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Gabriele Rosenthal: Interpretative Sozialforschung

Cover Gabriele Rosenthal: Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 4. Auflage. 255 Seiten. ISBN 978-3-7799-2608-5. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.

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Thema

Der vorliegende Band ist als Einführungstext gedacht in sozialwissenschaftliche Erhebungs- und Auswertungsmethoden. Damit liegt ein ausführlich dokumentierendes Buch zu einigen (jedoch nicht allen) qualitativen Verfahren sozialwissenschaftlicher Forschung vor.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in eine Einleitung (S. 11-12) und sieben Kapitel.

  1. Im ersten Kapitel (S. 13-37) werden zentrale Grundbegriffe definiert.
  2. Grundbegriffe und Prinzipien der interpretativen Sozialforschung stehen im Mittelpunkt des zweiten Kapitels (S. 38-82).
  3. Die Beschreibung von Forschungsprozess und Forschungsdesign zeigt das dritte Kapitel auf (S. 83-989).
  4. Das vierte Kapitel (S. 99-138) ist ethnographischer Feldforschung gewidmet.
  5. Interviewfragen und -methoden stehen im Fokus des 5. Kapitels (S. 139-173).
  6. Das sechste Kapitel (S. 174-211) stellt zudem Biographieforschung und Fallrekonstruktionen in den Mittelpunkt.
  7. Das siebte Kapitel (S. 212-234) widmet sich der Inhaltsanalyse.

Inhalt

In der Einleitung wird der Impetus des vorliegenden Bandes von Rosenthal so formuliert: „Dabei will ich besonders auf die sich je nach Gegenstand und den daran teilnehmenden Personen … immer wieder neu ergebenden Anforderungen und Krisen zu sprechen kommen“ (S. 11).

Das erste Kapitel zur Festlegung der Grundbegriffe ist in mehrere Unterkapitel gegliedert. Im ersten Unterkapitel wird der Frage nachgegangen, was unter qualitativer Sozialforschung zu verstehen ist. Darin werden die Verfahren gebündelt eingeordnet. Die Autorin grenzt indes die Vielfalt qualitativer (interpretativer) Methoden ein, da vorrangig teilnehmende Beobachtung und biographische Fallrekonstruktionen und sequenziell und rekonstruktive Auswertungsmethoden vorgestellt werden. Im zweiten Unterkapitel wird bereits im Titel die Frage gestellt: Was kann die interpretative Sozialforschung leisten?, die sodann in einzelnen Abschnitten (geradezu sequentiell) beantwortet wird – mit der Untersuchung von Unbekanntem und Neuem, dem Nachvollzug des subjektiv Gemeinten und der Rekonstruktion des latenten Sinns, der Deskription sozialen Handelns und sozialer Milieus, der Rekonstruktion der Komplexität von Handlungsstrukturen, der Hypothesen- und Theorieüberprüfung am Einzelfall und empirisch begründeter Hypothesen- und Theoriebildung. Das dritte Unterkapitel zeichnet historische Anfänge der interpretativen Sozialforschung nach.

Das zweite Kapitel ist Grundannahmen und Prinzipien der interpretativen Sozialforschung gewidmet. Rosenthal intendiert darin die Hervorhebung der Gemeinsamkeiten der dargestellten Annahmen. Auch dieses Kapitel ist in Unterkapitel ausgezweigt, dessen erstes die interpretierte Sozialwelt in den Mittelpunkt stellt. Im zweiten Unterkapitel wird das Prinzip der Kommunikation erörtert, das sich als Beispiel im dritten Unterkapitel fortsetzt. Im vierten Unterkapitel wird auf das Prinzip der Offenheit im Forschungsprozess und bei der Erhebung eingegangen. Darin wird in weiteren Abschnitten zur Offenheit Stellung genommen. Rosenthal führt darin zunächst Grundlegendes zur Offenheit zu Modifikationen des Forschungsplans aus, diskutiert den Prozess der Veränderung der Fragestellung, der damit einhergehenden Hypothesen und der theoretischen Stichprobe in methodischer Engführung am Beispiel einer empirischen Studie. Auch die Offenheit in der Erhebungssituation wird in einem Abschnitt diskursiv erläutert. Im letzten Unterkapitel wird zum Prinzip der Offenheit bei interpretativen Textanalysen Stellung genommen. Rosenthal zielt darin insbesondere auf das Prinzip der Rekonstruktion, das Prinzip des abduktiven Verfahrens und das Prinzip der Sequenzialität. Neben der Veranschaulichung und Anwendung der Prinzipien an empirischen Beispielen stehen zudem theoretische Verallgemeinerung und Typenbildung am Einzelfall im Fokus.

