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Virginia Bell, David Troxel: Personenzentrierte Pflege bei Demenz

Cover Virginia Bell, David Troxel: . Das Best-Friends-Modell für Aus- und WeiterbildungDas Best-Friends-Modell für Aus- und WeiterbildungPersonenzentrierte Pflege bei Demenz. Das Best-Friends-Modell für Aus- und Weiterbildung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2004. 307 Seiten. ISBN 978-3-497-01695-2. 33,00 EUR.

Reihe: Reinhardts gerontologische - Band 29. Originaltitel: The best friends staff - building a culture of care in Alzheimer's programs". Mit 99 Ausbildungstools.
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Zur Thematik des Buches

Im Bereich der Demenzpflege und Demenzbetreuung ist seit einigen Jahren eine Dynamik dahingehend zu verspüren, dass immer wieder neue Konzepte oder Modelle offeriert werden. Realitätsorientierungstraining, Validation, Mäeutik und das Böhm'sche Pflegemodell sind gegenwärtig die wohl bekanntesten Ansätze. Es muss jedoch konstatiert werden, dass für alle diese Modelle weder eine wissenschaftliche Fundierung noch eine empirische Überprüfung hinsichtlich der Effektivität und Effizienz vorliegen. Der Grund hierfür liegt u. a. in dem Sachverhalt, dass bei der Konzeptbildung dieser Modelle meist auf populäre Konstrukte der Psychologie wie Psychoanalyse oder "humanistische Psychologie" zurückgegriffen wird, die selbst der Sphäre der vorwissenschaftlichen Spekulation zuzuordnen sind.

Bei jedem neuen Modell der Demenzpflege stellt sich die Frage, auf welchen Erfahrungen und Erkenntnissen das Konstrukt basiert, um es hinsichtlich einer eventuellen Praxistauglichkeit besser einschätzen zu können.

Das im vorliegenden Buch vorgestellte "Best-Friends-Modell" stammt aus den USA, wo es bereits in verschiedenen Einrichtungen der Altenhilfe zur Anwendung gelangt ist.

Autoren

Virginia Bell arbeitet als Beraterin der Alzheimer-Gesellschaft in Lexington, Kentucky.

David Troxel ist Geschäftsführer der Alzheimer-Gesellschaft in Santa Barbara, Kalifornien.

Inhalt

Die Arbeit ist in zehn Kapitel untergliedert, wobei den Kapiteln 2 - 10 jeweils eine Sammlung von Übungsmaterialien (so genannte "Ausbildungstools") für die Aus- und Weiterbildung zugeordnet sind. Diese "Tools" bestehen aus "Aufwärmübungen", Programmvorschlägen, Lernspielen und Übungen zum Thema "Geschickter werden", die jeweils eine Buchseite umfassen.

