die Gewaltneigung und Gewaltausübung potentieller Täter. In diesem Teil werden verschiedene Definitionen für Gewalt vorgestellt und eine für den Pflegebereich sinnvolle Definition gewählt. Auch wird eine Abgrenzung vorgenommen zum Begriff Gewalt gegenüber Einflussnahme mit gewaltähnlichen Darstellungen im Kontext der pflegerischen Auftragserfüllung.
  3. Im dritten Teil der Arbeit werden die Ergebnisse der Literaturrecherche zur Beantwortung der Einzelfragen vorgestellt. Dabei wird deutlich, dass Gewalt durch Pflegepersonen kein Einzelphänomen darstellt, sondern weitaus häufiger vorkommt als anfänglich vermutet. Es werden die unterschiedlichen Gewaltformen vorgestellt, Ursachen und Hintergründe, mögliche Tätermerkmale und institutionelle Einflüsse auf das Gewaltverhalten von Pflegepersonen beschrieben. Zum Schluss dieses Teils wird die Frage nach Prävention von Gewalt durch Pflegepersonen behandelt. Neben den Beiträgen aus der Literaturrecherche werden Projekte und Initiativen aus Deutschland vorgestellt.
  4. Im [vierten] Teil werden die Ergebnisse der Literaturrecherche interpretiert und darüber die forschungsleitenden Fragen beantwortet. Daraus ergibt sich die Bestätigung der Hypothese.
  5. Dem schließen sich zum Abschluss [im fünften Teil] die Diskussion und der Ausblick an.“ (S. 7f, Hervorhebungen durch die Rezensentin – HdR)

Schon hier wird also die Erkenntnis dieser Arbeit formuliert, nämlich dass die Hypothese bestätigt wird: „Gewalt durch Pflegepersonen in Pflegeeinrichtungen ist kein Einzelphänomen, das nur über den jeweiligen Täter erklärbar ist, sondern es geht um eine institutionelle, gesellschaftliche und berufspolitische Dimension, die eine Täterschaft begünstigt oder erst möglich macht.“(S. 6)

Fünf Aspekte dieser Dimensionen seien hier herausgegriffen:

  1. Natürlich geht es um den inzwischen wohl nicht mehr zu übersehenden Personalnotstand, der etwas mit der unzureichenden Finanzierung von Pflege zu tun hat und der zu den allseits beklagten Arbeitsbedingungen in der Pflege führt.
  2. Ein Aspekt ist unter diesen Bedingungen besonders bemerkenswert, das Versagen der Leitungen, die offenbar nicht überall vorhandene Fähigkeit der Leitungen, in ihren Häusern und Diensten eine Kultur zu etablieren, in der so etwas nicht möglich ist und nicht toleriert wird. Huhn stellt fest: „In der Fachzeitschrift „Altenheim“, der einzigen deutschen Fachzeitschrift für das Management von Alten- und Pflegeeinrichtungen, findet sich im Recherchezeitraum [d. i. 2007 – 2013] kein Beitrag zum Thema Gewalt durch Pflegepersonen.“ (S. 9) Und weiter: „In den Lehrbüchern für Pflegeberufe wird das Thema gewürdigt, während es in den gesichteten Standardwerken für Leitungspersonen nicht behandelt wird.“ (S. 18) Dabei, so Huhn, „[trägt] das Management bei der Entstehung von Gewalt eine enorme Mitverantwortung. Leitungspersonen müssen Vorbildfunktion im Umgang mit Gewalt übernehmen, indem sie Klarheit in ihrer Leitungsverantwortung herstellen und Vorgehensweisen bei Vermutungen und Anzeigen von Gewalt durch Mitarbeiter vorstellen. Ausgangspunkt muss sein, dass Gewalthandlungen durch Mitarbeiter in jeder Einrichtung möglich sind (Beine 2013), aber keine Chance bekommen sollen. Deshalb muss das Management konsequent und unmittelbar handeln, wenn ein Gewaltverdacht besteht. Pflegenden, die Vorkommnisse offen legen, muss Vertraulichkeit und Schutz garantiert werden. Leitungspersonen sollen die Werte der beruflichen Pflege herausstellen und einen sachlichen, werteorientierten Führungsstil entwickeln, in dem Wertschätzung der Leistung einzelner Mitarbeiter und der Kollektive Bestandteil der Organisationskultur werden (Fuchs-Frohnhofen et al. 2013).“ (S. 57)
  3. Fehlende Wertschätzung des Berufs durch die Berufstätigen selbst: „Bei einer bewussten Entscheidung für die Altenpflege wird als Motiv überwiegend das Helfen-wollen und die Suche nach sinnhafter Beschäftigung angegeben. […] Damit wird unbemerkt ein hoher philanthropisch-altruistischer Anspruch formuliert, den einzulösen fast schon utopisch scheint, und der dann mit einem Berufsalltag kollidiert, der so nicht vorausgeahnt werden konnte. Es fällt auf, dass Pflegeberufe und pflegerische Aufgabenfelder eher emotional weich gesehen und selten als theoriegeleitete Berufe mit handwerklichem Können und inzwischen immer häufiger rational wissenschaftlicher Begründung gesehen werden. Insbesondere soziale Kompetenz und Gefühlsarbeit scheinen nicht als eine zu lernende und Wissen und Fähigkeiten voraussetzende Herausforderung gesehen zu werden (Matzick 2008; Hochschild 2006; Walter et al. 2006). Wahrscheinlich ist der den Pflegeaufgaben zugeschriebene hohe emotionale Anteil ein Grund dafür, dass Pflege immer noch als ein Frauenberuf gesehen wird, werden Frauen doch als für Gefühlsarbeit prädestiniert angesehen (Hochschild 2006, S. 136).“ (S. 22, HdR)
  4. Zum Thema Prävention empfiehlt Huhn: „Die Ausführungen in dieser Arbeit haben gezeigt, dass Gewalt in einer engen Verbindung mit dem Selbstwertempfinden der Pflegepersonen und dem Aufgehoben-Sein im beruflichen Kontext zusammenhängen. Deshalb empfiehlt der Verfasser dieser Arbeit neben der inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Thematik Gewalt gleichzeitig Angebote zu machen, die in der Stärkung personaler Kompetenzen, der Resilienz- und Gesundheitsförderung und der Selbstwirksamkeit liegen.“ (S. 56, HdR) Huhn empfiehlt hierzu insbesondere Fallbesprechungen und Supervision mit der Möglichkeit u. a. auch der Selbstreflexion (vgl. S. 57). Das sind Angebote, die weitgehend fehlen, da sie als Arbeitszeit angerechnet werden müssten – in Zeiten des Pflegenotstands – erscheint dies geradezu undenkbar, zumal dies auch als verzichtbar gilt und vielfach gar nicht gefragt ist, was in Sozialberufen kaum auf Verständnis stoßen dürfte.
  5. Huhn verweist schließlich auch auf den politischen und gesellschaftlichen Kontext von Gewaltereignissen in der Pflege. „Solange in der öffentlichen Debatte um die demographische Entwicklung monetäre Fragen dominieren, und alte Menschen grundsätzlich als Kostenfaktor und weniger als Gewinn der Gesellschaft gesehen werden, können Gewaltphantasien gegen alte Menschen möglicherweise kulturell manifestiert werden (Hielscher at al. 2013). In Debatten über die Nichtfinanzierbarkeit von Pflege […], (in dem alles subsumiert wird, was Geld kostet), fühlen sich [auch] die beruflich Pflegenden mit geringem Selbstschutz indirekt als Kostentreiber angegriffen.“ (S. 56) Und weiter: „Wenn Politik zudem aus arbeitsmarkttaktischen Gründen vorschlägt, bei aufkommender Arbeitslosigkeit bestimmter Gruppen (Stichwort: „Schleckerfrauen) sofort Pflegebereiche als mögliches Auffangbecken heranzuziehen, wird die berufliche Pflege durch Politik und in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer „haushaltsnahen Jedermanntätigkeit“ (Fischer 2010, S. 28) diskreditiert, was den Berufsgruppen weder Wertschätzung entgegenbringt, noch deren persönliches Wertesystem stärkt.“ (ebd.)

Diskussion

Bei der Diskussion über Gewalt in der Pflege muss betont werden, dass es unter den kritisierten Rahmenbedingungen trotzdem Heime und in der ambulanten Pflege Pflegesituationen gibt, in denen gut gepflegt wird und die Pflegefachkräfte und alle anderen Mitarbeiterinnen für das Wohlbefinden ihrer Bewohner*innen engagiert sind. Es wäre nachzumachen, was diese anders machen.