Das dritte Kapitel fokussiert Forschungsprozess und Forschungsdesign. So wird im ersten Abschnitt theoretisches Sampling und theoretische Sättigung beschrieben. Das zweite Unterkapitel geht detailliert auf den Forschungsprozess bei einer Untersuchung mit Interviews ein. Ausführlich werden in je eigenen Absätzen Vorbereitungen wie Kontaktaufnahme und Vereinbarungen mit Gesprächspartnerinnen besprochen, Memos und Globalanalysen dargestellt, erste und zweite theoretische Stichprobe erörtert sowie minimal und maximal kontrastiver Vergleich diskutiert. Neben den methodischen Überlegungen werden im letzten Absatz Prinzipien der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit und der Maskierung der Daten besprochen, die insbesondere in der Ergebnispublikation relevant sind.

Das vierte Kapitel stellt ethnographische Feldforschung, teilnehmende Beobachtung und Videoanalyse in den Vordergrund. Begonnen wird das Kapitel mit einer chronologischen Einordnung, in der Rosenthal historische Anfänge der Feldforschung bis zur gegenwärtigen Ethnographie nachzeichnet. Rosenthal grenzt darin klassische Feldforschung von gegenwärtigen ethnographischen Untersuchungen ab, denen sie eine Konzentration auf Feldausschnitte attestiert. Im darauffolgenden Abschnitt wird vorrangig die Teilnahme im Feld beleuchtet und anhand eines empirischen Beispiels vertieft. Die Autorin geht darin insbesondere auf Routinen / Belastungen ein, von denen sie annimmt, dass sie im Interview (der empirischen Studie) nicht aufscheinen würden: „Den wesentlichen Vorteil der teilnehmenden Beobachtung sehe ich vielmehr im ganzheitlichen Erleben, nämlich im sowohl leiblichen, kognitiven als auch emotionalen Erleben des zu beobachtenden Alltags. Dazu gehört vor allem auch das eigene Erleben der Konsequenzen einer umweltlichen Beziehung, in der wir uns in intensiven Interaktions- und Interdependenzbeziehungen mit den Alltagshandelnden befinden und unser Handeln eine Antwort auf deren Handeln ist und umgekehrt“ (S. 107). Methodische Probleme werden damit im vierten Abschnitt thematisiert, der auf das Protokollieren der Beobachtungen und deren sequenzieller Auswertung fokussiert. Rosenthal widerspricht darin Bohnsacks Auffassung des lediglich ergänzenden Status teilnehmender Beobachtung und weist darauf hin, dass „… auch Tonbandaufnahmen und Videoaufnahmen … kein Abbild der sozialen Wirklichkeit, sondern vielmehr je nach ihren spezifischen Restriktionen … ebenfalls selektiv [sind].“ Gleichzeitig weist Rosenthal auf die in ethnograhischer Feldforschung seit einiger Zeit vertretenen Auffassung der Signifikanz von Feldforschungstagebüchern hin, kritisiert aber die ihrer Meinung nach nicht nachvollziehbare Trennung von Beobachtungsprotokoll und Tagebuch und fasst die für sie wichtigsten Leitlinien zur Protokollierung teilnehmender Beobachtung in einer Tabelle (S. 113) zusammen. Im fünften Abschnitt des 4. Kapitels, das als Gastautorin zusätzlich Nicole Witte ausweist, wird die Analyse videographierten Datenmaterials diskursiv erläutert. Darin wird insbesondere der Frage nachgegangen, wann eine Videokamera sinnvoll einsetzbar ist, wo und wie die Kamera aufgestellt werden kann. Weitere erörterte Fragen betreffen die Aufbereitung und Ordnung des Materials, die Auswertung des aufgezeichneten Materials, gleichwohl aber auch die Analyse der Kontextdaten. Witte und Rosenthal weisen dabei der Analyse 4 Schritte zu: beginnend mit der Analyse der Daten des sozialen Milieus, folgend mit der Analyse des konkreten Handlungsraums (genaugenommen sind beide Schritte aufgespaltene Teilschritte), der Auswertung der Eröffnungssequenz und der Skriptanalyse. Alle hier aufgeführten Schritte sind der Objektiven Hermeneutik entlehnt.

