Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Bernd Roedel: Praxis der Genogrammarbeit oder die Kunst des banalen Fragens

Rezensiert von Ulrike Koch, 28.11.2014

Cover Bernd Roedel: Praxis der Genogrammarbeit oder die Kunst des banalen Fragens ISBN 978-3-86145-308-6

Bernd Roedel: Praxis der Genogrammarbeit oder die Kunst des banalen Fragens. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2014. 7., überarbeitete Auflage. 176 Seiten. ISBN 978-3-86145-308-6. 19,80 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Das Buch handelt von der Genogrammarbeit, einer Methode, die in Settings von (Systemischer) Beratung und [Systemischer (Familien-)]Therapie sowie in der Supervision Anwendung findet. In der Verbindung mit der Genogrammarbeit führt Bernd Roedel ebenso in eine spezifische Form des Fragens, in „Die Kunst des banalen Fragens“ (vgl. Untertitel) ein. Vertiefend lässt sich sagen, mit dem Buch thematisiert der Autor die Perspektive auf mehrere Generationen (in Form einer von einer Person erzählten Herkunftsgeschichte) und er beschreibt eine besondere Art des Fragens, die den Suchprozess der erzählenden Person (unter-)stützt. Das Buch gibt im letzten Teil die Erzählung einer weiblichen Person wieder, hier Claudia genannt. Bernd Roedel erklärt, dass Buch „[…] erzählt auch davon, wie ich versuche zu verstehen, was sie mir erzählt. […]“ (Vorwort 1989/2014, S. 8).

Autor

Bernd Roedel ist appr. Psychologischer Psychotherapeut, Verhaltenstherapeut, Systemischer Therapeut, Lehrtherapeut und Systemischer (Lehr-)Supervisor. Seit 1994 arbeitet er am Stuttgarter Institut für Systemische Therapie, Beratung und Supervision. Darüber hinaus ist er auch in einer eigenen Praxis tätig.

Entstehungshintergrund

Die erste Auflage erschien 1990. Bernd Roedel stellte erstmals die Genogrammarbeit mit Claudia vor, „[…] die im Rahmen eines dreitägigen Genogrammseminars […]“ (S. 8) stattfand (vgl. Vorwort 1989/2014, S. 8). Die damalige Seminargruppe stand am Anfang einer familientherapeutischen Weiterbildung. Die jeweiligen neuen Auflagen sollen die vielen Erfahrung des Autors in seiner langjährigen Praxis widerspiegeln (vgl. Vorwort 2006/2014, S. 7).

Zielgruppe

Leserinnen und Leser aus Sozialer Arbeit, [Systemischer (Familien-)]Therapie und Beratung sowie aus Supervision und Aus-, Fort- und Weiterbildung in diesen Arbeitsfeldern.

Aufbau und Inhalt

Neben dem Geleitwort von Eckhard Sperling (S. 7), den Vorworten aus 1990 (S. 8) und 2006 (S. 9) und der Einführung (S. 10) umfasst das Buch drei unterschiedlich lange Kapitel.

1. Einführung (S. 10). Mit kurzen Worten verdeutlicht Bernd Roedel seine gang eigene Einstellung und Intention zur Arbeit mit Genogrammen. Gleichfalls definiert er den Sinn und Zweck dieser therapeutischen Methode – insbesondere mit Blick auf die erzählende Person.

2. Hypothesenbildung (S. 11 – 62).

Zunächst geht es um Aspekte und Faktoren entlang derer bzw. auf Grundlage derer sich Arbeitshypothesen in beratenden und therapeutischen Szenarien formulieren lassen. Bernd Roedel skizziert zu Beginn maßgebliche Ansichten zum Begriff Hypothese (S. 11) und schließt mit Ausführungen zu den verschiedenen Aspekten und Faktoren an. Er beginnt mit Ausführungen zu den ‚Geschwisterkonstellationen‘ (S. 11 – 17). Über die Besonderheiten und Bedingungen der jeweiligen Position hinaus, geht Bernd Roedel auch auf die spezifischen Rollenmuster ein.