Es ist erschreckend, dass Huhn seine Hypothese – kurz gefasst, es gibt Gewalt in der Pflege und dies ist systembedingt – bestätigt sieht.

Die Rezensentin ist in einem Alter, in dem mögliche Pflegebedürftigkeit langsam näher rückt und deshalb kann sie nur hoffen, dass sie einmal nicht zu den 11% bis 24,3% aller Bewohner gehören wird, die Gewalterfahrungen machen Vgl. S. 59.

Es muss sich grundsätzlich etwas ändern!

Niemand von uns wird leugnen, dass wir Angst haben pflegebedürftig zu werden. Aber muss diese Angst dazu führen, dieses Thema auszublenden, gerade nicht genau hinzusehen, sich nicht für die Bedingungen zu interessieren, unter denen Pflege stattfindet, nicht zu hinterfragen, ob Pflegestärkungsgesetze die Pflege tatsächlich stärken? Tausende sterben in Deutschland jährlich an multiresísten Krankenhauskeimen aufgrund mangelnder Hygiene, verursacht durch gestresstes Personal – Pflegekräfte UND Ärzte – das hier Zeit spart! So zeigte es am 18. 5. 2016 eine Sendung des Bayrischen Fernsehens „OP gelungen, Patient tot? Lebensgefahr durch neue Krankenhauskeime.“ www.ardmediathek.de/. (Abruf 23.5.2016, verfügbar bis 18.5.2017).

Was alles vernachlässigt gestresstes Personal aus Zeitnot in Pflegeheimen?

Es sind mehrheitlich Frauen, die beruflich und familiär pflegen – wäre es anders, wenn Männer pflegen? Huhn weist auf diesen Aspekt hin und die Rezensentin teilt seine Auffassung, dass Frauen – bisher – keine Forderungen stellen, immerhin galt (?) beim Pflegeberuf einmal die Maxime „dankbar sein, dienen zu dürfen“. Da tut sich allerdings etwas: erstmals hat, an der Berliner Charité, das Pflegepersonal gestreikt und zwar für bessere Arbeitsbedingungen, sprich mehr Personal!

Das bedeutet natürlich mehr Kosten und führt dann unweigerlich zu der oft zu hörenden Frage, wer soll denn das bezahlen? Oft mit dem Unterton: Ist es das wert? Ist das notwendig? So übrigens auch im Kreis von Seniorenräten, dort zusätzlich mit dem Unterton: Haben da welche nicht so vorgesorgt wie wir? Gerade Seniorenräte wären doch als erste berufen, dieses Thema im ureigensten Interesse in den eigenen Kreisen energisch(er) auf die Agenda zu setzen.

Dabei ist die Antwort doch ganz einfach: wenn Pflege uns alle angeht, eben wir alle!

Zwei kritische Anmerkungen sind zu machen:

  1. Es gibt das Buch: „Aggression und Aggressionsmanagement – Praxishandbuch für Gesundheits- und Sozialberufe“, Hg. Gernot Walter, Johannes Nau und Nico Oud, erschienen 2012, 2 Jahre bevor Huhn seine Arbeit veröffentlichte. Es wird von ihm nicht erwähnt. Dies könnte damit zusammenhängen, dass es in dem Praxishandbuch – zunächst – um Aggressionsereignisse durch betreuungs- behandlungs- und pflegebedürftigen Menschen gegen das Personal geht, darunter Straffällige in Sicherungsverwahrung und Pflegebedürftige. DIESE Art der Aggressionsereignisse würden, so Huhn, viel eher thematisiert und, so kritisiert er, oft miteinander verquickt. Gerade in diesem Praxishandbuch wird aber deutlich, dass Betreuungs- und Pflegekräfte solche Aggressionen auch auslösen und durch inadäquates Verhalten auch fördern können, also selbst aggressiv auftreten. Auch hier wird u. a. mehr Selbstreflexion angemahnt und insbesondere wird auch hier die ausschlaggebende Rolle der Leitungen der Einrichtungen thematisiert. Da auch eine Vielfalt von Maßnahmen aufgeführt wird, die erfahrungsgemäß aggressionsmindernd sind – von der farblichen Gestaltung der Räumlichkeiten bis hin zum deeskalierenden Verhalten der betreffenden Mitarbeiter*innen und des Teams – ist es schade, dass Huhn dieses Buch nicht erwähnt.
  2. Bei der zweiten kritischen Anmerkung geht es um die Dissertation von Susanne Moritz: „Schutzpflichten des Staates gegenüber pflegebedürftigen Menschen“, die 2013, also ein Jahr vor der Arbeit von Huhn, veröffentlicht wurde. Dieses Buch wird von Huhn erwähnt, aber in verblüffender Weise, nämlich indem er es nur als einen ‚Fundort‘ für eine seiner Quellen dafür angibt, wie unzureichend die Personalausstattung der Heime ist: „Nach einer Studie des Landespflegeausschusses Nordrhein – Westfalen (LPA-NRW 2006 in: Moritz 2013, S. 19)“ (S. 24) werde auf Stunden und Minuten errechnet, … Es wird bei Huhn deshalb auch nicht erwähnt, dass Moritz u. a. damit herausarbeitet, dass es der Gesetzgeber versäumt, verbindliche Vorgaben zur Personalbemessung festzulegen, um überhaupt „würdevolle“ Pflege gewährleisten zu können und dass er damit, nach den Untersuchungen in ihrer preisgekrönten Dissertation, seine Schutzpflichten gegenüber pflegebedürftigen Menschen verletzt – Artikel 1 Absatz 1 Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Diese – mögliche – verfassungsrechtliche Dimension sollte nach Meinung der Rezensentin zu den von Huhn benannten Bedingungsfaktoren hinzu gefügt werden, zumal das Buch von Moritz bei seinem Erscheinen einiges Aufsehen in der Szene erregt hatte.

