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Ruth Großmaß, Roland Anhorn (Hrsg.): Kritik der Moralisierung

Cover Ruth Großmaß, Roland Anhorn (Hrsg.): Kritik der Moralisierung. Theoretische Grundlagen - Diskurskritik - Klärungsvorschläge für die berufliche Praxis. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. 297 Seiten. ISBN 978-3-531-19462-2. D: 39,95 EUR, A: 41,07 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Ethik ist in aller Munde, überall werden Ethikkommissionen gegründet, die moralische Rechtfertigung des Handelns in allen Feldern gesellschaftlichen Lebens erweist sich immer mehr als unabdingbar. Davon ist auch die Soziale Arbeit nicht ausgenommen, in der ethische Fragen immer mehr an Bedeutung gewinnen. Dies nehmen die Herausgeberin und der Herausgeber zum Anlass, den Stellenwert der Ethik für die Soziale Arbeit kritisch zu hinterfragen.

Aufbau und Einleitung

Das Buch ist in drei Teile unterteilt, die jeweils wieder in einzelne Kapitel ungegliedert sind, so dass es insgesamt aus dreizehn Kapiteln sowie einer ausführlichen Einleitung besteht. Bevor auf die einzelnen Kapitel eingegangen wird, sollen zunächst die drei systematisierenden Teile vorgestellt werden.

  1. Der erste Teil des Buches befasst sich mit den Theoretischen Grundlagen, in dem es vor allem darum geht, den Stellenwert der Ethik insgesamt für die Soziale Arbeit zu beleuchten.
  2. Im zweiten Teil rücken dann Betrachtungen zum Verhältnis zwischen Ethik und Sozialer Arbeit in den Mittelpunkt der Betrachtungen, während
  3. im dritten Teil Überlegungen zu Ausbildung und Praxis Sozialer Arbeit im Zusammenhang mit ethischen Fragestellungen angestellt werden.

In der Einleitung spannen die Herausgeberin Ruth Großmaß, die an der Alice Salomon Hochschule in Berlin Professorin für Sozialphilosophie und Ethik ist und der Herausgeber Roland Anhorn, der an der Evangelischen Hochschule Darmstadt als Professor für Soziale Arbeit tätig ist, das Problemfeld insgesamt auf.

Ausgehend von der Beobachtung, dass im öffentlich-politischen Diskurs zunehmend auf moralische Aspekte rekurriert wird, konstatieren Ruth Großmaß und Roland Anhorn, dass nicht nur zunehmend über Moralisches diskutiert wird, sondern dies mittlerweile auch seinen institutionellen Niederschlag gefunden hat. Für das berufliche Handeln bedeutet dies, dass in den gesundheitlichen und sozialen Professionen mit großer Selbstverständlichkeit Ethik einen festen Platz in der Ausbildung gefunden hat. Dabei zeigt sich für die Soziale Arbeit, dass der Stellenwert der Ethik bei der Professions- und Disziplinentwicklung nicht eindeutig bestimmbar ist und durchaus auch Probleme mit sich bringt. So sehen die Herausgeber/in ein großes Spannungsverhältnis zwischen Ethik und kritischer Sozialtheorie, die jeweils unterschiedliche Denkhaltungen, Diskurse und Konzepte zur Anwendung bringen – und letztlich beide das Soziale als Bezugsgröße haben.

Zu Teil 1 „Warum überhaupt Ethik und wenn ja wie?“

Diese grundlegende Problematik wird in den ersten vier Kapiteln des Sammelbandes unter der Überschrift „Theoretische Grundlagen“ thematisiert.

Im ersten Kapitel unternimmt Kurt Röttgers den Versuch, das Verhältnis von Sozialphilosophie und Ethik grundsätzlich zu beleuchten. Dabei sieht er die Notwendigkeit, vor der Ethik der Sozialen Arbeit zunächst zu klären, was das Soziale überhaupt ist, um die richtigen Fragen stellen zu können. Dies sieht er als Aufgabe der Sozialphilosophie an, die als Rahmen für eine Ethik zu fungieren hat. Mit anderen Worten: er plädiert dafür, der theoretischen Philosophie in Form der Sozialphilosophie überhaupt erst einmal gebührenden Raum zu geben, damit es überhaupt zu einer substanziellen praktischen Philosophie, d.h. hier Ethik der Sozialen Arbeit kommen kann. Um dies zu leisten, stellt er in der Folge einige Überlegungen zur Sozialphilosophie an, die als ein Rahmen für die Ethik nicht-normativ sein muss. Dabei kommt er zur Bestimmung des Sozialen als dem „Zwischen“, d.h. als „kommunikativer Text“ mit u.a. diskursiver Dimension. Diese kann sowohl deskriptiv als auch präskriptiv sein, wobei letztgenannte in Form von Recht und Ethik das Normative thematisiert. Leider wird der Bezug auf die Soziale Arbeit zum Ende dieses Beitrages nicht noch einmal hergestellt.

