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Franz Joseph Freisleder, Harald Hordych: Anders als die anderen

Cover Franz Joseph Freisleder, Harald Hordych: Anders als die anderen. Was die Seele unserer Kinder krank macht. Piper Verlag GmbH (München) 2014. 253 Seiten. ISBN 978-3-492-05535-2. D: 22,99 EUR, A: 23,70 EUR, CH: 32,90 sFr.
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Thema

Franz Joseph Freisleder und Harald Hordych erläutern psychische Störungsbilder, die bereits im Kindheits- und Jugendalter auftreten. Die Thematik habe in den letzten Jahren, so das Autorenduo, nicht an Bedeutung gewonnen, weil psychische Erkrankungen bei Minderjährigen zugenommen hätten, sondern vielmehr, weil Erziehungsberechtigte und andere erwachsene Bezugspersonen im Umfeld der Kinder eventuelle Besonderheiten schneller registrierten und den Betroffenen die notwendige Behandlung ermöglichten.

Anliegen der Publikation ist es in erster Linie in noch stärkerem Maße zu sensibilisieren: alle, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, müssen für Sorgen, Nöte und Symptome ihrer Schutzbefohlenen empfänglich und dabei gleichzeitig imstande sein Ressourcen zu erkennen und zu fördern.

Autoren

Prof. Dr. med Franz Joseph Freisleder arbeitet seit mehr als 28 Jahren als Kinder- und Jugendpsychiater. Seit 1997 leitet er das kbo-Heckscher-Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Harald Hordych ist Buchautor, Journalist und Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung.

Aufbau

Die zehn Kapitel des Buches sind nicht nummeriert, sondern weisen ausnahmslos Überschriften auf, die die Neugierde der Leser wecken. Alle folgen einem stringenten Schema: auf einen narrativen Einstieg folgt die Darstellung der Begegnung mit den jeweiligen Jugendlichen. Bemerkungen zur Störung im Allgemeinen, dann bezogen auf Kinder oder Jugendliche, sowie Erläuterungen zu möglichen Ursachen, Therapien und Chancen runden die Kapitel ab.

Gerade die Re- und Neukonstruktion des Realen im Narrativen entfaltet einen hohen Erkenntniswert. Texte mit teilweise literarischer Färbung zum Einstieg erinnern daran, wie Georg Lukács die Tätigkeit eines realistisch orientierten Schriftstellers beschreibt: dieser wähle aus der „extensiven Totalität“ der Wirklichkeit, verdichte ihre Elemente zur „intensiven Totalität“ eines „Typus“, der Allgemeines und Individuelles indiziere. Modellhafte Betrachtungen schildern in der vorliegenden Publikation die individuelle fiktionale Geschichte eines Jugendlichen und haben damit typologischen Stellenwert.

Sehr ansprechend ist, dass sich Freisleder und Hordych um Variationen in den einzelnen Geschichten bemühen – manchmal schreiben sie aus einer auktorialen Perspektive, manchmal aus dem Blickwinkel der Betroffenen und mitunter auch personal, aus der Perspektive einer Lehrerin etwa.

Inhalt

Unter dem Titel „Haus mit Blick auf den See“ konstruieren Freisleder und Hordych die Geschichte der 16jährigen Charlotte, die unter Anorexie leidet. Diese, so könnte man sagen, „typische Magersüchtige“, kommt aus einem an sich intakten Elternhaus und brilliert auf dem Gymnasium. Mit einem Körpergewicht von 41 Kilo bei einer Größe von 1,71m wird sie in die Notfallambulanz der psychiatrischen Klinik eingeliefert. Charlottes Symptomatik begann, als der 58jährige Vater arbeitslos wurde. Nach dem Klinikaufenthalt kehrt Charlotte nicht nach Hause zurück, sondern lebt in einer Wohngruppe.

„Ganz allein mit allen“ präsentiert sehr eindringlich die Situation des sieben Jahre jungen Felix, der am Aspergersyndrom erkrankt ist. Er lebt zwar im Kreise seiner Eltern und zweier Geschwister, doch seine Welt bleibt „stumm“. Ihm fehlt die emotionale Teilhabe. Anstatt sich an gemeinsamen Spielen zu erfreuen, formuliert er mitunter kontextfreie Sätze, wie etwa „Baumwolle ist wie Wolle […] Aber sie wächst nicht an Schafen, sondern an Bäumen“ (S. 43). Nach heutigem Kenntnisstand, so betonen Freisleder und Hordych, liegen der Erkrankung vorwiegend biologisch-organische Ursachen zugrunde.

Der neunjährige Leon ist „innerlich immer unterwegs“ (so der Titel des Kapitels), denn er hat mit ADHS zu kämpfen. Sein Leben zeigen die Autoren aus der Perspektive der Grundschullehrerin Frau Lauenstein, auf deren Initiative hin Leon in der psychiatrischen Ambulanz vorgestellt wird. An der Behandlung von ADHS scheiden sich seit langem die Geister – Freisleder berichtet, dass er in seiner Praxis sowohl Eltern begegne, die eine pharmakologische Behandlung a priori ablehnten als auch solchen, die sich im Erstgespräch Methylphenidat (Ritalin) oder eine andere medikamentöse Behandlung für ihr Kind wünschten. Letzteres ist ganz klar ein Novum.

Während ADHS und Anorexie primär in Kindheit und Jugend zu verorten sind, sieht es bei Zwangsstörungen anders aus. Dass diese indessen nicht nur bei Erwachsenen auftreten, beweist der Fall der 16jährigen Helene („Im toten Winkel“). Als Einstieg einen Brief der Mutter an Professor Freisleder zu nehmen und diesen nicht zu kommentieren, ist ein geschickter Schachzug. Sätze wie „Probleme und Krisen haben es schwer, wenn in einer Familie mit der gebotenen Entschlossenheit und mit einer über viele Generationen erworbenen sittlichen Reife dem Chaos und der Unordnung kein Platz gelassen wird“ (S.82) wirken überzogen und für Außenstehende sogar in hohem Maße ironisch. Vor allem jedoch sind sie selbsterklärend, denn Helene, Inkarnation des Ordo-Gedankens, hat diese Ansprüche so internalisiert, dass sie ihr Verhalten lenken und sich dabei selbst ad absurdum führen, ein System kreieren, das unweigerlich in einen Kollaps münden wird. Die Ordnungshypertrophie gebiert Realitätsverlust. In diesem Stadium dienen Psychopharmaka und kognitive Verhaltenstherapie dem Abbau von Zwangshandlungen.

Besonders berührend ist das Schicksal des vierzehnjährigen Nadim, der mit seinen Träumen „immer ganz woanders“ (Titel des Kapitels) ist. Nach seiner Flucht aus Afghanistan hat er eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. In Fantasien und Tagträumen wiederholt er nicht nur seine unsagbar schrecklichen Erlebnisse, sondern er zeigt auch ein massiv selbstschädigendes Verhalten. Obwohl mit vielen Aktionen, unter anderem ein Fußballspiel mit dem Lieblingsclub des Jungen, ein Gegengewicht zum Trauma gesetzt werden kann, bleibt die Prognose sehr unsicher.

Auf die Risiken der Nutzung digitaler Medien wird immer wieder hingewiesen. Wie fatal sich Computerspielsucht („Internet Gaming Disorder“) bei Jugendlichen auswirken kann, ist noch nicht in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gedrungen. Aus der Perspektive des Vaters zeigt das Kapitel „Hier ist mein wahres Ich“; unter welchen Rahmenbedingungen das Dauerspiel am Computer die jugendliche Seele massiv schädigt. Mit dem Erleben von Defiziten in der Familie geht die Evasion in die vermeintlich heile Welt der Videospiele einher. Wenn diese verlassen werden muss, entstehen extreme inter- und intraindividuelle Aggressionen.

Dass psychische Belastungen zu kriminellen Handlungen führen können, konkretisiert sich in dem Kapitel „Auf der Wiese zwischen den Häusern“. Der 16jährige Konstantin, ein übergewichtiger Junge in Außenseiterposition, benimmt sich gegenüber einem fünfjährigen Mädchen exhibitionistisch und wird von dessen Vater zur Verantwortung gezogen. Im Zuge seiner sexuellen Reifungskrise balanciert Konstantin auf dem schmalen Grat zwischen psychischer Störung und Kriminalität. Damit ist er – so wie andere jugendliche Delinquenten – eine große Herausforderung für den Kinder- und Jugendpsychiater.

Einen relativ breiten Raum nimmt die Vorstellung der Schizophrenie ein. Seit langem ist bekannt, dass die Erstmanifestation häufig in der Adoleszenz liegt. Dies bestätigt das Schicksal der 17jährigen Isabell, das in dem Kapitel „Allein mit den bösen Stimmen“ zunächst in einem Dialog der Eltern vorgestellt wird. Isabell hat sich aus ihrem sozialen Umfeld zurückgezogen und hört Stimmen, u.a. spricht eine Frau aus dem Fernseher zu ihr. In seiner Akutphase muss das „paranoid-halluzinatorische Syndrom“, das bei Isabell zum Ausbruch kommt, mit Antipsychotika behandelt werden. Mit einer Chronifizierung und einer lebenslang erforderlichen Medikation ist zu rechnen.

„Ein irrer Typ“ – so bezeichnet sich der 16jährige Thomas selbst. Sein Tourettesyndrom äußert sich nicht nur in spontanen, situationsinadäquaten Äußerungen, wie etwa „Alte Schlampe, halt doch die Fresse“ und Heftigeres zur Mutter, sondern zusätzlich in känguruartigen Sprungbewegungen, die er immer dann einsetzt, wenn er eine unangenehme Situation hinter sich lassen möchte. Seine motorischen Ticsyndrome haben sich im Laufe der Jahre gesteigert und machen zu Beginn der Therapie ein soziales Leben fast unmöglich. Die Prognose ist jedoch günstig, denn wirksame Therapien und Bewältigungsstrategien stehen zur Verfügung.