Im fünften Kapitel werden Interviewformen kurz skizziert und eingeordnet. Beginnend mit einem kurzen Überblick über die Entwicklung der Karriere des Interviews (genauer: des offenen Interviews) in der sozialwissenschaftlichen Forschung der Bundesrepublik in der Einleitung zu diesem Kapitel werden im nächsten Abschnitt methodische Implikationen diskutiert: so wird sowohl die Standardisierung bzw. der nötige und notwendige Grad der Offenheit von Interview und Interviewführung dargestellt als auch der nach Rosenthals Erachten unzureichende Stand der Forschung zu Gesprächstechniken kritisiert. Im nächsten Abschnitt werden verschiedene Varianten eines halboffenen Vorgehens vorgestellt (z.B. des fokussierten Interviews), um dann im darauffolgenden Abschnitt zum narrativen Interview und narrativer Gesprächsführung überzugehen. Darin werden sowohl die Grundidee narrativer Interviews (das in den Grundzügen von Fritz Schütze entwickelt wurde) als auch die Vorteile längerer Erzählungen dargelegt. Zur Technik des narrativen Interviews und den Regeln der Gesprächsführung folgen im nächsten Abschnitt längere Ausführungen, in denen u.a. eine Unterscheidung von Fragetypen vorgenommen wird, aber auch Anschlussmöglichkeiten zu anderen Verfahren vorgestellt werden. Im fünften Abschnitt (oder Unterkapitel) wird der Notwendigkeit von Vertiefungsfragen nachgegangen, beginnend mit Verstehensprozessen in der Interviewsituation. Rosenthal vertritt hier dezidiert den Anspruch einer sorgfältigen Interviewführung mit Fragestellungen im Nachfrageteil, die eine erste Überprüfung möglicher Hypothesen zur Haupterzählung möglich machen: „Wir müssen beim Zuhören auf die Vagheiten, Inkonsistenzen und Lücken achten, d.h. sensibel dafür sein, an welcher Stelle mit Vertiefungsfragen ein weiteres Verständnis abgesichert werden muss. Es bedarf einer Interviewführung, bei der Verstehen immer wieder überprüft wird und bei der durch Fragen bereits eine erste Hypothesenüberprüfung (am konkreten Einzelfall) vorgenommen wird. Dabei geht es mir nicht nur um den manifesten Gehalt von Aussagen, sondern gerade auch um Bedeutungen, die den Interviewten selbst nicht zugänglich sind. Um diese latenten Bedeutungen zu erfassen, bedarf es einer kompetenten Interviewführung, die durch erzählgenerierende Fragen, aber auch durch daran anschließende Vertiefungs- und Detaillierungsfragen Einblick in die Handlungs- und Deutungsstrukturen unserer GesprächspartnerInnen gibt. Dies erfordert, dass wir während der Gesprächsführung zunächst unsere Forschungsfrage einklammern und uns erst einmal unabhängig von ihr auf die Lebenserzählung einlassen, bevor wir Fragen stellen, die gezielt an unserem eigenen Relevanzsystem orientiert sind“ (S. 168).

Im 6. Kapitel wird vertiefend auf Biographieforschung und Fallrekonstruktionen eingegangen, wobei Rosenthal mit einem Abschnitt zu Biographieforschung und ihren theoretischen Grundlagen beginnt. Darin werden sowohl theoretische Vorannahmen begründet und Ausführungen zur Dialektik des Verhältnisses von Erlebtem, Erinnertem und Erzählten nachgegangen. Im nächsten Abschnitt geht Rosenthal auf ein empirisches Beispiel ein, fasst die Auswertungsschritte zur biographischen Fallrekonstruktion noch einmal zusammen und beleuchtet im einzelnen Schritte der sequenziellen Analyse biographischer Daten anhand zwei ausgewählter empirischer Beispiele. Rosenthal weist im letzten Abschnitt des sechsten Kapitels darauf hin, dass Fallrekonstruktionen auf weiteren Ebenen vollzogen werden, indem auf höher aggregierte soziale Gebilde abgehoben wird.