Im zweiten Kapitel von Petra Gehring steht die Philosophie Michel Foucaults im Mittelpunkt der Betrachtungen, insbesondere die Ethik der Selbstsorge. Hier stellt die Autorin die Gesamtkonzeption des Foucaultschen Denkens insbesondere unter Fragestellung dar, welche politische Dimension Handeln hat – und damit auch professionelles Handeln. Aus der Perspektive der Sozialen Arbeit ist die Auseinandersetzung Foucaults mit den Selbstführungskünsten, wie sie in der Antike entwickelt wurden, von Interesse.

Das dritte Kapitel von Ruth Großmaß beleuchtet die Systemtheorie von Niklas Luhmann unter der Fragestellung, welche Funktion Ethik überhaupt erfüllen kann. Dies erstaunt zunächst, gilt doch Luhmann als Verfechter der Verdrängung der Moral durch das Rechtssystem. Aber genau diesen Aspekt greift die Autorin auf, insofern die Soziale Arbeit insgesamt durch das Rechtssystem nicht nur gerahmt, sondern auch in ihrem Handeln beeinflusst wird. Und insofern ist es von besonderer Bedeutung, die Relevanz von moralischen Fragen der Sozialen Arbeit präzise zu bestimmen und auszuloten.

Im vierten Kapitel beleuchtet Christiane Schmerl aus der Perspektive der Psychologie, inwiefern Moral als psychische Disposition verstanden werden kann. Hier steht die Frage nach der Entstehung und Entwicklung moralisch „guten“ Verhaltens. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass auch bei der Annahme einer Grunddisposition zum Gutsein soziale Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, um zu einem moralisch guten Verhalten gegenüber Anderen zu kommen.

Mit dem fünften Kapitel von Darius Zifonun schließt der erste Teil des Buches ab. Hier wirft der Autor aus soziologischer Perspektive einen Blick darauf, wie Moral in modernen Gesellschaften verortet ist und welche Rolle sie spielt. Moral, so der Autor, hat sich von einem moralischen System hin zu alltäglicher moralisierender Kommunikation verändert.

Zu Teil 2 Betrachtungen zum Verhältnis zwischen Ethik und Sozialer Arbeit

Der zweite Teil des Buches wendet sich verschiedenen ethischen Diskursen zu, die auf die Soziale Arbeit Einfluss haben bzw. innerhalb der Sozialen Arbeit relevant sind.

Im sechsten Kapitel beschäftigt sich Birgit Rommelspacher mit dem Stellenwert christlicher Ethik in der säkularen Gesellschaft, die ja für die häufig in Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft eine bedeutende Rolle spielt. Besonders bedeutsam ist hier die Darstellung des Säkularisierungsprozesses, der mit der Trennung von Kirche und Staat in Deutschland zu einer Aufwertung der kirchlichen Sozialen Arbeit führte. Hier sieht Rommelspacher auch einen wichtigen Kritikpunkt: die Subventionierung kirchlicher Sozialer Arbeit durch den Staat ist kostengünstiger und bedient gleichzeitig antiegalitäre Traditionen: „Denn je mehr sich eine Ethik der Barmherzigkeit gegenüber einer Orientierung an Rechtsansprüche durchsetzt, desto mehr werden auch die gegebenen sozialen Schichtungen akzeptiert.“ (S. 145).

Das siebte Kapitel von Matthias Möhring-Hesse, was die Verwendung des Terminus „Moralisieren“ bedeutet. Die Konnotation des Begriffes ist negativ, so dass damit auch möglicherweise eine ernsthafte Auseinandersetzung mit moralischen Fragen verunmöglicht wird.

Das achte Kapitel von Marco Frank nimmt die Problematik einer möglichen Entpolitisierung einer Moralisierung des Sozialen in den Fokus. Hier wird diskutiert, ob eine zunehmende Ethisierung der Sozialen Arbeit eine Verhinderung von Sozialkritik bedeuten kann.

Im neunten Kapitel geht Frances Thiessen der Frage nach, inwieweit Judith Butlers Konzept einer „Ethik des prekären Lebens“ als kritische Haltung in der Sozialen Arbeit fruchtbar gemacht werden kann.

Zu Teil 3 Fragen der Anwendung in Ausbildung und Praxis

Der dritte Teil des Buches widmet sich verschiedenen Fragen der Anwendung in Ausbildung und Praxis.

