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Lawrence Grossberg: Cultural studies - Zukunftsform

Cover Lawrence Grossberg: Cultural studies - Zukunftsform. Löcker Verlag (Wien) 2012. 426 Seiten. ISBN 978-3-85409-627-6. D: 29,80 EUR, A: 29,80 EUR.
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Autor und Entstehungshintergrund

Wer sich mit dem Projekt der Cultural Studies bereits auseinander gesetzt hat, ist mit dem Namen Lawrence Grossberg sicherlich vertraut. Er hat selbst am berüchtigten Birmingham Center for Contemporary Cultural Studies bei Richard Hoggart und Stuart Hall studiert, gibt seit 1990 die Zeitschrift Cultural Studies heraus und ist Autor zahlreicher Texte zum Thema. Allerdings gibt es aber nur eine geringe Anzahl Grossbergs Texte, die ins Deutsche übersetzt wurde. Neben seinen Monographien „What´s going on?“ und „We gotta get out of this place: Rock, die Konservativen und die Postmoderne“, findet man im von Rainer Winter herausgegebenen Lawrence Grossberg-Reader „Die Perspektiven der Cultural Studies“ eine Sammlung von wichtigen Texten zu Cultural Studies in deutscher Sprache. 2012 wurde auch die im Jahr 2010 publizierte Monographie „Cultural Studies in the future tense“ als „Cultural Studies – Zukunftsform“ übersetzt.

Aufbau und Inhalt

Grossbergs Buch liest sich am Anfang wie eine Einführung in die Cultural Studies. Auch wenn er schreibt, dass sein Buch als Anti-Einführung zu verstehen sein sollte, blickt er auf die Geschichte der Cultural Studies zurück, um auf ihre Vielfalt und die damit verbundene Schwierigkeit ihrer Definition hinzuweisen. Er möchte aber keine Bestandsaufnahme machen, sondern vielmehr der Frage nachgehen, wo gegenwärtig Analysen der Cultural Studies mangelhaft sind und welche Themen stärker in den Forschungsfokus gerückt werden müssen.

So beschreibt Grossberg die große Schwierigkeit, mit der sich Cultural Studies seit ihren Beginn konfrontiert sehen. Denn das Projekt zu definieren, es in einem Satz zu erklären oder überhaupt sie bestimmen zu versuchen widerspricht der Politik der Cultural Studies. Es sollen eben nicht Strukturen oder Regeln vorgegeben werden, die die Analysen leiten. Das Vorgehen muss immer flexibel und offen bleiben. Es gibt zwar eine Vielzahl von Menschen, die in oder gegen Cultural Studies arbeiten, aber nur wenige können sich auf eine Definition einigen. Gerade diese Unstimmigkeit nimmt der Autor zum Anlass um sich mit einer näheren Bestimmung zu beschäftigen, da nur zu oft die politisch-intellektuelle Motivation abhanden kommt und er das Projekt auf eine Analyse der Kultur innerhalb von Marketingstrategien reduziert sieht. „Ohne ein gewisses Gefühl für die Spezifität der Cultural Studies gibt es nichts, was sie davon abhält, zur jüngsten administrativen Aneignung und Marginalisierung kritischer oder politikgeneigter Gelehrsamkeit zu werden.“ (17) Dieser Versuch des Buches soll aber nicht als rückwärts gewandter Blick verstanden werden, sondern als eine Vorwärtsprojektion, die die Arbeit als Gelehrte reflektieren lässt. Es geht ihm also nicht darum, vergangene Analysen innerhalb der Cultural Studies einzuordnen, sondern eine Orientierung zu geben, wie dieses Projekt in Zukunft aussehen muss.

Dabei ist wichtig zu verstehen, dass die Welt, wie wir sie kennen, nicht so sein muss. Sie ist veränderbar, ihr Zustand in seiner Form und Struktur ist weder unabdingbar noch gibt es eine universale Kontingenz. Die Wirklichkeit, wie wir sie vorfinden, ist konstruiert und demnach veränderbar. Das heißt jedoch nicht, dass sie keine Wirkung auf uns hat. Wenn etwas so scheint als wäre es nicht konstruiert, sondern wirklich so oder so in natürlicher Art und Weise, sagt dies am meisten über die Organisation aus, die dies behauptet. Für Grossberg ist „Wirklichkeit stets eine komplexe Organisation oder Konfiguration, die ständig gerade zusammengesetzt wird.“ (35) Daraus ergibt sich zum einen, dass wir in der Lage sind etwas zu verändern, denn wenn etwas konstruiert ist, kann man darauf auch Einfluss nehmen und zum anderen, dass durch die laufende Zusammensetzung, es immer möglich ist, diese zu verändern.