Im 7. Kapitel konturiert Rosenthal zudem die Inhaltsanalyse, das Kodieren in der Grounded Theory und Diskursanalysen. Sie bezieht sich in der Darstellung des Verfahrens der qualitativen Inhaltsanalyse auf Mayring, weist in dieser Darstellung aber auch auf methodische Schwächen hin und geht diesen methodischen Problemen an empirischen Beispielen nach. Im Abschnitt zum Kodieren in der Grounded Theory zeichnet Rosenthal zunächst knapp die Entstehungsgeschichte und zentralen Paradigmen nach, ehe sie auf die ihres Erachtens methodischen Schwächen des Verfahrens eingeht. Im letzten Abschnitt des Kapitels, das wiederum als Unterkapitel mit Gastautorin Bettina Völter angelegt ist, wird Diskursanalysen nachgegangen. Darin wird zuerst auf die Geschichte (und Verwendung, wenngleich analytisch nicht immer trennscharf handhabbar) rekurriert, die Grundidee der Diskursanalyse nach Foucault (der seinerseits auf die Sichtbarmachung von Macht- und Herrschaftsstrukturen abhob) eingegangen und der Abschnitt (und zugleich das Buch) beendet mit einem Ausblick auf zukünftige Verwendungsmöglichkeiten (also die Anschlussfähigkeit der Diskursanalyse beleuchtet).

Diskussion

Die vorliegende Ausgabe ist, den bibliographischen Angaben zufolge, als Neuauflage der aktualisierten und ergänzten Ausgabe von 2011 erschienen. Da hätte sich dennoch zumindest ein überarbeitetes Vorwort zur neuen Auflage angeboten.Umso rätselhafter, dass das Vorwort offenbar unverändert von der Erstauflage 2005 übernommen wurde. Im ersten Kapitel beschreibt die Autorin ihr Anliegen, Anforderungen und Krisen (abstrahierend: Herausforderungen und Probleme) in den Fokus zu stellen. Dazu grenzt sie die bestehende Vielfalt qualitativer Erhebungs- und Auswertungsmethoden ein – freilich ohne den Begründungszusammenhang für die Exklusion und die Inklusion offenzulegen. Das widerspricht an sich gängigen forschungsethischen Prinzipien, umso mehr, als sie (gleichsam im Nachsatz zur Eingrenzung) fortfährt: „Um einerseits die Besonderheit interpretativer Verfahren im Unterschied zu anderen qualitativen Methoden zu verdeutlichen und andererseits auch auf die Bandbreite des unterschiedlichen Vorgehens hinzuweisen, werde ich auch Verfahren behandeln, die den Prinzipien der Sequenzialität und Rekonstruktivität nicht gerecht werden“ (S. 17).

Im zweiten Kapitel, das Rosenthal den Grundannahmen und Prinzipien der interpretativen Sozialforschung widmet, werden von ihr insbesondere 4 Prinzipien behandelt und dargestellt, die sie jeweils an empirischen Beispielen realisiert. Auffällig daran sind jeweils die eigenen Beispiele aus der jahrzehntelangen Forschungspraxis Rosenthals. Die von ihr vorgestellten und eingeordneten Verfahren (deren kritische Bewertung von der Autorin durchaus offengelegt wird) klammern jedoch Verfahren wie die Dokumentarische Methode von Bohnsack völlig aus – dies jedoch ohne jegliche Begründung. Warum dann die Objektive Hermeneutik Oevermanns inkludiert und die Dokumentarische Methode Bohnsacks exkludiert wird, bleibt freilich verborgen – diese anscheinend willkürliche Behandlung und Darstellung von Methoden erscheint da mindestens fragwürdig.

Im dritten Kapitel stehen Forschungsprozess und Forschungsdesign im Zentrum des Interesses. Rosenthal stellt hierbei an den Anfang einen Vergleich zwischen quantitativen Vorgehen (zur Samplegewinnung) einem qualitativen Vorgehen vor, der insofern verwundert, als sich das Buch ausdrücklich qualitative Methoden verpflichtet sieht (und das explizit auch so deutlich macht), im Rest des Buches kaum Verweise auf quantitative Vorgehen aufzufinden sind (es sei denn in der Kritik an Qualitativer Inhaltsanalyse) und die ausdrückliche Inklusion quantitativer Methode an dieser Stelle zwar didaktisch/methodisch sinnvoll sein mag, forschungsethisch und forschungsmethodisch aber etwas unmotiviert erscheint.