Die Bedeutung abwesender Elternteile‘ stehen anschließend im Fokus (S. 18ff.), vor allem mit Blick auf Verluste durch Tod oder Scheidung. Gleiches gilt für den Blick auf ‚Stieffamilien‘ (S. 20 – 23).

Den nächsten Punkt übertitelt Bernd Roedel mit ‚Die Dauermutter‘ (S. 23f.). Er geht hier auf spezifische Muster ein, die sich ergeben, wenn immer wieder Kinder in eine Familie hineingeboren werden oder die selbst Grund hierfür sind.

Beim folgenden Punkt ‚Replacement-child‘ (S. 24ff.) werden die Folgen in den Blick genommen, welche auftreten, wenn ein Kind geboren wird, um den Platz für eines zuvor verstorbenen Kindes einzunehmen.

Hiernach geht Bernd Roedel auf den Aspekt ‚Kinderlose Kinder‘ ein – u.a. mit Blick auf die Geschwisterkonstellation – (S. 25f.).

Eine „[…] der schwierigsten Erfahrungen die wir im Leben machen müssen […]“ (S. 26), ist das Erleben von ‚Trauer und Verlust‘ welche an dieser Stelle Beachtung finden (S. 26 – 31) und nachfolgend das Phänomen der ‚Geheimnisse und Tabus‘ (S. 31 – 34), die es in Familien gibt.

Sehr ausführlich wird Bernd Roedel beim Thema ‚Sexueller Missbrauch und Gewalt‘ (S. 35 – 62). Nach einigen Worten zu begünstigenden Faktoren und die sich hieraus ergebenden Auswirkungen für das Opfer (S. 35ff.) geht es vertiefend um die ‚Familiendynamik in Missbrauchsfamilien‘ (S. 37 – 44) und ‚Familienstruktur […]‘ (S. 44 – 57). Der Blick auf die Strukturen beinhaltet neben der Beachtung von Rollen auch Erläuterungen zu Fragen im Hinblick auf die Mütter (S. 47ff./S. 53 – 57), die Väter (S. 45f./S. 50ff./S.60ff.) und die Geschwister (S. 57 – 60) in den Herkunftsfamilien eines Opfers. Hiermit beschließt der Autor das zweite Kapitel.

3. Praxis der Genogrammarbeit (S. 63 68).

Zunächst erklärt Bernd Roedel: ‚Was bedeutet Genogrammarbeit?‘ (S. 63) und welche ‚Anwendungsmöglichkeiten des Genogramms‘ (S. 66) gibt es?

Im Folgenden geht er auf ‚Die Kunst des banalen Fragens‘ (S. 68) ein. Neben der reinen Sachbeschreibung beinhalten die Ausführungen zu allen drei Aspekten immer auch den Blick auf Sinn und Zweck sowie auf die jeweilige Zielsetzung.

Anhand eines Beispiels wird nun ‚Das Vorgehen bei der Genogrammarbeit‘ (S. 72) und auch die Phase der ‚Vorbereitung‘ (S. 74 – 81) ausführlich dargestellt. Bei dem Beispiel handelt es sich um die bereits im Vorwort (1989/2014, S. 8) erwähnte Erzählung der Seminarteilnehmerin Claudia. An dieser Stelle verweise ich (Rezensentin) auf das Genogramm von Claudia und ihrer Familie im Anhang des Buches. Dies, weil es im Folgenden um die Genogrammarbeit mit Claudia geht.

4. Die Genogrammarbeit (S. 82. 171).

Die Ausführungen beginnen mit der Wiedergabe der Phase der Exploration und hier mit dem Blick auf ‚Die großelterliche Familie väterlicherseits‘ (S. 82 – 97) und ‚[…] mütterlicherseits‘ (S. 97 – 112).

Hiernach folgt eine detaillierte Wiedergabe der Erzählung und Genogrammarbeit zu ‚Claudias Kernfamilie‘ (S. 112 – 153). Bernd Roedel beschreibt diesen ersten Teil als eine Phase der Informationsgewinnung über Beziehungen.

Im Anschluss geht es um die Phase der ‚Zusammenfassung der Genogrammarbeit‘. Im Mittelpunkt steht hier die Vertiefung der Erkenntnisse aus der Phase der Exploration (S. 153 – 169).