Fazit

Die Arbeit von Huhn wurde ohne wesentliche Änderungen von der AG Altenpflege des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe Nordost als „Praxisheft Gewalt in der Pflege“ übernommen und 2015 veröffentlicht, auch im Namen des ganzen Berufsverbands. Und es wurde ein Untertitel hinzugefügt: „Von Tabus befreien und Verantwortung übernehmen.“ Eine bessere Empfehlung für dieses Buch gibt es nicht!

Den Personalmangel kann der Berufsverband allein nicht ändern – aber gerade deshalb wären alle anderen Mängel, die Huhn identifiziert entschieden anzugehen und abzustellen, zuallererst von den Leitungen! „Der Fisch stinkt vom Kopf“ gilt auch im Pflegebereich. Aber auch jede einzelne Pflegefachkraft und jede Mitarbeiter*in sollte von all den aufgezeigten Möglichkeiten die eine aufgreifen, nämlich die Scheu vor beruflicher Selbstreflexion ablegen. Supervision ist in Sozialberufen unverzichtbar, weil hier systemimmanent Machtbeziehungen bestehen und mit abhängigen Menschen umgegangen wird – im Pflegebereich ist das „mit Händen zu greifen“! Dann könnte es dazu kommen, dass z. B. Teamkonflikte minimiert und professionell angegangen werden, gemeinsam wären die Arbeitsbedingungen eher zu ertragen, es würde das Bewusstsein für die Kompetenz der Pflege gestärkt. Unter solchen Bedingungen würden Berufsanfänger nicht abgeschreckt werden und die Berufstätigen nicht aussteigen, würden junge Menschen den Pflegeberuf als eine sinnvolle Tätigkeit mit Arbeitsplatzgarantie in viel größerer Zahl anstreben.

Das Buch oder das Praxisheft gehört also zur Pflichtlektüre und sollte beherzigt werden – auch Pflegekräfte können pflegebedürftig werden. Und wir alle – wenn wir dieses Buch läsen und begännen uns zu interessieren – wären mächtig – mächtiger als Piloten und Lokführer.


Rezensentin
Dipl. Päd. Barbara Riethmüller
Seniorensprecherin im Landesverband Baden-Württemberg des Deutschen Berufsverbands für Soziale Arbeit e.V. (DBSH), www.dbsh-bawue.de; Landesansprechpartnerin Baden-Württemberg von wir pflegen – Interessenvertretung begleitender Angehöriger und Freunde in Deutschland e. V. www.wir-pflegen.net; Mitglied im Kreisseniorenrat Freudenstadt und Ludwigsburg,
Homepage www.wir-pflegen.net
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Zitiervorschlag
Barbara Riethmüller. Rezension vom 07.06.2016 zu: Siegfried Huhn: Gewalt durch Pflegepersonal in Pflegeheimen. Häufigkeit, Formen und Prävention. Grin Verlag (München) 2014. ISBN 978-3-656-75970-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17871.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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