Im vierten Kapitel werden Forschungstraditionen und Erhebungsmethoden fokussiert, darin insbesondere die ethnographische Feldforschung, die teilnehmende Beobachtung und die Videoanalyse. Spätestens hier hätte sich eine Inklusion der Dokumentarischen Methode angeboten – leider Fehlanzeige. Vermutet werden kann implizit eine Exklusion dieser Methode aufgrund der differenten Einstellung zu teilnehmenden Beobachtung, die Rosenthal dann auch ausführlich kommentiert. Forschungsmethodisch problematisch erscheint in diesem Kapitel jedoch vorrangig die von der Autorin selbst deutlich akzentuierte Forderung der Protokollqualität von Beobachtungen, die dann im angefügten empirischen Beispiel dahinter zurückfallen: so wird im Beispiel (das einem Seminar an der Uni Göttingen entnommen ist) schon im Beobachtungsprotokoll eine Interpretation vorweggenommen („Sein Gesichtsausdruck und seine Körpersprache deuten auf einen bewusst provokativen Ausdruck hin“, S. 111), die nicht aus der Verschriftlichung begründbar erscheint – woran genau sind bewusst provokative Mimik und Körpersprache festzumachen? – und Rosenthal selbst nur moniert, dass im erwähnten Beispiel nur die Perspektive des betreffenden Jugendlichen aufgezeigt wird, nicht aber die der anderen Teilnehmenden /Anwesenden im sozialen Feld.

Im fünften Kapitel stehen Interviews (genauer: die Entwicklung von offenen Leitfadeninterviews bis zu narrativen Interviews) im Fokus. Rosenthal rekurriert hier auf die Diskussion zur „Leitfadenbürokratie“ bzw. offener formuliert: auf die jeweilig am Feld / Interesse definierten Offenheit. Dezidiert bezieht hier die Autorin Stellung und erläutert ausführlich die Problematik / die Vorteile des offenen Vorgehens bzw. die Nachteile der (strikten) Orientierung am Abarbeiten eines Leitfadens. Neben ausführlichen Betrachtungen zu Experteninterviews stellt Rosenthal ihre Kritik an Meuser und Nagel vor und gibt aus der Verstehenslogik interpretativer Sozialforschung heraus der narrativen Gesprächsführung den Vorzug. Diskussionswürdig bleiben wohl Aussagen im Abschnitt zu den Vertiefungsfragen, in denen am empirischen Beispiel die Notwendigkeit von Vertiefungsfragen aufgezeigt werden soll, jedoch in dieser Beweisführung einiges dafür spräche, diese (als bewiesen angenommene) Notwendigkeit der Vertiefungsfragen möglicherweise eher als prinzipiell anzusetzende Offenheit zu betrachten (aus der heraus dann Vertiefungsfragen in viele Richtungen möglich sein sollten).

Im sechsten Kapitel erfolgt eine thematische Engführung auf Biographieforschung und Fallrekonstruktionen. Darin wird neben einer ausführlichen Beschreibung theoretischer Vorannahmen vorrangig das von Rosenthal entwickelte Verfahren biografischer Fallrekonstruktionen diskutiert.

Im siebten Kapitel wird auf Inhaltsanalyse, Kodieren in der Grounded Theory und Diskursanalyse fokussiert. Der (bislang ergebnisoffene) Methodenstreit zur Qualitativen Inhaltsanalyse wird von Rosenthal argumentativ unterfüttert. Vergleichbar kritisch wird von Rosenthal das Kodieren nach Grounded Theory-Verfahren betrachtet. Diskursanalysen (als Gastkapitel mit Bettina Völters) beschließen den Band.

Fazit

Das übersichtlich didaktisch aufgebaute Buch eignet sich hervorragend als Seminarlektüre, sofern nicht darauf verzichtet wird, weitere (auch entgegengesetzt argumentierende) Autoren heranzuziehen. Es bietet eine gute informative Lektüre, die zur Vertiefung methodischer Kenntnisse in Theorie und Praxis dienen kann, sofern der subjektive Bewertungsanteil anteilig herausgerechnet wird.


Rezension von
Dr. Miriam Damrow
Hochschule Magdeburg-Stendal
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 21.07.2015 zu: Gabriele Rosenthal: Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 4. Auflage. ISBN 978-3-7799-2608-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17881.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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