Das letzte Kapitel des Bandes („Kalt und dunkel“) beginnt mit den Briefen, die Laura, 17 Jahre alt, an Carlotta schreibt – eine junge Frau, die sich in einem Film das Leben nimmt. Indem sie ihre Gedanken dieser fiktionalen Figur mitteilt, gelingt es Laura einen Teil der Spannungen abzubauen, die im Zuge ihrer Depression entstehen. Als Laura, Tochter einer Alkoholikerin und Schwester eines minderjährigen Mädchens, die Aufgaben im Haushalt nicht mehr bewältigen kann, schneidet sie sich „zum ersten Mal richtig“ (S.218). Nach dem Suizidversuch bleibt Laura in psychiatrischer Behandlung, bevor sie danach in eine therapeutische Wohngruppe zieht.

Freisleder und Hordych betonen immer wieder, dass die Ursachen von psychischen Störungen keineswegs ausschließlich psychosozialer Natur sind, so gut wie nie das Elternhaus oder das Umfeld allein dafür verantwortlich zu machen sind. Vielmehr liegt bei vielen Erkrankten eine genetische Disposition vor, zu der weitere biologisch-organische Ursachen treten können. Wenn auch rein quantitativ keine oder kaum eine Zunahme von psychischen Störungen im Kindheits- und Jugendalter zu verzeichnen ist, so doch qualitativ insofern, als zum einen eine signifikante Zunahme einiger Syndrome (so etwa Angststörungen, Depressionen, Spielsucht) beobachtet werden kann und zum anderen in stärkerem Maße als früher Komorbidität, das gleichzeitige Auftreten von zwei und mehr Störungen, vorliegt. Grundsätzlich, so das Fazit der Autoren, könne „jedes Kind und jeder Jugendliche einmal psychisch erkranken“ (S. 246).

Diskussion

Nur einen Teil der psychischen Beeinträchtigungen würde ein nicht psychiatrisch oder psychotherapeutisch geschulter Leser bereits bei Kindern und Jugendlichen vermuten. Während Anorexie und ADHS zweifelsohne zu den im Adoleszenzbereich omnipräsenten und entsprechend in der pädagogischen sowie psychologischen Fachliteratur diskutierten Syndromen gehören, werden z.B. Zwangsstörungen und das Tourettesyndrom landläufig eher im Erwachsenenalter verortet. Hier leisten Freisleder und Hordych echte Aufklärungsarbeit.

Für einen Querschnitt aus der Praxis macht der Bekanntheitsgrad zwar keinen Unterschied, aber dennoch bleibt anzumerken, dass sich gerade in der Darstellung der weniger bekannten Störungsbilder das große Manko des Buches manifestiert: die Checklisten am Ende der Kapitel und auch der durchaus sinnvolle Index am Ende des Buches können eine Bibliographie mit weiterführender Literatur und einen entsprechenden Anmerkungsapparat nicht ersetzen. Von den Checklisten kann eher eine gewisse Gefahr ausgehen, wenn Eltern und nicht psychiatrisch geschulte PädagogInnen und MedizinerInnen die gelisteten Symptome vielleicht allzu unbedacht und dilettantisch auf Einzelfälle beziehen.

In der Vorgehensweise der Autoren konkretisieren sich jedoch – das ist noch einmal zu betonen – Macht und Erkenntnisgewinn von Narrativen, die in einem weiteren Sinne auch Wissenschaftlichkeit mitkonstituieren. Sehr vorsichtig ließen sich zum Verständnis hier ebenfalls die Komponenten der Freudschen Traumarbeit heranziehen: die Verdichtung des Realen und seine Verschiebung, will sagen Verfremdung funktionieren so, dass die Fallbeschreibungen symbolische Wertigkeit entfalten. Damit sind sie repräsentativ für die jeweiligen Syndrome in ihrer Gesamtheit und gleichzeitig Symbol für den Zustand unserer Gesellschaft.

Mit anderen Worten: Wissenschaftlichkeit im engeren Sinne bleibt in der Publikation zu vermissen. Doch das dürfte auch kaum in der Intention der Verfasser gelegen haben. Es geht ihnen vielmehr um einen fundierten Bericht aus der Praxis für die Praxis all jener, die in ihrer täglichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben.

Fazit

Freisleder und Hordych liefern mit ihren Fallbeispielen einen guten und fundierten Einstieg in die Auseinandersetzungen mit psychischen Störungsbildern, die bereits in Kindheit und Jugend auftreten können. Das stilistisch eher locker geschriebene und damit sehr gut lesbare Buch bietet einen Blick in die abwechslungsreiche Arbeitswelt eines Kinder- und Jugendpsychiaters und in den therapeutischen Alltag eines Klinikums. Geeignet ist es für interessierte Laien und für Studierende aller pädagogischen, psychologischen und medizinischen Studiengänge, die sich einen ersten Überblick über Kinder- und Jugendpsychiatrie verschaffen wollen.


Rezensentin
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 26.02.2015 zu: Franz Joseph Freisleder, Harald Hordych: Anders als die anderen. Was die Seele unserer Kinder krank macht. Piper Verlag GmbH (München) 2014. ISBN 978-3-492-05535-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17893.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


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