Bernd Roedel beschließt das Buch mit dem Blick auf die Phase der ‚Nachgedanken‘ (S. 169 – 171), in der das weitere Vorgehen der Erzählenden mit ihren Erkenntnissen aus der Genogrammarbeit besprochen wird.

Diskussion

Das zweite Kapitel erfasst pointiert die häufigsten und zentralen Ausgangspunkte für die – das jeweilige (Familien-)Thema betreffend – Phase der Hypothesenbildung in Settings von (Systemischer) Beratung, (Systemischer)Therapie und Supervision. Oder, wie im Buch in Settings von Aus-, Fort- bzw. Weiterbildung für soziale oder therapeutische Arbeitsfelder.

Neben der Bedeutung anwesender oder eben nicht anwesender Familienmitglieder werden auch spezifische Aspekte und Situationen bedacht, die zum Ausgangspunkt einer Hypothese werden können, wie Trauer und Verlust, wie Geheimnisse und Tabus oder wie Gewalt bis hin zum sexuellen Missbrauch. Bernd Roedel geht hier auch auf die spezifische Dynamik und Struktur von – wie er sie nennt – Missbrauchsfamilien ein

Im Folgekapitel stellt der Autor neben einer Definition auch mögliche Anwendungsbereiche und die besondere Form des Fragens – er nennt diese ‚ Die Kunst des banalen Fragens‘ – vor. Darüber hinaus gibt er einen Einblick in das Vorgehen bei einer Genogrammarbeit. Am Ende des Kapitels steht die Phase der Vorbereitung für die im vierten Kapitel wiedergegebenen Genogrammarbeit im Mittelpunkt. Das dritte Kapitel bereitet sozusagen den Boden der Nachvollziehbarkeit dieser Genogrammarbeit vor.

Das vierte Kapitel ist das Replikat einer tatsächlich stattgefundenen Genogrammarbeit, dargestellt in drei Phasen: Exploration (Informationsgewinn), Zusammenfassung (vertiefende Konzentration auf die in der ersten Phase herausgearbeiteten Erkenntnisse) und Nachgedanken (wie soll es weitergehen).

Fazit

Ich bin wirklich erstaunt darüber, wie es Bernd Roedel schafft, die maßgeblichen Aspekte mit wenigen Worten wieder zu geben und dennoch eine gewisse Tiefe in das Thema hinein zu transferieren. Das Buch ist eine gelungene Einführung in den Ansatz und in die Idee einer mehrgenerationalen Perspektive. In Beratung oder Therapie kann dies ein Wirkfaktor sein, den Eckhard Sperling in seinem Geleitwort in meinem Sinne als „[…] historische Dimension […].“ (S. 7) bezeichnet. Herausheben möchte ich das zweite Kapitel mit seiner Breite an berücksichtigten Ausgangspunkten für die Phase der Hypothesenbildung. Die Ausführlichkeit beim Thema ‚Sexueller Missbrauch und Gewalt‘ ist meiner Meinung nach zu Kosten der Ausführlichkeit bei den anderen Themenbereichen gegangen. Gefallen hat mir vor allem auch die Praxisnähe, insbesondere, wo deutlich wird, dass Bernd Roedel seine ganz eigene Arbeitsweise wieder gibt. Ein Beispiel hierfür sind die Beschreibungen über die ‚Kunst des banalen Fragens‘. Ich kann das Buch allen empfehlen, die sich einen Einblick in die Theorie und Praxis der Genogrammarbeit verschaffen möchte.

Rezension von
Ulrike Koch
M.A., Zusatzqualifikationen als Systemische Beraterin und Kulturpädagogin. Zwischen 2009 und 2018 tätig in den Bereichen Jugendarbeit, Schulsozialarbeit, Beratung von Familien, vertiefende Berufsorientierung, Jobcoaching und zum Schluss als Sozialarbeiterin im Kinderschutz.
Mailformular

Es gibt 14 Rezensionen von Ulrike Koch.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ulrike Koch. Rezension vom 28.11.2014 zu: Bernd Roedel: Praxis der Genogrammarbeit oder die Kunst des banalen Fragens. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2014. 7., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-86145-308-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17889.php, Datum des Zugriffs 21.05.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht