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Christiane Lutz: Adoptivkinder fordern uns heraus

Cover Christiane Lutz: Adoptivkinder fordern uns heraus. Handbuch für Beratung, Betreuung und Therapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2014. 162 Seiten. ISBN 978-3-608-94869-1. D: 22,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Autorin und Thema

Christiane Lutz ist eine der erfahrensten Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutinnen in Deutschland. Seit mehr als vierzig Jahren ist sie niedergelassene Psychotherapeutin, arbeitet zudem als Dozentin und Supervisorin am C.-G.-Jung-Institut Stuttgart und pflegt eine beträchtliche Vortragstätigkeit im Rundfunk, sowie im In- und Ausland. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Archetypen, Mythologie und Märchen, vor allem aber das Thema Adoption und Adoptivkinder. Ihr umfassendes Wissen und ihre praktischen Erfahrungen in der Beratung von Adoptiveltern und in der Behandlung von Adoptivkindern hat sie in diesem Handbuch zusammengefasst. Es soll den – nicht selten – sehr belasteten Eltern Unterstützung gewähren.

Ein Kind zu adoptieren, bedeutet immer auch eine Auseinandersetzung mit eigenen blinden Flecken und den Lebensgeschichten der künftigen Adoptiv-Eltern. Bislang verleugnete Wahrheiten können erschüttern, wenn sie nicht sensibel und angemessen dosiert übermittelt werden. Hier zeigt sich die therapeutische Kunst der Autorin. Ihre Bewusstmachungen sind durchweg einfühlsam und unterstützend, aber auch wahrhaftig und nie beschönigend. Sehr hilfreich ist dabei, dass die Autorin am Ende jeden Kapitels eine Zusammenfassung der Inhalte bringt.

Aufbau und Inhalt

Gleich das erste Kapitel konfrontiert mit den vielfältigen Ursachen von Kinderwünschen. Diese beginnen bei – bewussten und unbewussten - Wünschen, es besser machen zu wollen als einst die Eltern, der Hoffnung, Spuren von Beziehung und Liebe in einem Kind hinterlassen zu wollen, aber auch der Aussicht, dass ein gemeinsames Kind das Leben eines Paares wieder lebendiger machen werde. Der Weg, ein Kind adoptieren zu wollen, ist gleichzeitig mit vielerlei Ängsten gepflastert. Die Hauptangst ist fast immer, ob das Adoptivkind, das ja nicht die Gene der Adoptiveltern hat, belastendes Erbgut in sich trägt. Manchmal bestehen auch Ängste vor Bindung und möglicherweise wird gefürchtet, dass ein Changieren zwischen Nähe und Distanz misslingen könnte.

Die wichtigsten Problembereiche werden auf vier weitere Kapitel verteilt, und die Themen werden sehr sorgfältig aufbereitet.

  • Kapitel zwei berichtet über Adoptivkinder, ihre Besonderheiten, aber auch die möglichen Belastungen.
  • Das Leben in der Adoptivfamilie steht im Mittelpunkt des dritten Kapitels.
  • Über Konflikte und ihre Lösungen wird in einem vierten Kapitel referiert und
  • im fünften Kapitel werden die Leserinnen und Leser über psychotherapeutische Behandlungen von Adoptivkindern informiert.

Kapitel zwei ist ganz sicherlich ein zentrales. Es betont die eigentlich triviale Tatsache, dass jedes Adoptivkind seine ganz eigene Geschichte hat, und diese in die Familie transportieren wird. Dieses Kapitel ist darum so bedeutsam, weil sich das Kind der Wünsche und Träume seiner Adoptiveltern von dem Kind in der Realität oft in desillusionierender Weise unterscheidet. „Fantasien hinsichtlich eines Traumkindes müssen im Land der Träume bleiben und dürfen nicht die Realität des Kindes überdecken“ (S. 68).

Lutz breitet dabei ihren therapeutischen Erfahrungsschatz aus. Denn nur Adoptiveltern, welche die Ursachen der Auffälligkeiten verstehen, können sie auch annehmen und bewältigen. Es existieren Gegebenheiten, die zur Kenntnis genommen werden müssen. Adoptivkinder sind von ihren Müttern „abgegeben“ worden, und sie haben defizitäre Bindungserfahrungen. Das grundlegende Gefühl „nicht gewollt zu sein“ lässt nicht selten ein labiles Selbstwertgefühl entstehen, der Körper kann zu etwas Fremden werden, er kann verfolgt und später sogar deformiert oder verletzt werden. Bei Jungen werden sich die Bindungsstörungen und Traumafolgen nicht selten über Bewegungsunruhe und unzureichender Affektkontrolle äußern, so dass sie rasch die Diagnose ‚ADHS‘ erhalten. Darum brauchen die männlichen Adoptivkinder ganz besonders präsente Väter in der Familie, aber auch in der öffentlichen Erziehung. Lutz verschweigt nicht, dass Adoptivkinder zur psychischen, somatoformen oder auch psychosomatischen Symptombildung neigen, zu vielfältigen Verhaltensproblemen, Einnässen oder zu Durchbrüchen ungesteuerter Wut.

In unaufdringlicher Weise beschreibt Lutz die Tatsachen, erklärt die unbewussten Hintergründe, unterstützt die Eltern und nimmt ihnen Schuldgefühle. Symptome sind verschlüsselte Botschaften, mit denen kreativ umgegangen werden kann und Aggressionen sind durchaus Vertrauensbeweise und Tests hinsichtlich der Belastbarkeit von Beziehungen. Hier rät Lutz, Verhalten und Person beim Kind zu trennen, dies „fördert die innere Sicherheit auf beiden Seiten“ (S. 33). Besonders beeindruckend fand ich, dass Lutz bei der Schilderung von ‚besonderen‘ Adoptivkindern die geistig behinderten nicht vergessen hat, die einem neurotischen Teufelskreis in besonderer Weise ausgeliefert sind. Sie benötigen oft Therapie, die oft nicht leicht zu finden ist.

Kapitel drei ist dem Leben in der Adoptivfamilie gewidmet. Hier geht es um die Diskrepanz von Engagement und den Irritationen durch die Umwelt und ständigen Verunsicherungen der Elternrolle.

  • Wie sieht der Alltag mit einem Adoptivkind aus, das, wie ein eigenes Kind, schicksalshaft an mein Leben gebunden ist?
  • Wie entsteht sichere Bindung, welche die Voraussetzung für Selbstbewusstsein und Urvertrauen ist?
  • Wie kann ich mit den alltäglichen Konflikten umgehen?
  • Gewähren lassen oder begrenzen?
  • Wie ist mit den Schaltstellen der Entwicklung umzugehen bis hin zu Pubertät und Loslösung?
  • Wann ist es ratsam, Hilfe zu suchen? Warum ist diese kein Ausdruck von Versagen, sondern eine zeitweilige Unterstützung und Entlastung?

Ein wichtiger Bereich ist in diesem Kapitel der zeitgerechten Aufklärung des Kindes gewidmet, die für Lutz ein lebenslanger Prozess ist und der mit zur Identitätsfindung beiträgt. Hier braucht es besondere Einfühlung der Adoptiveltern, denn es müssen gelegentlich höchst verstörende Ereignisse offenbart werden, wie etwa Ausgesetzt sein, Misshandlungen und andere Traumata, die das schon zwiespältige Bild der „negativen Mutter“ noch verfestigen könnten. Vielleicht werden unbewusste Fantasien erneut mobilisiert, vielleicht kommt es sogar zu Retraumatisierungen. Je nachdem, ob eine Inkognito-Adoption erfolgt ist, eine halboffene oder eine offene Adoption, werden die Adoptiveltern vor spezifische Schwierigkeiten gestellt, deren Lösungen nur über ein „Höchstmaß an Offenheit und Konfliktbereitschaft“ gefunden werden können (S. 110). Den Konflikten und ihren Lösungen wird schließlich ein ganzes Kapitel gewidmet.

Christiane Lutz ist eine erfahrene Psychotherapeutin. Psychotherapie bietet einer Adoptivfamilie die bestmögliche Hilfestellung. Ihr letztes großes Kapitel ist darum den therapeutischen Interaktionen mit Adoptivkindern gewidmet, die sich erheblich von den Therapien mit leiblichen Kindern und ihren Eltern unterscheiden. Ganz nebenbei gibt Lutz einen Einblick in ihre psychotherapeutische Arbeit über Symbolik, unbewusste Mitteilungen eines Kindes mit Malen, Sandspiel, Rollenspielen etc, sowie natürlich der Sprache, aber auch über Mythen und Märchen. Dazu gehört natürlich die intensive Arbeit mit den Adoptiveltern.

Fazit

Das Buch von Christiane Lutz informiert nicht nur exzellent. Es ist vor allem ein sehr nützliches Buch, das Adoptiveltern und ihre Kinder in ihren Nöten sehr ernst nimmt, sie aber nicht allein lässt. Es ist ein Buch voller kreativer Lösungsversuche. Dazu ist es in einer einfachen Sprache verfasst, die nicht „vereinfacht“, aber Komplexes gut verstehbar werden lässt. Ein sehr detailliertes Inhaltsverzeichnis macht ein Stichwortverzeichnis überflüssig. Natürlich werden Fachleute, Sozialpädagogen und Lehrer, von diesem Buch profitieren; es ist jedoch in erster Linie ein wichtiges Buch für Eltern von Adoptivkindern und für alle, die mit ihnen zu tun haben.


Rezensent
Dr. Hans Hopf
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Zitiervorschlag
Hans Hopf. Rezension vom 08.12.2014 zu: Christiane Lutz: Adoptivkinder fordern uns heraus. Handbuch für Beratung, Betreuung und Therapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-608-94869-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17884.php, Datum des Zugriffs 26.06.2019.


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