Im zehnten Kapitel diskutiert Ruth Großmaß den Ansatz des Ethical Reasoning in der beruflichen Praxis der Sozialen Arbeit. Hier entwickelt die Autorin ein Modell für die ethische Reflexion des professionellen Handelns. Zielsetzung ist es hier nicht, zu einem Pflichtkatalog zu gelangen oder eine angewandte Ethik der Sozialen Arbeit zu entwickeln. Es geht hingegen darum, zu einer diskursiven Auseinandersetzung moralischer Konflikte des beruflichen Alltags zu gelangen und hierbei auch ethische Ansätze mit einzubeziehen. Bedeutsam ist dabei die Kombination von reflektiver Arbeit im Gruppenkontext unter Einbezug geeigneter textlicher Grundlagen.

Das elfte Kapitel von Gudrun Perko erläutert den Diskurs der Social Justice, der zu einer Repolitisierung der Sozialen Arbeit führen kann und soll. Ausgangspunkt der Überlegungen ist hier, dass Soziale Arbeit nicht isoliert ethisch betrachtet oder gar begründet werden kann, sondern in Politik und Gesellschaft eingebunden ist. Insofern stehen philosophische und politische Aspekte untrennbar nebeneinander, die ihre gemeinsame Grundlage in einem praxisorientierten Gerechtigkeitsdenken finden können und sollen. Hierzu bedient sich die Autorin der in den USA entwickelten Konzeption der Social Justice, die davon ausgeht, dass hegemoniale Macht- und Herrschaftspraxen intersektional analysiert und sichtbar gemacht werden müssen. Dies – und dies ist die politisch-praktische Konsequenz – führt zu einer anerkennenden Politik, was die Soziale Arbeit vor die Aufgabe stellt, entsprechende Handlungsoptionen zu entwickeln.

Das zwölfte Kapitel von Gérard Schaefer wirft einen Blick auf die Präsenz des Religiösen als Herausforderung für die Soziale Arbeit. Dabei geht es dem Autor um religiöse Bindungen als Form des sozialen Zusammenhalts, die für die Soziale Arbeit eine große Rolle spielen. Gleichzeitig wird hier auch das für Frankreich und Deutschland je unterschiedliche Verhältnis von Kirche und Staat thematisiert, das erhebliche Auswirkungen auf die Ausgestaltung der Sozialen Arbeit hat. Das Abschlusskapitel von Roland Anhorn beleuchtet am Beispiel der Kinderarmut, wie „die Moral in die Soziale Arbeit kommt“. Hier zeigt der Autor anhand von Diskursen zum „Moralunternehmertum“ und der „Moralpaniken“, wie Strategien der Moralisierung wirken – und letztlich zu einer Entpolitisierung der Sozialen Arbeit führen. Diese führt zu individualisierenden Zuschreibungen und folglich auch Interventionsformen, die eine kritische Soziale Arbeit von sich weisen muss.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich an Lehrende und Forschende aus der Sozialen Arbeit, ist aber so breit angelegt, dass es auch für angrenzende Disziplinen wie der Soziologie, Sozialpolitik, Politikwissenschaften und Philosophie ebenfalls von Interesse ist. Für Studierende sind die hier vertretenen Beiträge ebenfalls dann geeignet, wenn diese bereits über umfangreiche Vorkenntnisse verfügen, etwa im Rahmen eines Master-Studiums.

Diskussion und Fazit

Das Buch versammelt eine Vielzahl von Beiträgen, die für die Intensivierung und Vertiefung sowohl der Professions- als auch der Disziplinethik der Sozialen Arbeit höchst bedeutsam sind. Die grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Legitimation einer Ethik der Sozialen Arbeit und ihres Stellenwertes ist bislang noch viel zu wenig geführt worden und hier stellt das vorliegende Buch einen wichtigen Meilenstein dar. Allerdings sind die Kapitel des ersten Teiles kaum auf die Soziale Arbeit bezogen, was bedauerlich ist, denn dass dieser Transfer möglich ist, wird in der einleitenden Darstellung dieser Kapitel deutlich. Dennoch bieten diese Kapitel wie alle anderen „Zündstoff“ für Diskussionen über die sozialkritische Dimension der Ethik und Moral der Sozialen Arbeit.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Möhle
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Marion Möhle. Rezension vom 29.12.2014 zu: Ruth Großmaß, Roland Anhorn (Hrsg.): Kritik der Moralisierung. Theoretische Grundlagen - Diskurskritik - Klärungsvorschläge für die berufliche Praxis. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-531-19462-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17894.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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