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Iris Ruppin (Hrsg.): Professionalisierung in Kindertagesstätten

Cover Iris Ruppin (Hrsg.): Professionalisierung in Kindertagesstätten. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 150 Seiten. ISBN 978-3-7799-2979-6. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Die vorliegende Publikation beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten einer höheren Fachkompetenz im Bereich der frühkindlichen Bildung und Betreuung. In sechs Beiträgen werden wissenschaftliche Untersuchungen dargestellt, die Führungskompetenz, Erziehungspartnerschaft, Krippenbetreuung, Diversität, Beobachtung & Dokumentation und den Übergang von der Kindertagesstätte in die Grundschule zum Inhalt haben.

Herausgeberin

Iris Ruppin, Jg. 1964, Dr. phil., ist Professorin der Fakultät für Sozialwissenschaften, Department Soziale Arbeit und Pädagogik der Kindheit der Hochschule für Technik und Wissenschaft des Saarlandes. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Evaluations- und Professionsforschung.

Aufbau

Nach der Einleitung (10 Seiten) unterteilt sich der Sammelband in sechs Einzelbeiträge:

  1. Professionalisierung von Führungsverhalten in Kindertagesstätten. Selbst- und Führungsverständnis von pädagogischen Leitungskräften (23 Seiten)
  2. Anforderungen an die Zusammenarbeit von pädagogischen Fachkräften und Eltern in Kindertagesstätten – Diskrepanzen der Selbst- und Fremdeinschätzung im Spiegel aktueller Studien (28 Seiten)
  3. Professionelles Handeln im Rahmen der Krippenbetreuung – Beziehungsgestaltung in der pädagogischen Arbeit mit Kleinkindern (26 Seiten)
  4. Zwischen Förderung und Anpassung. Diversität in Kindertagesstätten im Kontext pädagogischer Professionalität (23 Seiten)
  5. Professionalisierung der pädagogischen Fachkräfte in Kindertagesstätten durch Beobachtung und Dokumentation. Möglichkeiten und Grenzen von Fort- und Weiterbildungen (20 Seiten)
  6. Kooperation von Erzieher/innen und Lehrer/innen bei der Übergangsgestaltung und ihre Bedeutung für den kindlichen Entwicklungs- und Bildungsprozess (16 Seiten)

Am Ende der Teilbeiträge schließen sich die Literaturverzeichnisse an. Informationen zu den Autoren finden sich am Buchende.

Inhalt

Mit der Implementierung von elementarpädagogischen Studiengängen und der Bildungspläne haben wissenschaftliche Untersuchungen einen Boom erfahren. In ihrer Einleitung gibt Iris Ruppin einen Überblick über das aktuelle Forschungsgeschehen im frühpädagogischen Bereich und zeigt dabei wesentliche Ergebnisse und offene Fragen auf.

Gegenstand des ersten Beitrags ist das Führungsverhalten von Leitungskräften. Obwohl diese eine verantwortliche Rolle in den Einrichtungen spielen, finden sich nach wie vor, so Iris Ruppin einleitend, nur wenig Studien, die sich speziell mit „Leitung“ auseinandersetzen. Im Zuge der Professionalisierung wird der Anforderungskatalog immer komplexer. Die Autorin gibt im ersten Kapitel eine Zusammenschau über die in der Fachliteratur genannten Aufgaben und geht im weiteren Verlauf auf Arbeiten ein, die sich mit dem Thema „Leitung von Kindertagesstätten“ befassten. Dabei geht sie detaillierter auf die Untersuchungen von Beher und Walter (2012) ein, die pädagogische Fachkräfte und Leitungen baten, ihre eigenen Kompetenzen einzuschätzen. Im dritten Kapitel folgt eine Darstellung der qualitativen Studie „Professionalisierung von Führungsverhalten im Elementarbereich“, durch die drei Leitungstypen herausgearbeitet wurden:

  • Typ1: MangerIn mit einem professionellen Selbstverständnis als Leitung einer Kindertagesstätte
  • Typ 2: Dilemma Gruppe versus Organisations- und Finanzmanagement – Ambivalenz und Unsicherheit in dem Selbstverständnis als Leitung
  • Typ 3: Resignation und Überforderung – Ohne Selbstverständnis als Leitung

Die Leitungstypen werden beschrieben und im Folgekapitel unter den Perspektiven „Leitungsfähigkeit“ und „Leitungsposition als Karrieremöglichkeit für Erzieherin“ im Kontext von anderen Studien diskutiert und ein Ausblick gegeben.

Der zweite Beitrag beschäftigt sich mit den Anforderungen an die Zusammenarbeit von pädagogischen Fachkräften und Eltern. Ruppin geht einführend auf allgemeine Anforderungen an Leitungskräfte und den Aspekt der Bildungs- und Erziehungspartnerschaft ein. In den folgenden Kapiteln zeigt die Autorin anhand von „Studien zur Evaluation und Implementation von Curricula sowie zum Professionalisierungsverhalten von Fachkräften“ (Kapitel 3) und einer weiteren Diskussion (Kapitel 4) Abweichungen von Selbst- und Fremdeinschätzung auf. In ihrem Fazit macht Ruppin deutlich, dass eine Diskrepanz zwischen tatsächlichen Fähigkeiten und Selbsteinschätzung eine Bildungs- und Erziehungspartnerschaft auf Augenhöhe erschwert und hier von einem Fort- bzw. Weiterbildungsbedarf ausgegangen werden kann.

Ariane Röhrig stellt im dritten Beitrag ihre Untersuchungen im Bereich der Krippenbetreuung dar, in der sie sich mit der Beziehungsgestaltung in der pädagogischen Arbeit mit Kleinkindern befasste. Sie beginnt mit einem Blick auf die Entwicklungen, Grundlagen und Elemente im Handlungsfeld Krippe und zeigt die Bedeutung der Erzieherin-Kind-Beziehung auf. Im weiteren Verlauf geht sie detaillierter auf zwei wissenschaftliche Untersuchungen ein, die sich in den vergangenen Jahren mit der Beziehungs- und Interaktionsgestaltung in Kinderbetreuungseinrichtungen beziehungsweise mit professionellem Handeln in der Krippe auseinander gesetzt haben. Im Rahmen ihrer Bachelorthesis führte Röhrig vier leitfadengestützte Experteninterviews durch. Zwei Fallbeschreibungen werden im Beitrag dargestellt. In ihrem Fazit verdeutlicht sie, dass bei den Interviewten eine Vielzahl von Kompetenzen vorlägen, es aber markante Unterschiede in der Einstellung zur außerfamilialen Betreuung gäbe, die sich auf die Beziehungsgestaltung und das professionelle Agieren auswirkten.

Der vierte Beitrag beschäftigt sich mit Diversität in Kindertagesstätten. Sigrid Selzer wirft einen Blick auf die in diesem Zusammenhang gestellten Anforderungen an die Fachkräfte. Die Autorin zeigt, dass Diversität vor allem im Kontext von sozialer Ungleichheit an Bedeutung gewinnt, und ein Zusammenhang zu der fachlichen und politischen Forderung von Professionalisierung im Elementarbereich gesehen werden kann. Normalitätsvorstellungen und Bildungsverständnis, so stellte es sich bei geführten Interviews heraus, beeinflussen die Handlungspraxen. In ihrem Fazit bringt es Selzer nochmal auf den Punkt: Fachkräfte werden hinsichtlich Diversität immer wieder vor Dilemmata stehen, die ein sensibles Ausbalancieren erfordern. Eine zu starke Ausrichtung auf Fördern und oder Anpassen kann aber, so die Autorin, möglicherweise auch dazu führen, dass der Kern der pädagogischen Praxis verfehlt und der Blick auf die Defizite verengt werden.

Mit Beobachtung und Dokumentation setzt sich der fünfte Beitrag auseinander. Die Autorinnen zeigen anhand von Studien, welche Rolle Beobachtung und Dokumentation bei der Professionalisierung spielen und wie diese in den Einrichtungen bereits umgesetzt wird. Die Mehrzahl, so stellen sie fest, beschäftigt sich mit der Thematik und hat entsprechende Verfahren etabliert. Häufig fühlen sich die Fachkräfte bei der Umsetzung aber auch überfordert (Zeitressourcen, berufliche Belastung) oder nehmen die Verfahren als äußert anspruchsvoll wahr, so dass Fortbildung als ein relevantes Element bei der Einführung von Beobachtungssystemen anzusehen ist. Im weiteren Verlauf werden Möglichkeiten und Grenzen eines Multiplikatorenansatzes untersucht und dargestellt. In ihrem Ausblick konstatieren die Autorinnen, dass Multiplikatorenschulungen besonders für größere Träger oder Einrichtungsverbünde ein geeigneter Ansatz seien. Als alternative Möglichkeiten werden Inhouse-Schulungen oder eine Kombination aus Multiplikatorenansatz und prozessbegleitendes Coaching genannt.

Im sechsten Beitrag diskutiert Charis Förster die Gestaltung des Übergangs vom Kindergarten in die Grundschule und dessen Bedeutung für den kindlichen Bildungs- und Entwicklungsprozess. Eine Längsschnittstudie greift unter anderem das Thema Professionalisierung, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Selbstwahrnehmung der beteiligten Fachkräfte und die Erwartungen der Eltern an beide Kooperationspartner auf. Außerdem wird untersucht, ob eine systematische Zusammenarbeit mittelfristig zu günstigen Effekten führt. Die Autorin schlussfolgert, dass die organisierte Kooperation zum einen zu einer wertschätzenden Grundhaltung geführt hat und sich zum anderen positiv auf schulbezogene sozial-emotionale Kompetenzen auswirkte.

Diskussion

Die Einleitung gibt besonders im Hinblick auf die Professionalisierungsdebatte einen sehr guten Überblick über die Forschungslandschaft im Bereich frühkindlicher Bildung und unterstützt als zusammenfassendes Element die Verortung der im Buch dargestellten wissenschaftlichen Untersuchungen.

Die einzelnen Beiträge sind kompakt und aussagekräftig geschrieben, die Untersuchungen werden anschaulich und gut nachvollziehbar dargestellt. Der interessierte Leser findet in Fußnoten weitführende Hinweise und im Anschluss eines jeden Kapitels ein Literaturverzeichnis.

Die einzelnen Forschungsgegenstände werden im bestehenden Diskurs verortet und offene Fragen beziehungsweise Ansatzpunkte für weitergehende Untersuchungen genannt.

Fazit

Das Buch erörtert Forschungen aus dem Bereich der frühkindlichen Bildung fundiert und anschaulich. Es ist besonders Lesern mit wissenschaftlichem Interesse zu empfehlen.


Rezension von
Dipl.Soz-Päd. Martin Walz
Master of Social Management, Diplom-Sozialpädagoge (FH) Geschäftsführer Kindertageseinrichtungen mit mehrjähriger Berufserfahrung in der Kinder- und Jugendhilfe
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Zitiervorschlag
Martin Walz. Rezension vom 12.03.2015 zu: Iris Ruppin (Hrsg.): Professionalisierung in Kindertagesstätten. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-2979-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17898.php, Datum des Zugriffs 16.05.2021.


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