Aufbauend auf den Überlegungen von Stuart Hall macht Grossberg deutlich, dass es für ihn wesentlich ist, Konjunkturen zu untersuchen. Das heißt nicht, dass dies die einzige Möglichkeit ist, innerhalb der Cultural Studies Forschung zu betreiben, aber durch die Analyse einer Konjunktur kann man Artikulationen, Widersprüchlichkeiten und Veränderungen beschreiben. Dabei ist der Kontakt zu außerakademischen Menschen unentbehrlich, da in den Untersuchungen mit ihren Artikulationen gestartet wird. Durch diese einzelnen Stimmen und Machtbeziehungen ist der Kontext immer schon vorstrukturiert. So können außerakademische Fragen in die wissenschaftliche Wissenspraxis gebracht werden, ohne dass sie auf diese reduziert werden. Dem Verständnis der Gegenwart gehen Cultural Studies nach, um diese in verschiedenen Möglichkeiten in die Zukunft führen zu können. Am Scheitelpunkt des Wandels, der Krise in eine neue Zeit, ist es vor allem wichtig diesen Wandel nicht in ein epochales vorher und nachher einzuordnen, sondern auf die Komplexität und Multiplizität einzugehen, die für diesen Wandel kennzeichnend sind. So sollen bessere oder andere Geschichten gefunden werden, auch wenn er selbst davor warnt, dass „[d]as Projekt der Cultural Studies […] durch die wissenschaftliche Tätigkeit des Erzählens einer besseren Geschichte nicht ausgeschöpft [wird]. Man kann nicht hoffen, die Welt nur auf der Basis einer besseren Geschichte zu verändern. Das erfordert auch Engagements im Bereich des öffentlichen Intellekts, Formen von Performanz und Verbreitung von Wissen als politischer Akt, und Formen konkreter politischer und institutioneller Arbeit.“ (123)

Neben ökonomischen Fragestellungen verfolgt Grossberg sowohl das Politische als auch die Macht sowie Kontextualisierungen von Kultur. Darauf hin fragt er sich auch, welche möglichen Modernen in der Gegenwart zu denken möglich sind. Also alternative Lebensmodelle zu denken, die wir bereits kennen. Mittels eines Diagramms der Moderne versucht er auf den beiden Achsen Raum und Zeit die Virtualität des Modernseins zu zeichnen. Raum und Zeit sind dabei sich zwei schneidende Artikulationen, die sich auch bedingen. Die dazu unterschiedlichen Dimensionen sind nicht voneinander zu trennen und unterschiedlich gekennzeichnet. Das Jetzt bzw. Ereignis ist in der Form eines Kreises dargestellt, im nächsten Quadranten auf der zeitlichen Achse befindet sich in der Form eines Sechsecks das Alltagsleben, darunter entfaltet sich Veränderung bzw. Chronos als Dreieck und weiters formt institutioneller Raum ein Viereck. Alle vier Ebenen überlappen sich, wobei als konkrete Verbindung ein Klecks alle teilweise überdeckt und die Artikulation in den Vordergrund rückt. Somit sollen Krisen bzw. Auseinandersetzungen zum Teil verstanden werden, wenn auch dieses Modell kein Vorzeigemodell sein soll, da es bereits durch andere Modelle artikuliert wird. Es kann aber vielleicht eine neue Sicht offen legen, die bisher verdeckt blieb. Wir müssen zuletzt die höchst unterschiedlichen Lebensweisen kartographieren, „wie Menschen diese Diagramme als Modi des In-der-Welt-Seins ausleben angesichts der sozialen und materiellen Komplexitäten, die eine Lebensweise konkretisieren. […] Letztendlich können wir nicht umhin, diesem riskanten Pfad von Diagrammen zu Gegebenheiten, von Abstraktionen zu Konjunkturen zu folgen.“ (344)

Diskussion und Fazit

„Cultural Studies – Zukunftsform“ eignet sich nicht als Einführung, wie das erste Kapitel vielleicht suggerieren würde, sondern als Vertiefung in das Projekt der Cultural Studies. Grossberg erläutert Möglichkeiten politische Analysen durchzuführen und betont damit die Notwendigkeit die Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis zu finden. Theoretische Arbeit ist unumgänglich um neue Möglichkeiten in der Praxis vorzudenken. Auf die Arbeit in der Praxis kann wiederum nicht verzichtet werden um politische Interventionen im Alltag durchführen zu können und Artikulationen finden zu können, die die Welt die uns umgibt herauszufordern. Diese Herausforderung ist notwendig, damit das Ziel einer demokratischeren und gerechteren Welt nie aus den Augen verloren wird. Grossbergs Forderung mögliche Artikulationen durch alternative Modernen zu finden, wird mittels dem stratifizierenden Diagramm herausgefordert. Er selbst schreibt abschließend: „Wir müssen uns eine Welt erdenken, in der viele Welten miteinander existieren können. Und wir müssen herausfinden, was vor sich geht, und wie es uns so lange davon abgehalten hat, uns auf humanere Wirklichkeiten zuzubewegen.“ (354) Grossberg hinterlässt bei der Leserschaft die Idee der multiplen Modernen und fordert letztendlich uns heraus Theorie und Praxis hier weiter zu denken.


Rezension von
Andreas Hudelist
Schwerpunkte: Ästhetik, Cultural Studies, Film- und Fernsehforschung, Kunst sowie kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung
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Zitiervorschlag
Andreas Hudelist. Rezension vom 09.06.2015 zu: Lawrence Grossberg: Cultural studies - Zukunftsform. Löcker Verlag (Wien) 2012. ISBN 978-3-85409-627-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17900.php, Datum des Zugriffs 28.02.2021.


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