  • Im ersten Kapitel (Das Best-Friends-Modell) werden in kurzen Abschnitten die grundlegenden Elemente dieses Ansatzes skizziert. Es handelt sich hierbei um ein Modell, das vorwiegend auf den Grundlagen des gesunden Menschenverstandes, der Spontaneität, des Humors, der Geduld und der Achtung der Würde der Betroffenen beruht.
  • Kapitel 2 (Personal einstellen, ausbilden und entwickeln) enthält die wesentlichen Aspekte einer Personalanleitung, Personalmotivierung und Qualifizierung, um die Mitarbeiter gemäß der Konzeption des Ansatzes optimal einsetzen zu können. Hierzu gehören u. a. auch Auszeichnungen (Urkunden und Anstecknadeln), Geldprämien und Sachleistungen (T-Shirts, Sweatshirts).
  • Kapitel 3 (Medizinisches Grundwissen) behandelt in knapper Form das Basiswissen über Demenzen hinsichtlich Krankheitsursachen, Symptomatik und die pharmakologische Behandlung.
  • Im vierten Kapitel (Wie Betroffene Alzheimer-Demenz erleben) beschäftigen sich die Autoren mit den Verarbeitungsweisen, den Gefühlen und Empfindungen der Demenzkranken und wie man hierauf angemessen reagieren sollte.
  • Das fünfte Kapitel (Pflegeassessment und Erwartungen) enthält das so genannte "Best-Friends-Assessment", einen kurzen Erhebungsbogen u. a. über den kognitiven Status, Persönlichkeitszüge, problematische Verhaltensweisen und deren Auslöser. Des Weiteren werden Ausführungen über die Pflegeplanung u. a. anhand eines Beispieles für einen individuellen Pflegeplan gemacht.
  • Kapitel 6 (Freundschaft) beschreibt eingehend die normativen Verpflichtungen, die eine Pflege- oder Betreuungskraft erfüllen sollte, um ein "Freund" eines demenziell Erkrankten werden zu können. Verwiesen wird hierbei u. a. auf das Prinzip der Gruppen- oder Bezugspflege für die Betreuung in den Heimen und Tagesstätten. Darüber hinaus wird von den Pflegekräften erwartet, dass sich jede Pflegekraft einen Bewohner als speziellen "Freund" heraussucht, der mindest eine Stunde pro Woche zusätzlich intensiv betreut werden sollte. Auch wird die Empfehlung gegeben, dass jeder Bewohner drei Umarmungen pro Schicht erhalten sollte.
  • In Kapitel 7 (Die Lebensgeschichte) werden die üblichen Konzepte zur Erstellung einer Biografie (Biografie-Bogen u. a.) vorgestellt, die Voraussetzung für die Verbesserung und Erleichterung der Pflege und Betreuung Demenzkranker darstellen. Neu ist hierbei der Sachverhalt, dass zusätzlich von den Pflegekräften erwartet wird, ihre eigene Lebensgeschichte zu Papier zu bringen und in der Einrichtung allen Mitarbeitern zugänglich zu machen.
  • Kapitel 9 (Gute Freunde unternehmen etwas zusammen) enthält das ganze Spektrum der Aktivierung Demenzkranker: Orientierung an der Biografie, Stimulierung möglichst vieler Sinne, der Einsatz von Tieren. Zusätzlich werden Empfehlungen über Milieuaspekte, Dauer und Gestaltung der Aktivierungsmaßnahmen gegeben.
  • In Kapitel 10 (Pflegende Angehörige als Mitglieder des Best-Friends-Teams) steht der Umgang mit den Angehörigen im Mittelpunkt der Ausführungen. Zentral hierbei sind die Empfehlungen, die Angehörigen möglichst in vielen Sphären wie z. B. Pflegeplanung und Aktivierungsmaßnahmen verstärkt einzubinden bzw. sie hierüber ausreichend zu informieren.
  • Der Abschluss der Publikation besteht aus einem Fazit, in dem es vor allem um Fragen der Personalführung geht.

Kritische Würdigung

Dieses Buch ist dem Rezensenten vertraut und fremd zugleich. Vertraut, weil hier im Umgang mit demenziell Erkrankten Spontaneität, Humor, Ablenkungs- und Beruhigungsstrategien favorisiert werden, die auch in deutschen Pflegeheimen praktiziert werden.

Fremd hingegen wirken die Pflegephilosophie und die Erwartungen an die Mitarbeiter in der Pflege und Betreuung. Fremd erscheint die Ausrichtung auf das Einzelwesen, sei es nun der Mitarbeiter oder der demenzkranker Bewohner. Nur einzelne Mitarbeiter werden positiv sanktioniert, nicht jedoch die Pflegegruppe oder das Pflegeteam, das in diesem Buch mit keinem Wort erwähnt wird. Es scheint es also in der Pflegephilosophie des "Best-Friends-Modelles" dann auch wohl gar nicht zu geben. Auch der Bewohner soll nur als Einzelwesen von einem Mitarbeiter quasi als Lieblungsbewohner bevorzugt und zusätzlich betreut werden.

Dass das Heim aus Bewohner- und Mitarbeitergemeinschaften mit ihren inhärenten Regeln des zwischenmenschlichen Umganges besteht, die zwecks Vermeidung von Konflikten und Spannungen strikt berücksichtigt werden sollten, wird den Autoren nicht bewusst. Völlig unprofessionell ist auch das Anliegen, dass Mitarbeiter "Freundschaften" mit ihren Bewohnern eingehen sollten. Pflegekräfte können den ständigen und leidvollen Abbauprozess Demenzkranker meist nur durch eine begrenzt mögliche professionelle Distanz bewältigen, die ihnen psychosozial das Vermögen zur Abgrenzung und damit auch zur Relativierung gibt. Andernfalls würden sie recht schnell psychisch "ausbrennen".

Fazit

Das vorliegende Buch enthält leider keine neuen Anregungen und Perspektiven für die Pflege und Betreuung Demenzkranker. Im Gegenteil, es werden Konzepte und Strategien im Umgang mit Mitarbeitern und auch Bewohnern offeriert, die das Zusammenarbeiten und damit auch die Lebenswelt der Bewohner negativ zu beeinflussen vermögen.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 07.09.2004 zu: Virginia Bell, David Troxel: . Das Best-Friends-Modell für Aus- und WeiterbildungDas Best-Friends-Modell für Aus- und WeiterbildungPersonenzentrierte Pflege bei Demenz. Das Best-Friends-Modell für Aus- und Weiterbildung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2004. ISBN 978-3-497-01695-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1789.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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