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Gustav Keller: Die Gewissensentwicklung der Geschwister Scholl

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 27.11.2014

Cover Gustav Keller: Die Gewissensentwicklung der Geschwister Scholl ISBN 978-3-86226-257-1

Gustav Keller: Die Gewissensentwicklung der Geschwister Scholl. Eine moralpsychologische Betrachtung. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2014. 116 Seiten. ISBN 978-3-86226-257-1. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 28,50 sFr.

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Moralentwicklung wohnt eine gewisse Entwicklungslogik inne

„Unter Moral versteht man ethisch-sittliche Werte, die in einer Gesellschaft die Lebensführung der Menschen steuern sollen“. In der anthropologischen, antiken Lebenslehre ist der anthrôpos ein Mensch, der als vernunftbegabtes Lebewesen fähig ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und ein gutes, gelingendes und tugendhaftes Leben anzustreben. Dabei reiche es nicht aus, darüber zu wissen, sondern es auch zu tun (Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, 640 S.). Ob Gewissen ein „inner man“ (A. Smith), oder eine äußere Instanz (F. Nietzsche) des Menschseins darstellt, wird im philosophischen Denken unterschiedlich betrachtet.

In der Entwicklungs- und Moralpsychologie setzte der US-amerikanische Psychologe und Erziehungswissenschaftler Lawrence Kohlberg (1927 – 1987) eine Markierung, indem er mit dem sechsstufigen Modell der Moralentwicklung aufzeigt, „wie das moralische Gewissen im Menschen entsteht und die moralische Urteilsfähigkeit sich entfaltet“. Dieses Entwicklungsmodell benutzt Gustav Keller für seine moralpsychologische Betrachtung.

Autor und Inhalt

Der Schulpsychologe und Autor zahlreicher pädagogisch-psychologischer Fach- und Sachbücher, Gustav Keller, zeigt mit seinem Essay auf, dass die „Moralität ( ) eine zentrale psychische Eigenschaft des Menschen (ist)“. Am Beispiel der Moralentwicklung der Geschwister Scholl diskutiert er das komplizierte Zusammenwirken von verschiedenen psychischen Komponenten. Sie erklären und lassen verstehen, wie das Widerstandsdenken und -handeln von Hans und Sophie Scholl und der anderen Angehörigen der studentischen Widerstandsgruppe Weiße Rose, gegen nationalsozialistische Willkür, Dominanz, Diktatur und Menschenverachtung entstanden ist und sich entwickelt hat. Es entsteht daraus ein Bild, das die Gewissensentscheidung der jungen Widerständler erkennbar macht und sich als „längerer Prozess der ethischen Identitätssuche und Identitätsfindung“ zeigt. Aus der Beschreibung der persönlichen und gesellschaftlichen Situationen, in denen die jungen Menschen aufgewachsen sind, der Darstellung des Umfeldes, der Einflüsse und Vorbilder wird deutlich, wie die Weiße-Rose-Mitglieder geworden sind, was sie waren, und welche Kräfte und Motive wirkten, um ihre Widerstandsarbeit leisten zu können.

Gustav Keller filtert daraus gewissermaßen eine Handlungsanweisung, die für schulische und außerschulische Bildungs- und Lernarbeit nachvollzogen werden kann:

  • Unrechtssysteme entstehen und sind wirksam, wenn gegen Diktatoren geschwiegen wird: „Wer schweigt, wird letztlich mitschuldig!“.
  • Widerstand muss früh einsetzen!
  • Richtschnur für persönliches Handeln muss das eigene Gewissen sein!
  • Gewaltlose Widerstandsarbeit darf das Leben der Aktiven nicht gefährden!
  • Die Widerstandsgeschichte der Mitglieder der Weißen Rose eignet sich für die Herausbildung einer Erinnerungskultur!
  • Blinder Gehorsam ist Gift für demokratisches Leben!

Es werden sechs Flugblätter abgedruckt, die von den studentischen Widerständlern hergestellt und unter Einsatz ihres Lebens verteilt wurden; ebenso werden in einem Personenregister diejenigen Personen genannt, die als Mitstreiter des Widerstandszusammenschlusses beteiligt waren, wie auch die Gegner des Widerstandes. In einer Zeittafel werden Ereignisse aufgeführt, die für Hans und Sophie Scholls Leben bedeutsam waren.

Fazit

Das Leben von Hans und Sophie Scholl und der anderen Mitglieder der studentischen Widerstandsgruppe Weiße Rose war gekennzeichnet von der individuellen und gesellschaftlichen Identitätssuche und dem Bewusstsein von ihrer Verantwortung für Gerechtigkeit, Frieden und Moral. So kann man sagen: Hans und Sophie Scholl haben sich bemüht, aufrecht zu gehen (vgl. dazu auch: Kurt Bayertz, Der aufrechte Gang. Eine Geschichte des anthropologischen Denkens, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/17706.php).

Es ist zu wünschen, dass die Geschichte des Widerstandes gegen nationalsozialistisches Unrecht, wie auch gegen jede Form von Diktatur, Faschismus, Fundamentalismus und Menschenrechtsverletzungen Hier und Heute, als schulische und außerschulische Bildungsaufgabe aufgenommen und gelehrt wird!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1689 Rezensionen von Jos Schnurer.

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ISSN 2190-9245